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Auf der Suche nach einem Mythos

Text: Ilsa Aichhorn Fotos: Illustration: Franz Suess

Seit Beginn des neuen Millenniums erlebt das Pokerspiel eine Renaissance. Dank Internet und Fernsehen hat das Kartenspiel seinen Siegeszug um den Globus angetreten und sich von Hinterzimmer-Zocker-Partien zum coolen In-Spiel gemausert. Aber wer sind die heutigen Pokerspieler? Und wer zieht die Fäden hinter den Kulissen? Wie geht's im globalen Poker-Business wirklich zu? Was ist Illusion, was Realität? Wer sind die Gewinner, wer die Verlierer? Eine Spurensuche beginnt. Von damals bis heute. Inklusive Begegnungen mit Menschen, die auf ihre Weise dem Pokerspiel sehr nahe sind.

Die Entstehung von Poker entspringt einem Sammelsurium verschiedener Kartenspiele aus unterschiedlichen Epochen und Ländern. Vermutet werden Einflüsse aus dem asiatischen Raum durch chinesisches Karten-Domino oder die im 15. Jahrhundert beliebten Kartenspiele Poque bzw. Pochen. Erstmals kamen hier die Farben Pik, Herz, Karo und Kreuz zum Einsatz. Während der Französischen Revolution galt Bouillotte bzw. Brelan als beliebter Zeitvertreib. Gespielt wurde mit Piquet-Karten, das sind bereits jene Spielkarten, die bis heute noch im Poker verwendet werden. Der Ursprung des Pokerspiels, wie wir es heute kennen, wird im vergnügungsaffinen New Orleans vermutet. In den Hafenkneipen wurde gezockt, gewonnen, verloren … aber nicht nur dort. Auf den berühmten Mississippi Raddampfern richtete man Spiel-Saloons ein, in denen sich das Gemisch aus Kartenspielen zu einer neuen Form entwickelte: Poker. Aus der Ursprungsform Draw Poker haben sich dann weitere Varianten wie Texas Hold'em, Seven Card Stud oder Omaha geformt.

Schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts gibt es Profispieler, auch wenn die Umgangsformen ziemlich roh waren – Bereicherung um jeden Preis und wenn es sein musste mit Gewalt: Das hat das Poker-Image bis heute geprägt. Und die Assoziationen mit Kriminalität und dem „Milieu“ sitzen tief.

Seit dem Pokerboom der letzten Jahre wird versucht, dieses 150 Jahre alte Bild rundum zu erneuern. Die Illusion der Las Vegas Glitzerwelt soll sich bis in unsere Wohnzimmer erstrecken. Dafür sorgen TV und Internet.

Fernsehsender wie DSF und Eurosport haben Poker mit ihren Untertischkameras zu einem äußerst beliebten Programm gemacht. Globale Konzerne buhlen mit Online Poker um die Gunst der Kunden, erzählt werden nur Erfolgstories. Schon längst sind Pokerspieler zu Stars mutiert, Namen wie Phil Ivey, Daniel Negreanu, Phil Hellmuth oder Chris „Jesus“ Ferguson sind sogar schon Großmüttern geläufig. Berufsspieler als Traumberuf – strahlende Gesichter von Gewinnern?

Auf der anderen Seite gab es in Europa noch nie so viele Staaten mit einem Glücksspiel-Monopol wie heute. Spielsucht, sozialer Verfall und finanzieller Ruin, das sind die Schlagwörter mit denen staatliche Stellen ihren Zeigefinger erheben. Vor allem der so genannte „Spielerschutz“ dient als Rechtfertigung zur Erhaltung der Monopole. Ein Verlierer-Image ist da nur recht und billig, wenigstens hören dann die Leute zu.

Doch Online Poker kennt keine Grenzen, Verbote können kaum exekutiert werden. Das Europäische Parlament hat sich erst kürzlich zur Problematik bekannt und rät zu einer dringenden Diskussion, ob die Causa „Online Poker“ wirklich den einzelnen Mitgliedstaaten überlassen werden kann. Oder ob eine EU-weite Lösung nicht doch besser wäre.

Kaum ein Spiel polarisiert wie Poker – der Grat zwischen Begeisterung, Wut und Abhängigkeit ist schmal. Doch es gibt viele Zwischentöne, die Pokerwelt ist bunt wie ein Regenbogen und bietet mehr als nur Skandale oder fantastische Erfolgstories: Höchste Zeit also, die simplifizierende Polarisierung zwischen Gut und Böse um ein paar Facetten zu erweitern.

In einer männerdominierten Pokerwelt hat sie sich durchgesetzt und gilt als eine der besten Pokerspielerinnen – Katja Thater. Die Deutsche hat sich seit 1999 kontinuierlich ihren Platz unter den Profis erspielt. Vor zehn Jahren war es der Zufall, der sie fürs Pokern begeistert hat.

Sie hatte ihren Mann, Jan von Halle, nach Wien zu einem Seven Card Stud Turnier begleitet. Irgendwann in einer High-Limit Partie bat er sie doch mal kurz zu übernehmen. Jeder durchschnittliche Pokerspieler würde ins Schwitzen geraten – aber Katja Thater schlug sich bravourös und entdeckte ihre Leidenschaft. Doch aus einer Leidenschaft einen Beruf zu machen, heißt mehr als „just for fun“ zu spielen. Strategie- und Konzentrationstraining gepaart mit viel Energie, Fleiß und Disziplin haben die attraktive Blondine (ein Attribut, das in der Pokerwelt sicher nicht schadet) dorthin gebracht wo sie heute ist.

Mit dem typischen Klischee der „femme fatale“ will sie allerdings nichts zu schaffen haben: „Die, die mich dezidiert als Frau sehen, sind jene, die von außen reinkommen, neu sind oder zuschauen. Wenn man als Frau länger in der Szene zu tun hat, wird man nicht mehr als solche wahrgenommen – da gilt man einfach als Gegner, die sehen einen nicht als Frau.“

Katja Thater kann über mehr als zehn Jahre Szene-Erfahrung zurückblicken. Sie trainiert sowohl online, als auch im Casino. Bei der „World Series of Poker“, der Pokerweltmeisterschaft in Las Vegas, hat sie schon gewonnen und ist regelmäßiger Gast bei internationalen Turnierveranstaltungen. Das Blitzlichtgewitter ist sie gewohnt, als Profi ist sie bei „Pokerstars“ unter Vertrag und für Marketing- und Werbekampagnen unterwegs. Hinter der Image-Frage von Poker sieht Thater System: „Ich würde dafür gerne den Boxsport als Beispiel nehmen – das ist auch ein wenig ‚igitt‘ und dann sitzen doch die Leute, die man mit der Box-Szene überhaupt nicht assoziieren würde, beim Kampf in der ersten Reihe und schauen zu. Das ist durchaus eine gewollte Mischung, die auch beim Pokerspiel zutrifft – ein bisschen schmuddelig darf es schon sein. Wenn ich für TV-Produktionen gebucht werde, dann schau ich mir an, wer das produziert und wo das gesendet wird, und dann weiß ich schon in welcher Ecke das positioniert wird. Ich bin jetzt in der glücklichen Situation, dass ich es mir aussuchen kann und in gegebenen Fällen auch absage.“

Aus der Welt der erhobenen Zeigefinger entfliehen können, entscheiden dürfen und die totale Eigenverantwortung übernehmen zu müssen – das macht Pokern für Katja Thater so interessant. Und sie ist sich der Gefahren bewusst. Es gibt auch Phasen, in denen läuft nichts nach Plan und trotzdem, an das reine Glück glaubt sie schon lange nicht mehr, das ist die Voraussetzung für den Sprung vom Hobby- zum Berufsspieler. „Ich bin meine eigene Firma, eine Ich-AG. Wie viel Geld kann ich investieren, wie viel von meinen Gewinnen muss ich zurücklegen? Wenn man das nicht macht, geht man schnell pleite.“

Das klingt wenig nach dem Spieler-Image, das Film und Fernsehen vermitteln, sondern nach harter Arbeit. Stimmen die „Poker-Millionär über Nacht“ Geschichten? Oder ist das nur Illusion? Nein, es gibt sie wirklich – aber vereinzelt und die haben wirklich mit viel Glück zu tun. Realistischer und viel häufiger sind die kleinen Erfolgsstories, nicht so aufgeblasen und weniger medienträchtig. Etwa Menschen, die mit Poker ihr Studium finanzieren oder gerade einen Neuwagen gewonnen haben – meint Michael Keiner. Auch er ist Poker-Profi und ein Fixpunkt der deutschen Poker-Szene. Seiner Meinung nach muss man aber schon im Besitz des Spieler-Gens sein, um für Berufspoker geschaffen zu sein – und ein ständig Suchender nach neuen Herausforderungen und Limits.

Die Biografie von Michael Keiner liest sich so spannend wie ein inszenierter Poker-Roman. Als Motorrad-Rennfahrer hat er seine Runden gedreht, war immer wieder vorn dabei, aber nicht gut genug für die Weltspitze. Deshalb wurde aus der Berufung ein Hobby – und aus der öligen Rennstrecke das glatte Parkett der Wirtschaft. Mit Optionsgeschäften an der Börse war er in den Achtziger Jahren erfolgreich, wollte sein Medizinstudium aber nicht ganz an den Nagel hängen. So wurde schließlich aus Michael Keiner der „Doc“ und plastische Chirurgie sein Spezialfach. In den Neunziger Jahren brachte ihn eine Weiterbildung in Kalifornien zum Pokern und Michael Keiner entdeckte sein Spieler-Gen. Der Spitzname „Doc“ ist ihm bis heute geblieben, auch wenn er seit 2006 nicht mehr als Schönheitschirurg tätig ist. Das Geschäft mit der Schönheit war letztlich zu eintönig und zeitraubend. Mit dem richtigen Maß an Risikoeinschätzung hat „Doc“ Keiner auf die richtigen Karten gesetzt, bei der Poker Weltmeisterschaft gewonnen und einen Vertrag bei 888.com abgestaubt.

Die Online-Poker-Welle seit Beginn des neuen Jahrtausends hat die Aufgabengebiete der Spieler verlagert. Michael Keiner weiß, wie es früher war und heute ist: „Jetzt hab ich wesentlich mehr Marketing Aufgaben wie früher. Früher waren es 90% Pokerspielen und 10% Vermarktung, jetzt hat sich das verschoben zu 70:30 – also 70% Pokerspielen und 30% Nebenaktivitäten. Aber das ist kein Rückschritt, sondern ich empfinde das als Bereicherung. In der Branche hat eine Professionalisierung eingesetzt.“

Die Professionalisierung, von der Keiner spricht, bezieht sich auf die sportliche Komponente. Insbesondere im Turnier-Sektor wird wesentlich analytischer gespielt, als es noch vor einigen Jahren der Fall war, „besonders bei den nachkommenden Amateurspielern in den kleineren Limits, die können wesentlich besser haushalten. Die Spieler, die wie ein Held ins Casino kommen und sich an einen Tisch setzen, der weit über ihren Verhältnissen liegt, die findet man heute kaum mehr.“

Ist das also der Schlüssel zum erfolgreichen Pokerspieler – das Bankroll Management? Michael Keiner und Katja Thater sind sich einig, dass das neben der Erlernung des Spiels, mit all seinen strategischen Raffinessen und dem Training, der zweitwichtigste Punkt ist. Allerdings auch jener Punkt, an dem viele Menschen scheitern und Selbstüberschätzung in eine Abhängigkeit führen kann.

Wie ein durchschnittliches Leben als Pokerspieler aussehen könnte, das beschreibt der österreichische Autor Bernhard Seiter in „Passenger Hammerschmid“ – ein Poker Roman. Der Hauptprotagonist Hammerschmid ist ein Poker-Profi ohne Heimat. Immer auf Reisen hat er keinen festen Wohnsitz, lebt in Hotelzimmern und aus seinem großen, schwarzen Koffer. Doch nach Jahren des Umherziehens packt ihn eine Sinn- und Lebenskrise. Fast bewusst verspielt er sein gesamtes Geld, will am Pokertisch nicht mehr gewinnen. Sinniert über seine Kindheit, über seine Ehe, die zu scheitern droht und seinen älteren Bruder. Auch der ist hauptberuflich Pokerspieler, aber in den Augen Hammerschmids ein schlechter. Mit viel Feingefühl, fast schon poetisch und mit hoher Poker-Fachkunde ist Bernhard Seiter mit „Passenger Hammerschmid“ ein Bindeglied zwischen der realen Pokerwelt und überhöhter Fantasie-Erzählung gelungen.

Ursprünglich wollte der Autor einen Gangster-Roman schreiben, der aber ohne richtige Killer oder Auftragsmörder funktioniert – einer der eher an amerikanische Filme der Siebziger Jahre oder japanische Streifen der Neunziger erinnert. Die gängigen Poker-Klischees erschienen dafür ideal, mit ihrer verruchten Aura jenseits des bürgerlichen Lebens. Bernhard Seiters Poker-Figur hat folglich viele charakterliche Züge eines Film-Gangsters.

Seiter spielt selbst seit zehn Jahren Poker, nur als Hobby, wie er versichert, aber es stellt sich natürlich die Frage, ob dieser Hammerschmid Anlehnung an eine reale Figur hat? „Er basiert schon auf Typen, die ich beim Spielen getroffen habe beziehungsweise auf Karrieren und Figuren, die man durch den Pokerboom sieht – auch im Fernsehen. Solche Biografien habe ich dann auch recherchiert und aus dem ganzen Durcheinander meine ‚Gangster‘-Figur Hammerschmid kreiert.“

Trotzdem Hammerschmid fast 300.000 Euro erspielt hat, wirkt er eher wie ein Loser. Dieses Karma hat Bernhard Seiter bewusst so aufgebaut, weil für ihn das Profitum im Pokerspiel ein harter Job ist. Er selbst gibt zu, dass er viel zu wenig Geduld dafür hätte: „Man wählt den Job, weil man zu faul ist zu arbeiten – was ich gut verstehe und teile. Und dann ist es aber sehr harte Arbeit. Also man braucht das Spießertum, um einer unspießigen Tätigkeit nachzugehen. Und von diesen Typen gibt’s halt nur wenige – abgesehen von den Stars, die das geschafft haben. Die Durchschnittstypen im Casino laufen oft einer Hoffnung nach – ‚heute gewinne ich‘.“ 49:51 – mehr würde Seiter dem Verhältnis Glück zu Strategie nicht geben, aber dann könne man gut davon leben. Vorausgesetzt man hat genug Kraft, Frustrationen wegzustecken.

Zwischen-Resümee:

Die Szene blickt auf 150 Jahre professionelles Pokerspielen zurück, das „Igitt“-Image ist durchaus legitim und gewollt, Selbstkontrolle und gutes Finanzmanagement sind das „A und O“ eines Profis, ständiges Training, ein Quäntchen Glück und eine hohe Frustrationsschwelle der Alltag.

Das klingt so gar nicht nach dem, was uns da medial aufgetischt wird. Zumindest was das Gewinner-Image betrifft.

Laut Götz Schrage liegt das vor allem an inkompetenten Drehbuchautoren, die immer das Gleiche schreiben: „Das Ergebnis ist immer irgendein blöder Straight Flush oder Royal Flush. In den Filmen sieht man Unwahrscheinlichkeiten, die man in 30 Jahren Pokerbusiness nicht sieht! Es ist Schwachsinn! Diese Filme spiegeln eine Realität wieder, die mit der Zeit präsent wird und in der gleichen Weise immer wieder reproduziert wird, sich aber trotzdem nie der Wahrheit annähert.“

Götz Schrage, einst Mitglied der Achtziger-Jahre-Kultband Blümchen Blau, könnte als Wiener Original durchgehen, wenn er nicht ursprünglich Deutscher wäre. In den Neunziger Jahren verdiente er sich als Limit Hold'em Spieler recht erfolgreich seinen Lebensunterhalt. Doch genau jene Limit-Variante wurde immer weniger gespielt, und somit versiegte Schrages Einnahmequelle. Danach war ihm die Beschäftigung mit der Wiener Subkultur wichtiger – er tauchte ein, wollte sie im wahrsten Sinne des Wortes erleben, hat sie zerpflückt und beschrieben. Was Wien des nächtens zu bieten hat, ist in „Der Schwärmer“ nachzulesen. Seit zwei Jahren organisiert er ehrenamtlich eine kleine Turnierrunde im Wiener Szene Café „Europa“. Hauptberuflich ist er aber Poker-Journalist und hat die Plattform „pokerfirma.de“ gegründet.

Als Journalist und Analytiker kennt er das Business, auch dessen Schattenseiten. Damit meint er aber weniger die Typisierung von Losern, sondern eher den Tratsch und Klatsch: „Die Leute reden total viel, die Leute haben keine Ahnung. Die Leute zerreißen sich immer das Maul.“ Kein Wunder: Denn im Endeffekt sind alle großen Pokerspieler schon mal abgestürzt – das gehöre laut Schrage schließlich zum Jobprofil dazu, damit müsse man rechnen und kalkulieren. Wer es nicht tut, ist selber schuld. Schließlich seien die meisten Floorleute weitaus besser in ihrem Job als viele Schiedsrichter.

Wie im Sport gibt es auch beim Pokern nur Gewinner oder Verlierer, aber mit dem Nachteil, dass es hier um Geld geht und dass Geld Existenz und Lebensgrundlage bildet.

Viele der Profispieler haben seit dem Online-Boom Verträge mit großen Anbietern wie Pokerstars, Full Tilt Poker, 888.com oder PartyPoker. Daraus könnten manche schließen, dass man gerade als Contract-Spieler ausgesorgt hätte. Weit gefehlt, meint Thomas Lamatsch. Und er muss es wissen, schließlich arbeitet er seit 15 Jahren im Poker Business: Als Manager und Berater.

Mit seiner Firma „European Poker Consulting“ betreut er TV-Pokershows. Eines seiner Highlights ist Stefan Raabs TV-Total Pokernacht, aber auch für Eurosport und DSF werkt er regelmäßig als Turnierdirektor, Organisator und Coach.

In Wirklichkeit würden die wenigsten Poker-Profis alles von ihren Sponsoren bezahlt bekommen: „Zum Beispiel die ganzen Full Tilt Poker-Profis, von denen es mittlerweile fast 300 weltweit gibt, bekommen nur zirka 5% der Turniere bezahlt. Sie müssen für Werbeauftritte zur Verfügung stehen und haben Medienverträge – für jedes Foto, jede TV-Sendung oder jeden Finaltisch bekommen sie extra Geld. Wenn ich also ein Full Tilt Pro bin, dann heißt das nicht, dass mir noch extra was bezahlt wird. Oder nehmen wir Pokerstars, da wird härter selektiert, man wird nicht so leicht unter Vertrag genommen. Die haben ganz unterschiedliche Verträge. Da gibt es schon Leute, denen alles bezahlt wird, die kannst du aber an einer Hand abzählen.“

Also bleibt es dabei – ohne 100-prozentige Eigenverantwortung kein erfolgreicher Pokerspieler. Und wo verdienen dann die meisten ihr Geld? Nicht im Turnierpoker, meint Thomas Lamatsch, das wäre nur für die Medien dienlich. Turniere sind eine Präsentationsplattform für Publicity, Sponsoren – wichtig, um Leute zu treffen und Spaß zu haben. Den Lebensunterhalt verdienen sich die meisten Poker-Profis im Cash-Game und das eben online, denn hier kann auf vielen Tischen gleichzeitig gespielt werden. Der Stundensatz steigt dadurch erheblich.

Solche Challenges setzen die Fähigkeit von Multi-Tasking voraus, denn auch das ist ein unumgängliches Attribut für einen Poker-Profi. Und dann entscheidet sich alles im Kopf, mental, über die Psychologie. Die Kunst des guten Spiels, selbst wenn das Kartenblatt schlecht ist.

Pokerspieler zu sein klingt demnach wenig nach dem, als was es uns verkauft wird. Kein Traumberuf für Lebemänner und lässige Typen, die sich ihr Ego polieren müssen. Die Gewinner beim Pokern wissen genau, mit welcher Taktik sie aufwarten müssen, um strahlende Sieger zu bleiben. Der Preis, der dafür bezahlt wird, ist hoch und kommt einem Laissez-faire Leben genauso nahe wie Pluto der Erde. Kein Wunder also, dass aus den vielen Versuchen tausender Menschen jede Menge kleine Desaster entstehen.

In den Abgrund zu fallen nährt den Mythos Poker. Eine faszinierende Polarität, die reine Strategiespiele wie Schach nicht bieten können.

Eine nicht berechenbare Komponente des Schicksals – welche Karten bekomme ich und wie gehe ich damit um … dabei können nur die Besten gewinnen und das auch nur mit einer Prise Glück.

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