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Vom Feinsten

destilat nennt sich ein verschworenes Design-Kombinat, dessen Weg offensichtlich steil nach oben führt. Davon konnte man sich erst kürzlich bei der Vienna Design Week und bei der Designmesse Blickfang überzeugen.

destilat (nicht Destillat) besteht seit rund drei Jahren, oder, um genauer zu sein, seit rund drei Jahren ist das dreiköpfige Team aktiv damit beschäftigt, sich in der großen weiten Welt des Designs zu etablieren. Die Idee, miteinander kreativ zu arbeiten, ist nicht neu, es dauerte aber eine Weile, bis sie sich konkretisierte. Thomas Neuber, der Marketing-Spezialist von destilat, stammt ursprünglich aus Linz, wo er auch seine beiden Partner, Harald Hatschenberger und Henning Weimer (der wiederum seinerseits gebürtiger Kölner ist) kennen gelernt hat. Wenn man mit Thomas Neuber über destilat spricht, merkt man, wie flüssig ihm die Worte über die Lippen kommen. Das mag natürlich zum einen daran liegen, dass er seit vielen Jahren im Marketing-Bereich tätig ist, vor allem aber beflügeln ihn der Enthusiasmus und die Freude am Erreichten oder, besser gesagt, noch zu Erreichenden. Dass destilat erst unlängst bei departure, der von der Stadt Wien eingereichteten Förderstelle für Kreation und Innovation, mit seinen fast schon berühmten Spiegelkuben reüssierte, ist nur der aktuellste einer Reihe von ansehnlichen Erfolgen in der noch jungen Firmengeschichte. „Designbüros aus Wien, wie das von departure unterstütze Trio destilat, finden immer wieder innovative Ansätze und neue Lösungen für alle Lebensbereiche und gestalten so unseren Alltag. destilat versteht Design als Prozess und Interaktion, diesen Ansatz unterstützen wir von ganzem Herzen“, das zu betonen, ließ sich departure-Geschäftsführer Christoph Thun-Hohenstein in seinem Kommentar zur Juryentscheidung nicht nehmen.

Doch halt: Designbüro aus Wien? „Ja“, sagt Thomas Neuber, „es hat sich gezeigt, dass der Weg ins Business von Wien aus nun einmal leichter zu beschreiten ist als von Linz aus, und auch international punktet man als Wiener Agentur eher“. Das Wiener Büro bef ndet sich momentan noch in Neubers Naschmarkt-affinen Wohnung, die, wenn man sie betritt, auf charmante Weise, aber doch deutlich kundtut, dass sie einen Design-Aficonado beherbergt. Viel Weiß, mildes Cremefarben, zartes Grau sorgen für eine überaus angenehme Atmosphäre. An der Wand, nicht weiter verwunderlich, hängt das seltsame und seltsam aparte destilat-Nicht-Bücherregal kaos (siehe auch faq 01), das eher weniger Platz bietet als das durchschnittliche Regal eines schwedischen Fertigmöbel-Anbieters. Aber schön ist es, und neuerdings ist es auch in Weiß erhältlich. Man setzt sich an den Tisch, der beeindruckend groß und stabil ist, dabei aber nicht klobig wirkt. Der Tisch hört auf den schönen Namen 4 to the floor und wird „in Größe und Farbe selbstverständlich ganz den Wünschen und Erfordernissen des Kunden“ angepasst. Dass mit dem floor ist nicht von der Hand zu weisen, denn auf dem Eichenkorpus ist tatsächlich Linoleum aufgebracht, ein bekannt widerstandsfähiges Material, das bisher vor allem als Bodenbelag zum Einsatz kam. Das mag gewöhnungsbedürftig sein, ist aber erstens praktisch (völlig fugenfrei, gut abwaschbar) und zweitens, ja, schön. Und, so vermerkt Thomas Neuber, „es steckt kein einziges Stück Metall in diesem Tisch.“

Wer aber hat solche Ideen, und wer nennt Möbel und Einrichtungsgegenstände grandma, grandpa, aunty (alle aus der Serie der Spiegelkuben), sleepwork (ein ganz neuartiges System, das Arbeit und Privatleben im Sinne der immer stärker werdenden Verschmelzung von Home und Office organisiert) oder dry lake (ein Teppich, der in der Tat aussieht wie ein ausgetrockneter Salzsee)? „Alle diese Ideen stammen von Harald Hatschenberger. Er ist unser Kreativer. Wir diskutieren alle seine Einfälle, und jeder kann seine Einwände oder seine Anmerkungen einbringen, aber letztlich entscheidet er, wo es in Sachen Produkte langgeht.“ Hatschenbergers Wohnung in der Linzer Rudolfstraße („die ist wirklich groß“, so Thomas Neuber) befindet sich auch der Schauraum von destilat. Dort also kann man all die wundersamen Produkte bewundern, die seit gut eineinhalb Jahren auch durchaus für Rauschen im Blätterwald sorgen. „Ein Artikel im Standard Rondo hat das alles ins Rollen gebracht“, erinnert sich Neuber. „Seither, kann man sagen, sind wir in den Medien gut präsent“, meint er und stellt damit sein marketingtechnisches Geschick ein wenig unter den Scheffel. Präsent war destilat auch auf den beiden großen Design-Veranstaltungen in der Bundeshauptstadt, bei der Vienna Design Week und bei der Blickfang im MAK. „Das war natürlich toll für uns, denn so viele Interessierte erreicht man nicht leicht in so kurzer Zeit“.

In Wien laufen schließlich auch die Fäden zusammen: Einmal pro Woche treffen sich die drei Geschäftspartner hier zu einer strategischen Sitzung, „aber wir sind auch so per Handy und E-Mail ständig in Kontakt.“ Die Kompetenzen sind klar verteilt, so Neuber: „Das hat sich sehr bewährt. Harald ist für das Design verantwortlich und kümmert sich um die Herstellung der Produkte, Henning ist der Mann mit den guten Kontakten, der Firmen anschreibt und Aufträge an Land zieht, und ich bin für die betriebswirtschaftlichen Aspekte zuständig.“ Eine Studentin, angehende Architektin, hilft mit.

Wohin die Reise gehen soll, darüber ist man sich bei destilat einig. „Wir wollen natürlich unsere Produkte an den Mann und an die Frau bringen.“ Der Weg dorthin führt unweigerlich über führende Markenhersteller, die sich, so hofft man, für die innovativen destilat-Erzeugnisse begeistern lassen. „Wir sind viel unterwegs, bei Messen, bei Events, die für uns strategisch wichtig sind, wie zuletzt im April in Mailand. Das macht Spaß und ist zudem nützlich, denn man lernt viele Leute kennen und sieht auch, was die Konkurrenz so treibt. Und wir knüpfen gute Kontakte zu Produktverantwortlichen“, sagt Neuber, auch wenn er sich der Tatsache bewusst ist, „dass 27.000 andere Designer genau dasselbe Ziel verfolgen wie wir.“ Dem entsprechend langwierig und wenig nervenschonend sind die Prozesse, die die drei Männer dem großen Durchbruch näher bringen sollen. „Dabei ist uns aber klar, dass unsere Produkte sich im Moment noch nicht für die Massenfertigung eignen. Wir bewegen uns im oberen Preissegment, weil die Stücke derzeit praktisch alle Unikate sind. Das hat natürlich seinen Preis.“

Dennoch träumt man bei destilat natürlich den Traum aller jungen Designer, nämlich ein Produkt zu kreieren, dass von einem namhaften Partner dann in Serie hergestellt wird. Stichwort Anfertigung: Die aktuellen destilat-Produkte werden „selbstverständlich“ bei lokalen Herstellern in Oberösterreich angefertigt, die Lieferzeiten betragen branchenübliche vier bis acht Wochen. Der Tisch mit dem lustigen Namen etwa stammt aus einem Betrieb im Mühlviertel. „Natürlich muss man sich über solche Aspekte auch den Kopf zerbrechen. Wer auf Qualität großen Wert legt, kann bei der Herstellung keine Kompromisse eingehen.“ Keine Kompromisse gibt es auch beim öffentlichen Auftritt: Website, Prospekte, Katalog, alles ist vom Feinsten, gestaltet von keinem Geringeren als Herbert Winkler, dem legendären Ex-Mastermind der Design-Bibel Wallpaper, einem Freund Thomas Neubers aus Linzer Tagen.

Wie sieht es nun mit den Angeboten aus? Sie sind vielfältig. Büroeinrichtungen, Messestände, Innendesign, oder auch einen kompletten Umbau: Das alles kann man von destilat haben, so wie der Besitzer von drei Dachmaisonetten in Linz, der sich vor wenigen Jahren an das Trio wandte. Heute sind die drei Wohnungen zu einem überaus großzügigen, hellen und luftigen Wohnparadies zusammengelegt, hauptsächlich in Weiß und gedämpften Erdfarben gehalten, mit nur wenigen, aber umso kräftigeren Farbimpulsen, die von den Möbeln ausgehen. Daneben „wird die Produktpalette ständig erweitert“, erklärt Thomas Neuber. „wir sind da sehr offen.“ Verspiegelte Beistelltische standen am Anfang, bei denen man sich per Knopfdruck ein gehäkeltes Spitzendeckchen aus Licht zaubern kann. Der Name grandma erklärt sich daraus – Altes und Neues werden auf innovative Weise verschmolzen. „Diese Spiegelkuben sind wirklich einzigartig“, sagt Neuber. „Der Vorgang der Transformation ist uns sehr wichtig. Diese Tischchen sind schon am Tag sehr dekorativ, aber abends, wenn man das Licht einschaltet, kommen sie erst voll zur Geltung.“

Mit Spiegeln geht es auch demnächst weiter: Mit der Serie miroir werden die gemusterten Spiegelflächen nun auch badezimmertauglich, ja sogar ein Spiegelschränkchen à la Allibert steht auf dem Programm. Statt verspiegelt könnte man genauso gut aber verspielt sagen, denn auch der Humor kommt bei destilat nicht zu kurz. Nicht von ungefähr heißt es im Mission Statement des design-Kombinats: „Wir sind auf der Suche nach dem Innovativen, das uns vertraut erscheint, nach der Provokation, die uns berührt, nach dem funktionalen Ernst, der uns zum Lachen bringt.“ Was ist noch neu? Neuber verweist auf ohwall, ein faszinierendes, äußerst flexibles Wand- und Regalsystem, das derzeit bei einem großen deutschen Hersteller begutachtet wird. Und Harald Hatschenberger dürften die Ideen nicht so schnell ausgehen: Da gibt es snö, ein Fauteuil, das den Geist der Skandinavien-affinen Siebziger Jahre atmet, arachno, einen Couchtisch mit Spinnenbeinen, einen an Mies van der Rohe orientierten Barhocker, der genauso aussieht, wie er heißt (oder umgekehrt), nämlich rabbit, und dergleichen mehr.

Gründe genug also, warum man die Herren von destilat auf jeden Fall im Auge behalten sollte. Denn wenn man gerade keine Möbel braucht, kann man sich ja zum Beispiel immer noch seine Wohnung runderneuern lassen – auch nicht schlecht. Auf die Größe, so Thomas Neuber, kommt es dabei nicht an.


Tags:

  • Fotos: Manfred Lang
  • Issue: 05
  • Keywords: Design