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Christina Stürmer

Text: Walter Gröbchen Fotos: Ben Wolf

Es gilt für jeden „Starmania“-Finalist: die berühmten 15 Minuten Aufmerksamkeit nach Andy Warhol sind ihm bzw. ihr sicher. Ruhm und Erfolg, die dagegen jahrelang vorhalten, müssen tiefere Ursachen haben. Und zwangsläufig ein Thema für Kultur-Journalisten sein. Oder doch nicht? Überlegungen anhand des Pop-Phänomens Christina Stürmer.

Wenn man Andy Warhol nachschlägt, um sich des Zeitpunkts und der Hintergründe seines Verdikts „In the future, everyone will be famous for 15 minutes“ zu vergewissern, stößt man rasch auch auf einen weiteren Satz aus dem Mund des legendären Pop Art-Ideologen: „Die Ästhetik unserer Tage heißt Erfolg“. Womit wir schon beim Thema wären. Die Warhol’sche Gleichsetzung der Begriffe impliziert, dass ästhetische Qualitäten und Kriterien – benennen wir sie ebenso großzügig wie generalistisch mit einem einzigen Wort: Kunst – auch quantifizierbar, also zähl- und messbar sind. Was aber bedeutet Erfolg, in Zahlen gegossen? Und was darüber hinaus?

Die folgende (Zwischen-)Bilanz lässt sich unter diesem Stichwort verbuchen. Zweifelsohne. Es ist die Erfolgsbilanz von Christina Stürmer. Zunächst, gerade mal vier Jahre ist das her, war da ein vermeintlicher Fehlstart mit einem zweiten Platz in der ersten Staffel von „Starmania“, dem ORF-TV-Wettsingen nach internationalem Format-Vorbild. Rasch gerät aber der Sieger ins Hintertreffen. Anno 2003 verkauft Stürmers Debut-Albums „Freier Fall“ mehr als 100.000 verkaufte Exemplare. Zwei Hit-Singles („Ich lebe“, „Mama Ana Ahabak“) rangieren jeweils je 9 Wochen lang an der Spitze der österreichischen Charts. 2004 dann das zweite Album „Soll das wirklich alles sein“, das noch erfolgreicher ist. Geschlagen wird es von „Schwarz Weiss“, einer extra für den Nachbarmarkt kompilierten Zusammenstellung der probatesten Songs. Das im Juni 2005 veröffentlichte Werk erreicht Platz drei der deutschen Hitparade, hält sich mehr als ein Jahr in den Top 20 und verkauft Doppel-Platin, sprich: mehr als 400.000 Exemplare. Nach dem „Amadeus“ geht auch eine „Echo“-Trophäe an den Shooting Star. Im April 2006 folgt die neue Single „Nie genug“, die umgehend die Spitze der heimischen Charts einnimmt. Im September 2006 erscheint endlich das dritte Album „Lebe lauter“ zeitgleich in Österreich, Deutschland und der Schweiz. Es belegt da wie dort auf Anhieb Platz eins der Charts, in der Schweiz Platz sechs. Das Konzert zur Release-Party wird vom Mobilfunkunternehmen 3 live auf UMTS-Handys übertragen, die erste derartige Aktion in Österreich. Werbeverträge für 3, Eskimo, McDonalds und andere Unternehmen machen die Künstlerin und ihre Band im Herbst und Winter förmlich omnipräsent. Ö3 spielt im Durchschnitt zweimal täglich einen Song aus „Lebe lauter“ oder den Vorgänger-Alben. Zwischendurch erschien ein Live-Unplugged-Album („Laut-los“), das ein wenig nach Ratlosigkeit und Lückenbüßerei klang. Es kletterte in Österreich trotzdem umgehend an die Spitze der Charts. Das Management wurde ausgewechselt, ein Fußball-EM-Song veröffentlicht, der Schwerpunkt der Möglichkeiten und Aktivitäten liegt seitdem wohl in Deutschland. Im April 2009 folgt nun das lang erwartete fünfte Album „In dieser Stadt“. Um es zu promoten, tourt man – sic! – durch 33 Städte. Aber das soll erst der Auftakt sein zu einem mittelgroßen Comeback. Ein Comeback eines Stars, der eigentlich niemals merklich matter strahlte.

Soweit eine erste Bilanz. Beeindruckend, in der Tat. Seit Falco selig hat Österreich kein Pop-Phänomen mehr erlebt, das in vergleichbare Größenordnungen fällt (sieht man eventuell von den Club-Heroen Kruder & Dorfmeister oder der Verdunkelungs-Poetin Soap&Skin ab, die zwar faktisch Weltgeltung erlangt haben, für ein breites Publikum aber exotische Nachtschattengewächse blieben). Nur Peter Alexander und Udo Jürgens rangieren vor ihr in der deutschen Charts-Historie. Christina Stürmer nimmt heute, das hat auch der vormalige Austropop-Kaiser Wolfgang Ambros erkannt, den Thron ein im lokalen Musikgeschäft. Einen wahrhaft güldenen Thron. Das Wirtschaftsmagazin „Format“ errechnete flink einen Millionen-Euro-Umsatz. „News“ zählt sie zu den wichtigsten Österreichern (wie auch die gleichnamige Tageszeitung), wichtiger gar als der Bundespräsident. Für Stürmers Plattenfirma Universal Music ist sie der beste Garant, auch weiterhin in heimische Nachwuchs-Künstler investieren zu können. Die Branche huldigt unisono der androgyn-mädchenhaften Ex-Buchhändlerin aus Oberösterreich.

Nun gibt es aber auf dem Planeten Pop nicht nur eine Temperatur, die mit Celsius-Graden exakt zu bemessen ist, sondern auch eine gefühlte Temperatur. Diese müssen nicht übereinstimmen. Meine Gefühle für Christina Stürmer zum Beispiel haben sich beim Ziehen obiger Bilanz nicht erwärmt. Im Gegenteil. Statistik und Wahrnehmung klaffen auseinander. Eklatant. Natürlich ist Christl, wie sie hierzulande nach wie vor genannt wird (in Deutschland ist ihr Publikum älter, konservativer, Schlager-affiner), nicht nur höchst erfolgreich, sondern auch höchst sympathisch. Authentisch. Meinetwegen auch stilprägend. Ein Sprachrohr für ihre Generation. Oder sonstwas. Aber sie sagt und gibt mir – nichts.

Gut, ich zähle gewiss nicht zur Zielgruppe. Ich bin dafür zu alt. Zu abgeklärt. Zu skeptisch, generell. Jemandem, der mit Neil Young, Patti Smith, The Clash und Fehlfarben kulturell soziologisiert wurde, die Stürmerin als das Non-Plus-Ultra der Musikhistorie anzudienen, und sei es auch nur der lokalen (da seien Chuzpe & Co. vor!), muss zwangsläufig scheitern. Aber darum geht es auch nicht. Geschmack ist etwas höchst Subjektives, Privates. Sieht man von jener Handvoll ab, die professionell ihr Innerstes nach Außen kehren müssen, weil sie davon leben: Künstler. Und ihre Kritiker. Kultur-Journalisten.

Nun, wir alle kennen das Phänomen der Kritiker-Lieblinge, die genau dies sind und bleiben – Papiertiger, die im Alltag oft nur eine marginale Rolle spielen. Christina Stürmer ist das Gegenteil davon.

Damit komme ich allmählich zum Punkt: Wie steht es um Alltags-Größen, die auf dem Papier nicht stattfinden? Sprich: in den wichtigsten Blättern des Landes grade mal für ein paar Zeilen am Rande gut sind? Hier stimmt doch etwas nicht. Und zwar grundsätzlich. Ich habe mir die Arbeit gemacht und nachgeblättert, wie Christina Stürmer lange Jahre im hiesigen Feuilleton wahrgenommen wurde. Um es kurz zu fassen: (fast) gar nicht. Das letzte reguläre Album „Lebe Lauter“ z.B. war nirgendwo und nirgendwem (!) eine ausführliche Kritik wert. Im Archiv und im Internet findet man schon einiges, von den Regenbogen-Presse-G’schichtln, Pressetext-Copy-&-Paste-Textblöcken und Werbepartner-Propaganda-Verlautbarungen mal abgesehen. Aber es sind fast ausschließlich deutsche Medien, die sich der Mühe der Reflektion hingaben – vom „Stern“ über „Laut“ bis zu „CDstarts.de“. Fast durchwegs resümiert man das Hörerlebnis mit zurückhaltender Sympathie, nach dem Motto: Weh tun oder stören tut diese Musik nun mal nicht.

Das angebliche (und per Erfolgsbilanz festgeschriebene) Ausnahme-Phänomen Stürmer erhellt derlei Journalismus aber auch nicht. Im Seichten kann man nicht ertrinken, gewiss, aber das Ausloten von Tiefen und Untiefen ist der eigentliche Job. Wenn das Objekt der Betrachtung vom Standard als Verkaufsmaskottchen für Nudelgerichte und Klingeltöne geschmäht wird, mag das Seelen-Balsam für jene sein, die den Dauerbeschuss mit Christl-TV- und Radio-Spots nicht mehr ertragen. Aber die Ratlosigkeit und Unlust der hiesigen Journaille, sich ernsthaft mit Stürmer als Künstlerin, die sich merkbar vom Retorten-Dasein als „Starmania“-Schöpfung und Interpretin vorgeschriebener Fast Food-Melodien und -Texte zu emanzipieren versucht, auseinanderzusetzen, wäre eigener Nachforschung wert. Das rasche Abwinken von Kollegen, bietet man einen einschlägigen Text an, spricht Bände. Stürmer? Eventuell etwas für das Seitenblicke Magazin. Den Rennbahn Express. Oder Bravo. Hierorts verschwende man keine Zeile für etwas, dem a priori keinerlei Werthaltigkeit zu konstatieren ist. Signifikanz? Phänomenologie? Status Quo der Jugendkultur? Masse & Macht? Eventuell auch nur biedere, aber pflichteifrige und zielgruppenkonforme Berichterstattung? Ach wo. Pure Zeilen- und Zeitverschwendung.

Nun hätte ich, als eilfertiger Querkopf im engen Spannungsfeld zwischen Business, Popkultur und Medien, schon längst zum Flammenschwert gegriffen, sprich: zur Tastatur meines Computers. Einerseits, um ein Plädoyer für den – Contradictio in Adjecto – verschmähten Superstar zu schreiben, und andererseits die p.t. Kolleginnen und Kollegen zu rüffeln. Und es war mir, zugegeben, ein Anliegen, jene ausführliche CD-Kritik nachzuliefern, die ich selbst über Wochen und Monate und Jahre hinweg vermisst habe („Lebe lauter“ erschien, wie gesagt, im September 2006). Wenn schon mit Verspätung, dann ordentlich. In jeder Hinsicht. Und ohne Rücksicht auf schiefe Blicke und scheele Ansagen.

Allein: Der gute Vorsatz lässt sich nicht recht in stimmige Zeilen verwandeln. Eigentlich ganz und gar nicht. Ich höre das erwähnte Opus nun seit Stunden am Stück. Ja, das Album ist schon in Ordnung. Nett. Und adrett. Voll mit quasi-coolen Quasi-Rocksongs, mal himmelhoch jauchzend, mal zu Tode betrübt. Betroffenheits-Hymnen, Wodka-Red Bull-Wahrheiten, Feuerzeug-Balladen. Symptomatisch sympathisch. Eventuell optimal für nichtssagende und nichtswollende Zeiten, Medien, Konsumenten. Meinem Geschmack nach jedenfalls. Gewiss nicht besser und nicht schlechter als die Miaheldenzweiraumzweitfraujulisilbermond-Konkurrenz. Solides Kunsthandwerk. That’s it. Ich verstehe diese exorbitante Erfolgsstory nicht, oder nicht mehr, oder auch nicht nicht mehr. Ein Offenbarungseid? Eventuell gar die intellektuelle Niederkunft nach Ambros? Mir fällt zu Christina Stürmer nichts ein. Beim besten Willen nicht.

Die Lust und der Drang, auch noch das pressfrische Nachfolge-Album „In dieser Stadt“ zu hören, war nach diesem Selbstversuch merklich gemildert. Immerhin, sagte mir das Beiblatt zur Promo-CD („Mit Wasserzeichen! Nicht kopieren!“), ist da jetzt der Wunsch realisiert, nicht immer nur von fremden Copyrights und deutschen Fließband-Autoren abhängig zu sein. Es ist die eigene Band samt Freund, die zum Zug kommt. Nicht immer, aber immer öfter. Von Christina Stürmer herself, was Texte und/oder Musik angeht, aber nachwievor kein Pieps. „Das können wir sein“, „Ist mir egal“, „Tanz ohne Musik“, „Niemals hoffnungslos“... Skip. Skip. Skip. Stop. STOP! Sie werden das alles noch auf Ö3 zu hören bekommen. Ob Sie wollen oder nicht. Bis zum Abwinken. „Ist mir egal / es interessiert mich nicht / völlig egal / ob euer Falsch mein Richtig ist ...“. Na dann. Mich bringt auch dieses vorgeblich reifere Opus keinen Schritt weiter. Ich könnte obigen Befund via Copy & Paste einfach übernehmen. Meine Ratlosigeit ist redlich. Mir fällt zu Christina Stürmer nichts ein. Eine ebenso befreiende wie banale wie grausame Erkenntnis. Insofern bitte ich um Pardon. Die Leser. Die Künstlerin. Aber auch die Kollegen vom Feuilleton. Eventuell hatte Andy Warhol doch recht: Der Erfolg an sich ist schon die Kunst.

P.S. Zu Oliver und dem namentlich schon wieder entfallenen Rest der letzten „Starmania“-Staffel fällt mir schon gar nichts ein.

Tags:

  • Fotos: Ben Wolf
  • Issue: 03
  • Keywords: Music