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© Julia Wesely

Mode in Sack und Asche

Text: Daniel Kalt Fotos: Archiv

Der Tatsache, dass Grün das neue Schwarz sein könnte, ist man sich im schnelllebigen Modezirkus seit geraumer Zeit bewusst. Auf die zaghafte Erlösung des Öko-images aus den Niederungen des Schlabber-looks folgt nun die Bewährungsprobe. Womöglich ist ja Nachhaltiges der adäquate Rezessionslook. Ein ABC deR Mode-PC.

Auch in der Mode gilt zu Krisenzeiten: Not macht erfinderisch. So haben nach einer ausgedehnten Phase des Prassens nun die sogenannten Recessionistas das Zepter an sich gerissen und stehen für reduzierte Selbstinszenierung im Sinne neuer Bescheidenheit. Dabei geht es aber nicht nur um das Weglassen von Gold, Glitzer und Pelzverbrämung. Die düstere Wirtschaftslage stellt auch eine Möglichkeit dar, den Umdenkprozess im Zeichen der Nachhaltigkeit konsequent fortzuführen und um neue Facetten zu bereichern. Qualität statt Quantität ist angesagt – und eben darum werden sich auch immer mehr Konsumenten Gedanken über die langfristigen Auswirkungen ihres Einkaufsverhaltens machen (müssen).

Eines der Hauptprobleme im Bereich von Mode und Umwelt besteht heute in den lange unterschätzten Konsequenzen von billiger Massenmodeproduktion. Der Anteil von Textilien am Gesamtmüll­aufkommen hat sich, so einschlägige Untersuchungen, rapide gesteigert (für Großbritannien nennt die Times die unglaubliche Zahl von 30 Prozent). Nicht zuletzt aufgrund der medialen Überrepräsentation von Mode-Ikonen, die sich davor hüten, zwei Mal in demselben Outfit gesehen zu werden, möchte auch der weniger „betuchte“ Endverbraucher in der Illusion von materialaufwändigem Luxus schwelgen: Umdenken tut Not. Schließlich erfreut sich im Kielwasser der Green Fashion Recycling-Mode wachsenden Zuspruchs. Ein Vorreiter war in den frühen Neunzigern der aus Mali stammende Designer Lamine Kouyaté, der mit seinem Label Xuly Bët Kreationen aus textilen Flohmarktversatzstücken vertrieb, wobei sich diese Remix-Ästhetik parallel zum Grunge-Look großer Beliebtheit erfreute. In jüngerer Vergangenheit machen wieder Kreative mit diesem Ansatz von sich reden, indem sie sich auf den Nachhaltigkeitseffekt dieses ressourcenschonenden Arbeitens berufen. Das in München ansässige Streetwear-Label Luxusbaba etwa wird von Simone Graber und Jasmina Frank seit 2004 betrieben. In Kooperation mit einem Münchner Caritas-Ableger werden Altkleider selektiert und zu neuen Produktlinien umgearbeitet. Das Besondere an Recycling-Mode ist natürlich, dass kein Stück dem anderen völlig gleicht und man so – ganz Haute Couture – Serien von Unikaten erarbeitet. Für die Zukunft haben die beiden Luxusbaba-Schöpferinnen neue Verwertungswege angedacht: In Kooperation mit Künstlern und Sportlern sollen ausrangierte Bühnenkostüme bzw. Trikots umgearbeitet werden.

Unverzichtbar für die Etablierung der sogenannten ethischen Mode sind natürlich auch herausragende Designer-Persönlichkeiten, die für die nötige Dosis Glamour sorgen. Ähnlich dachte man wohl beim deutschen Versandhaus Hess Natur, als man letztes Jahr das einstige Enfant terrible Miguel Adrover für eine exquisite Image-Linie anheuerte. Auch Fachfrau Heidrun Unterweger, die den auf ökosensible Mode spezialisierten Online-Store B-Dressed.com mit Labels wie Katharine Hamnett oder Kuyichi betreibt, stellt klar, dass es ihr, ausgehend von den eigenen Überzeugungen, auch bzw. zunächst um interessantes Design geht. „Ich bin in erster Linie an Mode interessiert, in zweiter Linie am Aspekt der Green Fashion, weil es sich bei ökologischer Nachhaltigkeit und Fair Trade für mich um Selbstverständlichkeiten handelt.“ Am glaubwürdigsten sind fraglos jene Designer, die sich bereits vor dem Green-Fashion-Boom in diesem Bereich bewegten. Eine wahre Pionierin ist die Britin Katharine Hamnett, die bereits seit drei Jahrzehnten eine Fixgröße darstellt. Sie wurde in erster Linie mit ihren Slogan-T-Shirts im Sinne einer mode engagée bekannt und interessierte sich bereits Ende der Achtziger Jahre für Alternativen zum Pestizideinsatz im Baumwollanbau. Eigentlich nicht verwunderlich, denn gerade Großbritannien ist in der Mode immer wieder für avantgardistische Impulse gut. So ist denn auch mit Aufmerksamkeit zu beobachten, welche neuen Talente sich auf Veranstaltungen wie der estethica-Tradeshow während der London Fashion Week tummeln. Einiges könnte man sich von Ada Zanditon erwarten, die unlängst auf der Pariser Ethical Fashion Show ausgezeichnet wurde. Ihre Recycling-Mode erinnert ein wenig an die pompösen Kreationen von Gareth Pugh, wobei sie sich, so Zanditon, von den klaren Formen und Linien der Architektur inspirieren lasse. Sie hat vielleicht das Potenzial, nach dem Muster anderer, mit viel Aufmerksamkeit bedachter, Brit-Modejungstars zu einer Institution zu werden, die anspruchsvolles Design und ökologisches Arbeiten vereint. „Ich traf die Entscheidung für ethisches Design nach einer ausgiebigen Überlegungsphase. Ein Label mit langfristigem, ethischem Nachhaltigkeitsanspruch zu betreiben erfordert großen Einsatz, was auch meiner persönlichen Philosophie entspricht.“ Womit sich bewahrheitet, dass die Entscheidung für den Bereich der ökosensiblen Mode nicht ohne reifliche Überlegung getroffen wird. Zu berücksichtigen ist nämlich, dass natürlich, um einer steigenden Nachfrage zu genügen, häufig die ursprünglichen Zielsetzungen nur unter Schwierigkeiten beibehalten werden können. Größere Produktionszahlen sind oft mit dem notwendigen Einsatz konventioneller Materialien und Methoden verbunden. Exemplarisch mag der kalifornische Wunderbetrieb American Apparel sein, der nahezu verdächtig rasant zu weltweitem Erfolg gelangte. Nur ein Teil der verarbeiteten Baumwolle stammt zwar aus ökologischem Anbau. Doch wird gemäß einem Drei-Säulen-Modell der Nachhaltigkeit auch auf den Aspekt der sozialen Fairness Wert gelegt. American Apparel entspricht dieser Anforderung insofern, als „in Downtown L.A.“ und zu durchaus gerechten Bedingungen produziert wird. Im Rahmen einer groß angelegten „Legalize L.A.“-Kampagne, die sich auch in T-Shirt-Motiven widerspiegelt, plädiert der Konzern gemäß der eigenen Policy für die Regularisierung der Papiere von „illegalen“ Immigranten oder Arbeitnehmern und trägt so zur aktiven Bewusstseinsbildung für einen brisanten Zustand bei – eine weitere mögliche Facette von politisch korrekter Mode.

Was das Umfeld der kleinen österreichischen Mode-Szene betrifft, so ist auch hier eine stets wachsende Zahl von interessanten Initiativen zu beobachten. Während die Designer von House of the Very Island’s … aus persönlicher Überzeugung heraus ausschließlich ökologische Baumwolle verarbeiten, hat sich das Design-Kollektiv Göttin des Glücks allen Bereichen der Nachhaltigkeit verschrieben. Dabei ließ man sich von der Überzeugung leiten, dass „Wohlfühl-Mode“ nur dann stimmig sein kann, wenn auch im Herstellungsprozess niemand zu Schaden kommt. In Kooperation mit EZA Fairer Handel wurde eine Produktionsstätte auf Mauritius gefunden, die unter streng kontrollierten Bedingungen funktioniert. Etwas weniger weit in die Ferne schweift die Kooperation der Labels Anna Aichinger und Eric Rainer im Rahmen der Volkshilfe-Initiative Merit, die sich für die Wiedereingliederung von langzeitarbeitslosen Frauen in den Arbeitsmarkt einsetzt. Im Wiener Merit-Store werden exklusive und von den Merit-Mitarbeiterinnen produzierte Kreationen der international anerkannten Designer verkauft. Anna Aichinger zeigt sich von der Stimmigkeit einer solchen Zusammenarbeit überzeugt, auch und gerade im Luxus-Segment: „Ich finde, dass man gerade im hochpreisigen Modebereich wunderbar Corporate Social Responsibility und höchste Qualitätsansprüche verbinden kann. Durch bewusste Auswahl der Materialien (im ökologischen Sinn) sowie durch die Wertschätzung eines gut gefertigten Produkts. Auch die Konsumenten fühlen sich wohler, wenn sie für ein Produkt viel Geld ausgeben und dabei wissen, dass es nicht unter schlechtesten Bedingungen produziert wurde. Die Menschen vergessen oft, wie viel Arbeit hinter den Dingen steckt.“ Im Bereich der Modefotografie setzten zuletzt Julia Wesely und Irene Stepniczka als Initiatorinnen eines europaweiten Netzwerkes neue Akzente, indem sie 18 Designer einluden, für das von Wesely fotografierte Projekt eines ewigen Kalenders „nature in fashion“ naturinspirierte Kreationen beizusteuern. Auch mittels der Bezugnahme auf Natur als möglichen Impuls in ästhetischer Hinsicht handelt es sich um einen Versuch, auf längere Sicht zur Bildung eines anders gelagerten Bewusstseins bei Produzenten und Konsumenten beizutragen. Ein ganzes Panorama von ökosensibel arbeitenden Labels ist übrigens alljährlich auf der bereits zweimal ausgerichteten Messe Ecotrend zu bestaunen, die bislang im Wiener Werkstättenhaus WUK stattfand. Unabdingbar auch hier: Die Ausrichtung eines Design-Preises als Anerkennung für das Bemühen um formschöne Nachhaltigkeit. 2008 wurde eine Recycling-Modekreation des Wiener Labels kontiki ausgezeichnet, hinter dem Karin Maislinger steht. Bekannt geworden ist kontiki übrigens mit aufwändig konstruierten Taschen aus wiederverwerteten Fahrradschläuchen. Recycling geht eben auch in der Mode nicht so schnell die Luft aus.

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