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So zu leben macht mich glücklich

„Ich selbst trage niemals Tracht.“ Im Schrank der international bekannten Trachtenavantgardistin Susanne Bisovsky hängt ungebraucht das einzig eigene Dirndl-kleid, aus schwarzem Stoff mit einer Bordüre aus Strass am Ausschnitt.

In ihrer Arbeit als Modeschaffende beschäftigt sich Susanne Bisovsky ausschließlich mit tradierter Bekleidung und deren Transfer durch Neudeutung in einen zeitgemäßen Kontext – einzigartig und bestechend durchgängig. Mit Erfolg spannt sie den Bogen von Tracht über den Style des Wiener Chic zu aufregender Avantgarde. Im Haus werden exklusive Kollektionen und Modelle in kleiner Stückzahl gefertigt.

„Das schwarze Dirndlkleid,“ sagt sie, „ist ein Geschenk gewesen, und noch ungetragen. Packt mich der Übermut, ziehe ich es heute zum ersten Mal an.“ Spannend, ja! Landhausmode, Trachtenlook, Folklorekönigin – Begriffe, bei denen Susanne Bisovsky unwillig ihr Gesicht verzieht. Sie passen nicht zu ihr. Die vorwiegend in Schwarz gekleidete Designerin mit dem schönen, klaren Gesicht, die dunklen Haare mit einem Tuch gebunden, sitzt in ihrer optisch konsequent durchinszenierten Küche und weiß ganz genau, wo sie nicht positioniert werden will. Sich selbst treu, und radikal in ihrer Arbeit, verfolgt sie seit Jahren eine sehr anspruchsvolle Konzeption von Tracht. Ihre Handschrift ist unverkennbar. Bisovsky geht es um das Andere. Um das Gedächtnis der Tracht und das Erzählen von textilen Geschichten, um die Dekodierung der trachtenimmanenten Symbolik und die Spannung beim Bruch von traditionellen Vorgaben, um die Zärtlichkeit im Umgang mit Materialien und die hohe Kunst der Kleidermacherei, die Schaffung der in sich beständigen Form. Sie steht auf und kommt wieder mit einem stoffenen Täschchen aus ihrer Mädchenzeit. Ein Muster aus kleinen roten Rosen ist auf schwarzen Grund gestreut. „Das war der Urknall, ab da hat mich das Motiv der Rose als das stärkste Thema in meiner Arbeit nicht mehr losgelassen. Und ich höre nicht auf, nach der für Österreich typischen Gewandform zu suchen.“

Wer nun gerade dabei ist, Susanne Bisovsky in das Eck der schrägen Trachtenschneiderin zu schieben, liegt genau falsch. Es genügt der Blick auf die Referenzen. Da werden Helmut Lang, JC Castelbajac und Kathleen Madden gelistet, Swarovski, Sportalm Kitzbühel und Austrian Embroideries. Es genügt der Blick auf den Zauber, die Eleganz und die handwerkliche Meisterschaft ihrer Stücke und Kollektionen. Der Anspruch auf Einzigartigkeit und Haute Couture ist berechtigt.

Was die Behaftung des Themas Tracht angeht und die Gratwanderung zwischen Heimatideologie, Festspieltourismus und Älplertum, ist es Bisovsky gewohnt, Stellung zu beziehen. „Die Bedenken sind verständlich, aber ich halte es für sinnvoller, sich mit dem Thema sensibel auseinanderzusetzen als es bewältigt und weggeschoben zu wissen. Tracht ist nicht statisch. Und für Skeptische biete ich bewusst die Kurve über das Wiener Mädel an.“

Im Spiel mit der Kombination von vertrauten und ungewohnten, „ja sogar absurden Materialien, falls sie optisch stimmen“, bricht Susanne Bisovsky mit Lust und Akribie die landläufige Vorstellung von Tracht.

Das kann Latex sein, in das Stücke von Spitze getaucht werden, oder Fragmente von Biker-Kleidung. Da wird durchwegs ein aus Goldgarn gehäkeltes Tischdeckchen in ein T-Shirt verarbeitet, oder ein Oberteil aus porzellanweißen Mosaiksteinen in Wiener Rosenmuster gefertigt.

„Ich reise selten weit. Und nur dorthin, wo mich die Arbeit hinträgt.“ Am Wochenende wird also auf die Pirsch gegangen. Auf Flohmärkten, Bazaren, Auktionen und Trachtenbörsen findet Susanne Bisovsky die traditionsgebundenen Ingredienzien zu ihren Kollektionen. Da werden Sammlungen gesichtet, Versatzstücke selektiert, Ladenhüter geschnappt, Inhalte von Bauerntruhen sondiert. Die Betzel, ein rotes Häubchen, mag dabei sein, oder die Lust, ein Kopfputz aus Glaskugeln und Flitterwerk. „Ich weiß aus dem Bauch heraus, was ich brauche. Die jeweilige Bedeutsamkeit ist für mich sehr schnell entschlüsselbar.“ Dank Web 2.0 können die Reisen zur Ausweitung des Fundus auch in die Ferne gehen, nach Ungarn zum Beispiel, oder in die Schweiz. Unanstrengend und sehr ergiebig. So finden neue, aufregende Muster und Teile Einlass in die schöpferische Produktion, gemeinsam mit der spannenden Möglichkeit aus einer „fremden Heimat“ zu zitieren.

Und für die Exklusivherstellung der elementaren Rosenmuster-Stoffe hat sich in Italien eine Zusammenarbeit aufgetan. Wobei Bisovsky bedauert, dass das Arbeiten mit Rosenmustern von den „Jungen“ kopiert und strapaziert wird, und somit in die Beliebigkeit der Modetrends abzugleiten droht.

Die Designerin bleibt gerne in ihrem Wiener Altbau-Domizil – Lebensraum, Werkstatt und Salon in einem, klar strukturiert mit einer Mischung aus Sammlerstücken zu Trachtenkitsch, Rosenpatterns und Wiener Salon. Susanne Bisovsky und ihre Wohnung als der Inbegriff von Interieur sind voneinander nicht zu trennen. Wie in ihrer Arbeit werden Tradition und Eleganz durch ungewöhnliche Muster und Materialien virtuos konterkariert.

An den Wänden der Küche eine optische Orgie aus Dosen, Hüten und Bildern voller brennender Herzen. „Diese Wände sind wie eine beschützende Tapete“, die Designerin blickt liebevoll um sich, „und die Dosen machen mich zufrieden.“

Salon und Arbeitsraum atmen Wiener Chic und bergen den unermesslichen Hort an Materialien und eine furiose Ansammlung schönster Bisovsky-Kleider an Stangen, in Kästen, hinter Vorhängen. Das macht ordentlich Herzklopfen! Man hört regelrecht das Knistern der wertvollen Stoffe und ein Gef üster aus zärtlich-wilden Geschichten. Wie lebt es sich nun an einem Ort, der exakt das Corporate Design des Labels widerspiegelt? „Für mich ist es essentiell, von optisch relevanten Objekten umgeben zu sein. Ich brauche eigentlich Tag und Nacht den Zugriff zu den Dingen, mit denen ich arbeite. Die Dinge müssen zueinanderkommen!“

Voilà! An der Stange hängt ein verwegen gemusterter, ungarischer Hirtenstrumpf, der zu einem eleganten, hochhakigen Stiefel gefunden hat – ein Meisterstück von Partner und Co-Scout Joseph Gerger, seines Zeichens Schuh-Designer.

„Mit dem Wort Freizeit weiß ich kaum was anzufangen.“ Auch wenn das Dirndl um die Jahrhundertwende als Sommerfrischen-Mode Furore gemacht hat, geht Susanne Bisovsky nicht in Ferien. „Am liebsten“, überlegt sie, „arbeite ich. So vieles begeistert mich und nährt meine Leidenschaft an der Arbeit, wozu ein freier Tag? Ich will wohin gelangen, egal ob es einen Tag oder zwei Wochen

dafür braucht, und bleibe mit Hartnäckigkeit und Geduld an der Sache dran. Wenn ein gutes Kleid entsteht,“ ihre Augen strahlen, „ist es wie ein Rausch, wie eine Droge.“ Außer Frage auch die Verpflichtung dem Handwerk des Schneiderns gegenüber und der Kunst des Nähens. Eine Schneiderin bedient sich ja der Prinzipien des Auseinandernehmens und Zusammensetzens als Grundidee zur Herstellung von moderner Kleidung. Bisovsky zerlegt nicht nur und fügt neu zusammen, sondern strukturiert, drapiert, überschichtet und ergänzt kontinuierlich. Ihre Feinfühligkeit für Stoffe und Muster paart sich mit dem Wissen um die ausgefeilten Schnitt- und Nähtechniken für Trachtenbekleidung.

Die sympathische und erfrischend unprätentiöse Designerin geht quer durch den Salon zu ihrer Werkstatt und schnappt sich eine Schneiderpuppe. „Die Schneiderpuppe ist mein wichtigstes Utensil. Ich arbeite alle Entwürfe und Modelle über die Puppe, und vor dem Spiegel. Da dieses Procedere Neutralität im Hintergrund verlangt, trage ich schlichtes Schwarz. Eine Farbe, in der ich mich beruhigen kann.“

Kleiderwerk? Höchste Schneiderkunst? Poesie aus Stoff? „Was ich grundsätzlich in der Architektur sehe, sehe ich bei Susanne Bisovsky in der Kleidung“, schmeichelt ihr der Designer und Architekturprofessor Gregor Eichinger, und hat sie gemeinsam mit Joseph Gerger als temporäre Bauherren an die ETH Zürich geholt.

„In Wirklichkeit liebe ich ja den viktorianischen Stil.“ So würdevoll und romantisch. „Als Halbwüchsige, obwohl durchwegs mit einem Taschenfeitl´ in der Hosentasche, war ich Fan von Laura Ashley und Sarah Kay und den herzergreifend schönen Anziehpuppen auf Papier.“

Susanne Bisovsky zeigt das Dirndl nicht als ein vordergründig erotisches Kleidungsstück mit tiefem Ausschnitt und Hüftbetonung, sondern propagiert das Verhüllen und Bedecken – als Zeichen einer stillen Erotik und der Würde dem Körper gegenüber. „Ich nütze die Fläche der Haut, um sie zu bemustern, schaffe also eine andere, zweite Haut. Es wird mir gesagt, dass diese Teile hocherotisch sind, gerade weil sie alles zumachen.“

Dennoch tritt bei Bisovsky die Trägerin selbst zurück, die Persönlichkeit der Bekleidung dominiert. Von den einzelnen Modellen geht ein starker Zauber aus. Der Betrachter sieht die Stimmigkeit und Eleganz in der Kreation und spürt die Hingabe und das Herzblut der Designerin. Ein Gefühl von Vertrautheit und Sicherheit mag hochkommen, und die Erinnerung an „die romantische Vorstellung, in die Sommerfrische zu fahren und sich die gute Landluft mit der Kleidung überzustülpen.“

An der Tracht als gewachsene Kleidung fasziniert Susanne Bisovsky das Beständige, das Bedeutungsvolle, der Detailreichtum, die Haptik des Materials und der gezollte Respekt.

Die kleine, feine Pret-à-porter-Kollektion Mitgift, eine Spezialität des Hauses, wird diesen Vorgaben gerecht. Verbunden mit einer langen Entwicklungszeit erweitert sie sich über die Jahre und ist modisch unbelastet. „Bezeichnend sind die aufregenden Basics, an denen ich mich nicht sattsehen kann, und die so gut wie am ersten Tag sind.“ Die Kollektion wird in kleiner Serie erzeugt und ist in ausgewählten Stores in Wien und Graz erhältlich.

Susanne Bisovsky streicht sich ein Butterbrot. Und schaut wunderschön-verwegen aus in ihrem schwarzen Dirndlkleid. Wie sagt der italienische Modeschöpfer Roberto Capucci, ein Meister der Kleidung für spezielle Anlässe: „Dirndln sind schlichtweg perfekt.“


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