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Mister Lucky

Chris Isaak, der Mann mit dem optimistischen Dackelblick und einem Bauchladen voller Lieder über Einsamkeit und Sehnsucht, ist auch nach 25 Jahren vor allem eines: gefühlsecht.

"Silvertone“, das erste musikalische Lebenszeichen, kam vor 25 Jahren noch als schwarze Vinylausgabe auf den Markt und wurde gleich von der Ö3-„Musicbox“ mit der höchsten zu vergebenden Auszeichnung geadelt: Sie wurde als komplette LP gesendet. Die Begeisterung der restlichen Welt außerhalb der kleinen österreichischen Trendsetter-Fraktion rund um Werner Geier hielt sich in engen Grenzen. Die Platte verkaufte sich weltweit rund 12.000 Mal und war damit unterhalb jeder Wahrnehmungsgrenze. Aber da Acts wie Madonna oder Van Halen das Geld tonnenweise in die Kassen der Plattenmultis spülten, konnte ein kleiner, aber doch irgendwie netter Nischenmusiker wie Chris Isaak samt seiner Band weitermachen. Heute ist Chris Isaak größer denn je, er hatte vier Jahre lang seine eigene Fernseh-Chat-Show, er lässt sich als Schauspieler besetzen, und seine Songs sind Klassiker. Was ist da passiert?

Luck (1)

Ohne Glück oder zumindest die Gnade, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein, geht im Leben gar nichts. Nach dem College stand der junge Chris Isaak vor der Wahl, seinen Musikertraum zu verwirklichen oder gleich einen normalen Brotberuf zu ergattern. Der Gedanke: „Wenn nicht jetzt, dann nie“, war naheliegend, und Isaak zog von Stockton, Kalifornien, die paar Meilen nach San Francisco, um die Gitarre und das Surfbrett auszupacken. Nach einigen Monaten hatte er seine Band Silvertone zusammen, und der lange Weg der fünfstündigen Auftritte durch Clubs mit Namen wie „Club Nine“ oder „I-Beam“ begann. Die Freundin seines Gitarristen James Wilsey, der noch bis 1993 in der Band blieb, kannte die Freundin von Erik Jacobsen, der seinem Ruf als Produzentenlegende der Arbeit mit Tim Hardin und The Lovin' Spoonful verdankte und für Knaller wie „Do You Believe In Magic“ und Norman Greenbaums „Spirit In The Sky“ verantwortlich war. Jakobson kam zu einem der Auftritte und hörte etwas, das ihm gefiel. Er riet Isaak, an den Songs zu arbeiten und mehr zu schreiben. Der zukünftige Schützling beherzigte den Rat, aber es dauerte noch ein paar Jahre, bis der Plattenvertrag unterschrieben wurde und vier Jahre bis zum Erscheinen des Debütalbums, ebenfalls produziert von Mentor Jacobsen, der noch bis 1998 jedes Album von Isaak produzierte.

Luck (2)

Der Song, mit dem Isaak bis in alle Ewigkeit assoziiert werden wird, was auch immer er noch schreiben mag, ist „Wicked Game“. Aber auch dieser perfekte Song brauchte mehrere Anläufe, um sich ins kollektive Gedächtnis zu schummeln. Beim Erscheinen auf Isaaks drittem Album „Heart Shaped World“ 1989 tat sich einmal zwei Jahre wenig. Isaak tourte und vermehrte sein Publikum langsam, aber stetig, war aber vom Status eines Stars weit entfernt. Zwei Jahre später verwendete David Lynch die instrumentale Version in Wild at Heart, und weckte so das Potenzial dieses Song-Monsters. Weitere Hilfe kam von einem Radio-DJ in Atlanta, der über den Film auf den Song aufmerksam geworden war und ihn unablässig spielte. Nach einem von David Lynch mit Filmausschnitten ausgestatteten Video, drehte Herb Ritts das Video, das die Marke Isaak etablierte. Die Atmosphäre und die Bilder des sich am Strand in romantischem Schwarzweiß liebenden Pärchens Isaak und Helena Christensen eroberten MTV und die Hitparade.

Look

Jede Marke braucht eine klare Erkennbarkeit. Elvis war mit 42 tot, Chris Isaak modelliert sich mit 54 noch immer am Aussehen des jungen Elvis und hat damit verdientermaßen keine Probleme. Das unterstützt zuerst einmal die These, dass ein drogenfreies Leben dem Aussehen zumindest nicht schadet, zeigt aber auch die Disziplin dieses Mannes. Nach dem Werbespots, die der alte Schelm Bob Dylan für die Dessouskette Victoria's Secret gedreht hat, wäre es jedem Produktmanager zu raten, Isaak als Gesicht für eine Männerkosmetiklinie zu engagieren. Oil Of Olaz für Männer unter der Patronanz von Chris Isaak, was für ein Gedanke. Eigenständigkeit bekommt sein Profil, aber erst durch einen Bruch, besser gesagt durch eine durch mehrere Brüche geformte Nase – ein Andenken an seine Jugend im Boxring und seine Prägung im Elternhaus. Sein Vater Joe vertrat mit Nachdruck die Meinung, uramerikanische Sportarten wie Baseball oder Football würden nur von Feiglingen gespielt, weil man dazu Helme aufsetzt. Also nahm er seinen Sohn zum Boxtraining mit. Chris zeigte Talent und kämpfte sich mit Erfolg durch die Nachwuchsauswahlen.

Aussehen und Glück sind Attribute, ohne die eine lange Karriere schwer starten kann, was sie aber andauern lässt, ist erstens Fleiß und zweitens Inspiration. Das Rückgrat von Isaaks Status sind einzig und allein seine Songs. Abgesehen von „Wicked Game“ hat er ein gutes Dutzend Klassiker geschrieben. „Blue Hotel“, „Back On Your Side“, „Waitin' For My Lucky Day“, „Baby Did A Bad, Bad Thing“, „San Francisco Days“ oder das wunderbare „Two Hearts“ sind Zeugnisse eines Songwriters, der wesentlich mehr kann als im Reimlexikon nachzuschlagen. Dabei ist er nach eigener Aussage kein Songwriter, dem die Songs im Schlaf zuf iegen: „Most of the time songwriting is like homework: Like trying to find what rhymes with „June“. Sometimes the first two verses come easy and then the third one is hard. But I’d never just sit there and wait for it to come. It’s like fishing, if you want to catch a fish, you’ve got to put bait on the hook and then the line in the water. To write songs, you’ve got to get your songbook and your guitar out – and work. You got to keep writing – write through the bad ones. You need to write a lot of bad songs to get the good ones. Most songwriting is like doing a card trick. Sometimes it works, sometimes it doesn’t. Paul McCartney and John Lennon are sickening, because everything they write is good. The rest of us just have to keep writing.”

Und auch wenn Isaak kein Bob Dylan ist, der zu jedem Gefühl einen definitiven Song geschrieben hat, oder auch kein begnadeter Geschichtenerzähler und Menschendarsteller wie ein John Prine, so ist er auf dem viel beackerten Terrain des romantischen einsamen Mannes, der gerade eine Liebe verloren hat, oder dessen Angebetete tausende Meilen entfernt ist, eine Klasse für sich. Diese Meisterschaft zeigte er auch in der gefürchteten Pflichtdisziplin amerikanischer Entertainer, der Weihnachtsplatte. Sogar eine Ikone wie Johnny Cash ist daran mehrfach gescheitert, aber Isaak schafft es sogar, aus einem abgelutschten Weihnachts-Evergreen wie „Rudolph The Red -Nosed Reindeer“ eine frischen, in die Beine gehenden Rhythmus herauszupressen. Und zu den Interpretationen der Klassiker wie „White Christmas“ gesellen sich auf einmal eigene Weihnachtslieder, die sich in den Kanon bestens einfügen. Natürlich sehnt sich der Protagonist zu Weihnachten nach seiner weit weg weilenden Liebe, aber es ist die Chuzpe, mit der Isaak hier wie selbstverständlich in eine Domäne einbricht, die erstens verzaubert und zweitens sein Selbstvertrauen demonstriert. Immerhin verweigerte Bob Dylan einen eigenen Beitrag zum Thema Weihnachten auf seiner im letzten Jahr erschienen „Christmas In The Heart“.

Roy Orbison

Als wichtigster musikalischer Einfluss auf das Schaffen von Isaak wird immer sofort Roy Orbison genannt, der große Tragöde mit der Sonnenbrille, der mit „Pretty Woman“ groß wurde und sich mit „Only The Lonely“ und „Running Scared“ überlebensgroße Denkmäler setzte. Natürlich liebt Isaak Orbison, aber daneben nennt er selbst immer wieder auch unbekanntere Größen aus den Fünfziger Jahren, wie Buck Owens, den König des California Country, die völlig vergessenen Crooner Nino Tempo und April Stevens und natürlich Elvis. Von Roy Orbison lernte er nicht nur seine Liebe zum Falsett, Orbison hatte auch auf das Auftreten und die Wertschätzung der Umwelt einen prägenden Einfluss auf den jungen Isaak: „Immer wenn ich sein Musik höre, oder über ihn rede, dann erinnere ich mich, was das für ein Mensch war. Wir spielten eine Show für ihn als Vorgruppe, wir hatten noch keinen Plattenvertrag, und eigentlich kannte uns niemand. Er war gerade am Beginn seines Comebacks. Meine Eltern kamen auch, weil es für sie die einmalige Gelegenheit war, Freikarten für Roy Orbison zu bekommen. Wir spielten also unsere Show, und mein Vater unterhielt sich lange mit Roy. Nach Roys Konzert kamen die ganzen Pressefotografen, und Roy zischelte meinem Vater immer zu: „Where is Chris? Where is Chris?“ Also holte mein Vater mich, Roy legte seine Hand um mich und ließ sich ablichten. Er hatte überhaupt nichts davon, aber er wusste, dass es mir helfen könnte, wenn mein Foto mit ihm in den Zeitungen war. Das war Roy Orbison.“

Der Hackler

Neben all seinem Talent ist Isaak vor allem verlässlich und fleißig. Er schaffte es bis heute nicht, eine wirklich schlechte Platte aufzunehmen, und trotz teils voller Tourpläne hat er den Respekt vor den zahlenden Besuchern nie verloren. „Wenn auf dem Ticket steht, dass das Konzert um 20 Uhr beginnt, dann stehen wir um 20 Uhr auf der Bühne, haben gute Anzüge an und geben unser Bestes.“ Das nennt man Berufsethos. Dazu kommt noch, dass Isaak anscheinend auch seine Musiker nicht nur ordentlich bezahlt, sondern sich auch als Teil der Band begreift, und nicht als Chef, für den zu arbeiten eine Ehre ist. Sein Schlagzeuger, Sympathieträger und Harmoniesänger Kenny Dale Johnson ist seit den Tagen von Silvertone Teil der Band, und auch die anderen Bandmitglieder zählen ihre Zugehörigkeit eher in Jahrzehnten als in Jahren. Und wenn wieder einmal ein TV-Sender wegen einer Show anklopft, weil Isaak auch als Gastgeber die pure Verlässlichkeit verkörpert und nie eine wirklich unhöfliche oder kritische Frage stellen würde, dann gibt es auch immer Jobs für die Band. Ob im musikalischen Teil oder als Laienschauspieler in sketchähnlichen Passagen, seine Mitarbeiter lässt er auch als TV-Host nicht im Stich. Angesprochen auf die von Elvis Costello moderierte und von Elton John produzierte TV-Show „The Spectacle“, die das gleiche Konzept verfolgt wie die „Chris Isaak Hour“, kommt wieder eine typische Antwort: „We are just like Elvis Costello’s show, only cheaper. He is a genius. And I think when the network hired me to do my show, we wanted to cover the other ground. So he’s got the genius covered, and I do the other stuff.”

Sam Phillips

Überlassen wir das Schlusswort dem 2003 verstorbenen Gründer von Sun Records und Entdecker von Elvis, Jerry Lee Lewis, Johnny Cash, Carl Perkins und Roy Orbison. Er meinte einmal: “I don’t keep up with the business like I used to, but I love to listen to Chris Isaak. He’s very talented and his music is damned honest. It’s incredible.”

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