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Der unsichtbare Feind

Text: Jörg Schiffauer Fotos: Archiv

Die Invasion im Irak geriet für die Vereinigten Staaten zum strategischen und moralischen Desaster. Hollywoods Aufarbeitung fällt entsprechend düster und pessimistisch aus.

Die Inszenierung hätte nicht medienwirksamer ausfallen können. Am 1. Mai 2003 landete George W. Bush mit einem Kampfjet an Bord des Flugzeugträgers USS Abraham Lincoln. In schnittiger Fliegermontur verkündete der Präsident mit seiner „Mission- Accomplished“-Rede knapp sechs Wochen, nachdem die US-geführte Koalition mit dem Einmarsch begonnen hatte, das Ende des zweiten Irak-Krieges. Aus rein militärischer Sicht war das vielleicht sogar richtig, war doch der Widerstand der regulären irakischen Streitkräfte rasch gebrochen worden und Erzfeind Saddam Hussein längst aus Bagdad gefüchtet und irgendwo untergetaucht. Doch beendet war damit natürlich noch gar nichts: Diverse irakische Widerstandsgruppen begannen sich zu formieren und mit ihrer Guerillataktik – insbesondere Bombenan-schlägen – für eine bis heute prekäre Sicherheitslage zu sorgen. Die Methoden, mit denen die US-Streitkräfte für Ruhe und Ordnung sorgen wollten – die Vorkommnisse im Gefängnis von Abu Ghraib bildeten da nur den unrühmlichen und bekanntesten Höhepunkt –, waren nicht gerade dazu angetan, die versprochene Freiheit und die Demokratie in den Herzen der Iraker nachhaltig zu verankern, die Bedrohung durch islamistischen Terror hat sich auch durch den Sturz Saddam Husseins keineswegs verringert. Trotz des militärischen Erfolgs begann die Invasion im Irak für die USA nach und nach vor allem zu einem moralischen Debakel zu werden, dass das Vertrauen in die Supermacht sowohl innerhalb der eigenen Bevölkerung als auch global nachhaltig erschüttern sollte.

Denn schließlich blieb da noch die Sache mit den berüchtigten Massenvernichtungswaffen des Irak, die von der Bush-Regierung stets als Rechtfertigung für die militärische Intervention benützt worden waren, die jedoch trotz intensiver Bemühungen einfach nicht aufindbar waren.

Mission Impossible

Die Suche nach den besagten Massenvernichtungswaffen rückt Paul Greengrass – der mit United 93 bereits einen bemerkenswerten Beitrag zur Aufarbeitung von 9/11 in Szene gesetzt hat – in den Mittelpunkt seines neuen Film Green Zone. Bereits wenige Wochen nach dem Einmarsch im Irak ist eine Einheit der US-Army unter Führung von Chief Warrant Officer Roy Miller (Matt Damon) damit befasst, die Massenvernichtungswaffen aufzuspüren. Die irakische Armee ist zwar längst ausgeschaltet, doch jeder Einsatz in den Straßen Bagdads bleibt weiterhin hoch riskant, denn die Kombattanten diverser Widerstandsgruppen leisten immer noch erbitterte Gegenwehr und können unvermittelt jederzeit zuschlagen. Zudem macht sich bei Miller und seiner Truppe bald Frust breit: Wo immer sie, gestützt auf geheimdienstliche Vorgaben, auch suchen, die Massenvernichtungswaffen bleiben verschollen. Als die Truppe jedoch kurz davor steht, einen untergetauchten irakischen General aufzuspüren, der im Besitz wichtiger Informationen ist, wird ihnen der Auftrag von höchster Stelle kurzerhand entzogen. In Roy Miller keimt der Verdacht auf, dass an der Geschichte mit den „Weapons of Mass Destruction“ etwas faul sein könnte, seine Nachforschungen in diese Richtung bringen ihn jedoch auch noch zwischen die Fronten von Geheimdiensten und Vertretern der US-Regierung, die ganz offensichtlich durchaus unterschiedliche Ziele verfolgen.

Greengrass hat Green Zone geradlinig, streckenweise mit beinahe semi-dokumentarischer Direktheit inszeniert, er beschränkt die Position des Zuschauers dabei weitge-hend auf jene seines Protagonisten Miller, der die Nachkriegsordnung als lebensgefährliches Chaos erfährt, in dem selbst die Unterscheidung, wer Freund oder Feind ist, nicht mehr einfach ist. Der mit durchaus idealistischen Zielen angetretene Soldat Miller findet sich in einem Geflecht aus Verschwörungen und eiskalter Machtpolitik verstrickt, das ihn schnell an den Parolen der eigenen Regierung zweifeln lässt und die Ziele seines Einsatzes zusehends unklarer erscheinen lassen.

Mit dem Zweiten Weltkrieg war alles noch einfacher. Die USA konnten da mit vollem Recht für sich in Anspruch nehmen, in einem gerechten Krieg für die Freiheit der Welt eingetreten zu sein, dementsprechend war auch das von Hollywood projizierte Bild vom heldenhaften G.I. ein fast durchwegs positives. Mit Vietnam konnte dieses Image schon nicht mehr aufrechterhalten werden, doch die Aufarbeitung des Irak-Krieges lässt überhaupt keinen Platz mehr für die Darstellung von soldatischem Heldentum. Als exemplarisch dafür kann der bislang beste Film zum Themenkomplex Irak-Krieg gelten, Kathryn Bigelows The Hurt Locker, in dessen Zentrum ein Bombenentschärfungskommando steht. Bigelows Inszenierung konzentriert sich dabei auf den Mikrokosmos dieser kleinen Spezialeinheit, die sich nur mehr auf ihre lebensgefährliche Aufgabe konzentriert. Irgendwelche übergeordnete strategische Ziele hat die Truppe längst nicht mehr im Sinn, es erscheint, als agiere sie losgelöst vom Rest der Armee. Ihrer Aufgabe gehen die Spezialisten im Grund nur mehr nach, um das eigene Überleben zu gewährleisten. Das einzige Ziel, das die Soldaten noch haben, ist es, die einjährige Dienstzeit im Irak zu überstehen – die Einblendung der noch verbleibenden Tage wird zum durchgehenden Motiv des Films. Den Gegner bekommt die Truppe kaum zu Gesicht, der manifestiert sich primär mittels raffiniert gebauter Sprengfallen, selbst die seltenen tatsächlichen Feindberührungen bleiben eine weitgehend anonyme Angelegenheit. In einer der beeindruckendsten Szenen von The Hurt Locker wird die Einheit mitten in der Wüste in ein Feuergefecht mit Freischärlern verwickelt. Doch der Feind bleibt auch hier weitgehend unsichtbar, denn man nimmt einander dabei über mehrere hundert Meter Entfernung mit weit tragenden Präzisionsgewehren unter Beschuss. Der Krieg wird dabei – ähnlich wie beim Entschärfen der Bomben – zu einer Art von Geschicklichkeitsübung für Spezialisten, deren Misslingen allerdings tödliche Konsequenzen nach sich zieht.

Die Absurdität gegen einen nicht wahrnehmbaren oder zu mindest nicht sichtbaren Feind zu kämpfen – ein Eindruck, der durch die vom Pentagon gesteuerte Berichterstattung mit den Bildern vom vermeintlich „sauberen“ Krieg auch noch verstärkt wurde – hat bereits Sam Mendes 2005 mit Jarhead thematisiert. Zwar verlegt Mendes die Handlung in den ersten Irak-Krieg von 1990/91, doch der Einsatz bekommt auch hier bereits einigermaßen paradoxe Züge. Eine Einheit der Marineinfanterie muss zunächst monatelang untätig herumsitzen und die Wartezeit auf die Operation „Desert Storm“ mit unsinnigen Übungen überbrücken. Doch der lang erwartete Kampfeinsatz erweist sich schließlich als ein tagelanges Marschieren durch die Wüste, bei dem man zwar gelegentlich Gefechtslärm hört, doch zu einer tatsächlichen Feindberührung kommt es nicht. Als bereits nach wenigen Tagen der Sieg der Koalitionstruppen verkündet wird, hat die gesamte Einheit nicht einen einzigen Schuss abgegeben.

Filme wie The Hurt Locker oder Green Zone, die ihren Plot am Schauplatz des Krieges angesiedelt haben, machen aber nicht nur die Ambivalenzen deutlich, die dieser Einsatz mit sich bringt, sie verweisen auch deutlich auf jenes tief sitzenden Misstrauen, dass die Machen-schaften der Bush-Regierung rund um den Irak-Krieg und der daraus resultierende fatale Verlauf der Mission in weiten Teilen der US-amerikanischen Bevölkerung gegenüber der politischen Elite ausgelöst haben. Das gilt für die Soldaten vor Ort, die längst nicht mehr an irgendwelche propagierten hehren Ziele glauben, sondern einfach den Einsatz nur irgendwie hinter sich bringen wollen, das gilt aber in zumindest eben so hohem Maß für die Angehörigen der Soldaten und die Rückkehrer aus dem Krieg. Dieses latente Misstrauen hat mittlerweile auch seinen Niederschlag in der Populärkultur gefunden. Oliver Stone tat dies auf plakativ-satirische Weise mit W, seinem Porträt von George Walker Bush, kund, doch Hollywood hat dem auch auf subtilere Art und Weise Rechnung getragen. Paul Haggis In the Valley of Elah erzählt die Geschichte eines jungen Soldaten, der nach seiner Rückkehr aus dem Irak einem grausamen Mord zum Opfer fällt. Da die Untersuchungen der US-Army ziemlich nachlässig verlaufen, beginnt sein Vater Hank Deerf eld (Tommy Lee Jones) – selbst Militärpolizist im Ruhestand – auf eigene Faust zu ermitteln. Hank wird im Lauf seiner Nachforschungen mit den schmutzigen, brutalen Seiten des Irak-Kriegs konfrontiert, zudem scheint den Tod seines Sohnes etwas zu umgeben, das die Army lieber vertuschen möchte. Auch wenn der Mord letztlich banalere – wenn auch nicht weniger schockierende – Gründe hat, Hank Deerfelds Weltbild ist im Verlauf seiner Ermittlungen längst zerbrochen. Am Schluss wird der Ex-Soldat die amerikanische Flagge verkehrt herum hissen, Symbol dafür, was in seinem Land alles schief gelaufen ist.

Auf unspektakuläre, aber dennoch beeindruckende Weise greift The Messenger das Thema auf. Zwei Soldaten – einer davon selbst eben erst aus dem Irak in die Vereinigten Staaten zurückgekehrt – müssen den Angehörigen gefallener Soldaten die Todesnachricht überbringen. Ihre Aufgabe beschränkt sich laut Dienstvorschrift darauf, den Hinterbliebenen die Botschaft nüchtern mitzuteilen. Anteilnahme zeigen oder gar Trost zusprechen dürfen die beiden nicht, dafür gibt es eigene Spezialisten der Army. Doch das emotionslose Herunterleiern einer festgelegten Formel fällt angesichts des Leids der Angehörigen zusehends schwerer, und die Beiden beginnen den Sinn – und vor allem die Form – ihrer Arbeit mit kritischen Augen zu sehen. Oren Movermans Inszenierung bleibt betont ruhig und zurückgenommen, doch gerade dadurch macht The Messenger auf bedrückende und intensive Weise die psychischen Langzeitfolgen des Krieges deutlich.

Auf die Tragödie folgt bekanntlich die Farce, und dieser Entwicklung trägt Grant Heslov mit seiner Militärsatire The Men Who Stare at Goats Rechnung. Im Mittelpunkt steht dabei das First Earth Battalion, eine Spezialeinheit der US-Streitkräfte, die es übrigens wirklich gegeben haben soll. In den Siebziger Jahren ins Leben gerufen, beschäftigt sich die Truppe mit paranormalen Phänomenen, um damit die Kriegsführung zu revolutionieren – dafür begabte Soldaten sollten ihre parapsychologischen Kräfte trainieren, um sich unsichtbar zu machen, durch Wände zu gehen und um den Feind mittels Gedankenkraft zu töten. Der talentierteste dieser PSI-Kämpfer, Lyn Cassady (George Clooney), macht sich auf, um im Nachkriegs-Irak nach dem ehemaligen Kommandanten der Einheit zu suchen. Der wurde nämlich aufgrund einer Intrige seines Kommandos enthoben und ist irgendwo in der Wüste verschwunden. Der Journalist Bob Wilton (Ewan McGregor) wittert die große Geschichte und schließt sich Cassady an, obwohl ihm der Mann reichlich merkwürdig erscheint. Auf ihrem aberwitzigen Trip geraten die beiden in die die ortüblichen Turbulenzen verursacht durch Armee, Freischärler und private Sicherheitsfirmen. Obwohl The Men Who Stare at Goats zunächst eine brillante, zum Schreien komische Satire voll absurden Humors ist, vergisst Grant Heslovs Inszenierung nicht darauf, ihren Kern wie ein Menetekel deutlich zu machen: Dass Krieg bei all seiner skurrilen Ausformungen vor allem eine todernste Angelegenheit bleibt.

Männer, die auf Ziegen starren / The Men Who Stare at Goats

USA/GB 2009 – Regie Grant Heslov Drehbuch Peter Straughan nach dem Sachbuch von Jon Ronson Kamera Robert Elswit Schnitt Tatiana S. Riegel Musik Rolfe Kent Mit George Clooney, Ewan McGregor, Jeff Bridges, Kevin Spacey, Robert Patrick Verleih Luna Film

The Hurt Locker

USA 2008 – Regie Kathryn Bigelow Drehbuch Mark Boal Kamera Barry Ack-royd Schnitt Chris Innis, Bob Murawski Musik Marco Beltrami, Buck Sanders Mit Jeremy Renner, Anthony Mackie, Brian Geraghty, Guy Pearce, Ralph Fiennes Verleih Constantin Film

Green Zone

USA 2010 – Regie Paul Greengrass Drehbuch Brian Helgeland Kamera Barry Ackroyd Schnitt Christopher Rouse Musik John Powell Mit Matt Damon, Greg Kinnear, Jason Isaacs, Brendan Gleason, Amy Ryan


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