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Another world

Wunderschöne Musik mit einer melancholischen Stimme, die aus einer anderen Zeit herüberzuwehen scheint und die von Identitätssuche, Transgender und Umwelt erzählt. Tief geerdet in der Off-Theater-Tradition, werden bei Antony and the Johnsons sämtliche Emotionalisierungsregister gezogen. Es ist die Geschichte von einem, der auszog, die Welt ein kleines bisschen netter zu machen.

Antony and the Johnsons sind ein Phänomen: Nach den Jahren des „Lauter, schneller, härter“ im Pop-Biz geht nun ein Sänger daran, mit Kammermusikarrangements ordentlich für Aufregung zu sorgen. Und erst diese Stimme. Nachdem sein Album „I Am A Bird Now“ 2005 mit dem Mercury Prize für die beste britische Platte des Jahres ausgezeichnet worden war, begann der kometenhafte Aufstieg des 1971 in Chichester (Sussex, UK) geborenen Antony Hegarty. Laurie Anderson sprach von der „schönsten Stimme seit Elvis“, er produzierte ein Duett mit seinem Teenagerschwarm Boy George, sang mit Björk, Coco Rosie, Grönemeyer, Hercules And Love Affair, Bryan Ferry, Rufus Wainwright und auf Lou Reeds Alben „The Raven“ und „Berlin“. Diesen Sommer führt er sein aktuelles Album „The Crying Light“ mit einem 50-Personen-Orchester auf. Aus der Zusammenarbeit mit dem Modehaus Prada entstand das Musikvideo zu „Fallen Shadows“.

Über Umwege waren die ersten Aufnahmen Hegartys in die Hände von David Tibet gelangt, der 1998 auf seinem Underground-Folk-Label Durtro das LP-Debüt „Antony and the Johnsons“ veröffentlichte. Als dann das britische Kult-Label Rough Trade endlich auch für den Vertrieb gewonnen werden konnte, dauerte es nicht mehr lange, bis man von einem Ausnahmesänger erfuhr, wie es ihn seit Soft Cells Marc Almond und besonders dem Schweizer Pop-Countertenor Klaus Nomi nicht mehr gegeben hatte.

Was für eine Biografie eines ehemaligen Theaterensemble-Direktors, der nur deswegen mit Gesangseinlagen begonnen hatte, weil es sonst keiner machen wollte und der sich in den späten Neunziger Jahren zur Gesangskarriere entschlossen hatte, weil seine experimentellen Drag-Theaterstücke genau niemanden interessierten.

I need another place
Will there be peace?
I need another world
This one’s nearly gone
(Antony and the Johnsons: „Another World“)

Immer wieder: Diese Stimme. Gut, Antony sieht mit seinen langen schwarzen Haaren und den Kajalstrichen um die Augen nicht aus wie Klaus Nomi in seinem retrofuturistischen Zwanziger-Jahre-Look sondern eher wie ein faunhafter Robert Smith von The Cure. Wie bei Nomi dringt auch Antonys Gesang in atemberaubende Falsetthöhen vor und besticht mit barocker Melodieführung. Beide eint der ausgeprägte Hang zum japanischen Butoh-Theater und wie Nomi fühlte sich auch Antony von der aufgeschlossenen Gay-Community New Yorks angezogen. Nur eben gut 20 Jahre später. Seit seiner frühen Jugend war Antony als Transgender ein Ausgestoßener, weshalb die Option New York mehr als logisch erschien. Dort wurde er gleich unter die richtigen Fittiche genommen. Seine Universitätslehrer Martin Worman und Ron Argelander waren niemand Geringere als Ex-Mitglieder der in den „wilden“ Siebzigern berühmt-berüchtigten Drag-Performancegruppe The Cockettes. Dadurch erhielt Antony sein künstlerisch-theoretisches Rüstzeug schwuler und Transgender-Ikonografien zwischen Warhols „Factory“, den Filmen „Flaming Creatures“ von Jack Smith und „Pink Narcissus“ von James Bidgood, Kenneth Anger, John Waters, der Disco „Paradise Garage“ und der seit den frühen Neunzigern sich fix etablierenden Gay-Housemusikclubs.

Schon bald gründete er seine eigene Theatertruppe Blacklips, eine Zusammenkunft schräger Typen, die um drei in der Früh die Bühne des einschlägig vorbelasteten „Pyramid“ im East Village enterten, improvisierten, der Drag-Version des Vaudeville und dem Grand Guignol huldigten und den „göttlichen“ Divine ordentlich toll fanden. Aus dieser Zeit stammen auch jene musikalischen Mitstreiter, mit denen Antony auf Platte bekannt werden sollte: the Johnsons. Aber desillusioniert von der hypercoolen New Yorker Gay-Community und dem ausbleibenden Theaterbühnenerfolg, wandte er sich schließlich dem Musikmachen zu. Die Aufnahmen für sein LP-Debüt entstammen komplett noch der Blacklips-Zeit.

Besonders Buto¯ hat es Antony angetan. Diese um 1959 in Japan gegründete Off-Tanztheater-Strömung mit Wurzeln im deutschen Ausdruckstanz der 1920er Jahre sah sich als zeitgenössisches Theater des Widerstands, in dessen Choreografie der Tänzer seine persönlichen Erfahrungen mit der Gesellschaft miteinbrachte. Überbordende, meist fantastische Kostüme, fast bis zur Unkenntlichkeit weiß geschminkte Gesichter und glamouröses Cross-Dressing ließen aus den Darstellern geisterhafte Wesen werden, die daran gingen, den martialisch konnotierten Männerkörper mittels androgyner Erweiterungen zu brechen und ihre Seelenlandschaften offenzulegen.

Das auf der teilweise uralten Tradition des No¯- und Kabukitheaters aufbauende Buto¯ war konzipiert als dezidierter Gegenentwurf zu den als profane Unkultur empfundenen amerikanischen Musicals. Eines der allerersten Buto¯-Stücke wurde übrigens vom japanischen Schriftsteller Yukio Mishima verfasst, in dem er sich mit seiner eigenen und Homosexualität im Allgemeinen auseinandersetzte. Antony favorisiert den sogenannten Kazuo-Stil, der auf den Buto¯-Mitbegründer Kazuo O¯hno zurückgeht und als „Tanz in die Finsternis“ bezeichnet wird. O¯hno begleitete Antony als Inspiration seit früher Jugend und er zollte ihm so viel Respekt, dass er Fotos von O¯hno für seine Homepage und die CD-Covers von „Another World“ und „The Crying Light“ verwendete. Auch wenn er sich (vorerst) geschworen hat, nie wieder ein Bühnenstück zu schreiben: Man würde den Großteil dessen, was seine Musik ausmacht, schlicht ausblenden, wenn man das performative Element bei Antony außer Acht ließe.

Aktuell umfassen die Johnsons Julia Kent, Doug Wieselman, Jeff Langston, Maxim Moston, Rob Moose und Parker Kindred. Sie sind natürlich weit mehr als bloßes Beiwerk, aber in der öffentlichen Wahrnehmung sind Antony and the Johnsons ein Mann am Klavier, der um sein Leben singt. Brüchige Balladen künden von der düsteren Schönheit des Lebens, erzählen in bittersüßen Stimmungen vom Ausgegrenztsein, Anderssein, von Sehnsucht, Liebe, der Tragik des Scheiterns und des uneingelösten Begehrens, und, am offensichtlichsten, von den Konflikten um geschlechtliche Rollenzuschreibungen. Songs tragen Titel wie „Dust And Water“, „Hope There’s Someone“, „Atrocities“ oder „Rivers Of Sorrow“.

Die frühen Platten kommen in einem teils markerschütternden, aber immer höchst romantischen Existenzialismus daher, the Johnsons könnte die ideale Bandbegleitung für Rebecca del Rio sein, die im Club „Silencio“ aus David Lynchs Film „Mulholland Drive“ mit Antony ein virtuelles Duett singt. Ein nebulöser Theaterraum, in dem alles möglich scheint, doppelte und mehrfache (Geschlechter-)Identitäten, das schwülstig-samtene Bühnenrot, gebrochen durch Realitätsdekonstruktionen des Grand Guignol. Sozusagen konsequenterweise inkludierte die 2001 ebenfalls auf Durtro erschiene EP „I Fell In Love With A Dead Boy“ ein Cover von Angelo Badalamentis „Mysteries Of Love“ aus „Blue Velvet“. Es dürfte nicht weiter verwundern, wenn der derzeitigen österreichischen Undergroundstar-Musikerin Soap & Skin Antonys Musik bekannt wäre.

You are my sister, we were born
So innocent, so full of need
There were times we were friends but times I was so cruel
Each night I’d ask for you to watch me as I sleep
I was so afraid of the night…
(Antony Hegarty/Boy George: „You Are My Sister“)

Der Weg führte von diesen dissonanten Dramoletten über die 2005 veröffentlichte EP und den gleichnamigen Song „You Are My Sister“ zusammen mit Boy George zu etwas, das man verkürzt als eine Mischung aus neoklassischen Arrangements und Rhythm&Blues- beziehungsweise Gospelgesang bezeichnen könnte. Das hat weniger mit einer wie auch immer gearteten Gottsuche zu tun als mit der logischen Weiterentwicklung des Gesangsrepertoires hin zu den Diven der Vierziger und Fünfziger Jahre wie Billie Holiday oder Nina Simone. In Interviews betonte Antony immer wieder, wie viel die aktuelle Popmusik den schwarzen Musikern der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geschuldet ist. Diese Verbundenheit lässt sich ganz augenscheinlich darin erkennen, dass es sich hier wie da um Menschen handelt, die aufgrund ihrer Hautfarbe oder ihrer sexuellen Ausrichtung nicht in die vorgestanzten Wertesysteme der herrschenden Gesellschaftsschichten passen und sich tagtäglichen Anfeindungen ausgesetzt sehen. Ihres starken, selbstbewussten Auftretens, gleichzeitig aber auch ihrer emotionalen Verletzlichkeit wegen gelten einige der schwarzen Jazz-Musikerinnen als vielverehrte Referenzpersonen innerhalb der Gay-Community.

So verdichtet die Nummer „Shake That Devil“ auf „Another World“ die ohnehin an eschatologischen Sehnsuchtssymbolen volle Platte zu einem musikalischen Exorzismus, aus dem der Blues nur so heraustrieft und in dem sich Antony auch als veritabler Uptempo-Sänger erweist. Damit ist der Weg frei hin zu einem Publikum, das sich (Pop-)Musik nicht als selbstzerfleischenden Existentialismus antut, sondern von ihr allen Devianzen zum Trotz Erbaulichkeit einfordert. Kein Wunder, dass praktisch alle Konzerte der aktuellen Band-Tour bereits seit Monaten ausverkauft sind.

Mit seiner aktuellen Veröffentlichung „The Crying Light“ hat Antony für sich neues Terrain erschlossen: Es geht nicht mehr um beinahe narzisstische Seelennot, sondern um Umwelt. Antony macht sich Gedanken über Umweltverschmutzung, Klimawandel und politisch-religiöse Hierarchien mitsamt deren Überwindung. Da ist es nur konsequent, mit dem für seine in Musik gefassten Globalisierungskritiken bekannten Elektronikmusiker Matthew Herbert zusammenzuarbeiten. Aber es wäre nicht Antony, wenn nicht weiterhin die Geschlechter und deren gesellschaftliche Konstruktionen eine wichtige Rolle spielen würden.

Bei aller textlichen Direktheit sind diese doch alles andere als naiv: Antony erzählt mit bisweilen schonungslosem Freimut über sich selbst, setzt Poesie frei, der ein paar einfache Worte genügen. In einer Welt, in der sich alles aufzulösen scheint, Reales mit Gefaktem verschwimmt und von vorgeblich aufgeklärtem, auf jeden Fall von Fatalismus gelenkt wird, verweigert sich Antony affirmativen Reflexionen, um zum Schwierigsten zu gelangen, was Musik leisten kann: Schlicht schöne Liebeslieder ohne wenn und aber zu liefern. Fast könnte man meinen, in seinem Körper steckt eine wiederbelebte Seele aus der Zeit der Romantik oder gar des Barock. Wären da nicht seine brennenden Themen Gender und Umwelt, die ihn so aktuell machen. In beinahe kindlichem, aber dadurch umso erhabenerem Gestus kratzen Antony and the Johnsons an überkommenen Wertvorstellungen, verpackt in Klavieroden, die jedes Herz zum Klingen, zum Schmelzen und manchmal auch zum Weinen bringen.

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