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Digitales Barock

Fernando Romero baut den Traum des Reichsten Mannes der Welt.

Die Architektur besitzt die unglaubliche Kraft, neue Geschichte und Kultur zu schaffen und gleichzeitig den Augenblick zu repräsentieren“, meint Fernando Romero mitten in der heißesten Phase der Bauarbeiten, die in die Sommermonate fiel, in die Jahreszeit also, in der die Hitze die 20-Millionen-Metropole umarmt und ihren Bewohnern den Atem nimmt.

Das mag einerseits trivial klingen und scheint von der unverhohlenen Überheblichkeit des 38-jährigen Architekten zu künden. Wenn man aber genau hinschaut, was heute an der Plaza Carso in Mexico City passiert, kann man ihm nur zustimmen. Ende des Jahres bekommt die Stadt ein neues Gesicht, eine neue kulturelle Identität, ein neues Image als Architekturhauptstadt – als ein Ort der Experimente für die Zukunft.

Die Unternehmer sind fest entschlossen, den Glamour der Fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zurückzuholen, als Mexikos Wirtschaft boomte und die Architektur jener Zeit kultige Beispiele einer modernen Stadt schaffte. Doch dann kam die Krise und mit ihr die Spekulationsgeschäfte, was willkürliches Bauen begünstigte und zum Verfall der Architektursprache führte.

Nun hat sich aber ein mythischer Mexikaner der Aufgabe angenommen, der Architektur seines Landes zu neuer Blüte zu verhelfen. Carlos Slim – der reichste Mann der Welt, der mit seinem Vermögen von geschätzten 53,5 Milliarden US-Dollar Bill Gates und Warren Buffet auf die Plätze hinter sich verwies.

Jahrelang feilte der Telekommunikations-Mogul aus Mexiko an seinem Image als Kulturmäzen. Sein riesiges Büro ähnelt einem Luxusbunker ohne Fenster. Eine gewaltige Bibliothek mit dicken, ledergebundenen Geschichtsbüchern, Gemälde aus der Kolonialepoche und Baseballkram – als Andenken an die Zeit als 15-Jähriger, als er sein Geschäft mit dem Verkauf von Baseball-Tickets startet. Heute besitzt Slim 100 Unternehmen und ist der Hauptaktionär der „New York Times“. Er raucht gern Cohibas und trägt teure Hemden mit Monogramm – sein Verständnis von Luxus. Als passionierter Kunstsammler besitzt Slim über 66.000 Kunstwerke. Die Bandbreite reicht von europäischer Kunst der Renaissance und des Barock über den Impressionismus und Gemälde von Salvador Dalí bis hin zur zweitgrößten Privatsammlung von Skulpturen Auguste Rodins außerhalb Frankreichs.

Die Sammlung trägt den Namen seiner 1999 verstorbenen Ehefrau Soumaya und ist seit 15 Jahren in der renovierten Papierfabrik in der Altstadt von Mexico City untergebracht. Doch schon lange liebäugelt der Multimilliardär mit der Idee vom Bau einer neuen gigantischen Bleibe für seine Kunst, die nicht nur optimale Bedingungen für ihre Lagerung und öffentliche Ausstellung bietet, sondern gleichzeitig zum neuen Hotspot von Mexico City werden soll.

Mit dem Entwurf des Museums für die „Sammlung Soumaya“ beauftragt er einen ihm sehr nahe stehenden Menschen – den Architekten Fernando Romero, der mit einer seiner Töchter verheiratet ist, die ebenfalls Soumaya heißt.

Fernando Romeros Karriere startet, als er 31 ist, und ist mit einem kultigen Namen der zeitgenössischen Architektur verbunden: Vier Jahre lang arbeitet der Mexikaner im Studio des Pritzker-Preis-Trägers Rem Koolhaas, im „Office for Metropolitan Architecture“ in Rotterdam. Heute führt Romero sein eigenes Studio, das „Laboratory of Architecture“ in Mexico City.

Gleich nach der Hochzeit von Soumaya und Romero beauftragt Slim seinen Schwiegersohn mit dem Entwurf für das Gebäude des „Museums Soumaya“. Diese „Family Affair“, die Vergabe des Bauauftrages eines der größten Gebäudekomplexe Mexikos, sorgt für heftige Medienresonanz. Höhnische Kritik am Umstand, dass sich die mexikanische Kultur nun in den Händen der Familie Slim befinde, gibt es, noch bevor der Entwurf für das Museum Soumaya bekannt wird. Einer der bekanntesten zeitgenössischen Architekten Mexikos äußert sich wie folgt: „Ich weiß nicht, ob es gut ist, dass Fernando so einen einflussreichen Schwiegervater hat und das zu so einem frühen Zeitpunkt in seiner Karriere; seine Ideen sind aber mit Sicherheit sehr provokativ und frisch.“ Bis der endgültige Entwurf gebilligt wird, muss der Architekt zehnmal seine Skizzen überarbeiten. Und dabei handelt es sich nicht nur um das Museum, sondern um einen Mega-Architekturkomplex namens Plaza Carso in sehr zentraler Lage, in einem ehemaligen Arbeiterviertel, auf dem Areal einer ehemaligen Fabrik, 1990 von General Motors erbaut.

Das zu bebauende Areal erstreckt sich über eine Größe von fast fünf Hektar und umfasst das Hauptquartier des Multikonzerns, bestehend aus „Grupo Carso“ und „Telcel“, dem größten mexikanischen Mobilfunkunternehmen.
Außerdem vorgesehen ist der Bau eines mittelgroßen Einkaufszentrums, zweier Wohnhochhäuser mit jeweils 400 Wohneinheiten und eines unterirdischen Theaters. In Zukunft wird dort auch ein zweites Museum gebaut werden, welches die größte Sammlung zeitgenössischer Kunst in Mexiko, die „Colección Jumex“, beherbergen soll. Dies stellt jedoch die Anforderung an das „Museum Soumaya“, in Dialog mit dem zukünftigen Museumsgebäude der „Colección Jumex“ zu treten.

Nicht weniger interessant ist auch die Wahl des Architekten für die „Colección Jumex“ – sie fällt nämlich auf das „Architekturstudio David Chipperfield Architects“. Sie schlagen einen klassischen neomodernen Bau, anknüpfend an die besten Zeiten des 20. Jahrhunderts, vor, der die komplette Sammlung zeitgenössischer Kunst beherbergt. Im Gegensatz dazu ist das „Museum Soumaya“ ausschließlich für Werke alter Meister geplant. Deswegen soll sein Äußeres so aktuell wie möglich, ja sogar futuristisch, gestaltet werden – ohne jegliche Sehnsucht nach der Vergangenheit.

Nun, wie sieht das „Museum Soumaya“ überhaupt aus? Seine Silhouette ähnelt einem riesigen glänzenden Aluminiumwürfel, der sich dynamisch um die eigene Achse dreht. Ein mittelgroßes sechsgeschoßiges Museumsgebäude mit Auditorium, Ausstellungsräumen, Büros und Restaurant, welches ins urbane Umfeld aktiv eingreift und mit den strengen Grenzen der Stadtplanung im Viertel kontrastieren soll. Mit einem ähnlichen Entwurf nahm Romero auch an einem Wettbewerb zur Umgestaltung eines Platzes in Peking teil, welcher jedoch geometrischer als das „Museum Soumaya“ ausfiel. Anderthalb Jahre später dient diese Idee als Ausgangspunkt für den jetzigen Entwurf, welcher nun auch ein Museumsgebäude mit einschließt.

José María Nava, Romeros Lehrer, beschreibt diese extreme Architektur am treffendsten: „Das ist ein Gebäude-Spektakel, Teil der aktuellen Tendenzen in der Weltarchitektur. Ein futuristisches Ding, zusammengesetzt aus einer wellenförmigen Geometrie, die das Ergebnis computergenerierter Modelle ist. Man könnte es auch ‚Digitalen Barock‘ nennen.“

Um diesen „Digitalen Barock“ zu perfektionieren, wendet sich Romero an das Ingenieurbüro Ove Arup aus Los Angeles, welches u. a. für die Statik des „Sydney Opera House“ und für viele Bauten anlässlich der Olympischen Sommerspiele in Peking 2008 verantwortlich zeichnet. Dort werden auch alle 28 Pfeiler für das Museum hergestellt, wobei jeder ein anderes Ausmaß sowie eine andere Funktion hat, abhängig von dem zu tragenden Gewicht.

Juni 2010 war das Gerüst fertig, und dann gelang es Romero, dank der finanziellen Unterstützung seines Schwiegervaters, einige der brillantesten Bauingenieure und Architekten von Frank Gehry für den Bau zu gewinnen. Sie sollten aus dieser außerirdisch wirkenden Architektur ein real funktionierendes Gebäude zaubern.

Die Anfangsidee Romeros war, das ganze Gebäude mit Marmor zu verkleiden, wahrscheinlich als Anlehnung an das majestätische Taj Mahal und an die Tatsache, dass das Museum eben nach der geliebten Frau des Auftraggebers benannt worden ist. Auch feiert Marmor heutzutage sein Comeback und ist bei vielen zeitgenössischen Architekten wieder sehr beliebt. Da greift jedoch Slim höchstpersönlich ein und setzt sich für ein Material mit einer zeitgenössischen Optik ein: für Aluminium. Das Museum wird gerade mit über 16.000 sechseckigen Aluminiumplatten verkleidet, die nach dem Bienenwaben-Prinzip verlegt werden.

Der Architekt über seinen Schwiegervater: „Mein Bauherr ist ein sehr gut informierter Mensch. Es ist schwierig, für ihn zu arbeiten, denn er hat immer verschiedene Vorschläge. In den letzten Jahren hat er angefangen, sich für zeitgenössische Architektur zu begeistern, weswegen wir letztendlich beschlossen haben, etwas äußerst Zeitgenössisches zu entwerfen.“

Solange die Bauarbeiten andauern, bleibt es ein Mysterium, wieso Romero seinen Entwurf nicht der Öffentlichkeit vorstellt; die meisten Renderings, die im Internet zu finden sind, bringen auch kein Licht ins Dunkel. Carlos Slim trägt auch zur Rätselhaftigkeit dieses neuen Museumsgebäudes in Mexiko City bei. Der Telekommunikationsmagnat bereitet einen großen Coup vor: In der Lobby des riesigen spiralenartig gedrehten Gebäudes soll nach nur einem Jahr Bauzeit, am Tag der offiziellen Eröffnung, die Ausstellung eines des bekanntesten mexikanischen Malers, Rufino Tamayo, stattfinden.

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