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Brandheiß

Text: Alfred Burzler Fotos: Archiv

Gruppe B.R.A.N.D. – Wiener Avantgarde-Design aus den Achtziger Jahren kann heute aus historischer Perspektive befragt werden.

Jungdesigner suchen Kontakte zur Industrie. Das ist die Ausgangslage auf den vielen Youngde­sign-Ausstellungen, die gegenwärtig auf keiner Designmesse fehlen. Entwerfer und Entwerfergruppen stellen ihre Designideen in eigens dafür konzipierten Ta­lentshows oder in unabhängigen Off-Spaces aus, sam­meln eifrig die Businesscards des Fachpublikums und hoffen darauf, von den Scouts der Möbelindustrie oder gar von Patrizia Moroso – der Nummer eins unter den Kre­ativdirektoren der Möbelindustrie – persönlich entdeckt zu werden. Ein erster Lizenzvertrag könnte den Start einer internationalen Designkarriere bedeuten ...

Ganz anders war die Haltung vor dreißig Jahren: Anfang der 80er Jahre fühlten sich viele – gerade junge – Desi­gner in totaler Opposition zur Industrie. Serielle Produkti­on an sich und damit die klassischen Produktionsbedin­gungen von Design wurden vehement in Frage gestellt. Als Antwort galt: Herstellung von Unikaten oder Kleinse­rien, handgefertigt und über einen Galeriebetrieb vertrie­ben. „Galeriedesign“ war dann auch einer der Begriffe, mit dem der Trend häufig bezeichnet wurde.

Als markantester österreichischer Vertreter dieser mitt­lerweile historischen Designströmung gilt die Gruppe B.R.A.N.D. Die Entwerfergruppe, die zwischen 1983 und 1992 bestand, agierte genau an den zur Disposition ge­stellten Grenzen von Kunst und Design und illustriert mit ihrem Schaffen den damals herrschenden Diskurs in ein­drücklicher Weise. Aufstieg und Fall der „Brands“ erzählt auch vom Lebensgefühl im Wien der 80er Jahre und stellt ein aufregendes Kapitel der österreichischer Design­geschichte dar.

Galerie-Design oder „Form follows Fantasy"

Ausgangspunkt für die erstaunlichen Design-Entwicklungen der 80er Jahre war Italien. Im Geist der Achtundsechziger­bewegung war dort eine konsumkritische Gegenbewegung zum anerkannt „formschönen“ italienischen Industriede­sign (Bel-design) entstanden. Die unbequemen Ansätze hießen Anti-Design und Radical Design und bildeten auch die Grundlage für die nachfolgend bahnbrechenden Ent­wicklungen im Italien der späten 70er und frühen 80er Jahre durch die bekannten Avantgardeküchen Studio Al­chimia und Gruppe Memphis.

Nördlich der Alpen, vor allem in den Großstädten der Bun­desrepublik, trafen die komplexen italienischen Theorien auf das ungestüme Lebensgefühl der industriekritischen Öko-Bewegung sowie des Postpunk und der New-Wave­kultur. Diese Mixtur führte um 1980 zu einer neuen, von den italienischen Positionen unabhängigen, außerordent­lich gefühlsbetonten und antiakademischen Entwicklung auf dem Gebiet des Möbeldesign. Ein exaltiertes Design­schaffen warf die bis dahin herrschende Ulmer Grundre­gel, wonach beim Gestalten auf die Gebrauchsqualität, die Machbarkeit und die ästhetische Qualität zu achten sei, gänzlich über Bord. Dazu gehörte auch, dass industri­elle Produktionsabläufe generell abgelehnt wurden. Also war die – anachronistische – handwerkliche Umsetzung nur konsequent.

Entwurfsideen wurden als Prototypen oder höchstens Kleinserien gefertigt, oft auch gebastelt. Unikate oder Kleinserien wurden wie Kunstwerke nummeriert und si­gniert und in den Galerieräumen der neu entstehenden Designgalerien ausgestellt. Schließlich wurde dem neuen Trend im Frühsommer 1986 – zeitgleich mit der Reaktor­katastrophe von Tschernobyl – eine Großausstellung im Düsseldorfer Kunstmuseum gewidmet. In der Schau mit dem programmatischen Titel „Gefühlscollagen – Möbel von Sinnen“ – wurden 250 international ausgewählte Mö­belobjekte ausgestellt. Gezeigt wurden neben den Unikat­entwerfern (Stiletto, Pentagon, Ron Arad, Tom Dixon) auch die arrivierte und industrienahe italienische Avantgarde (Andrea Branzi, Alessandro Mendini, Ettore Sottsass). Ebenfalls dabei: die Gruppe B.R.A.N.D.

Gruppe B.R.A.N.D.

Mathis Esterhazy, ist 1983 gerade von einem Besuch in Westberlin zurückgekehrt. Beeindruckt von den Design­entwicklungen in Westdeutschland, schließen sich er und die befreundeten Gestalter Boris Broschardt und Rudolf Weber zur Gruppe B.R.A.N.D zusammen. Der Name of­fenbart, dass in den 80ern nicht nur Architektur brennen musste und spielt auch mit der englischen Bedeutung des Wortes – Marke. Die Gründungslegende, wonach die Freunde all ihre Möbel verbrannt hätten, um Platz für Neues zu schaffen, stimmt nicht. Die Geschichte passt aber gut zur künstlerischen Kompromisslosigkeit und auch zur bevorzugten Arbeitsweise: mit dem Schweißge­rät glühendes Metall formen.

Alle drei Gruppenmitglieder sind Autodidakten. Mathis Es­terhazy verfügt 1983 schon über viel Erfahrung im künstle­rischen Umgang mit dem Werkstoff Metall. Er hat bereits in der Wiener Galerie von Peter Pakesch ausgestellt und auch mit Franz West zusammengearbeitet. Mit der Grup­pe B.R.A.N.D. will Esterhazy eine Formation ins Leben rufen, die mehreren Entwerfern als Unterstützungsstruk­tur zur gemeinsamen Verwendung dient. Im Jahr 1986 steigt aber der Gründer aus und Boris Broschardt und Rudolf Weber führen das Label fortan als Zweierteam; bis anfang der 90er Jahre das unschöne Ende kommt, Schulden angehäuft sind und der aus Rijeka stammende Boris Broschardt Österreich verlässt.

R.O.M. – Raum-Objekt-Möbel

Die ersten Arbeiten sind skulpturale Möbelobjekte aus ge­bogenem Baustahl. Sie entstehen mehr als Einzelstücke für den eigenen Gebrauch. 1985 gelingt der Gruppe mit dem R.O.M.-Konzept – die Abkürzung R.O.M. steht für „Raum-Objekt-Möbel“ – die Entwicklung einer Entwurfs­sprache für raumgreifende Möbelobjekte. Es handelt sich um Entwürfe aus dünnem Metallrohr, das wie die Striche einer Skizze unregelmäßig verschweißt ist. Programma­tisch heißt es dazu: „R.O.M ist entstanden aus dem Frust über die Einförmigkeit der Massenproduktionsmöbel, die der Funktion einen eindeutigen Vorrang geben. Daher Ein­zelstückserien, in denen das Prinzip (der Gedanke) gleich ist, wo aber jedes Stück durch die physische Beschäf­tigung (Arbeit) mit dem Material, zwingend anders wird

...“

Im Dezember 1985 werden ROM-Möbel in den Räumen der Section N, einer von Katharina Noever geführten De­signgalerie in Wien, unter dem Titel „Verspannungen“ ausgestellt. Durch sogenannte Erweiterungen sind die einzelnen Möbelstücke auch miteinander verbunden. Wolfgang Schepers, ein Mitorganisator der erwähnten Düsseldorfer Ausstellung beschreibt die Arbeit: „Ergeb­nis ist eine raumfüllende ungegenständliche Plastik von filigraner Eigenart.“ In Wiener Designkreisen wird die Ar­beit zwar kontroversiell diskutiert, aber der begeisterten Medienmeinung folgen Aufträge im In- und Ausland und auch ein gewisser wirtschaftlicher Erfolg.

Cosmo

1988 wird die neue Möbelserie „Cosmo“ im Szenelokal Mavo präsentiert. Mit den „Cosmo- Stahlrohr-Möbel-Ob­jekten“ wird ein formal beruhigtes und stringentes Kon­zept vorgestellt, das, auf einer klaren Entwurfsidee be­ruhend, zu einem ganzen Programm von überzeugenden Entwürfen führt. Grundgedanke von Cosmo ist es, ausge­hend von fünf Kreisen mit unterschiedlichen Radien durch „Segmentierung und das kompilatorische Spiel“ (Boris Broschardt) Möbelobjekte zu gestalten.

Aber die – immer noch handzertifizierte – Cosmo-Linie ist kostspielig (ein Sessel kostet 12.000.- ÖS, ein Tisch 14.000.- ÖS) und kommt beim Publikum nicht an. Die komplette Innengestaltung des Black Market – eines legendären Wiener Plattengeschäfts mit Cafébetrieb – stellt dann den letzten großen Auftrag für die Gruppe B.R.A.N.D. dar. Mit rauer Verarbeitung, unlackierten Me­tallteilen oder gebürsteten Blechen will die Gruppe einem Umschlagplatz für subkulturelle Produkte gerecht werden. Erfolgreich, denn einmal mehr findet die Arbeit in interna­tionalen Designpublikationen Beachtung.

Den wirtschaftlichen Niedergang des Labels kann aber auch das Black-Market-projekt nicht mehr aufhalten. Nach dem fulminanten – mehr medienwirksamen als einträgli­chen – Start innerhalb des internationalen Trends des Galeriedesign war die Gruppe B.R.A.N.D. gefordert, die überzeugende Entwurfsarbeit auch zu wirtschaftlichem Er­folg zu führen. Zwar lässt sich im Werk der Gruppe heute die entwerferische Annäherung an die Vorgaben industri­eller Produktion erkennen, der Übergang vom kunstnahen Designobjekt zum Industrieprodukt wurde aber konzeptiv nicht vollzogen. Wohl auch, weil das Schaffen der Gruppe B.R.A.N.D. endete, noch bevor die Identitäts- und Orien­tierungsfragen gelöst waren, die der postmoderne Etiket­tentausch von Kunst und Design mit sich gebracht hat. Sehr schade, denn Patrizia Moroso wäre mit Sicherheit begeistert gewesen.


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