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Die fröhliche Wissenschaft

Thomas Meinecke, Schriftsteller, Musiker und DJ, hat einen neuen Roman geschrieben, „Jungfrau“. Wie so oft forscht darin eine Gruppe junger Menschen zu verschiedenen Bereichen populärer Kultur und diesmal auch zum Thema Religion. Seine Bücher erzeugen eine unbändige Lust, Dinge zu erfahren, von denen man gar nicht wusste, dass man sie erfahren will. Begonnen hat alles 1978, als Meinecke zusammen mit anderen die Literaturzeitschrift „Mode & Verzweiflung“ herausgab. 1980 wurde die Band F.S.K. (Freiwillige Selbstkontrolle) gegründet, die bis heute, ebenso spielerisch forschend, betrieben wird. Ein Gespräch anlässlich einer Lesung im Wiener Theater brut.

Wie kann man sich denn Mode & Verzweiflung vorstellen? Wie sah die Zeitschrift aus?

Es gab eine Ausgabe, die sah richtig schön aus, die war im Format von Andy Warhols Interview. Eine unserer Redakteurinnen hatte das als Abschlussarbeit ihres Grafikstudiums gemacht. Die war aufwändiger, auch auf teurerem Papier. Die meisten Hefte waren aber eher Fanzine-artig, also wirklich mit Schere und Klebstoff gemacht. Das sah wohl ein bisschen nach New Wave und Punk aus. Die Zeitschrift hat jetzt so einen legendären Ruf, weil sie zitiert und auch bibliografiert wird. Alle denken, es muss etwas wahnsinnig Tolles gewesen sein. Den Titel Mode & Verzweiflung finde ich nach wie vor sehr gut, und es waren auch gute Leute dabei.

Aber mit Mode hatte das nichts zu tun?

Mit Mode, mit Couture gar nicht. Eher mit den Mechanismen und Gesetzen der Mode. Natürlich liefen wir damals nur in Anzügen rum, 1978 hatte da auch keiner mehr lange Haare oder so. Wir waren halt so eine komische hedonistische, aber auch sehr bohemistische, abgebrannte Studentenclique. Da gehörten die unterschiedlichsten Leute dazu. So zog zum Beispiel zufällig ins Haus, in dem ich wohnte, Christoph Schlingensief ein und war dann auch mit dabei, obwohl der nicht unbedingt der Typ dafür schien. Wir sahen halt aus wie New Waver – wir waren New Waver. Wir mochten aber auch Disco und Punk gerne. Eins war wirklich gut an dieser Zeit: dass so eine unglaubliche Do-It-Yourself-Haftigkeit herrschte. Man konnte sich mit dem Staubsauger und der Rhythmusmaschine auf die Bühne stellen und war sofort Headliner. Heute anzufangen mit irgendetwas, auch mit Bands, ist viel schwieriger als damals.

Sprechen wir vom aktuellen Roman. Wie ist deine Arbeitsweise? Sind die Themen deiner Bücher auch die, die dich interessieren, oder ergeben sich die so im Zuge von Lektüre und von Musikhören?

Das lässt sich gar nicht so genau trennen. Mich interessiert, glaube ich, immer nur das besonders stark, was gerade sowieso in der Luft liegt. Das heißt, es gibt immer eine Überschneidung zwischen Diskursen, die mich dann auch als eine Art Folie für den jeweils entstehenden neuen Roman interessieren, und dem, was zum Beispiel in Cafés verhandelt wird. Diskurse wie Postkolonialismus, oder in meinem neuen Roman ist es eigentlich das Religiöse, das ja in der Gesellschaft wieder ziemlich vorhanden ist. Dann versuche ich mich dem schreibend zu nähern, im Sinne von experimentellen Anordnungen, die ich schon künstlich herstelle. Bei meinem letzten Roman Musik war es der Hintergrund der queer studies, die aus den für mich sehr wichtigen Feminismus-Lektüren der neunziger Jahre gekommen waren. Von diesen queer studies ausgehend sich mal zu überlegen, was ist eigentlich Heterosexualität – als das Andere der Homosexualität. Da gab es eine Hauptfigur, einen Flugbegleiter, der sozusagen als Mann in einem Frauenberuf arbeitet. Die Männer, die in diesem Beruf arbeiten, sind in der Regel schwul. Er bekommt aber von mir ein heterosexuelles Begehren verpasst. Dann probiert man quasi beim Schreiben aus: Wie geht das jetzt, wenn der Hintergrund queer ist und im Vordergrund ein Mensch ganz normiert agiert? Die Sprache stellt das ja überhaupt alles erst her. Dann merkt man beim Schreiben: Das wird jetzt interessant. Inwiefern kommt der jetzt mit seiner Heterosexualität gegenüber dem schwulen bzw. weiblichen Hintergrund durch? Und plötzlich – das sind Dinge, die kann ich vorher gar nicht wirklich planen, aber die erfahre ich dann beim Schreiben – stellt sich dann wirklich der Normalfall als das Andere dar. So etwas reizt mich. Ich bin jetzt auf so einem bestimmten Recherchetrip, der auch etwas mit der Überschneidung von Boy-Meets-Girl-Geschichten und Gender Studies zu tun hat. Das kann mich, glaube ich, ewig interessieren.

Das heißt, zuerst gibt es schon den konkreten Plan, ein Buch zu schreiben, und dann wird quasi das Buch „befüllt“. Oder ist es doch so, dass du über irgend-etwas forschst und dann sagst: „Aha, das könnte ein Thema sein“?

Doch, ein bisschen schon. Es gibt dieses generelle Interesse an einem bestimmten Mikrokosmos, den ich mir quasi erarbeite. Und die Arbeit als solche, da hast du schon Recht, kommt im Buch selbst zur Darstellung. Insofern ist am Anfang bei mir immer ein großes Fragezeichen. Da ist noch gar nichts klar. Die ersten 30 bis 50 Seiten meiner Bücher haben immer eine gewisse Schwerfälligkeit, weil es einfach der Prozess ist, sich überhaupt Dinge vorzustellen, anzueignen, in Bezug zueinander zu setzen und dann zu sehen, was passiert. Es gibt, immer wenn ich ein Buch fertig habe, eine gewisse Leere im Sinne von „Jetzt wird mir nie wieder was einfallen, ich habe jetzt alles gesagt“. Und dann plötzlich – und das geht dann über bestimmte Diskurse und Themenbereiche – kommt wieder der Gedanke: „Hier steige ich jetzt wieder ein, dazu habe ich Lust, mir Gedanken zu machen, mich zu äußern, mich einzumischen.“ Aber was dann geschieht – und das sind in erster Linie Wahrnehmungsprozesse wie Bücher lesen, Filme sehen – passiert während des Schreibens. Dann verdichtet sich das sehr schnell zu einer Art fixen Idee und bekommt eine Art Eigen-dynamik.

Eine ganz praktische Frage: Wie schafft man das? Du musst ja dann unglaublich viel schauen, lesen und hören.

Genau. Unglaublich viel schauen, lesen und hören. Das ist bei mir verwoben ins Schreiben selbst, aber das mache ich alles zu Hause. Das tue ich sowieso, aber ich tue es nie so gezielt zwischen zwei Büchern. Da lese ich mal die Romane von Kollegen, und während ich selber welche schreibe, lese ich die ganze Zeit viel Theorie, im Falle von Jungfrau erstmals auch Theologie.
Da gibt`s ja unglaublich komplexes Zeug.

Man merkt, wenn man die Bücher liest, auch so ein Staunen von dir selbst. Diese Abaelard-und- Héloisa-Geschichte in Jungfrau zum Beispiel: Es ist, als würdest du selber darüber staunen, genauso wie die Romanfiguren Gustav und Concordia.

So ist es auch. Das ist immer mein Staunen. Gustav und Concordia sind ja quasi meine Sprecher. Ich wollte immer schon mal die Geschichte von Abaelard und Héloisa lesen, und das habe ich dann jetzt tatsächlich endlich gemacht. Das ist ziemlich mühselig, weil das meiste sind nur so Anweisungen zum Gottesdienst. Das ist mühselig, macht aber auch total Spaß und ist zielgerichteter, während ich so einen Roman schreibe als sonst. Aber irgendwie schreibt man meistens auch anders an so einem Ding. Dann gehen Motive plötzlich auf, und plötzlich bin ich wieder bei ganz anderen Materien.

Das stelle ich mir richtig stressig vor. Hast du nie das Gefühl, es wird immer mehr im Hirn? Wo setzt man den Punkt, wie kommt man zum Ende?

Der Punkt ist wie ein Redaktionsschluss zu verstehen. Den könnte man früher oder auch später setzen. Ich setze ihn meistens in meinen Romanen aus Zeitgründen irgendwann im Winter, weil das Buch ja dann im nächsten Herbst da sein soll, zur Buchmesse. Das muss auch so sein, weil es sonst immer noch mehr würde. Man muss irgendwann den Punkt finden, wo es noch cool bleibt und nicht eine Zumutung wird. Den setze ich fast wie einen Cut. Ich habe ja in dem Sinne keinen dramaturgischen Aufbau ... wobei bei Jungfrau schon ein bisschen – es gibt ja eine Liebesgeschichte, die sich fortentwickelt.

Wie kommen denn diese Figuren, die Studenten, zustande?

Da gibt es natürlich vorher Überlegungen. Im letzten Roman gab es den Flugbegleiter, oder die Flugbegleiterin. Das war natürlich ein Stereotyp, bei dem jeder meint, dass er mitreden kann. Jeder erlebt Flugbegleiter und -innen im Alltag. Gleichzeitig hat mich das gereizt, worüber man reden kann, wenn man von denen redet – also auch: Was sind das für Frauen/Männer? Wie ist deren Sexualität? Das geht bis hin zu Trash-Mythen wie dem, dass die sozusagen den AIDS-Virus auf der Welt verbreitet haben. Dann lasse ich die selber darüber reden, was der Diskurs über sie ist. Da habe ich viel Feedback gekriegt.
Ich habe immer wieder Studierende als Protagonisten. Das liegt wohl auch daran, dass meine Leserschaft mittlerweile sehr viel jünger ist als ich, viele studieren. Studieren ist ja auch Aneignen von fremden Stoffen, und das ist einfach für mich idealtypisch. Irgendwann muss ich vielleicht aufhören, weil ich nicht mehr weiß, wie die sind, aber im Moment kenne ich die noch. Das fand ich bei Jungfrau ganz gut, jemand von der Theaterwissenschaft zur Theologie wechseln zu lassen, um mal diesen Komplex Religion zu beleuchten, aber gleichzeitig das Performative noch mit im Kopf zu haben. Und der hat sich zusätzlich eine Art Gelübde der sexuellen Enthaltsamkeit auferlegt – ganz interessant, weil davon ist ja auch heutzutage viel die Rede, und ich habe nie ganz verstanden, wo das eigentlich herkommt. Plötzlich merkte ich, als ich mich mehr damit beschäftigte, dass auch bei den Klosterfrauen oder den „Bräuten Christi“ im Hochmittelalter in dieser Enthaltsamkeit eigentlich eine Art sexuelle Praxis zu sehen ist. Dass auch die Vorverlagerung des Sexuellen vor den sogenannten Vollzug gesellschaftlich weit verbreitet ist. Auch Death Proof, der letzte Tarantino-Film, kam mir so vor: Bei all der Action, bei all den Verfolgungsjagden hatte das Sexuelle keine richtige Chance, realisiert zu werden.

So bekommen die gewisse Eckdaten, meine Figuren. Aber wie alt die genau sind, oder wer von denen vielleicht mal mit jemand anderem schon vorher bekannt war, oder wie die ineinander greifen, darüber mache ich mir vorher keine Gedanken, sondern das entsteht beim Schreiben. Die bekommen eigentlich durch ihre eigenen Lektüreerlebnisse Dreidimensionalität. Dann haben Leser auch oft das Gefühl, sie erkennen sich in diesen Leuten wieder, während Rezensenten oft sagen, die haben ja überhaupt gar kein Fleisch, diese Figuren, die sind ja einfach nur Ideenträger. Beides ist wahrscheinlich richtig. Richtige psychologische Überlegungen, die dem Ganzen vorgelagert werden, mache ich mir nicht zu den Figuren.

Ich glaube auch nicht, dass das nötig ist. Es ist klar, dass sie quasi deine Forschungsarbeit transportieren und als solche für den Leser so eine Art Vermittlungsfunktion haben.

Eben. Das macht das Schreiben für mich auch spannend: zu sehen, wo geht es eigentlich hin. Mal sehen, was passiert, wenn die dieses Buch gelesen haben werden. In Wirklichkeit lese ich es ja währenddessen und schreibe praktisch mit. Ich habe auch keine Vorstellung von mir selbst als souveränem Autor, der über seinen Stoff herrschen müsste, sondern mir macht es auch Spaß, mich durch Felder zu bewegen, die ich kaum verstehe, und dieses Kaum-Verstehen oder Verstehen-Wollen zur Abbildung zu bringen. Ich bin eigentlich ständig überfordert mit meinen Stoffen.

Gibt es sowas wie einen pädagogischen Impuls im weitesten Sinne?

Wahrscheinlich gibt es den sogar. Der ist aber immer noch so unabgesichert, dass er auch quasi zu Seite, oder nach hinten, oder gar nicht losgehen könnte. Aber der Gedanke ist schon da, dass ich in gewissem Sinne an einem großen Projekt der Aufklärung weiterschreibe. Das halten viele für unvereinbar mit postmodernen Positionen – ich nicht.

Ich glaube auch, man muss nach der Lektüre selber weiterforschen, wenn man Lust hat. Das macht den Reiz an deinen Büchern aus.

So tue ich es ja auch mit den Büchern, die bei mir vorkommen, und ich merke eben, dass viele das mit meinen Büchern tun. Deswegen bekomme ich in letzter Zeit mehr Feedback aus Akademia, von 25-jährigen Kollegen, die ihre Magisterarbeit über mich schreiben und dann diese Links, die seitlich raushängen in meinen Büchern, weiterverfolgen und mir dann wieder wertvolles Feedback geben. Auch bei Lesungen, wo dann plötzlich so Superhirne sitzen, die mir dann eine Liste mit Autoren mitgeben. Das ist ein schönes Feedback aus dieser Ecke, während das Feuilleton teilweise schon ein bisschen entnervt ist.

Hast du das Gefühl, dass du immer das gleiche Buch schreibst? Sie sind sich doch von der Struktur und der Herangehensweise sehr ähnlich.

Um mal ein etwas pathetisches Beispiel zu bringen: Das ist wie bei Komponisten, die gerne immer wieder eine Symphonie schreiben und sie einfach durchnummerieren. Natürlich sind sie in verschiedenen Tonarten und so, aber bei der Musik hat man oft das Gefühl, es wird einfach immer wieder ein neues weißes Blatt genommen, und man versucht es nochmals. Ich möchte eigentlich immer dasselbe nochmals, aber besser machen. Vielleicht ist es eine ganz typische Künstlerhaltung, dass man denkt, es geht noch besser. Deswegen lese ich auch gerne öffentlich daraus, weil ich mich erst dadurch so mit dem Text auseinandersetzen muss, wie ich es sonst nicht täte. Die Platten von meiner Band höre ich nicht mehr, wenn die erst mal im Kasten sind, aber die Bücher ...
Dadurch, dass ich mehr davon lebe, aus ihnen zu lesen, merke ich beim Lesen die ganze Zeit eine wachsende Distanz zum eigenen Text. Der daraus resultierende Wille ist eigentlich ziemlich groß, es besser zu machen und noch einmal zu machen.

War es schon mal so, dass sich ein Buch aus dem vorigen ergibt?

Doch, ja. Bei Tomboy zum Beispiel hing so hinten raus ein fettes, nicht ganz geklärtes Otto-Weininger-Motiv. Da wurde das Weininger-Motiv auf seine Misogynie abgeklopft, und gleichzeitig war Weininger ja auch ein Fall von jüdischem Selbsthass, aber auch männlichem Selbsthass im Sinne von: das Weibliche im Männlichen hassen. Unglaublich komplex, und ich dachte: Da will ich weiterforschen. Dann war ich plötzlich im Bereich der Jewish Studies. Mein nächstes Buch Hellblau hatte dann die jüdische Diaspora stark im Vordergrund. Das war noch das Motiv von Weininger, das hing irgendwie noch unbewältigt im Raum. Ich hatte total Lust, mich da weiter reinzuhängen und zu checken, was ist eigentlich der jüdische Mann? Inwiefern ist denn der eigentlich kein Mann – nicht nur qua Beschneidung, sondern weil er auch so viel liest und viel drinnen sitzt und so kontemplativ auf Rezeptionsprozesse, was eher klassisch weiblich kodiert ist, beschränkt ist. Da fand ich ein Buch, das schon von meinen Figuren in Tomboy gelesen worden war. Ich ließ es also die Figuren in Hellblau noch einmal lesen, aber mit einem anderen Schwerpunkt. Plötzlich war ich dann beim Thema Afro-Diaspora und jüdische Diaspora, und das hat sich schnell verselbstständigt.

Wie groß ist denn deine Lesergruppe, würdest du sagen?

Wenn ich das wüsste. Es gibt ein Buch, das heißt Feldforschung, das ist ein Auftragswerk für eine Ausstellung im Museum Ludwig in Köln und wurde 35.000 Mal als Freebee den Besuchern dieser Ausstellung mitgegeben. So eine hohe Auflage habe ich sonst nie. Sonst sagen wir mal, Tomboy lag vielleicht bei 20.000, andere liegen vielleicht nur bei 5.000 bis 6.000. Ich habe das Gefühl, ich habe manchmal mehr öffentliche Wirkung über das ganze Konglomerat. Radio-Discjockey sein, so eine halb öffentliche Figur, die auf Podien sitzt und über Themen redet, Musiker sein, nach Lesungen auch gerne noch in einem Club aufzulegen – all das gibt so eine Art Nebelfeld. Ich habe manchmal den Verdacht, ich bin bekannter, als man es aus der Zahl meiner Leser schließen würde. Viele wissen, wer ich bin, ohne was von mir gelesen zu haben.

Irritiert dich das dann, wenn dich die so genannte Popliteratur links überholt?

Nein, ich denke mal, die, die einen links überholen, haben wahrscheinlich ein paar mehr PS unter der Haube. Das ist nicht unbedingt etwas, was mich jetzt nachdenklich stimmen müsste. Ich habe eine andere Reisegeschwindigkeit, sozusagen. Das irritiert mich nicht. Vor allem ist es ja auch bestimmten Mechanismen geschuldet, dass die an einem vorbeiziehen, und zum Teil erlahmen die nach ein paar Jahren auch wieder. Ich habe nicht das Gefühl, ich bin mit denen in Konkurrenz. Ich mag die Sachen teilweise auch gerne, die sich Popliteratur nennen und eher so populär, leicht, flott daher kommen. Ich habe auch mit dem Begriff an sich nicht wirklich ein Problem. Viele verstehen darunter ja was ganz anderes, im Sinne von „Da kommt Pop drin vor“. Das ist nicht so meine Sicht. Wobei ich auch, wenn mir jemand sagt, ich mache Popliteratur, nicht wirklich widerspreche. Ich bin daran interessiert, wie Pop selber funktioniert, in einer ständigen Resignifizierung und Neuordnung von Bekanntem und Vorformuliertem – das finde ich so toll an Pop. Ständiges Recyceln, das Erkennen von ästhetischem Zugewinn, wenn sich etwas wiederholt, das sind die Herausforderungen, die die Popkultur generell stellt. Nicht nur die Musik. Wenn Phänomene in abgewandelter Form wieder auftauchen, denken viele Leute, dass die Abwandlung so etwas ist wie ein Verlust, ich empfinde das als Hinzugewinn. Der klassische Fall ist aber, dass du über 30 irgendwann sagst: „Kenne ich schon, war damals besser.“ Da ist irgendwas bei mir nicht passiert, was bei den meisten passiert – speziell auch bei Männern, die sich besonders identifizieren über eine emphatische Zustimmung zu „ihrer“ Gegenwart in Pop, „sie spielen unser Lied“, sozusagen. Das so zu zementieren, dass sie das dann irgendwann nur noch als Trauerarbeit weiterführen können. Es ist wahrscheinlich sehr anstrengend, am Ball zu bleiben, aber irgendwie macht es auch Spaß. Ich gehe einfach genau so oft in Plattenläden wie mit 20, weil ich einfach so eine irre Neugier nach dem jeweils noch nicht Bekannten habe.

Wie weit hängen die Forschungen oder die Recherchen für deine Band F.S.K. mit deinen Büchern zusammen?

Sie finden sozusagen zeitgleich statt, und dann schlagen sich die Topoi aus meinen Romanen auch in meinen Songtexten nieder, oder auch die Ästhetiken der Musik schieben sich vielleicht auch ein bisschen so in neue Bereiche mit dem, was mich auch sonst interessiert. Aber das ist ja bei der Band kein Prozess, den ich allein steuere, denn das ist ja ein Kollektiv. Ich bin aber offenbar jemand, der nie so richtig völlig aus der Zeit gefallen ist. Wenn ich über Disco schreibe, dann kommt gerade auch eine Platte raus wie Hercules & Love Affair, auf der Antony von Antony and the Johnsons singt. Das ist dann wie eine Materialisierung dessen, womit ich mich sowieso beschäftige –besonders, wenn sich die anderen vier Bandmitglieder auch gerade die Hercules-Platte gekauft haben. Das geschieht sehr oft parallel, aber nicht so, dass ich der Band das aufdrücke. Was die anderen nicht auch interessiert, kommt in der Band nicht vor. Das ist eher so ein toller kollektiver Prozess, dieses Band-hafte.
Das unterscheidet sich von der Arbeitsweise her stark vom Schreiben, das man mit sich alleine ausmachen muss. Bei der Band kommt sofort, und nicht erst nach 300 Seiten, was ganz anderes raus, als du dir vorher gedacht hast. Da ist sofort klar, fünf Individuen schmeißen ihre fünf Vorstellungen von etwas, was da entstehen könnte, zusammen, und es kommt auf jeden Fall etwas Sechstes dabei raus. 

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