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Kunstattacke

Die altehrwürdige Wiener Augarten-Porzellan-Manufaktur als Zielscheibe hemmungsloser Vandalen? Das Ganze gefilmt und auf YouTube gestellt? Ein Kulturskandal ersten Ranges, so schien es. Bis ...

In einem vor einiger Zeit entdeckten YouTube-Video erkennt man eine vermummte Gruppe von Graffiti-Artists, die in traditionsreiche Augarten-Porzellan-Manufaktur einbrechen und hemmungslos dem Vandalismus frönen. Im Schutz der Dunkelheit, bewaffnet mit Spraydosen, dringen drei von ihnen bis in das Innere des Augarten-Porzellan-Shops vor und verwüsten die mit Glasplatten verkleideten Ausstellungsvitrinen. Plötzlich gehen der Alarm und die Sirenen an, man entnimmt der Geräuschkulisse, dass das eine oder andere Porzellanstück der Flucht zum Opfer fällt. Die Eindringlinge entkommen durch die langen Gänge der Manufaktur. Wie geht’s denen bloß? Das darf ja wohl nicht wahr sein! Was für Verbrecher! Hoffentlich fasst euch die Kripo! So lautete der O-Ton vieler User, egal ob jung oder alt, die das Video in ihrem direkten Umfeld zu sehen bekamen. Teile der hiesigen YouTube-Gemeinde waren wirklich entsetzt vom radikalen Vorgehen des Graffiti-Sprayers/Users mit dem geheimnisvollen Namen Netragua, der seine Taten voller Stolz im Web präsentierte, und eifrige Moral-Verfechter ließen die von ihm hochgeladenen Videos immer wieder auf YouTube sperren.

Man muss jedoch zur Netraguas Verteidigung sagen: Damit war zu rechnen. Bereits im Vorfeld des riskanten Einstiegs verlautbarte der selbst ernannte Rächer der Graffiti-Künstler auf der von ihm gegründeten Facebook-Fanpage „Paint the City“ seine Forderungen nach mehr Platz und mehr Akzeptanz für die urbanen Künste und seine Kollegen. Zeitgleich ließ Netragua die Community wissen, falls niemand diesen Forderungen nachkomme, würde er ein altehrwürdiges Gebäude in Wien besprayen. Da es in Wien ja oft länger dauert, bis man wahrgenommen wird, blieb Netragua offenbar nichts anderes übrig, als seinen Worten Taten folgen zu lassen. Sein Ziel: Die ehrwürdigen Gemäuer der Augarten-Porzellan-Manufaktur.
Unter den Graffiti Artists sprach sich schnell herum, dass ein gewisser Netragua in die Augarten-Manufaktur eingestiegen war. Langsam wurde die Frage laut, wer wohl hinter diesem Synonym stecke. Netraguas zweiter Streich ließ nicht lange auf sich warten. Der Mann veröffentlichte bald einen zweiten Clip in Form eines Hip-Hop-Tracks, der im Gegensatz zu seinem ersten Vandalenakt die schönen Seiten der urbanen Kunst aufzeigen sollte.

Dadurch, dass am Ende des Clips die Web-Adresse www.augartenbrennt.at eingeblendet wurde, wurde schließlich der Schleier gelüftet: Bei der Aktion handelte es sich keineswegs um einen Akt des Vandalismus, sondern um eine virale Kampagne für einen speziellen Design-Wettbewerb, der in Österreich nach jungen und jung gebliebenen Talenten suchte, die durch ihre innovativen Kreationen die Porzellankollektionen der Augarten-Porzellan-Manufaktur vollkommen neu interpretieren sollten. Begleitet von einer Fülle an musikalischen Remixes des bisher veröffentlichten Netragua-Tracks und durch eigens produzierte auffällige Pappteller lenkte man die Aufmerksamkeit auf zwei Themen, die auf den ersten Blick schwer zueinander passen. Dabei steht nicht die übliche Kontroverse Tradition versus Moderne im Vordergrund, sondern das beidseitige Engagement für die Kunst, sowohl auf Porzellan als auch auf der Wand.
Die komplex gesponnene Kampagne hatte gar nicht die Absicht, das Image der Augarten-Porzellan-Manufaktur von einem Moment zum anderen um 180 Grad zu drehen, sondern es ging darum, die Marke langsam in ein moderneres Licht rücken, sie aus dem Dornröschenschlaf zu wecken und sie für neue Zielgruppen zu erschließen und attraktiv zu machen.

Bis 2. März konnte jeder, der sich die Augarten-Porzellan Templates von www.augartenbrennt.at heruntergeladen hatte, mindestens eine Vorlage mit seinen Ideen gestalten. Erlaubt war dabei, was gefällt, der Kreativität waren keine Grenzen gesetzt. Um Mitternacht desselben Tages war Einsendeschluss für alle Uploads.
Die Auswahl der besten Arbeiten erfolgt anschließend durch Public Voting ausschließlich im Netz: Je mehr Stimmen jemand für seinen Entwurf erhält, desto größer sind seine Chancen auf einen Platz im Finale. Das öffentliche Voting endet für den Online-Contest am 7. März. Die drei Gewinner aus der Top-Ten-Online-Vorselektion werden nach Beendigung des Contest durch eine hochkarätige Fachjury ermittelt.

Die drei BestpIatzierten haben vom 14. bis 18. März die Chance, die Porzellanmanufaktur Augarten in Form eines Workshops in Beschlag zu nehmen und gemeinsam mit den Spezialisten der Manufaktur ihre Entwürfe auf vier Porzellanstücken umzusetzen. Den Viert- bis Zehntplatzierten wiederum steht während dieses Zeitraums reichlich historisches Mauerwerk zur freien Gestaltung zur Verfügung. Das Arbeitsmaterial (Cans, Farben, Marker, usw.) wird ebenfalls von der Manufaktur bereitgestellt. Am Ende des Workshops schließlich werden die Porzellanstücke nach Abzug der Künstlergage (30%) und Herstellungs¬kosten (30%) zu Gunsten der Levin Statzer Foundation (40%) im Dorotheum Wien versteigert.

Übrigens: Es hätte sich für alle Moralapostel durchaus gelohnt, den Namen Netragua einmal von hinten nach vorne zu lesen – hätte ein Hinweis sein können


Wiener Porzellan-Manufaktur Augarten

Das berühmte Augarten Porzellan gibt es seit fast 300 Jahren. Es ist die zweitälteste Manufaktur Europas. Die Produktionsstätte, in der ältesten barocken Gartenanlage Wiens gelegen, befindet sich im Palais Augarten im 2. Wiener Gemeindebezirk. Das Gründungsjahr 1718, nur wenige Jahre nach der Erfindung der Porzellanherstellung durch Johann Friedrich Böttger, markiert die Erlaubnis Kaiser Karls VI, in Österreich Porzellan zu erzeugen. In der heutigen Porzellangasse im Alsergrund wurde für das Kaiserhaus und den höfischen Adel das „Weiße Gold“ hergestellt und zu kunstvollen Porzellanobjekten verarbeitet. Die blaue Marke am Boden der Stücke ist das Zeichen des Porzellans, bis heute wird das geschichtsträchtige Bindenschild (ursprüngliches Wappen der Babenberger) dafür verwendet. Anfang des 19. Jahrhunderts erlebte die Porzellan-Manufaktur durch den „Wiener Kongress“ einen wirtschaftlichen Aufschwung. Im Wiener Jugendstil zeichneten u. a. Künstler wie Josef Hoffmann und die Vertreter der Wiener Werkstätte für die Designs verantwortlich. Einige der damaligen Entwürfe, darunter Hoffmanns „Melonenservice“, werden nach wie vor produziert. Vor allem Objekte aus der Du-Paquier-Periode, der Anfangszeit der Produktion, benannt nach dem Gründer Claudius Innocentius Du Paquier, erreichen in Auktionshäusern Spitzenpreise. Zu den beliebtesten Sammler-Porzellanen zählen jene, die besonders detailgenau und prächtig bemalt sind. Die hochwertige Ausführung in Verbindung mit der künstlerischen Gestaltung und der langen Tradition des Hauses erfreuen Sammler, Schöngeister und andere gleichermaßen.

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