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Ich bin eine Macherin

Text: Carola Leitner Fotos: ÖNB

Frauen an der Spitze von großen Bundesinstitutionen sind noch immer eine Seltenheit. Bereits seit 2001 leitet Johanna Rachinger die Geschicke der Österreichischen Nationalbibliothek und gehört damit zu den etabliertesten weiblichen Führungskräften im Staatsdienst. Ein Gespräch über den Zusammenhang von Management und dem geplanten Bücherspeicher unter dem Heldenplatz sowie über den Stand der österreichischen Provenienzforschung.

Sie kommen aus einem kleinen Ort in Oberösterreich – inwieweit hat Sie das geprägt?

Mein unverkrampftes Verhältnis zur Tradition, die positive Einstellung zu leistungsorientierter Arbeit und eine gewisse Wertehaltung haben sicherlich mit meiner Herkunft zu tun.

Als Kind wollten Sie Gastwirtin werden, gab es noch andere Träume, die die Realität im Lauf der Zeit verdrängt hat?

Da ich in einem Gasthaus aufgewachsen bin, hat sich dieses Berufsbild als erstes in mir festgesetzt. Später habe ich andere Talente und Interessen entdeckt und mich nach dem Abschluss der Handelsakademie für ein geisteswissenschaftliches Studium entschieden. Rückblickend gesehen war das Studium der Germanistik und der Theaterwissenschaft wohl die richtige Entscheidung, da Managementqualitäten gepaart mit einem geisteswissenschaftlichen Background auch für die Position der Generaldirektorin der Österreichischen Nationalbibliothek gefragt waren.

In Ihrem beruflichen Werdegang haben Bücher immer eine große Rolle gespielt. Woher kam das Interesse?

Den Grundstein für das Interesse an Büchern wurde mit Sicherheit im Elternhaus gelegt und von den Lehrern in den darauffolgenden Jahren forciert. Durch meinen Entschluss, Germanistik zu studieren, habe ich mich auch für das Themengebiet Literatur entschieden. Ich habe schon immer sehr gerne gelesen, Inhalte analysiert und in meinem späteren beruflichen Leben auch mitbestimmt, welche Bücher verlegt werden sollten, was natürlich besonders reizvoll war.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag als Generaldirektorin der Österreichischen Nationalbibliothek aus?

Es ist schwierig einen „Arbeitsalltag“ zu beschreiben, da meine Aufgaben als Generaldirektorin einer so großen und renommierten Kulturinstitution – mit über 350 Mitarbeitern und über 460.000 Besuchern jährlich – sehr vielfältig sind und nicht unbedingt immer im Haus am Josefsplatz stattfinden. So habe ich neben den klassischen Leitungs- und Managementaufgaben vor allem ein dichtes Repräsentationsprogramm und bemühe mich um die Pflege von Netzwerkkontakten – Kontakte zu starken Partnern aus der Wirtschaft ermöglichen unserem Haus die Umsetzung vieler innovativer Projekte.

Die Österreichische Nationalbibliothek hat auch viele Abendveranstaltungen, und Sie als Chefin des Hauses immer wieder die Verpflichtung, aktiv anwesend zu sein. Ist das nicht manchmal lästig?

Ich bin ein Mensch, der mit Elan und Freude an die Arbeit herangeht, deswegen empfinde ich selten Aufgaben als mühsam oder anstrengend. Hausinterne Veranstaltungen machen mir immer besondere Freude, da man die direkten Erfolge und Früchte der Arbeit sieht. Andere Abendtermine wähle ich aufgrund der begrenzten Zeit, die mir zur Verfügung steht, sehr selektiv aus.

Der Bücherspeicher unter dem Heldenplatz ist eines der nächsten Großprojekte. Wie wird der aussehen, von der Finanzierung und der Architektur her? Was wird dort gelagert werden?

Die Österreichische Nationalbibliothek ist per Gesetz zum Sammeln und Archivieren von Neuerscheinungen verpflichtet, und in nächster Zeit werden die Kapazitäten des bestehenden Tiefspeichers unter dem Burggarten erschöpft sein. Ich habe bereits in den letzten Jahren vehement die Errichtung eines neuen Bücherspeichers gefordert, die Finanzierung ist jedoch noch nicht gesichert. Ich habe deswegen dem Ministerium ein alternatives PPP-Finanzierungsmodell (Private Public Partnership) vorgelegt, das eine umsetzbare Alternative zur Gesamtfinanzierung durch Staatsgelder darstellt.

Eines Ihrer Projekte beschäftigt sich mit der Wissens- und Kulturvermittlung für Kinder – wie wird das angenommen?

Die lebendige und erlebnisorientierte Vermittlung von kulturellen Inhalten steht im Mittelpunkt des Programms „Wissenswelten. Kinder entdecken die Österreichische Nationalbibliothek“, das mittlerweile zu einem fxen Bestandteil unseres Veranstaltungsprogramms geworden ist. Dieses Programm wurde eigens für Schulklassen im Herbst 2009 gestartet und im Frühjahr 2010 massiv erweitert. Beide Male waren die angebotenen Termine in kürzester Zeit ausgebucht, das zeigt, dass ein enormes Interesse an innovativen Vermittlungskonzepten besteht.

Die Österreichische Nationalbibliothek betreibt viele Projekte – haben Sie ein persönliches Liebkind?

Ja, wir haben eine Vielzahl von Projekten, die jedes für sich sehr spannend sind. Auf einer höher gestellten Ebene finde ich die zahlreichen Digitalisierungsprojekte äußerst interessant, da diese ganz neue Möglichkeiten eröffnen. Die digitalisierten historischen Zeitungen, Bücher, Bilder, Drucke und Papyri erlauben den Zugang zu Objekten, deren physischer Zustand die Benützung oftmals nicht mehr möglich macht. Die Digitalisate hingegen können jederzeit weltweit abgerufen werden.

Bleibt einem bei einer derart dichten Arbeitswoche noch Zeit für Privates?

Ich habe ein sehr gutes Zeitmanagement, Berufs- und Privatleben funktionieren daher sehr gut. Es ist nicht jederzeit gleichermaßen Platz für beides, ich versuche jedoch, mir bewusst Auszeiten zu nehmen und meine Energiereserven aufzutanken. Somit finde ich eine gesunde Balance zwischen diesen Bereichen.

Sie sind die Chefin von etwa 350 Mitarbeiterinne und Mitarbeitern. Was bedeutet das für Sie?

Ein Haus in dieser Größenordnung zu managen, bedeutet eine enorme Verantwortung den Mitarbeitern gegenüber und eine immense Herausforderung. Ich habe diese Position angenommen, weil ich gerne gestalterisch tätig bin und etwas bewegen will.

Wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben?

Ich bin ein sehr klar strukturierter und umsetzungsstarker Mensch, eine „Macherin“. Ich lege genaue Zielvorgaben fest und kommuniziere diese auch so. Als Managerin muss man manchmal Entscheidungen gegen Widerstand treffen, mögen diese auch manchmal einsam sein. Führungspositionen erfordern auch die Stärke, Unliebsames durchzubringen.

Ihr Vertrag läuft 2011 aus – werden Sie dem Buchbereich erhalten bleiben? An Herausforderungen wird es sicher nicht mangeln ...

Ich bin stets im Hier und Jetzt verankert und konzentriere mich immer auf die aktuellen Projekte. Was „morgen“ sein wird, kann ich noch nicht sagen. Ich kann mir aber durchaus auch ein ganz anderes Betätigungsfeld vorstellen.

Gab oder gibt es prägende Vorbilder?

Ich hatte nie ein spezielles Vorbild, mir haben jedoch immer unabhängige, starke Frauen imponiert, die unablässig ihren eigenen Weg, oft auch auf unkonventionelle Art und Weise gegangen sind.

Wie stehen Sie zu den Studenten-Protesten und der Audimax-Besetzung?

Ich kann natürlich den Missmut der Studierenden verstehen. Überfüllte Hörsäle und ein Studium, das auf Kosten der Qualität geht, können nicht erfüllend sein. Die Politik, die sich für die Rahmenbedingungen verantwortlich zeigt, sollte auf jeden Fall bedenken, dass die Investition in Bildung eine Investition in die Zukunft ist.

Was ist Ihre schönste oder schlimmste Erinnerung an Ihre eigene Studentinnenzeit?

Ich habe die Zeit als Studentin mit allen Facetten sehr genossen. Wien hat mir von Anfang an besonders gut gefallen, das Studium hat meinen Interessen und persönlichen Neigungen entsprochen und auch auf der Universität habe ich mich stets wohl gefühlt. Wirklich schlimme Erfahrungen habe ich nicht gemacht.

Stichwort Provenienzforschung: Vor einigen Jahren belief sich die Zahl der Objekte, die unrechtmäßige Erwerbungen der NS-Zeit darstellen, auf 25.000. Wie viele davon wurden bereits restituiert?

Bereits 2003 hat die Österreichische Nationalbibliothek als eine der ersten kulturellen Institutionen des Landes die Recherchen zu unrechtmäßig erworbenen Objekten in ihren Beständen abgeschlossen. Das Ergebnis der Aufarbeitung waren 52.403 geraubte Bücher und Sammlungsobjekte. Ich habe die aktive Rückstellung an die Erben der Opfer zu einem prioritären Ziel gemacht. Mit der Übergabe von 8.363 verbleibenden Druckschriften an den Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus schließen wir 2010 ein weiteres wichtiges Kapitel in Richtung lückenloser Aufarbeitung ab.

Lesen Sie manchmal die User-Meldungen zu Zeitungsartikel, z.B. zum Thema Bibliotheksbenutzung durch?

Ja, das tue ich. Ich nehme die Anregungen, die die Benützer der Österreichischen Nationalbibliothek – in welcher Form auch immer – übermitteln, ernst. Kommentare zu Zeitungsartikeln sind ein Instrument der direkten Kommunikation, die ebenso beachtet werden müssen wie eine Meldung, die direkt an die Österreichische Nationalbibliothek gerichtet wird.

Wie gehen Sie mit Kritik um?

Ich bin ein kritikfähiger Mensch und hinterfrage mich und mein Tun durchaus auch selbst immer wieder. Ich schätze es, wenn Menschen mir ihre Meinungen oder Verbesserungswünsche mitteilen – das gilt auch für den persönlichen Bereich. Ich nehme jedoch nicht alle Rückmeldungen ungefiltert an, sondern frage mich, inwieweit die geäußerte Kritik gerechtfertigt ist.

Was lesen Sie gerade?

Derzeit lese ich Arno Geigers neuen Roman „Alles über Sally“. Das Buch ist auf stilistisch höchstem Niveau geschrieben.

Sind Sie ein musikalischer Mensch?

Das kommt darauf an. Ich spiele zwar selbst kein Instrument, besuche jedoch sehr gerne Opern- und Konzertaufführungen. Ich gehe zu den unterschiedlichsten Vorstellungen, diese reichen musikalisch gesehen von klassischer bis zu moderner Musik.

Was bedeutet Bildung für Sie?

Ich halte Bildung für eines der wichtigsten Güter, die die Gesellschaft besitzt. Sie ist vor allem in jungen Jahren wichtig, weil sie Menschen neugierig macht und formt. Sich Wissen anzueignen, Fragen zu formulieren und über Inhalte zu reflektieren sind wesentliche Merkmale der Menschwerdung, sowohl in geistiger und kultureller Weise als auch hinsichtlich der sozialen Kompetenzen. 

Haben Sie einen Reader, mit dem Sie E-books lesen?

Ich persönlich besitze keinen E-Reader, hatte jedoch schon öfter die Gelegenheit, ein solches Gerät zu testen. Bücher lese ich nach wie vor lieber in der gedruckten Version. Im beruflichen Alltag überwiegt natürlich das Lesen am PC, Laptop oder am Handy.

Wie sehen Sie diese Entwicklung im Bereich Digitaliserung, und wie wird sie sich auf die Nationalbibliothek auswirken ?

Ich begrüße jede Form der Modernisierung und Optimierung von Kommunikationskanälen. Der Zugang zu Wissen und Informationen, vor allem uneingeschränkt durch Zeit und Raum, wird in unserer Zeit immer wichtiger. Die Medien, die diesen Zugang ermöglichen bzw. über die der Abruf dieser Inhalte funktioniert, werden sich ständig verändern. Ausschlaggebend ist, dass der Kommunikationsfluss für so viele Menschen wie möglich funktioniert. Die E-Reader werden vor allem die nachfolgenden, jüngeren Generationen ansprechen, die dann bereits mit diesen Tools aufwachsen. Die Österreichische Nationalbibliothek hat sich im Bereich der modernen Technologien bis dato hohe Standards gesetzt und wird dies auch in Zukunft weiter verfolgen. Wie das Thema der E-Reader in die Welt der Bibliotheken Einzug halten wird, wird sich noch weisen.

Nach einer Jugendsünde gefragt, woran denken Sie zuallererst?

An heimliches Fortgehen am Abend, obwohl meine Eltern dies dezidiert verboten hatten.

Was war Ihre wichtigste Erkenntnis der letzten zehn Jahre?

Ich habe heuer meinen 50. Geburtstag gefeiert und natürlich auch meinen bisherigen Lebensweg reflektiert. In den letzten zehn Jahren bin ich sicher ein wenig gelassener geworden.

Worüber können Sie sich besonders freuen?

Über sehr vieles, das reicht von umgesetzten Projekten, wie zum Beispiel aktuell den neuen Lesesaal am Heldenplatz, bis zu den blühenden Rosen im Volksgarten, den ich täglich auf meinem Weg zur Arbeit durchquere.

Was finden Sie an anderen, unbekannten Menschen besonders interessant?

Im Gespräch mit mir noch nicht bekannten Menschen steht die Neugierde am Anderen im Vordergrund – wie ist ihre Philosophie, ihre Lebenseinstellung, und was hat sie geprägt.

Klassische Fragen bei einem Vorstellungsgespräch: Was sind Ihre Schwächen, was Ihre Stärken? Was würden Sie spontan antworten?

Ich bin ein sehr zielorientierter Mensch, der mit Engagement und Disziplin an der Umsetzung von Projekten arbeitet. Das geht manchmal mit einer gewissen Ungeduld einher, die ich aber benötige, um Dinge voranzutreiben.

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