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Leider kein Ruhetag

Text: Wolfgang Kühnelt Fotos: Illustration: Franz Suess
Aus dem Leben eines Restaurant-Kritikers

Vielleicht hätte ich einfach nicht abheben sollen, damals im Jänner 2007. Eine Wiener Festnetznummer, die ich nicht kannte. Der Herr Chefredakteur wollte mich sprechen. Klang irgendwie dringend. Ob ich mir vorstellen könnte, für den Regionalteil der Wochenzeitung zu schreiben. Ein Treffen im Café Kaiserfeld wäre gut.

Wer in Graz das Café Kaiserfeld als Treffpunkt vorschlägt, der kann kein ganz schlechter Charakter sein. Es ist eines der wenigen schönen alten Kaffeehäuser in der zweitgrößten Stadt Österreichs. Wobei es streng genommen gar nicht sehr alt ist, sondern erst vor wenigen Jahren in der heutigen Form eröffnet wurde. Als ich eintrete, sitzt der Herr Chefredakteur schon entspannt auf der braunen Ledercouch bei seinem Kaffee und raucht. „Willst du die Gastro-Kolumne übernehmen?“, fragt er ohne Umschweife. Mein Entsetzen muss selbst im Nebenraum noch zu sehen sein: „Was qualifiziert mich denn für diesen Job?“, bringe ich gerade noch heraus. „Gehst du gern essen?“ „Ja, schon...“ „Gut, das müsste reichen.“

Ich nehme an, er hatte sich von meinen bescheidenen schreiberischen Fähigkeiten überzeugt, als er mein knapp zuvor erschienenes Buch über Fußball-Legionäre aus dem früheren Jugoslawien durchgeblättert hatte. „Wie lange hab ich Bedenkzeit?“, will ich wissen. „Nicht lang, die Kollegin hat gekündigt, ich brauche spätestens in zwei Wochen einen neuen Beisl-Kritiker.“

Meine Bedenkzeit sieht folgendermaßen aus: Zuerst plane ich, die Zeitung abzuschaffen, weil Print sowieso überholt ist. Dann will ich zumindest die Restaurant-Besprechungen einstellen und durch zeitgemäße Wirtschaftsberichterstattung ersetzen. Und am Ende sage ich ja.

Eine Woche später sitze ich mit einer befreundeten Werbetexterin ziemlich aufgeregt bei meiner Test-Premiere. Ein Italiener hat in Graz-Stattegg das Gasthaus „Goldener Engel“ neu übernommen und es in „Angelo d’Oro“ umbenannt. Das Gasthaus schaut nicht wirklich nach Bella Italia aus, aber der kleinwüchsige agile Wirt, der aussieht wie Danny de Vito im Remake eines Italo-Westerns, singt schon zur Begrüßung süditalienische Gstanzln. Wir nehmen im Nichtraucherraum Platz, der den Charme eines oststeirischen Busbahnhofbuffets verströmt. Ich sitze mit dem Rücken zur Bar, ein schwerer Fehler, wenn man die Stimmung eines Lokals aufnehmen will. Wie jeder unbeholfene Lehrling am ersten Arbeitstag habe ich außerdem mein Werkzeug vergessen und muss die Kellnerin um einen Kuli und einen Block bitten. Manche halten das sicher für hochgradige Dummheit, andere vielleicht für die perfekte Tarnung eines auf Anonymität bedachten Kritikers. Der erfahrene Wirt freilich scheint doch etwas zu ahnen, denn nach dem Dessert gibt es einen Grappa auf's Haus. Das ist selbst mit der strengsten Journalistenehre gerade noch vereinbar, solange der Schnaps nur gut genug ist und danach keine wichtigen Termine mehr anstehen.

Nun muss ich Felix* anrufen, den Fotografen. Als Sohn eines bekannten Wirts ist er in der Gastronomie groß geworden und kennt alle Schikanen. Wäre er Beislkritiker geworden, würde ihn seine Mischung aus wildem Furor über die erlebten Katastrophen und gleichzeitiger Angst vor Repressalien durch ungehaltene Wirte wohl in den Wahnsinn treiben. Wenn das Essen eine gewisse qualitative Untergrenze erreicht, kann Felix sehr sehr laut und ungehalten werden. Ich nehme ihn daher nur dann zu Tests mit, wenn ich mich nervlich ausreichend stabil fühle. Da er in der Regel einige Tage nach meinem Besuch mit der Kamera anrückt, hat er die nicht immer angenehme Aufgabe, sich zu erkennen zu geben und vom Test zu berichten. Oft ruft er mich zuvor noch rasch an, um zu fragen, wie die Kritik ausfallen wird. Und manchmal, wenn es sehr dramatisch zugeht, lichtet er nur rasch das Desaster auf den Tellern ab und eilt zügig von dannen.

Meine erste Kritik beruhigt Felix ungemein, sie ist nämlich lobend („Zugegeben, das Ambiente könnte deutlich an Eleganz zulegen, doch die Küche ist bereits jetzt auf dem besten Weg.“). Mit dem Titel habe ich zuerst meine liebe Not. Am Ende steht über dem Text „Vom Stiefel nach Stattegg“, und der Chefredakteur gibt die Druckfreigabe. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: Es werden an die hundert italienische Ristorantes folgen, unzählige Portionen Pasta und Risotto, Tiramisú und Profiteroles. Die meisten dieser Lokale haben außer einem verstaubten Fischernetz an der Decke und einer Sammlung leergesoffener Weinf aschen über der Theke keinerlei Bezüge zum weltberühmten italienischen Design. Die Pizzaöfen qualmen genauso wie die Kellner, die lässig an der Bar lehnen und gelangweilt zu den Gästen hinüberstarren. Die Wirte haben ein Standardrepertoire an Ausdrücken, die besonders authentisch klingen sollen. Die Musik stammt von Billig-Compilations aus dem Media-Markt. „Laura non c’è.“ „Adesso tu.“ „Felicità.“ „Per Elisa.“ Die Frage des Chefredakteurs: „Gehst du gern essen?“ hätte besser gelautet: „Willst du oft essen gehen und dafür bezahlt werden?“

Das nächste zu testende Lokal ist eine geradezu prototypische Bar in der Grazer Innenstadt. Juweliere und Marketing-Spezialisten treffen hier auf Anzeigenkeiler und Versicherungsagenten. Die weibliche Begleitung ist gerne etwas stärker geschminkt und trägt vorzugsweise unbequemes Schuhwerk, das so aussehen soll wie die Modelle aus Sex and the City. Es gibt zu jeder Tageszeit Melange mit Industrie-Schlagobers, Aperol Spritz und dazu eine Wolke aus Marlboro, Meine Sorte und After Shave. Das Interieur kombiniert dunkles Holz, metallische Designerlampen und Fotos von den stolzen Besitzerinnen, wie sie gerade von Juwelieren und Anzeigenkeilern umschlungen werden. Ich bin grippekrank, und als unerfahrener Newcomer habe ich keine Reserve-Kritik in petto. Fiebergeschüttelt sitze ich also in der eiskalten Stube inmitten von rauchenden Versicherungsagenten. Zu essen gibt es sinnlose Kleinigkeiten wie Crostini, zu trinken serviert man unterkühlten Rotwein, und an der Bar plustert sich ein früherer FPÖ-Politiker vor ein paar Blondinen der Generation 50 plus auf. Das Resümee ist dementsprechend euphorisch („möglicher Anziehungspunkt für Menschen, die man früher Yuppies nannte“).

In den kommenden Wochen lerne ich, Decknamen bei der Tischreservierung zu verwenden und meine Notizen einigermaßen heimlich zu machen. Ganz schlaue Kellnerinnen erkennen Kritiker nämlich auf hundert Meter, selbst wenn man auf das klassische schwarze Moleskine-Büchlein verzichtet, das selbst Kinder aus dem Pixar-Film Ratatouille kennen. Eine Journalistenkollegin gesteht mir eines Tages, dass sie stets die Speisekarten einsteckt und ihre Besprechungen zuhause schreibt. Sie muss mittlerweile über eine ansehnliche Sammlung unansehnlicher und speckiger brauner Plastikmonster verfügen.

Im Normalfall haben die Getesteten nicht den leisesten Verdacht, dass so jemand wie ich Gastrokritiker sein könnte. Das bestätigt sich durch manche telefonische Nachfrage und die eifrigen Recherchen von Fotograf Felix. Ich esse mich unerkannt, unbehelligt und voller Tatendrang durch alte Beisln und mehr oder minder interessante Neueröffnungen. Der Vorteil für einen Grazer Kritiker: Ich muss mich nicht verkleiden, wie die Kollegin Ruth Reichl von der „New York Times“ es in ihrem Buch „Falscher Hase“ eindrucksvoll beschreibt. Der Nachteil für den Grazer Kritiker: Das Essen in den besseren Lokalen ist nicht halb so gut wie in den Restaurants, die Reichl hingebungsvoll vernichtet.

Es gibt in diesen Wochen viel Abwechslung auf dem Speiseplan. Bei Dionysos am Färberplatz vertilge ich Fleischgebirge. Das Lokal sieht immer noch so aus, wie in seiner Zeit als ur-steirische Touristenfalle mit gebackenem Emmentaler als Bestseller. Allerdings sind ein paar Akropolis-Bilder und Mini-Statuen dazugekommen. In einem spärlich eingerichteten und marginal beheizten Kulturbeisl in der Sporgasse bekocht ein indischer Künstler die zwei anwesenden Journalisten bei der Eröffnungspressekonferenz mit Talent und der gesamten Schärfe seiner Heimat. Der gute Mann war in Indien ein Filmstar, niemand kann sagen, was ihn auf die absurde Idee gebracht hat, zwischenzeitlich Koch in der Steiermark zu werden. Die Beisl-kritik trägt übrigens den meines Erachtens gelungenen Titel „Der Drachen im Rachen“.

Ich erlebe die ersten Enttäuschungen an klebrigen, ungeputzten Tischen mit überforderten Kellnern in Lokalen mit fünfzigseitigen Speisekarten. Enzyklopädien des Wahnsinns. Unerfüllbare Versprechen. Aber doch zumindest ein brauchbarer Überblick über die Küche im 20. Jahrhundert. Ich beginne mich angesichts des Grazer Gastro-Einheitsbreis aus düsteren Beisln, 0815-Asiaten und Balkan-Pizzerias in die Provinz durchzuschlagen. Dort, wo die Preise für Hauptgerichte noch einstellig sind und vor dem Gasthaus keine Hundehaufen, sondern Pferdeäpfel oder Kuhf aden liegen. In der Buschenschank Dokter etwa, hoch oben über Ligist, bestaune ich eine vier Meter hohe geschnitzte Weinflasche mit dem gebührenden Respekt. Sodann bestelle ich eine Buchtel, die auch nicht viel niedriger ist als das Holzkunstwerk und dirigiere den ortsunkundigen Fotografen per Handy-Ansage an sein Ziel. Es soll dies nicht das letzte Telefonat sein, dass ich am Sonntag zu Mittag mit Felix führen muss, der mal wieder vergessen hat, sich für unsere Landpartien einen Routenplan auszudrucken oder ein Billig-Navi bei Hofer zu kaufen.

Felix wird dann auch der Protagonist in einem der denkwürdigsten Beisl-Tests aller Zeiten. Ich lade ihn und meine Tochter in ein neu eröffnetes Mini-Restaurant ein, das zwei Hobbyköche neben ihrem bürgerlichen Beruf führen wollen. In Gries, dem fünften Grazer Gemeindebezirk, möchten sie in kleinem Rahmen für Freunde, Kollegen und Kulturbegeisterte aufkochen. Beim Pressefrühstück ein paar Tage zuvor hatte es seltsame Würste gegeben, kuriose Aufstriche und grindigen Bio-Saft. Das notdürftig eingerichtete Beisl wirkt wie eine Galerie, die sich auf Makramee und schmiedeeiserne Blumenampeln spezialisiert hat und verfügt im Untergeschoss über einen Yoga-Raum. Das Wirtspärchen erinnert optisch stark an Handarbeitslehrer, die das Ende der Hippie-Ära noch nicht wirklich verarbeitet haben. Doch die ganze Wahrheit über dieses Restaurant sollte ich erst beim Test am eigenen Leib erfahren.

An einem Abend im Dezember ist es soweit. Zu dritt nehmen wir exakt in der Mitte des Raums Platz. Außer uns sind einige Bekannte der Betreiber erschienen, um ihnen die notwendige Reverenz zu erweisen. Dezentes Geklirre der Weingläser. Erwartungsvolle Blicke. Leise Gespräche rund um kulturelle und weltanschauliche Themen. Dann nimmt der anregende Restaurantbesuch eine jähe Wendung. Das Essen beginnt. Als Gruß aus der Küche gibt es einen Apfel, den man brachial mit Blutwurst gefüllt hat. Dazu einen großen Klecks Gatsch vom Rettich, und auf dem Dach des Obst-Fleisch-Gebildes sitzt einsam eine Garnele. Der Fotograf wird immer blasser, mein Kind verweigert bereits jetzt jede weitere Nahrungsaufnahme. Vielleicht sollte man jungen Menschen und ihrem kulinarischen Instinkt mehr Vertrauen entgegenbringen. Womöglich können die Klügeren unter ihnen sub-optimales Essen wittern wie manches Tierchen Krankheiten oder schlechtes Wetter.

Unverdrossen kämpfe ich mich mit all meiner Kritikerehre durch einen Nusssalat, der an ein rumänisches Frühstücksbuffet der Ära Ceausescu erinnert. Wirklich heftig ist die Crême brulée mit Gänseleber. Kalte Leber mit Kristallzucker, das ist für Felix zu viel. Er springt auf, ergreift seine Kameratasche, schreit: „Die wollen mich umbringen!“ und rennt aus dem Lokal. Die anderen Gäste schauen mich schockiert an, wobei mir nicht ganz klar ist, ob sie sich mehr vor dem wild gewordenen Fotografen oder dem Essen auf ihren eigenen Tellern fürchten. Meine Tochter hingegen wirkt stoisch und starrt depressiv auf den Fisch, der als Hauptgericht serviert wird. Die Wirtin ist irritiert durch das ebenso plötzliche wie lautstarke Verschwinden meiner Begleitperson. Ich versichere ihr wortreich, dass Felix geisteskrank sei, das Essen aber wirklich her-vor-ra-gend. Sie zahlt mir diese Lüge heim und bringt als nächsten Gang Reh mit Selleriesalat. Das schmeckt nach Faschierten Laibchen, was zweifellos ein sinnvolleres Gericht gewesen wäre. Zum Dessert gibt es dann noch eine Traube mit Karotten, und mir ist jetzt doch ein bisschen unwohl. Ich packe das Kind, bestelle ein Taxi und trinke daheim drei Schnäpse auf ex. Zum ersten Mal verstehe ich meine Vorgängerin gut, die den Job kaum zwei Jahre lang ausgehalten hat.

Das Nervigste an diesem Beruf ist aber gar nicht das Essen oder die deutlich wahrnehmbare Gewichtszunahme in Form von mindestens drei Kilos pro Jahr, sondern die Erwartungshaltung meiner Umgebung. Man fordert von mir neuerdings Tipps für alle Lebenslagen und fragt: „Wohin gehe ich mit meiner neuen Freundin in der Weihnachtszeit am Sonntag gut essen?“ Meine Antwort („Rom!“) scheint den Fragesteller nicht zufrieden zu stellen. Jedes Essen ist nur mehr unter dem Aspekt der kritischen Verwertbarkeit zu sehen. So führe ich auch meine liebe Frau an ihrem Geburtstag in ein neues Pasta-Lokal im bürgerlichen Bezirk Geidorf. Angenehmerweise hat sie es ausgesucht. Es ist nämlich ein veritabler Verhau. Die Lasagne wird in einem tiefen Pasta-Teller serviert, das arme Ding sinkt notgedrungen in sich zusammen. Außerdem hat man kein einziges Gramm Fleisch, dafür aber drei Kilo Billigkäse zwischen die Teigblätter gestopft. Happy Birthday, Darling, die Rechnung geht auf mich.

Im Sommer ist meine Verzweiflung schon mittelgroß. Keine Lokaleröffnung in Sicht. Da hat der Chefredakteur eine Idee: „Wie wär’s mit einem Beisl-Test im Freibad?“ In einem großen und durchaus reizvollen Bad, das der Stadtverwaltung gehört, esse ich tapfer fettige Schinkenfleckerln, während der Nachwuchs sich mit Salat und Eislutschern begnügt. Die Kritik ist durchwachsen („Es ist schwer verständlich, warum man bei den Freizeitbetrieben bisher nicht erkannt hat, dass gutes Essen ein menschliches Grundbedürfnis ist.“). Am Mittwoch erscheint die Zeitung, und das ist generell ein guter Tag, um nicht ans Telefon zu gehen. Auch an diesem Mittwoch klingelt das blöde Ding so laut, dass ich zusammenzucke. Am anderen Ende der Leitung ist der Gastro-Chef der angesprochenen städtischen Gesellschaft. Er eröffnet das Gespräch mit den Worten: „Wegen Ihres heutigen Berichts.“ Es folgt eine kurze Pause. „Ich muss Ihnen sagen.“ Wieder Pause. Mir ist heiß. „Dass Sie völlig Recht haben!“ Ich muss lachen. „Wieso tun Sie nichts dagegen?“, frage ich mit einigem Interesse. „Wir geben uns Mühe und haben jetzt Tramezzini eingeführt in einem anderen Bad. Testweise.“, sagt der Mann mit leichter Verzweif ung in der Stimme. „Wir strengen uns wirklich an, um besser zu werden.“ „Okay“, sage ich, „dann lassen Sie mich bitte wissen, wenn Sie wieder einen Schritt vorangekommen sind.“ Höflich verabschiedet er sich.

Nur wenige der solcherart Kritisierten nehmen es mit so viel Contenance wie der Bäder-Gastronom. Als ich wahrheitsgemäß berichte, dass in einem Szenelokal die Bedienung so lasch ist, dass nicht einmal der Grazer Bürgermeister innerhalb einer guten Viertelstunde nach seinen Wünschen befragt wird, kocht die Wirtin. Am Telefon, wohlgemerkt, statt in ihrer an sich formidablen Küche. Ein anderer Heißsporn beschimpft meine Begleitung, die ich im Artikel zitiert hatte, in einem E-Mail heftig. Zwei Runden später im angeregten Mail-Verkehr gibt er zu, dass die Kritik intern diskutiert und an Verbesserungen gearbeitet werde. Doch es hat nichts geholfen, denn das in Diskussion stehende Beisl wurde seitdem mindestens zweimal neu übernommen.

Ich beginne ein Sensorium zu entwickeln für Lokale, die nur von kurzer Dauer sein werden. Natürlich sind massenhaft leere Sitzplätze und proppenvolle Speisekarten, die es jedem Recht machen wollen, ein Indiz für baldigen Untergang. Aber manchmal wird es wohl einfach ein Fluch sein, der über dem Wirt oder dem Standort liegt. Es muss grauenhaft sein, die ganzen Ersparnisse in eine schlecht gehende Kneipe zu stecken, katastrophal besprochen und kaum besucht zu werden und dann nach zwei Jahren im Privatkonkurs zu landen. Der arme Kerl hat ohnehin so viel Pech im Leben, und jetzt schreibe ich sein Lokal über den Jordan. Auch das gehört zum Kritikerleben. Das einzige, was man für so einen Wirt tun kann, ist, ihn im wahrsten Sinne des Wortes totzuschweigen.

Es gibt aber auch schöne Erlebnisse in diesem ersten Jahr. Ende Dezember schreibe ich eine ganze Seite über die besten Neuerscheinungen. Zum ersten und zugleich auch zum letzen Mal. Die Gastwirtschaftskrise beginnt in Graz im Jahre 2008 voll zuzuschlagen. Ende 2007 lässt sich davon freilich noch nichts erahnen. Ich lobe das Magellan, in dem gerade einer der legendärsten, aber auch umstrittensten Köche der Stadt Station macht. Ich lobe das srilankesisch inspirierte Café Park in der Volksgartenstraße, eines der wenigen Beisln, in das ich auch „privat“ wirklich gerne gehe. Und ich lobe das Cooking Wu, ein riesiges asiatisches Schlachtschiff, das in Straßgang vor Anker gegangen ist und das „mongolische Buffet“ in Graz salonfähig machen will. Exakt diese positive Erwähnung wird mir zwei Jahre später ein bisschen Ärger einbrocken, aber auch davon habe ich zu diesem Zeitpunkt noch keinen blassen Schimmer.

Als „best of überschätzt“ kriegen einige Wirte ihr mehr oder weniger verdientes Fett in diesem Jahresrückblick ab. Besonders ein altes verrauchtes Beisl, das zu dieser Zeit überraschend mit der ersten Haube ausgezeichnet wird, ist mir ein Dorn im Auge. Das gruseligste Ess-Erlebnis allerdings steht mir noch bevor. In einer belebten Straße in der Nähe des Bahnhofs hat wieder einmal ein neuer „Italiener“ eröffnet. Der Chef ist aus Wien, die Kellnerin aus Ungarn und der Koch ganz sicher auch nicht aus Italien. Über das Saltimbocca, seit Kindestagen eines meiner Lieblingsgerichte, notiere ich: „Dieses Pseudo-Cordon-Bleu samt Gummikartoffeln überhaupt einem Gast vorzusetzen, ist mutig. Den Vogel schießt aber die Lasagne ab. Da befindet sich doch wirklich ein beachtlicher Fetzen Plastikfolie mitten im Essen. Wenn man schon Tiefkühlgerichte aus dem Großhandel verarbeitet, dann sollte man wenigstens die Verpackung ordentlich entfernen.“ Meine Frau und eine spanische Bekannte, die uns zum Testen begleiten, sind fassungslos. Als ich die Bedienung auf das Plastikstück aufmerksam mache, ernte ich lediglich Achselzucken. Sechs Monate später ist das Ristorante geschlossen.

Noch ärgerlicher als ein schlecht geführtes Lokal ist eines, das unmittelbar nach dem Testen zusperrt, so dass die Besprechung nicht erscheinen kann. Besonders dramatisch ergeht es mir mit einem bodenständigen Beisl mitten im Zentrum, das mir gleich zweimal vor der Nase wegstirbt. Neueröffnung am Montag. Der Kritiker testet am Donnerstag. Als der Fotograf am kommenden Montag das Lokal ablichten will, ist es aus unerfindlichen Gründen geschlossen. Die Kritik wird auf Eis gelegt. Wochen später. Das Beisl hat wieder offen. Rasch wird Felix verständigt. Doch als der zwei Tage später anrückt, kann er von den Wirtsleuten nur mehr in Erfahrung bringen, dass es jetzt endgültig aus sei.

Nach drei Jahren gibt es zwei einschneidende Erlebnisse, die meine Sicht der Dinge einigermaßen verkomplizieren. Ich ernte den ersten deutlich negativen Leserbrief meiner Karriere, der auch tatsächlich abgedruckt wird. Der erboste Abonnent wirft mir vor, vom besprochenen Wirt abhängig zu sein und sowieso nachweislich keinen Geschmackssinn zu haben. Auf Nachfrage stellt sich heraus, welche Lokalempfehlung aus der Vergangenheit ihn so verärgert hat. Es war die Besprechung des Cooking Wu. Ich hatte geschrieben, es wäre ein sehenswertes Lokal, das man der Regisseurin Sofia Coppola zeigen müsse. Er hatte gänzlich andere Erfahrungen gemacht und dabei außer Acht gelassen, dass Gastrokritiken nicht nur subjektiv sind, sondern auch von der Tagesform aller Beteiligten abhängen. Ich mag jetzt wirklich gar nicht mehr. Ich mag mich nicht mehr mit grantigen Wirten herumschlagen und mit verbranntem Fleisch. Mit rohem Fisch und zerkochtem Gemüse. Ich mag nicht mehr jede Woche in ein neues Beisl gehen, dessen Besitzer wieder genau gar keine Idee hat, wie er wirtschaftlich überleben will.

Einige Tage später sitze ich ganz privat in einem Landgasthaus rund zwanzig Kilometer südlich von Graz. Hier passt alles. Das Essen ist bei jedem Besuch sehr gut, die Bedienung freundlich. Die Küche bietet Traditionelles mit ein paar neuen Ansätzen. Die Zanderfilets mit Gemüse-Gröstl und Erdäpfeln zum Beispiel sind ein Gedicht. Und selbst etwas Banales wie Putenbruststreifen auf Endivien-Erdäpfelsalat ist perfekt angerichtet und gerät nicht ins Schwimmen. Ohne Reservierung bekommt man hier am Wochenende definitiv keinen Sitzplatz. Als ich fertig bin, nähert sich die Wirtin. „Sie sind doch von der Zeitung, oder?“, fragt sie. Ich bejahe. „Die Gäste haben gesagt, ihre Kritik vom Frühjahr ist genau so geschrieben, wie sie es selbst empfinden. Und wissen Sie, was das Beste ist? Wir haben durch Ihren Bericht neue Stammgäste bekommen, die jetzt fast jedes Wochenende kommen.“ Sie strahlt. Ich auch. Das Leben als Gastrokritiker hat doch noch einen Sinn. Auch ohne Ruhetag.

* All names have been changed to protect the innocent.

Die Zitate wurden dem Steiermark-„Falter“, Februar 2007 bis Februar 2010, entnommen.

faq inspiriert: Auf Basis dieses Textes entstand Wolfgang Kühnelts literarisch verarbeitete Gastro-Odyssee „Angerichtet“ (Leykam Verlag).

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