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Eine ganz normale Metropole

Was Los Angeles für Raymond Chandler war, ist Istanbul für den türkischen Kriminalautor Celil Oker, dessen Romane seit einiger Zeit auch auf Deutsch erscheinen: Die Stadt ist bei ihm viel mehr als bloße Kulisse, sondern eine Art Protagonist. Und es ist nicht das Klischee-Istanbul der Sultane und der Minarette, sondern eine moderne Großstadt am Schnittpunkt zwischen Europa und Asien. Celil Oker führte Daniela Sannwald durch sein ganz privates Istanbul. Und das sieht ganz anders aus, als es Heerscharen von Touristen üblicherweise zu sehen bekommen.

Die Stadt des Krimiautors ist voller Hochhäuser, Banken, Computer-shops, Schnellimbisse, Pubs und Clubs, sein Held trinkt lauwarmen Nescafé und spielt in seiner Freizeit mit einem elektronischen Flug-simulator, falls er nicht zum Aikido-Training geht. Er ist ein leidenschaftlicher Autofahrer, liebt den fließenden Verkehr auf den Stadtautobahnen, aber auch das innerstädtische Stop-and-go macht ihm nichts aus, weil er dann gemütlicher rauchen kann. „Es ist eine Großstadt wie jede andere“, sagt Celil Oker, „sie könnte überall auf der Welt liegen, aber natürlich, welche Stadt liegt schon am Bosporus, welche Stadt hat ihre historischen Wurzeln in Byzanz? Und dennoch ist Istanbul nicht eine Stadt der Sultane und verschleierten Frauen, sondern eine ganz normale Metropole: mit ihren Problemen, ihrer Bevölkerung, ihrer Schönheit, ihren Industriegebieten, ihren Medien, den Schulen, Universitäten, der Kultur. So ist die Stadt hoffentlich auch in meinen Büchern.“

Celil Oker, der studierte Anglist, kommt aus der Werbebranche und unterrichtet jetzt Werbetexten und kreatives Schreiben an der Elite-universität Bogˇaziçi. Man trifft ihn im Café Kaktüs in einer Seitengasse der Istiklal Caddesi im Stadtteil Beyogˇlu, wo die Kulturszene Istanbuls zu Hause ist. Auf beiden Seiten der kleinen Straße reiht sich Café an Café, jeweils mit markisengeschützten Freiplätzen. Nur noch die abgeblätterten Fassaden der kleinen, unbesternten Hotels erzählen von der weniger glanzvollen Vergangenheit der Gegend: Der um die Jahrhundertwende entstandene Stadtteil war ursprünglich von wohlhabenden griechischen und armenischen Händlern bewohnt, bis fremdenfeindliche Ausschreitungen in den fünfziger Jahren viele von ihnen veranlasste, sich woanders niederzulassen. Daraufhin verkam Beyogˇlu zur Amüsiermeile, und wer noch in den neunziger Jahren nach Istanbul fuhr, wurde von den Einheimischen gewarnt, die Seitengassen der Istiklal Caddesi besonders bei Dunkelheit zu besuchen.

Jetzt sind viele dieser Gassen für den Autoverkehr gesperrt, nicht aber für sehr große, sehr laute Motorräder, die in unerfreulicher Häufigkeit direkt neben den Lunch-Tellern der Istanbuler Kultur- und Medien-schickeria vorbeibrummen. Fette Auspuffschwaden legen sich auf leichte Salate, raffiniert belegte Toasts und gesunde Suppen – die Kost der internationalen Workaholics. Dazu trinken die Mittdreißiger beiderlei Geschlechts und jederlei sexuellen Orientierung Zitronenlimonade aus hohen beschlagenen Gläsern und hinterher Espresso. Als ob es weder Börek noch Kebab, weder Ayran noch Tee gäbe.

Die gibt es natürlich auch auf der Istiklal Caddesi, aber die traditionelle türkische Küche wird von den jungen und mittelalten urbanen Professionisten, von denen ein Großteil die Bogˇaziçi Universität absolviert haben dürfte, nicht geschätzt, jedenfalls nicht öffentlich. Sie essen, trinken, tanzen, shoppen und kleiden sich wie ihre Kollegen in Berlin und Paris, in Wien, London, Rom oder New York und prägen das Bild des weltoffenen, modernen Istanbul, über das Reisejournalisten immer wieder staunen. Und sie sind die Protagonisten der summenden, brummenden, kreativen Atmosphäre rund um die Istiklal Caddesi. Sie arbeiten in Filmproduktionen, Werbeagenturen, Verlagen oder als Kulturmanager, sind die Kunden der Buchhandlungen, Musikläden und Banken, die ebenfalls in dieser Gegend liegen. Und selbst die Banken wissen, was sie ihrer Klientel schuldig sind: Jede von ihnen verfügt über mindestens einen Ausstellungsraum, in denen sich zeitgenössische Künstler mit ihren Projekten präsentieren.

Dort liegen auch das Theater und die Bars, wo sich die junge Schauspielerin aus „Letzter Akt am Bosporus“ vorzugsweise aufhielt, bevor man sie ermordete; dort liegt das als Fassade dienende Tonstudio des Drogenhändlers, der in „Schnee am Bosporus“ seinen Stoff an der Bogˇaziçi Uni verticken lässt.

Celil Okers Held Remzi Ünal ist nicht jung und schick, aber er hat mit solchen Leuten zu tun, etwa wenn er in „Foul am Bosporus“ in der Modeszene recherchiert – die Türkei, einst Billig-Produktionsland für internationale Markenlabels, verfügt über eine lebendige Modeszene. So repräsentiert etwa das renommierte Modehaus Vakko klassische Eleganz, während viele junge Designer ironisch Orientalisches zitieren.

Der Detektiv Remzi Ünal wird von einem mittelständischen Textilfabrikanten engagiert: „In unserer Branche spielt der Wettbewerb eine ganz große Rolle ... es gibt jede Menge Konkurrenzfirmen und -marken ... Aber einer unter allen Konkurrenten ... nimmt für mich einen besonderen Platz ein. Ich kann es einfach nicht vertragen, wenn Barbie House mir auch nur einen Schritt voraus ist ... Der Grund ist, dass der Firmeninhaber ein früherer Geschäftspartner von mir ist ... Wie oft habe ich geträumt, in sein Warenlager einzudringen und seine Stoffe zu zerschneiden.“ Das Schlachtfeld, auf dem der Krieg zwischen den beiden Modehäusern ausgetragen wird, ist aber nicht das Lagerhaus, sondern der Fußballplatz. Die beiden Konkurrenten haben sich jeweils einen Fußballverein zugelegt, die in wenigen Tagen im Endspiel der dritten Liga aufeinandertreffen sollen. Remzi Ünals Auftraggeber hat einen anonymen Anruf mit Hinweis auf Schiebung bekommen, und Remzi soll unauffällig herausfinden, was es damit auf sich hat – noch vor dem Spiel natürlich. „Fahren wir zum Fußballfeld, ich war da seit vier Jahren nicht mehr“, fordert Celil Oker seine Besucher auf.

Während der Schriftsteller seinen Wagen über die Schnellstraße nach Ayazagˇa, dem realen Schauplatz seines Fußball- und Modekrimis steuert, erzählt er, wie er mit einigen Freunden zufällig diesen kleinen Klub entdeckte und sie begannen, die Spiele zu besuchen. „Es gab kaum Zuschauer, aber die wenigen, die kamen, waren umso enthusiastischer. Und dann fiel mir eine Geschichte in diesem Milieu ein.

Natürlich konnte ich nicht im Traum daran denken, meinen Fußball-Krimi in der Top-Liga mit Vereinen wie Bes¸iktas¸ oder Fenerbahçe spielen zu lassen. Das würde mir doch niemand abnehmen.“ Also hat er ein kleines Stück Anatolien am Rand des europäischen Teils von Istanbul beschrieben: „Die Verkehrsschilder führten mich nun – es war schon elf Uhr – zwischen hintereinander aufgereihten Fabrikgebäuden hindurch zu einem Platz, der auch in einer anatolischen Kleinstadt liegen könnte. Ich fuhr rechts am Stadion vorbei und parkte mein Auto kurz hinter der Polizeiwache. Auf dem Rückweg schaute ich durch den Drahtzaun auf den Sportplatz und sah, wie ein paar staubbedeckte Figuren mit müdem schleppendem Schritt auf das unverputzte dreistöckige Gebäude am Ende des Spielfeldes zugingen.“

In der knallenden Frühsommersonne liegt der aus so genannten Gecekondus – „über Nacht hingestellte“ Unterkünfte, die sich der Bauordnung entziehen – entstandene Stadtteil Ayazagˇa, wo kleine Jungen in Schulkitteln soeben aus der Grundschule stürmen und die größeren Mädchen gemesseneren Schritts hinterherkommen. Fremde tauchen hier selten auf, werden von den Tee trinkenden, rauchenden, älteren Männern vor den Teestuben ebenso beobachtet wie von den einkaufenden Frauen – aufmerksam, aber nicht unfreundlich und jederzeit bereit, nach dem Woher, Wohin und Warum zu fragen, wenn man ihnen nur den geringsten Anlass zur Gesprächseröffnung böte. Hier in Ayazagˇa ahnt man nichts von Beyogˇlus Hip- und Coolness, man wüsste noch nicht einmal diese Begriffe zu deuten. Allenfalls wenn sie ihren ramponierten Ball vor sich herkicken, werfen die kleinen Buben ab und an kokette Blicke zurück zu den kichernden Mädchen, die natürlich nichts gesehen haben wollen. Und dann erschallt der Ruf zum Mittagsgebet vom Minarett.

Auf dem Weg zurück passiert man Maslak, „Istanbuls Manhattan“, wie es Celil Oker in seinem Krimi nennt, eine Ansammlung von Bank- und Bürotürmen, und es gibt viel, was die Stadt mit New York verbindet, findet er: „Manchmal kommt mir Istanbul heute vor wie New York oder San Francisco in den 1920er Jahren vor dem Börsenkrach. Auch hier herrscht reiner Kapitalismus: Die Gesellschaft hat Geld angehäuft, das verteilt werden muss. Manchmal geschieht das auf illegale Weise oder mit Gewalt. Dann kommt die Mafia ins Spiel, und so kann man gut Krimis schreiben. Die Leute bringen sich nicht mehr aus Eifersucht oder Liebe um, nicht aus persönlichen Gründen, sondern wegen des Geldes. Und wenn sie davon profitieren wollen, darf das nicht rauskommen.“Das Genre des Kriminalromans ist relativ neu in der Türkei, denn wegen der religiösen, kulturellen und sozialen Traditionen gab es kaum Verbrechen im Verborgenen. „Früher sind Mörder einfach zur Polizei gegangen und haben erklärt, dass sie jemanden umgebracht haben, und zwar wegen der Ehre. Die Leute gingen als Helden ins Gefängnis.“

Celil Okers Verbrecher sind allesamt Angehörige der Mittelschicht; weder psychopathische Killer noch Mafiapaten interessieren ihn: „Meine Verbrecher sind Leute wie du und ich, die schlittern in eine Situation rein. Das kann doch jedem passieren. Na klar, man kann Serienkiller- oder Mystery-Bestseller schreiben, aber die geben doch kein realistisches Bild wieder – von der Stadt und von den Leuten, die darin leben“, konstatiert Celil Oker auf dem Weg nach Akatlar, einem Wohnviertel aus drei- bis vierstöckigen Neubaublocks mit Bäumen und kleinen Rasenflächen dazwischen, nicht luxuriös, aber großzügiger geplant als die Einkaufs- und Geschäftsbezirke. Dort leben die Angestellten aus den Hochhaustürmen, dort lebt Okers frauenloser Held Remzi Ünal, und dort lebt auch der Autor selbst. Hier gibt es, anders als im aufgeregten Beyogˇlu oder dem gemächlichen Ayazagˇa, kaum Fußgänger auf der Straße, und man fällt schon auf, wenn man sich ein paar Schritte vom Auto entfernt. „Was wollen Sie hier?“, fragt denn auch ein übereifriger Hausverwalter, als Celil Oker auf Remzi Ünals Apartmenthaus deutet – eine geschützte Wohnanlage nach amerikanischem Vorbild.

In dieser Gegend lohnt sich – der Fitness- und Körperkulturboom hat sich bislang noch nicht einmal im westeuropäisch orientierten Istanbul durchsetzen können – das Betreiben eines Aikido-Studios, wie es Remzi Ünal besucht. Seine dort erworbenen Kenntnisse helfen ihm häufig, die Angriffe sehr viel jüngerer Türsteher, Leibwächter und sonstiger Raufbolde abzuwehren, auch wenn er selbst eine Menge einstecken muss. Auch Remzis Erfinder ist Aikidoka: „Aikido habe ich acht Jahre lang praktiziert, in einer kleinen Gruppe älterer Leute, 45 und darüber, wir waren acht oder zehn Leute, es hat Spaß gemacht. Man schlägt nicht einfach wie bei Karate, es ist mehr metaphysisch, es geht um inneren Frieden, ums Halten der Kraft, ums Atmen.“

Celil Oker demonstriert, inzwischen in seinem Lieblingssessel in seiner eigenen Wohnung sitzend, wo das „hara“ liegt, mit dem Remzi Ünal eine spezielle Atemtechnik ausübt. „Das hara ist die Magengegend, du füllst dein Abdomen mit Luft wie die Schauspieler und Sänger. Man fühlt sich, als ob man getrunken hätte, Whisky oder so was, man wird ein bisschen wirr im Kopf, fühlt sich gleichzeitig sehr frisch.“

Zurück in Beyogˇlu, sitzt man auf Deckchairs auf der Dachterrasse eines angesagten Cafés, blickt auf ähnlich gestylte Locations ringsherum und dahinter auf den Bosporus, wo Lastschiffe, Ausflugsboote und jetzt in der Rush Hour vor allem Fähren, die zwischen dem europäischen und dem asiatischen Teil der Stadt pendeln, unterwegs sind. Dahinter liegt der weitaus größte, von Celil Oker noch unbeschriebene Teil der Stadt.

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  • Fotos: Muhsin Akgün
  • Issue: 01
  • Keywords: Books