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Musič in the Sky

Text: Oliver Stangl Fotos: Archiv

Vom Arbeiterkind zum Multimedia Artist: die (vorläufige) Miniaturbiografie eines vielseitigen Künstlerlebens zwischen Hausbesetzung und Ballonflug.

Martin Musicˇ wirkt ebenso nachdenklich wie verschmitzt, als er mich in seinem Atelier in der Wiener Hasnerstraße zum Interview empfängt. Genauer gesagt: vor seinem Atelier, denn das Wetter ist an diesem Wintertag so traumhaft, dass wir noch eine Weile draußen stehenbleiben und die Sonne genießen. Er sei erst neu in die Gegend gezogen, doch die Nachbarn hätten sich schon mit ihm angefreundet, meint der Künstler. Dabei sei er dem Inhaber des türkischen Kulturvereins gegenüber wohl weniger suspekt als dem Goldschmied nebenan, der ihn für eine Art Hippie halte und ihn öfter frage, warum auch nachts Licht brenne.

Als wir schließlich im Ausstellungsraum, umgeben von großformatigen Fotografien, mit dem Interview beginnen, verströmt Music eine große innere Ruhe und doch blitzt immer wieder der Schalk in seinen Augen auf. Das mag daran liegen, dass dem gebürtigen, seit einigen Jahren in Wien ansässigen Stahlstadtkind die artistische Laufbahn nicht gerade in die Wiege gelegt wurde und er früh lernte, den Kunstbetrieb und seine Auswüchse mit ironischem Blick zu betrachten. Beinahe zum Starkstromtechniker geworden, hat Music in den letzten Jahren ein beachtlich vielfältiges Werk in den Bereichen Film, Video, Fotografie und Performance geschaffen. Sieht man sich seine bunte Biografie und seinen vielseitigen Werkkatalog an, merkt man schnell, dass er herumgekommen ist. Lebenserfahrung, die man auch in seinem markanten Gesicht erkennen zu können glaubt.

Doch wie sah er nun aus, sein Weg vom Arbeiterkind zum Künstler? Music fährt sich durch das wirre rotblonde Haupthaar und antwortet nach einem tiefen Zug an seiner Zigarette: „Ich kam zur Kunst, indem ich das Heer verweigerte. „Ich war in ein Mädchen verliebt, dessen Mutter Künstlerin war, und Love and Peace war mir dann doch um einiges lieber als das Schießgewehr. Ich habe meinen militärischen Vorgesetzten auch gesagt, dass ich lieber schmusen will als schießen, aber das hat erst einmal zu Scherereien geführt“, erzählt er grinsend. „Wie auch immer, schließlich habe ich nach der Starkstromlehre im zweiten Bildungsweg Fotografie in einem Linzer Modefotostudio gelernt, aber da war das Keilen von Kunden eigentlich auch wichtiger als die Kunst. Kunst ist sicher auch eine Form von Handwerk und man muss zusehen, wie man über die Runden kommt, aber ich hatte das Gefühl, dass ich mehr zu sagen hatte. Mit Kunst kann man sich permanent beschäftigen, aber Schaltkreise will man sich in seiner Freizeit nicht ständig ansehen. Ich war auf der Suche nach Erfahrungen und habe an der Linzer Kunstuni angefangen. Da tat sich mir erstmal eine völlig neue Welt auf, der Kontakt zu anderen Bildungsschichten war unglaublich spannend.
Foucault und Habermas waren bald meine besten Haberer. Aber nach zwei Jahren war der Reiz des Neuen erst einmal verflogen. Also ging ich nach Rotterdam.“

Aus einem nur kurz geplanten Aufenthalt in Holland wurden schließlich drei Jahre – in dieser Zeit entstand auch Musics eindrucksvolle Filmarbeit Lost Spaces (2007), eine Studie der Hausbesetzerszene, die auf Filmfestivals von Kassel bis Oberhausen zu sehen war. Mit einer gelungenen Mischung aus ruhigen, durchkomponierten Steadycam-Fahrten und statischen Tableaus nähert Music sich den Häusern und ihren Bewohnern, lässt Pragmatiker ebenso zu Wort kommen wie Exzentriker und Nihilisten. Gesichter, Häuserfassaden und Interieurs, sie alle werden in dem geradezu meditativen Film zu eigenständigen Charakteren. Music lässt die Hausbesetzer über den Grund für ihre Lebensweise sprechen; das Ergebnis ist ebenso informativ wie humorvoll.

„Ich war fasziniert vom Umgang der Holländer mit dem Leerstand, gleichzeitig war mein Eintauchen in diese Szene aber auch eine Abrechnung mit den romantischen Vorstellungen, die man davon hat. Einerseits haben diese Leute schon einen Antrieb, einfach etwas zu machen, andererseits sind sie aber auch ideologisch befangen und zitieren Geschichte. Letzten Endes wird halt auch die Hausbesetzerszene von einer Ökonomie bestimmt. Die Nazis haben im Zweiten Weltkrieg alles niedergebombt, und der Stadtrat, der mit Menschen ohne Wohngelegenheit konfrontiert war, hat den Leuten einfach gesagt: ,Nehmt euch Raum, wo ihr ihn finden könnt.‘ Im Grunde sind also die Nazis daran schuld, dass es Hausbesetzer gibt“, lacht Music. Er selbst okkupierte mit Kollegen eine holländische Volksschule, in deren Turnsaal übrigens die Sängerin und Performerin Cherry Sunkist ihr erstes Konzert gab. „Im Grunde war es dort gar nicht so schlecht. Wir hatten 2.500 Quadratmeter Raum für uns, und es gab keine Nachbarn. Aber man wird schnell zum Verwalter, zur Institution, muss schauen, dass Öl im Ofen ist oder dass die Sicherungen (wieder einmal die Sicherungen!) in Ordnung sind.“

Einer sozialen Thematik (und wiederum in einer Personalunion aus Regisseur, Kameramann, Produzent, Drehbuchautor und Tonmann) nahm sich Music auch in seinem preisgekrönten Kurzfilm Drauf (2009) an. In einer Mischung aus dokumentarischen und fiktionalen Elementen näherte er sich dem Alltag von Drogensüchtigen an, verdichtete Interviews, die er mit Betroffenen führte, zu einem Drehbuch. Im Film begleitet ein Kameramann (Music) den jungen Drogensüchtigen Harald (Ingo Leindecker) durch das oberösterreichische Steyr. Music umgeht dabei die Klischeefalle der belehrenden Drogenreportage, lässt allegorische Szenen (etwa eine Tretbootfahrt im Licht der untergehenden Sonne als transitorische Situation) auf reale Situationen treffen. „In einer Szene sind wir einfach in ein Möbelhaus, das stellvertretend für einen anderen Lebensentwurf steht, hineinmarschiert. Nach ein paar Minuten kam der Filialleiter und fragte uns, was wir da eigentlich machen. Ich sagte, dass wir einen Film über jugendliche Drogensüchtige machen. Das fände er nicht gut, meinte er und warf uns raus.“

Diese Szene ist zweifellos eine der stärksten im Film, ein wahrhaftiges, unverstelltes Dokument, das den gesellschaftlichen Umgang mit anderen Lebensentwürfen illustriert. Noch dazu hätten viele, so Music, den Film für eine reine Doku gehalten, was dazu führte, dass eine oberösterreichische Zeitung schrieb, dass der Hauptdarsteller tatsächlich ein junger Süchtiger sei. Die Folge waren Besorgnis bei den Eltern des Darstellers und ein ebenso langer wie unerfreulicher Briefwechsel mit dem Redakteur. Während sich der Filmemacher Music bisher also hauptsächlich mit sozialen Themen befasste, thematisiert der Performer Music in seiner bisher spektakulärsten Aktion den Eskapismus im wahrsten Sinne des Wortes, denn in „Music in the Sky“ verlässt er den Boden der Tatsachen. Im knallgelben Anzug hängte sich Music bisher zwei Mal (einmal vor der Linzer Stadtwerkstatt, einmal vor dem O.K. – Zentrum für Gegenwartskunst) an 5.000 Heliumballons und flog gen Himmel.

„Das waren sehr lustige, bewusst plakative Aktionen. Ich wollte der betonierten Realität etwas Naiv-Absurdes entgegenhalten, einfach dem Boden der Tatschen entkommen“, sagt er und zeigt mir ein Video seines von zahlreichen Zuschauern bejubelten Aufstiegs. Auch hier ist Witz zu spüren, rudert Music doch mit den Armen in der Luft herum wie ein Schwimmer. Steckt nicht auch eine gewisse Gefahr hinter der Aktion? Schließlich ist die Aufstiegshöhe nicht gerade gering.

„Naja, ein gewisses Risiko ist schon dabei, aber es geht ja auch ein wenig um das Spektakuläre. Theoretisch könnte man bis in die Atmosphäre fliegen, aber die Aktion war eigentlich weniger gefährlich als schwierig und auf 20 bis 30 Meter Höhe begrenzt. Wir mussten 5.000 Ballons innerhalb sehr kurzer Zeit mit Helium füllen, weil die Ballons sich auch unglaublich schnell wieder entleeren. Es war eine in perfider Weise assimilierte Jahrmarktsattraktion.“

Eine aktuelle Performance, an der Music gerade arbeitet, ist da weit weniger jahrmarkthaft. In „Public Enemy“ testet er aus, welche Reaktionen ein Mann in neongrüner Burka und Hijab im öffentlichen Raum auslöst. Soziale Gefüge, öffentlicher Raum – immer wiederkehrende Themen im Werk des Künstlers.

So auch in seiner Fotoreihe „Black Bluba“: In Dortmund stellte Music ein Aquarium in Parks und Fußgängerzonen auf und forderte Passanten auf, ihren Kopf ins Wasser zu stecken. Das Ergebnis hielt er fotografisch fest. Obwohl im öffentlichen Raum stattfindend, scheinen die Porträtierten diesem entrückt. Die traditionelle Porträtfotografie ist ins Absurde überhöht, die Mimik ist ins Expressive getrieben. Die Bilder sind ein ungewöhnlicher Mix aus Stille und Wildheit.

Mimik steht auch im Mittelpunkt des Musikvideos, das Martin Music für Cherry Sunkists Song „Glass“ gestaltete: Das Video kommt mit einer einzigen Einstellung aus, wirkt aber durch den Einsatz einer speziellen Lichtsteuerungssoftware dennoch ungemein dynamisch. Auch für Cherry Sunkists nächstes Album wird Music Artwork beisteuern.

Ist die Vielfalt an künstlerischen Ausdrucksweisen, über die er verfügt, ein Vorteil? „Nicht unbedingt“, antwortet Music nach einer kurzen Nachdenkpause. „Man ist dadurch nicht so leicht einschätzbar. Wenn ein Künstler einmal einen Stil für sich etabliert hat, dann kann er den ein Leben lang beibehalten. Der Markt weiß gern, was er von einem Künstler zu halten hat. Wenn man aber ein Leben lang dasselbe macht, wird die Kunst zur Erwerbsarbeit, monoton und stupide. Man muss das ja fast machen, wenn man einen Namen hat. Ich bin wohl ein wenig ein Querulant.“

Und was steht als Nächstes an? „Die Verweigerung des Blicks und ein Film, der in der Stratosphäre spielt“, sagt er zwinkernd. Man lacht und darf gespannt sein.

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