article_239_die_sterne_1_580x396.png

Die Stil-Polizei nervt

Ein kontroverses Gespräch über den Kulturschock „Disco“, das Etikett „Hamburger Schule“, Hypochondrie und vermeintlich ausgeschlagene Schneidezähne.

Sie gehörten sowohl ideell als auch musikalisch zu den wegweisenden Protagonisten der legendären „Hamburger Schule“, pflegten stets die intellektuellen Nuancen der Popkultur und eroberten dennoch in den 90ern den deutschsprachigen Mainstream: Nach mehreren Jahren Pause und der 2009er-EP „Der Riss“ ist die Kult-Formation „Die Sterne“ endlich wieder mit einem neuen Album unterwegs. Doch was die wenigsten geahnt hätten: „24/7“, so der Titel des Werks, ist eine astreine Disco-Platte geworden, die eher an das avantgardistische Frühwerk der Band denn an Chart-Erfolge à la „Was hat dich bloß so ruiniert“ erinnert. Fabian Burstein traf Frank Spilker (Gitarre/Gesang), Thomas Wenzel (Bass) und Christoph Leich (Drums) nach dem Soundcheck für das FM4-Fest 2010, wo „Die Sterne“ bei eisigen Temperaturen aufspielten.

Wie war der Soundcheck bei dieser Eiseskälte?

Frank Spilker: Unglaublich, ich kann kaum Gitarre spielen, weil die Saiten so kalt sind.

Thomas Wenzel: Es gibt ja immer diese Großbaustellen, wo ich mich frage, wie das funktioniert, bei so einer Kälte zu arbeiten. Das versteh’ ich jetzt ein bisschen...

Die Fragen, die mich als Hypochonder am meisten interessieren: Hat man als Musiker Angst vor einer Grippe, und was macht man, wenn man auf Tour wirklich krank wird?

Frank Spilker: Sänger sind ja auch gerne Hypochonder. Ich habe das ja nicht so. Ich bin einer jener Sänger, die weniger Probleme mit der Stimme haben. Allerdings: Auf der letzten Tour im Oktober war musste ich drei Tage lang eine Erkältung mit chemischen Mitteln unterdrücken. Das ist halt ein Abwägen von Schaden und Nutzen: Es ist alles organisiert und es entstehen wahnsinnige Kosten, wenn du dann absagst. Deshalb ist man leider viel zu schnell bereit, Konzessionen auf der gesundheitlichen Ebene zu machen.

Eine ganz andere Frage: Es kursiert in Wien eine leicht mythologisierte Rock ’n’ Roll-Geschichte, die mit einem Sterne-Konzert im Chelsea zu tun hat. Da geht die Mär um, dass Frank Spilker mit intaktem Gebiss angereist wäre und auf der Bühne dann einen ausgeschlagenen Schneidezahn gehabt hätte. Was ist da passiert? Ist überhaupt was passiert?

Frank Spilker: Ach ja, ich hatte damals eine Zahnlücke ... Ich habe den Zahn aber vorher schon an ein Snickers verloren. Das ist meine Geschichte: Der war tot und ist einfach abgebrochen. Ich glaub also, ich bin schon zahnlos ins Chelsea gekommen. Leider kein wilder Rock ’n’ Roll-Mythos dahinter ... Deshalb sollte man in Interviews so etwas gar nicht fragen, weil die Story war vorher wahrscheinlich besser.

Ich bin ja ein großer Fan von eurem Neunziger Jahre-Oeuvre. Der erste Satz in der Presse-Aussendung zum neuen Album lautet: „Endlich! Die Sterne machen jetzt in Disco.“ Und ich hab mir nur gedacht: „Oh nein, warum denn Disco?“ Teilen viele diese Skepsis?

Christoph Leich: Eigentlich nur in der spaßfeindlichen Gitarren-Fraktion (lacht).

Frank Spilker: Das war auch eine bewusste Provokation – wir kommen noch aus einer Zeit, wo Punk und Disco ausgesprochene Gegensätze waren. Wobei das eigentlich, wenn man die Geschichte genauer liest, nie so war. Diese Trennung ist eher so ein philosophisches, künstlerisch-konzeptionelles Ding. Jetzt heißt es halt ganz erstaunt: „Die Sterne machen auf Disco“, aber für uns ist das eine große Selbstverständlichkeit, weil wir immer schon an der Schnittstelle Körper und Geist – vor diesem philosophischen Hintergrund – gearbeitet haben. Uns hat immer schon die Frage beschäftigt: Warum ist das Körperliche mit Geistlosigkeit und Geistige mit Körperlosigkeit assoziiert? Das stellt man in der westeuropäischen Kultur so dar und das führt auch zu so manchen, letztendlich rassistischen, Vorurteilen. Mit „schwarzer Musik“ meint man zum Beispiel rhythmische Musik und letztlich auch geistlose Musik, man spricht es nur nicht aus. Wir haben immer schon versucht, diese Klischees zu überwinden. Bei unserer ersten Tour „Aspirin und Drogen“ ging’s genau darum: Warum kann man nicht auch beim Tanzen denken? So gesehen ist die Bewegung von der „lyrischen Band“ hin zu Themen der Körperlichkeit und Rhythmik immer im Sinne des Bandkonzepts. Ob das jetzt Disco oder Hip Hop oder Cross Over ist, ist zweitrangig – wir haben da verschiedene ästhetische Konzepte.

Ich habe „24/7“ auch ein wenig als Provokation an die intellektuelle Stil-Polizei interpretiert...

Frank Spilker: Absolut! Die Stil-Polizei nervt. Das ist für mich auch so ein Grundding von Punk: Sobald sich alle einigen, dass bestimmte Dinge nicht gehen, macht man sie einfach. Das ist für mich eine ästhetische Grundhaltung: Immer auf der Suche nach dem sein, was angeblich nicht geht.

Gab’s, abgesehen vom intellektuellen Hintergrund, auch eine geschmäcklerische Motivation, in diese Richtung zu gehen, irgendeine persönliche Verbindung?

Frank Spilker: Also ich finde die Bass-Lines von den Stone Roses schon sehr gut. Aber das ist halt alles so weit weg ... Jeder hat natürlich geschmackliche Bezüge. Wobei ich bei einer guten Bass-Line nicht nur an die Stone Roses sondern auch an Serge Gainsbourg denke. Das sind so Sachen, die gar nichts mit dem Genre zu tun haben, wo ich mir aber denke: Der Bass macht die Musik.

Thomas Wenzel: Geile Bassläufe haben wir übrigens auf jeder Platte.

Frank Spilker: Angeber!

Thomas Wenzel: Das Hinwenden zu dieser tanzbaren Musik ist einfach auch aus der Logik heraus entstanden, dass das eine Stärke von den Sternen ist. Wir haben das im Proberaum ausprobiert, ohne groß konzeptionell nachzu-denken und kamen immer wieder dorthin, wo wir früher schon mal waren. Wir haben halt jetzt einfach in puncto Ästhetik die Puppe anders angezogen, aber es ist noch immer alles sehr grooveorientiert. Für mich persönlich ist da auch etwas von der Techno-Musik drinnen, die man Ende der 90er gehört hat. Das war immer so weit weg von dem, was man als Rockband für einen Sound macht ... Es hat ein bisschen gebraucht, bis wir erkannt haben, dass man mit dem Instrumentarium einer Rockband sehr wohl auch sowas Stumpfes wie einen „Track“ machen kann – zwar mit viel Gesang, aber mit wenig Text.

Ich hatte sofort Madchester-Assoziationen, als ich das Album einmal durchgehört habe...

Frank Spilker: Das kommt wahrscheinlich automatisch, wenn man als „handgespielte“ Band elektronische Musik macht. Wobei ich finde, dass elektronische und akustische Sounds mittlerweile verschwimmen. Letztendlich kannst du die Unterschiede nur noch auf Hörgewohnheiten und nicht mehr auf die Technik zurückführen. Bands die sich ihre Songs mit Hilfe eines Laptops ausdenken und dann mit Musikern auf die Bühne gehen, sind ganz nah dran an Bands wie uns, die sich als Rockband mal an Tanzmusik versuchen.

Die stilistische Wende fällt ja zeitlich auch mit dem Ausstieg des langjährigen Band-Mitglieds Richard von der Schulenburg zusammen. Gibt’s da eine kausale Verbindung oder war das Zufall?

Christoph Leich: Nee, das war kein Zufall. Das hat direkt damit zu tun, das Richard den Schritt, die Musik so extrem in eine Richtung zu treiben, nicht mitgegangen ist. Wir haben drei Jahre lang rumgesucht, haben ganz unterschiedliche Sachen ausprobiert und das war eben eine Richtung, die, zumindest wir drei, toll gefunden haben. Richard wäre halt lieber in eine andere Richtung gegangen.

Thomas Wenzel: Wobei man auch sagen muss, dass er noch viel mitgestaltet hat, auf dieser Platte. Viele Songs waren ja schon als Skizze angedacht, bevor wir sie aufgenommen haben. Er hat ja seinen Unmut über die ästhetische Richtung zu einem Zeitpunkt geäußert, als wir eigentlich schon die Platte aufgenommen haben ... Wenn man ihn jetzt dazu befragen würde, kann ich mir kaum vorstellen, dass er das alles total Scheiße findet, weil er immer noch darin vertreten ist.

In Wien würde man sagen: Es war einfach nicht sein „Schmäh“ ...

Thomas Wenzel: Ja, das trifft es wohl.

Für mich war der Song „Das Glück“ tatsächlich ein popkultureller Glücksmoment auf diesem Album: 2,5 Minuten lang, Akustikgitarren, sehr eingängig, im Refrain geht’s um „Ficken ohne Kondom“ ...

Frank Spilker: Schön platt, oder? Wir haben den übrigens rausgeschmissen.

Echt?

Frank Spilker: Ja, was du hast, ist so eine Vorabversion. Wir haben zwei Lieder rausgeschmissen, weil uns das Album insgesamt auch zu lang war – „Das Glück“ ist eines davon. Das ist jetzt ein Bonus-Track auf einer Limited Edition.

Was ich an den Sternen immer faszinierend fand, waren die großen Parolen. Zu „Von allen Gedanken schätze ich doch am meisten die Interes-santen“ habe ich mir sogar das dazugehörige T-Shirt gekauft. Was wäre die zentrale Parole von 24/7?

Frank Spilker: Ich fi nde so einen Slogan wie „Nach fest kommt lose“ auch ganz gut. So einen ganz langen Satz ha-ben wir aber nicht mehr ...

Ich bin in Bezug auf 24/7 noch sehr unschlüssig ... Auf der einen Seite sind da Songs wie „Deine Pläne“ und „Gib mir Kraft“, die etwas total Simples und Redundantes haben, auf der anderen Seite interpretiere ich Lieder wie „Convenience Shop“ oder „Die Stadt der Reichen“ als hochpo¬litische Manifeste. Welcher Eindruck ist näher dran an der Realität? Oder ist die Ambivalenz die eigentliche Botschaft?

Frank Spilker: Redundant an sich wäre ja schon mal nah dran an der Realität. Ich finde übrigens nicht, dass man durch Redundanz weniger sagt. Die Stumpfsinnigkeit eines Maschinenbeats laufen zu lassen, ist auch ein Statement. Da ergibt sich für mich kein Widerspruch. Ob die Stücke länger sind oder weniger Worte haben ist letztlich nicht wichtig. Uns ist wichtig, was emotional und lyrisch rüber-kommt. Und viele Worte können auch unbedeutend sein.

Generell ist auffällig, dass extrem viele Releases aus dem Umfeld der ehe-maligen „Hamburger Schule“ anstehen. Ist das eine erste Retro-Welle, die euch erfasst?

Christoph Leich: Klar, das ist ein absoluter Masterplan, den wir seit zehn Jahren in der Schublade haben ... (un-wirsch) Für mich hat das alles hier überhaupt nichts mit „Hamburger Schule“ zu tun ... (wieder freundlich) Nein, das ist Zufall. Wir haben natürlich mit Tocotronic gespro-chen, um unsere Releases ein bisschen auseinanderzule¬gen – das hat aber auch nicht ganz funktioniert (lacht).

Ich habe das Gefühl, dass innerhalb des Hamburger Spektrums eine Art Binnenscheidung stattfindet. Tocotronic und Distelmeyer werden immer breitentauglicher, während sich die Sterne und die Goldenen Zitronen eher auf einen artifiziellen Zugang verständigt haben ...

Frank Spilker: Wir haben diesen Move in die Breite ja schon in den 90ern gemacht. Vielleicht ist das der Unterschied zu Blumfeld, die sich damals sehr artifiziell gegeben haben. Aber grundsätzlich ist das ein Indiz für eine natürliche Bewegung, die ich von vielen Künstlern, auch aus der Bildenden Kunst, kenne. Man möchte aus einer Entdeckung, die man für sich gemacht hat und die vielleicht nur einem kleinen, elitären Kreis zugänglich ist,

Ich spüre bei dem Thema eine gewisse Genervtheit. Ist die „Hamburger Schule“ eine lästige Schublade oder doch auch ein Qualitätssiegel?

Frank Spilker: Das ist natürlich Segen und Fluch gleichzeitig. Auf der einen Seite hat das Bands sehr genutzt, auf der anderen Seite ist es eine unglaubliche Verflachung. Wenn du es dir im Nachhinein ansiehst: Tocotronic ist ästhetisch eine 94er-Pop-Grunge-Erfindung, Die Goldenen Zitronen sind eine Pop-Funpunk-Band und Die Sterne haben wieder ein ganz anderes Konzept. Und trotzdem lief das alles unter „Hamburger Schule“. Das Etikett war einfach dazu da, um zu sagen: „In dieser Stadt ist etwas los, da gibt es die verrücktesten Dinge.“ Die Leute kommunizieren das und insofern sorgt das dann schon für einen gewissen Innovationsschub. Die Message war: Igelt euch nicht ein, mit euren Klischees und Genres. Was allerdings zu einer Verflachung führt: Wenn die Leute lesen „Hamburger Schule“ und denken, das klingt ausschließlich so wie das, was sie halt gerade zufällig kennen. Mathias Modica, der 24/7 produziert hat, kannte zum Beispiel wenig von den Sternen. Er meinte, er hätte sich niemals damit auseinandergesetzt, weil er „Hamburger Schule“ für Gitarrenschrammelrock gehalten hat, den er nicht mag. Diese Groove-Orientiertheit von den Sternen hat er gar nicht wahrgenommen, weil das einfach nicht zu ihm durchgedrungen ist. Das sind die Nachteile solcher Begriffe, wenngleich man auch davon profitiert.

Tags: