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Gute Seiten, schlechte Seiten

Sie avancierte vom Model zum Literaturstar, heuerte nach ihrem Romandebüt im Drehbuchteam von „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ an und ließ Harald Schmidt lange vor der Generation „Feuchtgebiete“ wissen, dass sie sich „überall“ rasiere und „nichts drunter“ habe. Alexa Hennig von Lange gehört zu den ungewöhnlichsten, aber auch umstrittensten, Figuren der deutschen Autorenzunft. Die einen lieben ihr kokettes Spiel mit Literaturbetrieb und Medien, die anderen werfen ihr Trivialität und Geltungssucht vor. Nun erhält der ambivalente Personenkult neues Futter: In Kürze kommt Alexa Hennig von Langes nächster Roman „Peace“ auf den Markt – eine Geschichte über die Leiden der desillusionierten Hippie-Generation und ihrer Kinder.

Schade, dass dies ein Telefoninterview ist und ich Ihnen nicht persönlich gegenübersitze. Kennen Sie Wien?

Nein, leider nicht. Aber ich komme demnächst nach Wien. Ich bin bei einer Show zu Gast ... Grissemann und ...

Stermann und Grissemann. Das wird Ihnen gefallen. Sie sollten sich vielleicht vorher ein paar Shows der zwei ansehen. Aber wenn ich an Ihre Auftritte bei Harald Schmidt denke, sind Sie ja durchaus geeicht. Werden Sie lieber von Frauen oder von Männern interviewt? Gibt es für Sie fühlbare Unterschiede in den Fragen?

Hmm, da haben Sie gleich mal einen wichtigen Punkt getroffen. Weil das ist ja mein Thema …

Wie wichtig ist Mode für Sie? Haben Sie sich schon immer dafür interessiert?

In meiner Familie war das überhaupt kein Thema. Mein Vater war immer komplett grün angezogen, das haben wir als Kinder früher komisch gefunden und nicht verstanden! Heute weiß ich, was dahinter steht, und finde es gut.

Ihr neuestes Buch heißt „Peace“. Warum sollte man es lesen?

Ich habe mich immer für die Sechziger-Jahre, für die Hippie-Ära interessiert. Ich komme aus Hannover, und da gab es Ende der Achtziger ein ziemliches Hippie-Revival. Der Style wurde ausgelebt, und natürlich auch die Lebensphilosophie. Bestimmte ideologische Ideen haben mich immer fasziniert, das ist auch der Grund, warum ich dieses Buch geschrieben habe. Aber auch weil ich von Eltern aufgezogen wurde, die nicht wirklich hippieesk waren. Ich wurde von einer am Feminismus interessierten Mutter erzogen, wobei sie ganz anders ist als die Mutter in meinem Buch. Sie hat gearbeitet und war außerdem der familiäre, mütterliche Typ, der dennoch stark gewillt war, unabhängig und selbstbestimmt zu leben. Als Mutter dreier Kinder war die Durchsetzung natürlich nicht leicht beziehungsweise unmöglich. Diesen Zwiespalt haben meine Schwester und ich sehr bewusst mitbekommen. Im Laufe meines Lebens habe ich mir darum immer wieder meine Gedanken dazu gemacht – über die Rolle der Frau und ihre Bestrebungen, sich dem Mann ebenbürtig zu fühlen. Was „Peace“ anbelangt, wollte ich rekapitulieren, was sich zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs bis in die Neunziger im Miteinander zwischen Mann und Frau, aber auch politisch, getan hatte. Das wollte ich aber nicht spröde aufschreiben, sondern schnell und kraftvoll – um auf die Eckdaten aufmerksam zu machen: Was überhaupt passiert ist und welche Versuche für ein friedvolles Miteinander unternommen wurden. Und wie lächerlich oder naiv sie im Nachhinein manchmal wirkten, sie uns trotzdem aber zu dem gebracht und gemacht haben, was wir heute sind.

Ich habe mich bei der Lektüre gut amüsiert, musste mich aber immer wieder selbst daran erinnern, dass Sie gerne mit Übertreibung arbeiten. Sie sagen selbst, dass Sie sich manchmal in Ihren Figuren beim Schreiben verlieren. Nimmt man viel ins reale Leben mit?

Bei diesem Buch war es tatsächlich so, dass es mich extrem gefangen hat. Wobei die Handlung in keinster Weise autobiografisch ist, sondern Gedanken rund um die Themen Politisches Bewusstsein und die Rolle der Frau betrifft: Alleinerzieherin und gleichzeitig auf der Suche nach Sicherheit und Anerkennung zu sein, das Bedürfnis nach Selbstbewusstsein oder Selbstwertgefühl zu haben, neben Männern bestehen zu können – solche Dinge eben. Also es sind schon alles Themen, die meine Mutter, auch meine Schwester, beschäftigt haben – und mich, auch heute noch. Es geht darum, was aus den einstigen ideologischen Strömungen und Hoffnungen und Vorstellungen von damals geworden ist. Es war so toll, an diesem Buch zu schreiben, die Figuren sind mir sehr nahe gekommen, und ich mag sie alle gerne. Das Mädchen Pony taucht übrigens unter anderem Namen in all meinen Büchern auf. Wir sind uns sehr ähnlich, was das Aussehen, die Gedanken und Gefühle anbelangt. Ohne sie, kann ich, glaube ich, gar kein Buch schreiben. Sie ist die Verknüpfung von Fiktion und Realität.

In „Peace“ sagt die Figur Rainer, dass er an etwas Neuem, ganz hippen arbeite: Er produziert eine Serie – eben „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“. Ein Seitenhieb auf Ihre Kritiker von damals. Die Mitarbeit an der Serie wurde Ihnen vorgeworfen. Darf man sich als Pop-Literatin Kommerz-Arbeit nicht mehr leisten?

Ich habe zuerst „Relax“ geschrieben und dann habe ich bei GZSZ angefangen zu schreiben, bevor überhaupt das Buch rauskam, einfach, weil ich Geld brauchte. Es ist eine handwerklich sehr interessante Arbeit, weil man in einer Woche fünf Folgen entwickelt. Jede Folge hat drei Handlungsstränge, so entwickelt man 15 Handlungsstränge im Team in einer Woche, die ganze Zeit werden Ideen produziert. Das ist insofern eine tolle Übung gewesen, weil ich gelernt habe, sehr schnell Ideen zu kreieren und auch sehr schnell wieder loszulassen, somit auch den Text als etwas Erweiterbares, Lebbares und Formbares zu sehen, das nicht so starr stehen bleiben muss, wie es ist. Und gerade weil „Relax“ sehr viele Dialogstränge hat und auch sehr dialogreich ist – natürlich auch bestimmte Klischees bemüht – war dann wahrscheinlich der Text für die, die damit nichts anfangen konnten, zu salopp. Es war natürlich auch ein gefundenes Fressen zu sagen: „Die hat schon mal bei einer Soap gearbeitet, und das hört man nun in ihren Dialogen“. Hätte man meinen Lebenslauf genau gelesen, hätte man merken müssen, dass das Buch zuerst da war.

Man hätte es auch umdrehen können: Durch diese bezahlte Arbeit haben Sie handwerkliches Können erworben, wofür andere in einem Workshop viel Geld zahlen.

Ja, sehr schön, so hätte ich es mir gewünscht, dass die Leute es sehen.

Mittlerweile ist es um den Begriff der Popliteratur recht ruhig geworden. Wie sehen Sie die Entwicklung dieser bzw. Ihrer eigenen Autorengeneration?

Nach Christian Krachts „Faserland“, Rainald Götz „Rave“ und „Relax“ tauchten immer mehr junge Leute auf, die geschrieben haben. Die Verlage haben gesehen, dass hier Nachfrage besteht und sich junge Leute, die schreiben, gut verkaufen und haben begonnen, DJs,

Mode-, Club- und Szene-Leute zu rekrutieren, die irgendwas übers Nachtleben schreiben, damit das zwischen zwei Buchdeckel geklatscht und rausgebracht werden kann. Das wurde dann alles unter Pop verkauft. Da geht der ideologische, künstlerische, politische, gesellschaftliche Anspruch flöten, der mit Sicherheit am Anfang da war. Am Ende war das ein Einheitsbrei.

Ist dieser Einheitsbrei Grund dafür, dass Sie sich von diesen Leuten eher fern gehalten haben?

Ja, aber nicht aus Arroganz, sondern weil ich mir immer meine Unabhängigkeit bewahren wollte. Ich wollte mich nie beeinflussen lassen, immer frei in dem sein, worüber ich schreibe. Weil ich immer sehr nahe an mir schreibe, an meinem eigenen Leben, an meinen Themen. Stil war auch ein ganz wichtiger Aspekt in der Popliteratur. Was ist Stil? Was ist Stilbewusstsein? Wie erscheine ich nach außen? Das hat mich nicht interessiert. Vielmehr das Entgegengesetzte: Was ist die innere Struktur des Menschen und wie ist sie in Sprache übertragbar? Gibt es auch eine Architektur der Sprache, die wiederum der inneren Strukturierung eines Menschen entspricht?

Sie sind mittlerweile über zehn Jahre im Literaturbetrieb, ist man da schon abgestumpft?

Als ich „Relax“ geschrieben habe, wusste ich nicht, dass es Literaturkritik überhaupt gibt. In meiner Familie wurde immer viel gelesen. Ich dachte, wenn man ein Buch geschrieben hat, wird das in die Buchhandlung gestellt, jemand nimmt es raus, liest es, findet es toll und erzählt es weiter. Ich habe das Buch deswegen als etwas erlebt, das über viele Jahre wächst, über Jahrzehnte und nicht den schnellen Erfolg braucht. In dieser Freiheit habe ich das erste Buch geschrieben. Ich hatte nicht den Eindruck: „Okay, jetzt stürzt sich bald die Presse auf dich“ – weil ich das gar nicht wusste. Ich wusste nur, möglicherweise kann ich das literarische Empfinden oder Verständnis stören, durch das, was ich schreibe. Und das war mein Antrieb. Heute weiß ich, dass ein Buch sofort funktionieren muss, oder es geht unter.

Von Untergang kann keine Rede sein, Sie haben Ihre Leser.

Ja, da habe ich Glück und freue mich sehr darüber. Es sind treue Leser, die die Welt ähnlich sehen und erleben. Es freut mich besonders, dass meine Bücher eine Art Spiegelzelle darstellen, in die sie eintreten können und ihr Leben reflektiert sehen und sich fragen können: Möchte ich so leben? Lebe ich schon so, oder kann ich es besser bzw. anders machen?

Hatten Sie Angst davor, Ihr erstes Buch den Eltern vorzulegen?

Nee, meine Mutter war immer an Literatur interessiert, sie ist sehr belesen und kann sich sehr gut ausdrücken. Es war ihr auch wichtig, dass wir Kinder das lernen, um uns selbst gut vertreten zu können. Da war das Formale wichtig. Meine Mutter war etwas irritiert, dass so oft das Wort „Scheiße“ im Buch vorkam, sie hat gesagt: „Alexa, muss denn das denn so oft vorkommen?“ Da konnte ich als Tochter zweier Architekten sagen: „Mama, das ist die Durchrhythmisierung der Sprache, das ist ein Stilmittel.“ Es war wichtig für mich zu zeigen, dass es bestimmte Worte gibt, die sich permanent im Kopf wiederholen und möglicherweise auch ein Lebensgefühl prägen.

Dieses Stilmittel verwenden Sie ja auch in „Peace“. Willem beginnt fast jeden zweiten Satz mit „Kacke“. Bei Harald Schmidt ging es u.a. um Ihre fehlende Unterwäsche, intime Hygiene…

Es geht auch ein bisschen um mein Amüsement, Spaß zu haben, reagieren zu können, sprachlich schnell zu sein oder einfach Dinge zu behaupten. Viele dachten auch: „Die ist irre, die weiß nicht, was sie da redet“. Ich war mir dessen sehr bewusst, ich hatte die Freiheit es zu tun. Nicht weil ich mich überschätzt habe, sondern weil ich wusste, was ich im Fernsehen gerne sehen würde. Eine Frage nach der anderen in drei Sätzen zu beantworten, hat mich sowas von überhaupt nicht interessiert. Ich wollte sehen, was passiert, wenn ich genau das sage, was sich die Leute denken, aber versuchen, nicht zu sagen.

Sie wollen sich beim Schreiben amüsieren?

Absolut.

Astrid Lindgren hat gesagt, sie schreibe für das Kind in sich. Schreiben Sie für den Jugendlichen in sich?

Das trifft es zu hundert Prozent. Ich erinnere mich ganz genau an die Angst, erwachsen zu werden. Aber nicht weil ich dachte, ich schaffe das Leben nicht, es war vielmehr die Furcht, das Kind gehen zu lassen. Es gibt da ein ganz schönes Gedicht von Pablo Neruda. „Wo ist das Kind, das ich gewesen? Ist es noch in mir oder fort? Warum starben wir denn nicht beide, damals, als meine Kindheit starb?“ Das trifft es für mich so gut, für mich war es ein großer Abschiedsschmerz, nicht mehr dieses Kind sein zu können. Nicht, weil ich Kindheit so toll fand, sondern einfach weil ich es nicht mehr war.

Der Prozess des Erwachsenwerdens war etwas Besonderes für Sie?

Total! Einerseits von unheimlichem Schmerz und Angst und dem Gefühl, verloren zu gehen, geprägt, aber auch andererseits die Spannung: Was werde ich erreichen, wo werde ich stehen in dieser Welt? Das bedingt sich gegenseitig: Durch die Furcht, verloren zu gehen, mich nirgendwo festhalten zu können, und all das, was ich bin, erinnere, fühle und denke, immer wieder jeden Tag loslassen zu müssen, hat mich dazu gebracht es aufzuschreiben.

Ihre Bücher lesen sich sehr schnell …

Ich bin ohne Fernseher aufgewachsen, wir bekamen erst ein Gerät, als ich schon in der Pubertät war. Da war ich tatsächlich fernsehsüchtig und blieb es lange Zeit. Gerade als MTV aufkam, hätte ich tagelang, wochenlang – ununterbrochen – zuschauen können. Auf diese Architektur des Schnitts beziehe ich mich schreibend ganz stark.

Ich selbst hatte eine Art filmischen Eindruck von „Peace“. Ist das ein Tribut an das Videoclipzeitalter?

Total! Es gibt ein tolles Video von Guns‘n’ Roses, „Paradise City“, das könnte ich mir stundenlang ansehen. Diese ganzen Schwenks und Fahrten. Wow!

Sie packen viel in Ihre Bücher hinein: Frank Zappa, Greatful Dead, aber auch Bataille, Burroughs, Kerouac oder Norman Mailer.

Es ging mir darum, Zusammenhänge zu schaffen. So etwas interessiert mich einfach, auch wie Geschichte zusammenhängt und Literatur. Ich wollte ein paar Namen fallen lassen, nur in ein zwei Sätzen, um für den Leser zitierfähig zu sein.

Sie haben Ihr Studium abgebrochen, sind unwillig zur Einführungsvorlesung gegangen…

…und ich hab diesen Raum nicht gefunden und bekam Beklemmungen, oh Gott, wie soll das gehen, dass ich hier jeden Tag zu einer bestimmten Zeit zu sitzen habe. Mein Gefühl sagte mir: Hier wird dir Lebenszeit geklaut! Ich muss in Bewegung sein. Das ist auch ein bisschen meine Schwierigkeit im Leben, dass ich dauernd etwas tun muss. Das kann für meine Mitmenschen extrem anstrengend sein.

Sind Sie mit der Uni versöhnt, jetzt wo Ihre Bücher an den Universitäten selbst Thema sind?

Ja, ich lese auch öfter an der Uni und finde es immer interessant, welche Diskussionen entstehen. Ich kriege auch Fragen gestellt, die ich allein von der Fragestellung her nicht mehr verstehe. Ich finde es auch toll, weil ich über meine Bücher reden kann und so neue Gedanken und Aspekte hinzukommen. Aber auf der anderen Seite denke ich dann immer: Mensch, Leute, ich könnte das nicht!

Ist der direkte Kontakt mit dem Leser wichtig für Sie?

Ja, unbedingt. Ich bin früher ganz viel herumgereist, das geht jetzt wegen der Kinder nicht mehr. Inzwischen mach ich etwa zehn bis zwölf Lesungen pro Jahr, weil ich nicht mehr von zu Hause weg will, aber die paar mach ich wahnsinnig gerne.

Was lesen Sie selbst gerade?

Oh Gott… Eins von Truman Capote, aber ich hab noch nicht angefangen, weil ich bis vor ein paar Tagen noch an einer Übersetzung gearbeitet habe. Das war so ein Hammerteil, das mich wirklich schier um den Verstand gebracht hat. Es ist ganz toll geschrieben, „44 Augenblicke“ von Kirsty Gunn.

Wie lange arbeiten Sie an einem Buch?

Also an „Peace“ ungefähr ein halbes Jahr, bei Jugendbüchern dauert es meist nicht so lange, so drei Monate. Es kommt auch auf die sprachliche Dichte an. Das Schnelle liegt mir wesentlich mehr, das hat auch eine ganz andere Beweglichkeit, Durchlässigkeit, Lebendigkeit.

Ein Thema in „Peace“ ist die RAF. Die Gegenüberstellung der Isolationshaft mit dem Zurückziehen der verwirrten Mutter ins Gästeklo fand ich einen amüsanten Kunstgriff. Die RAF ist in der letzten Zeit wieder öfters Thema, wie auch im Film von Bernd Eichinger…

Hab ich nicht gesehen: Keine Beeinflussung. Ich wollte das, was ich über die RAF weiß, nicht durch andere Eindrücke und Bilder oder anders erzählte Versionen verfälschen lassen. Ich wollte mir den Blick des Willem, den ich als schlüssige, gut nachvollziehbare Figur hatte, nicht nehmen lassen.

Sind Sie ein politischer Mensch?

Ja, auf jeden Fall. Ich hab jetzt keine manifeste Haltung zur RAF, dazu würde ich mich auch nie äußern, das ist zu komplex. Ich hatte in einer Zeitung gelesen, dass das Thema aus ganz vielen Schulbüchern verbannt wurde. Das heißt, dass das überhaupt keine Relevanz mehr zu haben schien. Und Jugendliche gar nicht mehr wissen, was die RAF ist. Aus dem Grund hab ich das mit reingenommen. In meiner Kindheit hat sie eine große Rolle gespielt, durch die Plakate in den Poststellen mit den Fotos der Terroristen.

Das war man damals in Deutschland schon gewohnt?

Ja, das gehörte scheinbar irgendwie mit zum Bild.

In „Peace“ sparen Sie nicht mit Fäkalien, wie die Kackwurst der Mutter oder der Jargon einiger Figuren, deren Sätze sehr oft mit „Kacke“ beginnen.

An sich hab ich nichts übrig für Fäkalien, auch nicht in der Literatur, oder, dass sie so direkt auftauchen, aber mir schien es, als ob die Mutter das braucht, um einen gewissen Hang zur Übernatürlichkeit zu zeigen. Es gibt ja dieses Buch „Feuchtgebiete“, indirekt bezieht sich das auf dieses Buch, weil es mich zutiefst verstört hat. Nicht das Buch, sondern die Rezeption desselben, und ganz freimachen konnte ich mich davon nicht.

Sind Sie mit Charlotte Roche schon mal verglichen worden?

Ich wurde schon immer wieder mal gefragt, ob ich nicht in einer Talk Show meine Haltung dazu formulieren wolle, was ich abgelehnt habe. Aber ja, die Vergleiche waren da.

Schmeichelhaft war wohl der Vergleich mit Jean-Philippe Toussaint?

Ja, das war beim Buch „Warum so traurig“. Das hat mich sehr gefreut, weil ich ihn sehr schätze.

Zurück zu „Peace“: Joshua hat einen desaströsen familiären Hintergrund, ist aber trotzdem recht normal. Am Ende des Buches findet er etwas Wahrhaftiges: nämlich Liebe. Seine Freundin Pony bekennt sich zu einem normalen Leben.

Einige werden sicher sagen: Jetzt geht’s zurück in die Spießigkeit. Für mich bedeutet es aber, dass dieses Mädchen sich traut, zu formulieren, was für unsere Mütter noch schwer war – wie vielleicht eine Bitte oder ein Anliegen zu äußern oder einfach einen Schritt weiter in die Gleichberechtigung zu tun. In „Relax“ hab ich das ja schon geschrieben: Die Aufgabe der Frau ist es, zu warten. Das ist es, womit ich aufgewachsen bin, was mich mein Leben lang begleitet hat, das Warten auf den Mann. Ich weiß nicht, ob das speziell bei mir so ist. Es gibt selbstverständlich auch andere Beziehungen, aber merkwürdigerweise habe ich immer wieder gewartet.

Sie sind schon oft auf die Harald-der-Vibrator-Szene in „Relax“ angesprochen worden. War das lästig?

Es war mir egal. Auch die Gleichsetzung meiner Person mit der Figur des Mädchens in „Relax“. Für mich ergab sich daraus schlicht die Möglichkeit, genauso aufzutreten. Das war dann die Person, die ich in der Öffentlichkeit war. Ich wusste, dass dieser etwas freizügige Aspekt gut ankommt und mir eine gewisse Öffentlichkeit bescherte. Das brachte mir amüsante Auftritte, aber viel wichtiger war mir, dadurch weiter Bücher schreiben zu können.

Wie kam Ihr Gesicht auf die Buchcover?

Als „Relax“ als Taschenbuch rauskommen sollte, gab es ein grauenhaftes Cover, und ich wusste, dieses Buch würde kein Mensch kaufen. Das Cover hat rein gar nichts mit dem Inhalt zu tun, es sah aus wie ein Sekretärinnenroman. Mein damaliger Freund hatte ein schönes Foto von mir gemacht, und ich wusste, das Buch läuft auch über meine Person, so hab ich gesagt: „Hey, wollt ihr nicht ein Foto von mir draufmachen?“ Und da das gut funktionierte, haben wir es beibehalten.

Welches Ihrer Bücher ist Ihr eigener Favorit?

„Peace“ – ich mag das wahnsinnig gerne.

Was bedeutet Zufall für Sie?

Ich glaube nicht, dass es Zufall gibt. Ich glaube, dass man bestimmte Dinge anzieht, man auf Dinge trifft, die einen weiterbringen können, solange man eine Offenheit dafür hat. Ich bin immer wieder erstaunt, was sich daraus ergibt. Das kann kein Zufall sein. Aber auch deswegen, weil ich wirklich den Willen habe, mit dem umzugehen, was mir begegnet. Ich möchte schon auch immer das Bestmögliche daraus machen.

Hätte man Sie auf der Kunsthochschule genommen, hätten Sie vielleicht einen anderen Weg eingeschlagen…

Geschrieben hätte ich auf jeden Fall, vielleicht wäre was anderes draus geworden, weil ich andere Leute getroffen hätte. Das wäre möglicherweise nicht so angekommen wie „Relax“.

Worauf sind Sie stolz – von Ihren beiden Kindern abgesehen?

(Überlegt.) Ich bin stolz darauf, neugierig zu sein. Vorne in „Relax“ steht: „Du sollst mutig sein, es darf gelernt werden!“ Der Satz ist ein bisschen manieriert, aber er bedeutet einfach, das Leben bei den Hörnern zu packen, egal, ob man Angst hat oder nicht, um weiterzukommen, um sich zu entwickeln. Ich bin stolz darauf, mein Thema gefunden zu haben, mich mit der Position der Frau heute auseinanderzusetzen. Auch durch das, was ich erlebt und gesehen habe, in der Vielfalt, in der ich gelebt und geliebt habe, Beziehungen hatte. Zu verstehen, in welcher Situation sich die Frau und auch generell die Partnerschaft befindet. Das ist mein großes Thema, und ich bin sehr froh, dass ich es für mich gefunden habe. Ohne ein Feindbild zu generieren wie „der böse Mann“. Mir geht es darum, dass ich mich nicht ausschließlich immer weiter an dem kollektiven Bewusstsein von damals, von den Erfahrungen der letzten Jahrhunderte speise, sondern auch zu einem neuen Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl komme, um mir frei und klar Ausdruck zu verschaffen.


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