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Man nimmt das Geld ja gerne, egal, wer es vergibt

Kurz vor der Viennafair, die er mit einem monumentalen Vorhang eröffnen wird, treffen wir einen gut gelaunten, Marlboro rauchenden Heimo Zobernig. Der international erfolgreiche Künstler will sich im Gespräch in seinem Atelier zur Ironie, aber nicht zur Kärntner Fahne bekennen.

Bei der Kunstbiennale in Venedig werden mittlerweile auch Goldene Löwen vergeben, und es wird fleißig am roten Teppich posiert. Wird die Kunst immer mehr zur Seitenblicke-Unterhaltung?

Ach, einen gewissen Glamour hat Kunst immer gehabt. Ich denke da an die Filme von Jef Cornelis, einen belgischen Filmemacher, der über dreißig, vierzig Jahre lang Kunstereignisse begleitet und dokumentiert hat. Da sieht man dann eben Biennale-Eröffnungen aus den Fünfziger Jahren. Und die sind wirklich glamourös. Frauen in aufwendigen Kleidern und Männer im Smoking. Das sieht dann in den Siebzigern wieder ganz anders aus. Aber Kunst und Glamour sind generell etwas, das immer wieder zusammen war. Es passt sich halt an den Stil der Zeit an.

In Venedig entscheiden lediglich fünf Juroren über die Vergabe von Preisen. Beim „Weltfußballer des Jahres“ stimmen alle Trainer und Kapitäne der Nationalmannschaften ab. Sollte sich die Vergabepolitik mehr demokratisieren?

Interessant ist der Wunsch nach Objektivierung schon. Aber die Kunstwelt besteht aus so vielen Parallelwelten, dass das eigentlich gar nicht vorstellbar ist, einen Modus zu finden, wo sich so viele einigen können. Ein Publikumspreis wäre da vielleicht der demokratische Weg? Hm.

Sie postulieren also keinen Kunst-Nobelpreis, der von einer Fachjury vergeben wird?

Man nimmt das Geld ja gerne, egal wer es vergibt. Und es gibt ja auch einige Kunstpreise, ganz besondere Auszeichnungen, die sehr hoch dotiert sind und von ausgesuchten Experten vergeben werden. Aber ich fühle mich sehr weit entfernt von solchen Auszeichnungen, also hab ich mich noch nicht so im Detail damit beschäftigt.

Woody Allen sagte einmal: „Wenn man ein halbes Jahr keinen neuen Film macht, meinen die Leute gleich, man schläft jeden Tag bis zwölf und sitzt nur auf der Couch“. Wie viele Stunden pro Woche arbeiten Sie?

Viele. Und das trifft wohl zu, dass es so etwas wie Pausen, wie Urlaub nicht gibt. Manchmal denke ich: Einerseits bin ich da an der Akademie, da redet man den ganzen Tag über Kunst, wenn ich auf Reisen bin, gehe ich auch, ohne dass mich jemand dazu drängt, ins Museum, also bin ich die ganze Zeit, in der ich nicht schlafe mit Kunst beschäftigt. Was ein bisschen absurd ist, aber es trifft zu.

Wie steht es um den Mythos der Bohème, den hungernden Künstler? Wie lange musste Heimo Zobernig in der Studenten-WG mit Gemeinschaftsklo im Halbstock wohnen?

Ja, die Zeit gab es natürlich. Aber ich bin in die Achtziger Jahre hineingeraten, wo eine Generation relativ früh erfolgreich wurde. Also bevor ich dreißig geworden bin, konnte ich von meiner Kunst schon leben.

Früh erfolgreich zu werden, ist aber kein isoliertes Phänomen der Achtziger Jahre, das ist ja nach wie vor aktuell. Die Künstler werden eher immer noch jünger.

Das man heute relativ jung in den Kunstbetrieb kommen kann, liegt auch daran, dass Kunst in den letzten dreißig Jahren sehr viel mehr Gesellschaftsbereiche anspricht und erreicht. Aber das ist keine stringente Entwicklung, das passiert meist in Wellen. Früher, in den Fünfziger, Sechziger Jahren haben einige Künstler sehr lange warten müssen, um Anerkennung zu finden. Jackson Pollock oder Barnett Newman, die eben auch bescheiden gelebt haben oder einen Lehrberuf hatten. Das ist ja nicht außergewöhnlich, das machen viele Kollegen. Ich unterrichte ja auch. Das man quasi jobbt, um sich den Beruf auch leisten zu können.

Apropos leisten: Was war Ihr bestverkauftes Werk?

Bestverkauftes? Da muss ich länger nachdenken ... 200.000 Euro.

Was war das?

Eine Wandmalerei für die Bank Santander, in der Zentrale in Madrid. Jetzt muss man aber rechnen: Für 200.000 Euro plus Produktionskosten, da kommt zirka ein Viertel auf mich. Weil das über eine Galerievermittlung stattgefunden hat und der österreichische Staat da auch rund fünfzig Prozent abzieht. Aber immerhin, ich habe mich sehr gefreut.

Man unterstellt Ihrem Werk öfter Ironie. Sind Sie damit einverstanden?

Ich sehe es nicht als Unterstellung. Ironie ist ein Aspekt, den ich ganz absichtlich anspreche. Ironie ist eine Denkungsweise, eine philosophische Weltsicht, dass man nicht alles ernst nimmt und Dinge relativieren kann. Darum bekenne ich mich gerne dazu. Aber manchmal passiert das auch einfach. Ich kann die Art der Rezeption ja nicht einschränken. Und ich will auch nicht diktieren, wie meine Sachen zu verstehen sind. Meine Arbeit lässt sich auch ohne Humor oder Ironie lesen. So viel Grundsätzliches ist immer da.

In der Kunsttherapie verwendet man die sogenannte Mensch-Tier-Zeichnung, um das künstlerische Potenzial von Patienten zu testen. Könnten Sie ein Pferd aus dem Kopf zeichnen?

Ich sag mal: ja. (schmunzelt)

Können Sie die Kärntner Fahne aus dem Kopf zeichnen?

Nein! Das möchte ich nicht machen. Da würde ich mich verweigern. Diese ganze Kärntner Geschichte geht mir auf die Nerven. Ich finde sie auch nicht schön, farblich.

Wie würden Sie die Fahne umgestalten?

Also, nein. Dazu fällt mir nichts ein.

Dann wechseln wir lieber wieder zum Thema Österreich. Im letzten Kunstkompass, einem Ranking der hundert bedeutendsten internationalen Künstler der Gegenwart waren nur zwei heimische Künstler vertreten: Valie Export auf Platz 49 und Arnulf Rainer auf Platz 68. Warum ist Österreich international so unbeliebt?

Das glaube ich gar nicht, dass da zum Beispiel Maria Lassnig nicht drinnen steht.

Nein, sie ist aktuell nicht im Ranking. Letztes Jahr waren noch Franz West und Erwin Wurm dabei, auch die sind heuer nicht mehr in der Wertung.

Interessant. Ich erkläre mir das so: einerseits gibt es diese Parameter, nach denen das ausgesucht wird und andererseits den Faktor, wie ein Land als Wirtschaftsfaktor aktiv ist. Und Österreich ist eben klein. Es gibt schlicht Größere, die sind repräsentiert. Ich weiß nicht, wie viel Einfluss das prozentuell nimmt, aber es spiegelt sich einfach wider.

Aber auch Deutschland, das mit 28 gelisteten Künstlern führt, ist nicht so groß im Vergleich zu den USA, Frankreich oder Russland. Die Größe allein ist also nicht ausschlaggebend.

Die Liste wird ja auch dort herausgegeben, und die Bewertungsparameter sind natürlich auf die Museen und Festivals der westlichen Welt ausgerichtet. Nicht auf Asien oder Afrika. Man kann diese Rankings auch total vergessen. Wenn man den Kunstbetrieb tatsächlich danach ausrichten würde, würde er wirklich ganz anders aussehen. Natürlich ist es angenehm für jeden Künstler der gelistet ist. Aber wenn man nicht drinnen ist, kann man diese Listen beruhigt blöd finden!

Haben Sie drei Argumente für ein Investment in den österreichischen Kunstmarkt?

Dass es eine Kultur um die Kunst gibt, ist regional etwas ganz Wichtiges. Das ist nicht etwas, was man sich von irgendwo einkaufen kann. Man muss damit rechnen, dass die Lebendigkeit und die Qualität nur erreicht werden, wenn das Regionale eine angemessene Wertung findet. Deshalb ist es selbstverständlich sehr sinnvoll für österreichische Sammler, in österreichische Kunst zu investieren.

Gibt es noch österreichische Mäzene?

Sammler und Mäzene werden ja oft nicht klar getrennt. Mäzene gibt es ja nicht. Jede Geste ist verbunden mit einem Vorteil. Ich kenn das gar nicht anders. Wenn, dann könnte man wirklich nur den Staat als solchen betrachten, durch seine Subventionspflicht.

Viennafair, Art Austria, Art Innsbruck, Art Bo¬densee: Es gibt so wie viele Kunstmessen in Österreich. Wie viele braucht das Land? Und welche kann sich mit den Wichtigen in Basel, Köln, Miami und Madrid messen?

Ich bin natürlich Künstler und kein Galerist, der sich in diesem Geschäft so gut auskennt. Aber wenn ein Messeveranstalter erfolgreich ist, ist das gut. Wenn’s nicht klappt, also keinen Markt hat, erledigt sich das ohnehin von selbst. Wenn es eine kleine regionale Messe ist, ist es sicher auch nützlich für die Szenerie. Man muss nicht immer diese großen Vergleiche machen.

Experten schätzen, dass die Preise für zeitgenössische Kunst um ein Drittel gefallen sind. Bei einzelnen Künstlern, die bislang sechsstellige Preise erzielten, fiel sogar eine Ziffernstelle. Trotzdem: Alberto Giacomettis „L’Homme qui marche“ erzielte vor zwei Monaten bei Sotheby’s den höchsten Preis, der je für ein Kunstwerk bei einer Auktion bezahlt wurde – 110 Millionen Dollar. Was bedeutet das? Krise oder nicht?

Die Krise am Kunstmarkt war nicht so groß, wie es für alle anderen Bereiche der Fall war. Sicherlich hatten einige Galerien Verkaufsrückgänge. Was in Wirtschaftsmagazinen an Auktionsrekorden berichtet wird, ist aber eine andere Welt, als die Galerienpreise. Die bleiben ja meistens konstant. Es wäre auch fatal, wenn die Preise solchen Schwankungen unterliegen würden. Was mich betrifft, habe ich die Krise überhaupt nicht gespürt. Ich habe einen konstanten Anstieg seit 25 Jahren. Ich glaube, dass in Krisenzeiten junge Kunst bessere Chancen hat und nur die besonders hochpreisigen einen massiven Einbruch spüren. Aber davon gibt es in Österreich nicht viele, die sich fürchten müssen.

Heimo Zobernig, geboren 1958 in Mauthen, Kärnten. Professor an der Akademie der Bildenden Künste in Wien. Zahlreiche internationale Ausstellungen und Auszeichnungen (u.a. Otto-Mauer-Preis) sowie Beteiligungen an der Documenta IX und X in Kassel.

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