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New Rave

Noch vor einem Jahrzehnt gehörte Wien zu den Hotspots der internationalen Elektronikmusik. Egal ob London, New York oder Berlin: „Vienna Sounds“ zählten zum Fixinventar jedes Virgin Megastore. Doch seither hat sich viel getan – nicht immer zum Besten der einschlägigen Künstler. Heinrich Deisl blickt zurück auf die goldenen Jahre der Melange-Sounds und liefert ein kleines ABC der „neuen“ österreichischen Elektronikszene.

Pulsierdende Stadt: neue Technoproduktionen aus Wien

Technomusik aus Wien? Mittlerweile angeschlossen an die internationale Partykultur, war und ist die Stadt ein hartes Pflaster. Noch vor ein paar Jahren fand man in Plattenläden Fächer mit der Aufschrift „Vienna Sounds“ oder so ähnlich. Darin war eine seltsame Mischung zusammengepfercht aus kruder Experimentalelektronik und Lounge-, beziehungsweise, wie man in Wien sagen würde, Melange-Sound. Und seitdem? Wien hat noch immer kein ernstzunehmendes Elektronikmusik-Festival, Nachwuchsförderung hinkt trotz aller Vernetzung nach. Ein wuselnder, hochqualitativer Underground, von dem der Mainstream noch nicht mal eine Ahnung hat. Zeit also für eine aktuelle Standortbestimmung. In da mix: DJ Irradiation, das „~temp“-Festival, der Club Sass, das Veranstalterkollektiv Crunchtime, das Produzentenduo The 24Seven und Cheap-Chef Erdem Tunakan.

Flashback Vienna Electronica

Ende der 1990er konnte sich Wien auf den internationalen Elektronikmusik-Landkarten positionieren. Via medialem Interesse von Außerhalb wurde man dann auch in der Stadt darauf aufmerksam, dass sich hier so einiges tat. Schnell war ein Labeling namens „Vienna Electronica“ gefunden, um so divergierende Zugänge wie die von den Labels mego, Sabotage oder G-Stone unter einen Hut zu bringen. Zugehörig fühlte sich diesem Labeling – wie könnte es anders sein – so gut wie niemand. Immerhin trug diese griffig-mediale Vermansche dazu bei, dass es normal wurde, aus Wien zu sein und elektronische Musik zu produzieren oder aufzulegen. Bands und DJs wie Kruder/Dorfmeister, Pulsinger/Tunakan, Fennesz, Electric Indigo, Rehberg/Bauer, Curd Duca oder Alois Huber konnten in der Folge international reüssieren. Die beiden phonoTAKTIK-Festivals, 1995 und 1999 abgehalten, gelten weiterhin als Konstituierungsmomente einer wie auch immer gearteten Wiener Elektronikszene. Mit der Bar rhiz fand diese ab 1998 eine ihrer Fixstätten.

Diese Blase rund um die „Vienna Electronica“ ging ab circa 2002 einem schleichenden Ende zu. Das Ende des Online-Vertrieb mdos 2005 und vor allem der Konkurs des für die heimische Szene sehr wichtigen Vertriebs Soul Seduction 2008 machten eine tiefgreifende Umstrukturierung der Wiener Partylandschaft deutlich.

Einige Konstanten sind geblieben: Wien hat eines der strengsten Veranstaltungsgesetze Europas. Was ja an sich begrüßenswert ist. Aber: Wie schon in Zeiten der „Vienna Electronica“, sind weiterhin politischer Unwille und Ignoranz öffentlich-rechtlicher Medien der hiesigen Elektronikmusikproduktion gegenüber auszumachen. Aus vermeintlich ökonomischen Interessen scheuen sie wie der Teufel das Weihwasser, österreichische Musik zu spielen und ernst zu nehmen. Eigentlich kein Wunder, dass es Wien bis auf Interessenbekundungen nicht schafft, ein Festival von internationaler Relevanz auf die Beine zu stellen. Mit dem Internet haben sich Klein- und Kleinstlabels Marktstrukturen aufbauen können, die die Major-Anbieter schlicht ausbremsen. Es sind weiterhin die hart an der professionellen Selbstausbeutung dahinschrammenden Kreativen, die dafür sorgen, dass sich etwas tut in der Stadt. Wenn Musiker von hier vom Ausland den Stempel mit „Bestanden“ bekommen, werden sie eingemeindet, und wir haben dann schon immer gewusst, dass wir wer sind. Warum ist das bloß so? An der Qualität liegt es unter Garantie nicht. Deshalb hier ein paar Anstöße, dem vibrierenden Sound der Stadt zu lauschen und sich läs¬sige Nächte um die Ohren zu schlagen.

Musikstandort Wien

An dieser Stelle gibt es keine Exegese über aktuelle Tendenzen in der Elektronikmusikszene Wiens. Stattdessen wird ein spotlightartiger, aus Interviewpassagen montierter Ausschnitt mit Schwerpunkt Techno (im weitesten Sinn) mit Überschneidungen zu House, Dubstep und Electronica durchleuchtet. Dass dieser Ausschnitt keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben kann, liegt in der Natur der Sache.

The 24Seven Szeneveteranen, die es vorziehen, ihre „Visagen nicht in Magazinen abgebildet“ zu sehen. Ein Produzentenduo im klassischen Sinn, Musikwerker in den eigenen vier Wänden. Ihre Kollaborationen reichen von Louie Austen über Violetta Parisini bis zur Punk-Ikone Ronnie Urini.

Crunchtime Veranstalterkollektiv mit stark internationaler Ausrichtung. 2005 wurden die ersten Parties abgehalten, kurz später eine Firma gegründet. Die multimediale Plattform wird von Christian „Cee“ Schwanz und Stefan Mörth aka DJ Stereotyp betrieben, mit dabei u.a.: Kubo, Al Haca, Dorian Concept, Fefe Talavera, Butterf ys& Bunnyrabbits, Brenk, Dubwise oder Arabyrd.

~temp Rec. Seit 2003 organisiert Patricia Enigl im Strombauamt in Greifenstein das „~temp“-Festival. Es kümmert sich vor allem um den heimischen Nachwuchs und genießt beste Credibility. Als DJ Irradiation Kollaborationen mit Mieze Medusa und Electric Indigo, veröffentlicht sie als Labelmanagerin von ~temp Rec. Musik von 550Rondy/Ca_tter, Cosmanova, Evirgen, Kelvin Raah oder Marcus Füreder. Seit 2005 findet monatlich die Club-/Liveveran¬staltung „~temperiert“ im rhiz statt.

Sass Wiener Club und seit Frühherbst 2009 auch Label. Von Stefan Schauppenlehner (Steve Sass) und Alfred Zacharias 2007 gegründet, engagierte Programmierung in recht chicem Ambiente. Geführt wird der Club neben Sass von Simon Birner (DJ Simonlebon) und Christian Konvicka (CrisCo). Tjumy Rec., eine DJ-Agentur und ein Tonstudio laufen ebenfalls über die Dachmarke Sass Mu¬sic. Releases von Larissa Kapp, Westpark Unit und Ken Hayakawa.

Erdem Tunakan Gründete 1993 gemeinsam mit Patrick Pul-singer Cheap Rec. Das Label hält bei mehr als 50 Vinylproduktionen, u.a. von Tin Man, Dez Williams und praktisch allen relevanten Wiener Musikern avancierter Elektronik (Christopher Just, Gerhard Potuznik, Philipp Quehenber¬ger). Eröffnet zusammen mit Christopher Schweiger Ende 2009 den Plattenladen Release. Elektronikmusiker und DJ der ersten Stunde.

Grundsätzliches

Stefan Mörth Crunchtime hat als reguläres Label begonnen, das wir sehr bald zu einer multimedialen Plattform mit Musik, Video und Graffiti ausgebaut haben. Die Idee war, ein Komplettsystem an internationalen Künstlern und deren Content anzubieten, auf das große Firmen zurückgreifen können. Crunchtime hat sich zu einer Art Geisteshaltung verselbständigt, mittlerweile finden auch in Frankreich oder Thailand Crunchtime-Parties statt.

The 24Seven Wir haben 24Seven-Rec. gründen müssen, um unseren Stuff veröffentlichen zu können. Am einfachsten ist, man macht alles selbst, innerhalb von einer Woche ist das erledigt.

Simon Birner Man muss mehrere Dinge machen, vom Auflegen und Produzieren allein kann man nicht leben. Die Auflagen von Tjumy und Sass bewegen sind bei den handelsüblichen 500 Stück. Vor fünf, sechs Jahren konnte man noch mehr als 1000 Stück verkaufen. Heutzutage sind Live-Konzerte und DJ-Sets eigentlich nur noch dazu da, um im Digitaldschungel der Internetplattformen nicht unterzugehen.

The 24Seven Im Technobereich muss man mindestens alle zwei Monate eine Maxi veröffentlichen, sonst ist man weg vom Fenster.

Patricia Enigl Ich mag Maschinen und bin ein ziemlicher Fan des digitalen Mediums. Aber ich habe den Verdacht, dass diejenigen, die ausschließlich digital veröffentlichen, sich nicht mehr wirklich bemühen und bei Kreativität, Produktion und Mastering sparen. Weil sie wissen, dass sie die Tracks einfach auf Online-Plattformen stellen können, wo keine Selektion mehr stattfindet wie bei Labels. Klar ist es nach wie vor Standard, mit Vinyl aufzulegen.

Erdem Tunakan Mittlerweile gibt es in Amerika Clubs, die so etwas Bescheuertes wie Laptop-DJs nicht mehr buchen.

Christian Schwanz Die Plattenlabels der Zukunft werden Telekommunikationsunternehmen sein. Große Handyfirmen generieren massenhaft Musikcontent für ihre Endgeräte. In den nächsten Jahren steht eine Symbiose aus Musiker und Medienmanager an, die aufeinander angewiesen sind. Als Konglomerat kann Crunchtime mit relativ wenig Aufwand für profitorientierte Firmen den entsprechenden Lifestyle generieren.

DJing. Download. Dumping: Arbeitbedingungen

The 24Seven Heutzutage produziert man für Download-Stores, für den österreichischen Markt alleine zu arbeiten, hat überhaupt keinen Sinn. Ich lege vergleichsweise nur noch selten auf, da sitze ich lieber im Studio und produziere. Wenn man wie ich eine 90er-Jahre-Club-Sozialisation hat, ist Fortgehen in Wien oft nicht besonders ersprießlich. In Wirklichkeit ist es total uninteressant, DJ zu sein, weil sich jeder zweite dahergelaufene Musikkonsument so nennt.

Stefan Schauppenlehner Am Anfang konnten wir uns vor Auflege-Anfragen fürs Sass gar nicht retten. Wir haben Mails von Leuten bekommen, bei denen man sich echt gefragt hat, warum sie überhaupt schreiben. Sie hatten nicht mal einen Dunst davon, was im Sass los ist und wofür es steht. Mittlerweile hat sich das gut eingependelt, wir arbeiten vor allem mit DJ-Booking-Agenturen. Spannenderweise halten sich die Anfragen österreichischer und Wiener Agenturen sehr in Grenzen.

Erdem Tunakan Egal, ob die Vinylverkäufe eingebrochen sind: Cheap war immer ein Vinyllabel und wird es immer sein. Die Downloads sind nach wie vor lächerlich. Dieser Download-Dschungel entspricht einfach nicht unserer Label-Philosophie. Denn die Idee war schon, dass man etwas dafür tun muss, um einen Tonträger von uns zu bekommen.

The 24Seven Vor zehn Jahren hätte man sich den Gegenwert der Produktionsumgebung eines Laptops nicht leisten können. Für Werbekampagnen hätte man wahrscheinlich einen fünfstelligen Betrag bei einer PR-Agentur abzuliefern gehabt. Kann schon sein, dass die Agenturen deshalb in der Krise stecken, weil man heute alles selber machen kann. Aber die einzige Krise des Musikers ist, wenn ihm nichts einfällt.

Patricia Enigl Bei ~temp ist das Festival der Überbau, eine Netzwerkplattform, um vor allem heimische Elektronikmusik darzustellen. Gute Qualität gibt es, aber die Wahrnehmung schien mir verschoben, nach dem Motto: Schauen wir, was draußen passiert, aber nicht, was hier passiert. Viele MusikerInnen und DJs haben am ~temp-Festival zum ersten Mal gespielt. Generell hat sich die Musiklandschaft sehr zu Gunsten von Genre-Vertrieben verändert.

The 24Seven Die Tantiemenabrechnung funktioniert im DJ- Sektor nach wie vor nicht. Es gibt ja schon Tools, bei denen der Player die Daten des gespielten Tracks ausgibt und an die Rechteverwertung weiterleitet. Dadurch bekommen Club-Nummern Tantiemen, die sie vorher durch Pauschalen nie gesehen haben. Das wäre für kleine Labels sehr relevant. Darin sehe ich einen großen Vorteil, DJing komplett auf Digitalität umzustellen. Andererseits, wenn mir etwas gefällt, kaufe ich Vinyl, keine Frage. Aber da sind wir hinsichtlich des Markts eben echt old skool.

Simon Birner In Wien ist musikalisch sehr viel los, aber für mein Verständnis spielen die Wiener Party-DJs zuviel vom Gleichen. Die DJs trauen sich nichts mehr oder werden vom Publikum dazu gedrängt, bestimmte Dinge nicht mehr zu spielen. Mir kommt vor, dass Viele auf eine Art von Sound konditioniert sind. Wie sollte es sonst möglich sein, dass Minimal-Techno noch immer so regen Zulauf hat, obwohl es schon längstens durch ist.

Erdem Tunakan Livespielen und Auflegen sind stark rückgängig, weil die Veranstalter selbst einschlägiger Locations kein Geld haben. Es ist nicht wie in den 20er und 30er Jahren: Je beschissener es den Leuten ging, desto mehr Party haben sie gemacht. Weil heute jeder einen Computer hat, sitzt man den ganzen Abend bei „Facebook“ oder „myspace“ und kann oder will sich die zwei Bier nicht leisten. Dieser Eigennutz geht natürlich zum Veranstalter weiter. So ist es vor allem für junge Bands schwierig, weil sie sich in diesem Stadium praktisch ausschließlich über Live-Gigs bekannt machen können.

Patricia Enigl Ich glaube, dass in Wien die Masse an Fortgehwilligen nur sehr schwer zu bewegen ist. Das unterscheidet Wien von Berlin, mir kommt die dortige Partykultur wesentlich neugieriger vor. Ich würde mir oft ein etwas flexibleres Publikum wünschen, das sich neue Orte ansieht, ohne dass dafür eine riesige Werbemaschinerie anlaufen muss.

Stefan Schauppenlehner Als eine Tendenz beim Wiener Partypublikum ist festzustellen, dass man da hingeht, wo viel los ist, um in die Masse abzutauchen. Als vergleichsweise kleiner Club ist es im Sass teilweise schon recht intim. Die Situation ist paradox: Je größer der Club, desto höhere Preise akzeptiert das Publikum. Wenn der Club klein ist, muss alles extra billig sein. Wie soll man aber hinsichtlich Soundanlage, Ambiente und mit weniger Leuten die selbe Qualität liefern wie ein großer? Bei einem schönen Booking kann sich nur ein Nullsummenspiel ausgehen.

The 24Seven Es gibt einen eigenen Bereich von Leuten und DJs, die stolz darauf sind, ihre Festplatten mit Tracks voll zu haben, für die sie nichts bezahlt haben.

Erdem Tunakan Denken die Leute wirklich, sie könnten sich alles gratis ziehen, während Labels und Künstler weitermachen, als wäre nichts passiert? Das ist bloß Speicherplatzvernichtung und hat mit Musik genau nichts zu tun.

Wahrnehmung/en

Patricia Enigl Frauen überlegen sich vergleichsweise viel länger, was sie tun, bevor sie in die Öffentlichkeit gehen. Jungs machen oft auf kumpelhaft und bekommen dann beim Auflegen nicht einmal einen geraden Übergang hin. 
Es wird noch immer als Sonderform angesehen, dass es Frauen gibt, die elektronische Musik machen. Solange die Verhältnisse nicht egalisiert sind, ist es wichtig, sie zu thematisieren. Die Bezeichnung DJane – statt einfach nur DJ – finde ich zum Kotzen. Sie wird dazu missbraucht, eine Veranstaltung zu behübschen oder eine Quote zu erfüllen. Wie überall, braucht es auch bei weiblichen DJs Role Models. Deshalb bin ich froh, dass gerade Wien Gründungs- und Standort der von DJ Electric Indigo initiierten internationalen Plattform Female Pressure ist. Female Pressure ist eines der Dinge, die Wien einzigartig machen.

Stefan Mörth Der deutsche Markt interessiert sich Nüsse für den österreichischen. Die junge Wiener urbane Gesellschaft nimmt sich selbst nicht wahr, es gibt keine Kultur dafür. Die Identitätsproblematik speist sich aus dem nach wie vor existenten, monarchistischen System. Immerhin hat der Wiener extremen Sarkasmus und Ironie. Aber das lässt sich nur schwer mit dem Musikgeschäft kombinieren.

Patricia Enigl Es findet auf jeden Fall eine bessere Vernetzung als noch vor einigen Jahren statt. Ich finde allerdings, dass man in Österreich sehr isoliert ist. Es ist toll, dass es FM4 gibt. Indes, um dort oder gar bei größeren Medien Airplay zu bekommen, muss man sehr lange am Ball bleiben.

The 24Seven Ende der Neunziger Jahre war mit der „Vienna Electronica“ zwar das mediale Interesse größer, aber Wien hatte immer schon einen recht guten Output. Wenn man heutzutage mit Laptop produziert, ist es sowieso egal, wo man sich befindet. Ich sehe überhaupt nicht, dass die Stadt die Nähe zu Osteuropa nutzt. Wien ist halt noch immer sehr kakanisch.

Patricia Enigl In Wien kann man Netzwerken genauso erfahren wie „Süppchen kochen“. Rein spekulativ formuliert: Wien ist gerade groß genug, um viele kleine unterschiedliche Szenen hervorzubringen. Umgekehrt ist es zu provinziell, um etwas Größeres daraus zu machen. Mir kommt vor, dass die Meisten recht genaue Vorstellungen haben, wie ihre Parties aussehen sollen und aber ziemlich unflexibel sind, mit anderen zusammenzuarbeiten. Kollaborationen werden dann eher als Beschneidung denn als Bereicherung gesehen.

Erdem Tunakan Der Plattenladen Release hat als Schwerpunkt Vinyl, besonders aus England und aus Detroit. In Download-Megastore-Zeiten muss man mit einen spezialisierten Vinylladen ein Zeichen setzen. Ein Plattenladen ist ja auch ein sozialer Ort, das das ist das große Plus gegenüber den Online-Stores. Es geht um persönlichen Austausch. Ich freue mich einfach mehr über die 150 Vinyls, die in Österreich unterkommen als auf die Rechnung, die ich dann stellen darf.

Christian Konvicka Als Betreiber des Soundlab-Labels war auch ich von der Soul-Seduction-Pleite betroffen. Man hat definitiv gemerkt, dass da etwas weggebrochen ist, denn es gibt hier sonst keine Vertriebsmöglichkeiten für Techno- und House-Produktionen. Mit dem Label Tjumy waren wir dadurch ebenfalls unter Zugzwang. Mittlerweile sind wir eine kleine Nummer beim deutschen Vertrieb Discomania.

Patricia Enigl Die vielen leer stehenden Gebäude werden nicht bereitgestellt oder wenn, dann nur kurzfristig oder die Veranstaltungsgenehmigung ist nicht geklärt. Gut wäre, einen Gebäudekomplex zur Verfügung gestellt zu bekommen, um eine zentrale Anlaufstelle für Festivals oder permanente Bespielung einzurichten. In Wien braucht es nur ein, zwei Anrainer, die sich beschweren, und statt nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen, wird die Veranstaltung abgesetzt. Man stelle sich Derartiges in Barcelona mit dem »Sónar« vor. Das bremst einfach.

Christian Konvicka In Deutschland sagen dir die Leute klipp und klar, was Sache ist. Dort dealen die Labels und Vertriebe die ganze Zeit miteinander. Das passiert hier nicht. In den Nachwuchs wird ebenfalls nicht investiert. Kein Wunder also, dass die Insolvenz von Soul Seduction passierte. Für mich war das ein Symptom für die Wiener Musiklandschaft. Als wir Tjumy gegründet und Newsletter rausgeschickt haben, bekamen wir von G-Stone ein Retour-Mail mit „unsubscribe“. Das ist eine Respektfrage. Die Großen müssen schlicht danach trachten, die Neuen zu unterstützen, weil sie nur so weiterexistieren können.

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