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Heimat, gar nicht idyllisch

Wann immer ein Buch von ihm erscheint, ziehen Stadt und Land Salzburg schon mal vorsorglich den Kopf ein – so auch bei O. P. Ziers neuem Roman „Mordsonate“.

„Wir leben immerhin in einem Bundesland, wo es für bestimmte Jobs fast schon eine Voraussetzung ist, stockbesoffen im Auto herumzufahren. Landtagspräsident werden Sie in Salzburg nur mit mindestens 1,5 Promille.“ („Mordsonate“, S. 184)

„Wo fänden sich in Erzählungen und Romanen Figuren wie unser Landeshauptmann? Der es mit seinem grotesken Persönlich­keitskult geschafft habe, dass sogar den eingefl eischtesten Anhängern, inzwischen das Kotzen komme, sobald sie eine Zeitung aufschlagen und auf jeder zweiten Seite diese aufdringlichen Fotos des Politikers mit seiner First Lady und den ständig vor die Kameras gezerrten Kindern anschauen müssten.“ („Tote Saison“, S. 166 f.)

„Ich hatte nämlich in einem längeren Aufsatz (...) den demokratieparalysierenden Filz dessen untersucht, was man als so­genanntes ,Salzburger Klima‘ bezeichnete, diese große, parteienübergreifende Betrugsgemeinschaft, die sich in jenen, die nicht mitzumachen gewillt waren, ihre heftig befehdeten und vielfach denunzierten Feinde suchte, und gleichzeitig eine Kraft wachsen ließ, die im Namen der Demokratie gerade mit dieser nicht mehr viel am Hut hatte.“ („Himmelfahrt“, S. 22)

In einem der großartigen Cartoons von Gary Larson gibt es einen „Trottelerkennungshund“, eine wahre Wunderwaffe in Tiergestalt – wenn es sie denn gäbe und wenn man sie denn hätte. Auf die österreichische Kulturszene umgelegt, gibt es immerhin so etwas wie „Trottelerkennungsliteratur“, sie hat sogar eine reichhaltige Tradition – man denke nur, beispielsweise, an Karl Kraus, Thomas Bernhard oder Gert Jonke. Unter den Lebenden ist natürlich der große, unermüdliche Polemiker Werner Kofler zu nennen („Literatur ist Verbrechensbekämpfung“, Zitat) – und seit geraumer Zeit auch Othmar Peter Zierlinger, der sich O. P. Zier nennt und praktisch im Alleingang in seinem Heimat-Bundesland Salzburg aufräumt. Geboren 1954 und in der Pongauer Industriegemeinde Lend aufgewachsen, begann Zier schon sehr früh zu schreiben, unter anderem für die Grazer Literaturzeitschrift „manuskripte“. Zier ist ein ungemein vielseitiger Autor und drehte darüber hinaus zahlreiche Fernsehfilme, ungewöhnliche Reportagen für das „Österreich-Bild am Sonntag“, etwa über psychische Erkrankungen unter der ländlichen Bevölkerung und ähnliche Tabuthemen; er schrieb Texte und Essays für namhafte Zeitungen und Zeitschriften, darunter die „Zeit“, Hörspiele und Radio-Features und seit 1996, als „Schonzeit“ veröffentlicht wurde, auch die so genannten „großen Romane“.

„Mordsonate“, eben im Residenz Verlag erschienen, ist nach „Himmelfahrt“ (1998), „Sturmfrei“ (2001) und „Tote Saison“ (2007) sein fünfter Roman, der erste „echte“ Krimi (in „Tote Saison“ recherchiert Ziers Schriftsteller-Alter-ego Werner Burger) und das erste seiner Bücher, das nicht in seiner Pongauer Heimatregion spielt, sondern in der Stadt Salzburg. Was sich nicht geändert hat – siehe das eingangs erwähnte Zitat – ist Ziers Angriffslust. Im Vordergrund steht ein makabrer Mordfall: Birgit Aberger, ein zehnjähriges Klavier-Wunderkind, wird entführt und ermordet, drei abgeschnittene Finger werden in der Stadt gefunden. Es gibt in Gestalt von Dr. Erich Laber einen tüchtigen, mit einem interessanten Hintergrund ausgestatteten polizeilichen Ermittler, der sich prompt in eine Zeugin verliebt, es gibt alles, was ein Krimi haben muss – und dennoch ist „Mordsonate“ wie alle Bücher Ziers („wie alle guten Krimis“, sagt der Autor) auch und vor allem eine Gesellschaftsstudie.

Wortgewaltig

Birgits Eltern sind nicht vermögend, sie haben hart zu kämpfen, um ihrer Tochter die teuren Klavierstunden am Mozarteum zu finanzieren – im krassen Gegensatz zu denen ihrer Freundin Anja Weger: Anjas Vater Hans, der bald in Verdacht gerät, Birgit getötet zu haben, um den Weg für seine Tochter zu einem großen europäischen Wettbewerb in Vilnius freizumachen, ist ein Neureicher aus der Buberlpartie der FPÖ, vom Autoverkäufer aufgestiegen zum Vorstandsdirektor der Landes-Energiegesellschaft ENAG. „Leider“ hat er auf den „großen Führer“ gesetzt und sieht sich als nunmehriger BZÖ-ler massivem Mobbing in der Firma ausgesetzt. Die Milieus sind außergewöhnlich scharf beobachtet, bis in kleinste Details – das ist eine der großen Tugenden des O. P. Zier. Die andere, siehe die Zitate weiter oben, ist seine gnadenlose Abrechnung mit einer alles erstickenden Landes-, Bezirks- und Gemeindepolitik, mit Bürokraten und Schulbehörden, mit Brauchtumsirrsinn, ewig gestrigem Gedankengut und – vor allem in „Tote Saison“ – mit dem Tourismus und seinen verheerenden Auswirkungen auf Land(schaft) und Leute. Man fühlt sich an Werner Koflers Aussage erinnert, „mit zwei Schreibmaschinen unterschiedlichen Kalibers“ gegen die Dummheit zu kämpfen.

Wenn man den ruhigen, freundlichen O. P. Zier in Person trifft, hält man solche Wortgewalt, solche beißende Polemik kaum für möglich, und doch steht es so geschrieben; noch nicht im ersten Roman „Schonzeit“, einer penibel recherchierten „Geschichte von unten“ (Judith Leister in der „NZZ“) über Rupert und Eva, beide im Pongau in ärmlichsten Verhältnissen aufgewachsen, die einander 1939 kennen lernen und bis 1993, bis zu Ruperts Selbstmord, ein (Ehe-)Paar bleiben. Von „Himmelfahrt“ (1998) an jedoch, in dem als Hauptfigur erstmals der streitbare Schriftsteller Werner Burger (in „Sturmfrei“ heißt er Werner Turger und ist Metallarbeiter) auftritt, geht es gehörig zur Sache.

Burgers erklärter Reibebaum ist der hohe Landeskulturbeamte Hofrat Paul Krenn, ein eifriger Verfechter des Schönen, Wahren und Guten in der Kunst, dem es unter anderem ein Dorn im Auge ist, dass Burger lieber an einer Tankstelle jobbt, als sich vom „gütigen“ Hofrat fördern (und damit erstickend umarmen) zu lassen. In „Tote Saison“ (2007) tauchen die beiden Antagonisten wieder auf, dazu allerlei eklige Hofschranzen und – notabene – Barbara Lochner, die in jeder Hinsicht wenig begabte, aber mit einem guten Posten versorgte „Tochter des ehemaligen Landeshauptmannes“.

Sie wird gleich anfangs ermordet, und Burger gerät in Verdacht, weil er, so will es ihr Terminkalender, der letzte war, der sie lebend gesehen hat. Der Mordfall ist spektakulär, aber sozusagen nur die Abschussrampe für Ziers schwere Geschütze gegen die Kulturpolitik im Lande, die nichts anderes tue, als selbst noch den kleinsten örtlichen Kulturverein in die geschlossenen Reihen (der ÖVP) zwangseinzugliedern. Dazu kommen dumpfe, stumpfe Lokalkaiser, die auf so geniale Ideen kommen wie die Jahreszeiten abzuschaffen und das ganze Land zu überdachen, um den Tourismus von den Unwägbarkeiten des Wetters (und der „toten Saison“) unabhängig zu machen. Wüsste man nicht, dass solche Pläne gar nicht so weit von der Realität entfernt sind, man könnte darüber hemmungslos lachen.

Klassenverhältnisse

„Himmelfahrt“, was Wunder, sorgte für Riesenaufregung in Salzburg, und das wiederholt sich nun mit schöner Regelmäßigkeit, wenn ein neues Buch des Autors erscheint. Die Resonanz ist aber keineswegs auf Salzburg beschränkt: „Die Regionalpolitik ist offenbar überall ähnlich. Ich bekomme sogar Briefe aus Deutschland, in denen ich gefragt werde, woher ich denn einen bestimmten Politiker von dort kennen würde. Es ist auch witzig, dass sich in Salzburg so viele Leute in der Figur des Hofrats wiederf nden und dementsprechend empört sind. Dabei ist er ein Konglomerat verschiedener Menschen, die ich im Laufe der Jahre kennen gelernt habe.“

Man muss bei Zier ohnehin vorsichtig sein: Die Verlockung, alles als autobiograf sch zu lesen, was der Ich-Erzähler Werner Burger erlebt und ausspricht, ist groß. Der Autor verwahrt sich dagegen: „,Himmelfahrt‘ ist ein komplexes Gebilde mit mehreren sich spiegelnden Ebenen. Da gibt es eine Geschichte-in-der-Geschichte am Anfang und noch eine am Ende. Burger ist eine Kunstfigur, ebenso wie der Hofrat.“ Zier selbst hält sich übri-gens für „zahm“, eine Einschätzung, der nicht viele seiner (bzw. Burgers) Kontrahenten folgen dürften.

Des Autors messerscharfe Analyse funktioniert auch in der Stadt Salzburg. Grundlage ist eine fundierte Recherche, nicht nur die der Polizeiarbeit. Sein Dr. Laber ist ein erfrischend „normaler“ studierter Jurist, „endlich wieder ein Polizist, der nicht kochen kann“ (Zier), aber auch nicht schmuddelig, kein schießwütiger Psychopath. Keinesfalls ist er ein Genie; bei der Lösung des Falles hilft ihm der Zufall, seine menschliche Seite steht im Vordergrund. O. P. Zier kann sich durchaus vorstellen, die Figur in Serie gehen zu lassen, „aber nicht schon beim nächsten Projekt, sondern dann, wenn ich wieder Lust dazu habe“. Laber sei jedenfalls „ausbaufähig, eine Basis ist gelegt, da ist noch viel Spielraum“. Wenig überraschend wäre es auch, würde demnächst jemand wegen einer Verfilmung anklopfen: Der Mordfall ist deftig („ein Krimi kann garnicht blutig genug sein“, sagt O. P. Zier), die Figuren haben allesamt scharfe Konturen, und die Lösung ist ebenso unerwartet wie sie letztlich schlüssig ist. Dass Zier die „sozialistischen“ Krimis des legendären schwedischen Autorenpaares Maj Sjöwall und Per Wahlöö mit der Hauptfigur des distinguierten Kommissars Martin Beck als Inspiration nennen würde, ist dem geeichten Krimileser schon während der Lektüre klar. Das Hauptgewicht liegt nicht so sehr auf der Action, sondern auf den Umständen, die zu den grausigen Verbrechen – nicht nur die kleine Birgit wird ermordet – führen. Eine derart komplexe Figur wie den Emporkömmling Hans Weger wird man in gängigen Krimis nicht finden: Am Ende tut einem dieser Emporkömmling, dem die Karriere über alles gegangen ist und der doch letztlich nur das Beste für seine nicht ganz so begabte Tochter wollte und will, sogar Leid – das ist eine große Qualität dieses Buches. Er ist ein Mann, der sich mit der großen Politik eingelassen und aufs falsche Pferd gesetzt hat. Letztlich ist er eher Opfer seiner grenzenlosen Selbstüberschätzung als „Täter“ (und damit ist nicht die Frage gemeint, ob er nun der Mörder ist oder nicht; das wird hier natürlich nicht verraten).

Wirkung

O. P. Ziers Romane – allen voran „Schonzeit“ – sind auch deswegen so bemerkenswert, weil sie „wie nebenbei“ von Menschen und Verhältnissen berichten, die in der Literatur und auch sonst in der österreichischen Kunst nicht allzu oft zu finden sind: die so genannten „kleinen Leute“ nämlich, die versuchen, sich in dem ganz normalen Wahnsinn aus immer dummdreister werdenden Medien, alles umschlingender Politik und prekären Arbeitsverhältnissen zurechtzufinden. Ganz besonders ist das in „Sturmfrei“ so, in dem die Werksbesitzer aus der Schweiz gelegentlich in Lend (im Roman: Meng) einfallen, dessen Bevölkerung zu einem großen Teil von der Aluminiumfabrik abhängig ist: „Die Schweizer taten immer so, als sei die Menger Aluminiumfabrik für die in ihr arbeitenden Menschen eine Art Vergnügungspark, den sie ihnen einzig und allein aus wohltätigen Überlegungen heraus errichtet hätten und zu dessen Erhaltung sie nur dank einer permanenten moralischen Höchstleistung fähig seien.“

Lend, wo man „monatelang von der Sonne verschont bleibt“ (Zier), der Ort, in dem er aufgewachsen ist, „eine sozialistische Enklave, in der man sich höchs¬tens als Kontrastprogramm einmal die Maiandacht gegeben hat“ in einem der engen Pongauer Gebirgstäler gelegen, ist Ziers bevorzugter Schauplatz neben St. Johann im Pongau, wo er jetzt wohnt, und wo das „Alpendorf“, eine durch und durch künstliche Beherbergungs- und Freizeitwelt, tatsächlich exisitiert. Aber nicht nur das: Unweit St. Johann wurde ein Berg ausgehöhlt, in dem sich der sagenumwobene „Regierungsbunker“ befindet, von dem aus Österreich nach einem möglichen Atomschlag administriert werden soll. Das könnte von O. P. Zier erfunden sein (und wird in „Tote Saison“ auch angesprochen), ist es aber nicht.

Die Arbeitswelt und die gar nicht idyllische Heimat sind wesentliche Faktoren seiner Bücher, und nicht von ungefähr fällt ihm der Name Franz Innerhofer ein, dessen Romane aus den Siebziger Jahren („Schöne Tage“, „Schattseite“) den Beginn der so genannten Anti-Heimat-Literatur markierten. Heute ist O. P. Zier ein unbestechlicher Chronist dessen, was falsch läuft in diesem Land. Denn das Salzburg, das er schildert, ist in Wahrheit überall in Österreich. Bleibt zum Schluss nur die Frage: Kann Literatur denn überhaupt etwas bewirken? Die Antwort kommt überraschend schnell und klar: „Natürlich. Wenn ein paar tausend Menschen ‚Himmelfahrt‘ kaufen, lesen und nachzudenken beginnen, dann ist das ein Erfolg.“ Stimmt. Und „Mordsonate“ ist mindestens genauso lohnend.


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