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Journalist sein zu können, ist ein Privileg

Heribert Prantl, Jahrgang 1953, studierter Jurist, ist Leiter des Innenpolitik-Ressorts der „Süddeutschen Zeitung“ und seit Anfang des Jahres auch Mitglied der Chefredaktion. Im Interview spricht er über die Pressefreiheit, die Parallelen zwischen Schauspielern und Journalisten, über die Zukunft von Online- und Print-Journalismus und darüber, warum zu den hohen Feiertagen Leitartikel anders aussehen als sonst.

Wie haben Sie zum Journalismus gefunden?

Meine Großmutter war nicht nur eine Bauersfrau mit vielen Kindern, sondern auch eine große Briefeschreiberin und meine erste journalistische Lehrerin. Sie hat mir auch sehr früh beigebracht, was Recherche ist. Das war so: Ihr Sohn Oskar, mein Onkel, der im Zweiten Weltkrieg auf einem U-Boot Dienst getan hatte, war seit einem Einsatz vor der US-Küste vermisst, auch die Suchdienste und die Kriegsgräber-Fürsorge konnten ihr keine befriedigende Auskunft geben. In den späten Fünfziger oder frühen Sechziger Jahren, ich war ein kleiner Bub, hielt sie die Ungewissheit nicht mehr aus: Sie schrieb also an alle möglichen Leute in den USA, an Bekannte und Bekannte von Bekannten, mit der Bitte, doch auf den Soldatenfriedhöfen nach einer Spur zu suchen. Ich war, wie gesagt, ein kleiner Bub und saß Tag für Tag neben ihr am Tisch, wenn sie die Feder in die Tinte tauchte und Seite für Seite, Brief für Brief schrieb. Ich durfte das Löschblatt auf jede Seite legen. Und eines Tages, nach Monaten, kam Antwort: ein dicker Brief, darin viele Fotos, der Fotograf hatte einen Blumenstock vor ein Grab gestellt – darauf stand der leicht verballhornte Name: „Oskar Prantle“.

Schreiben hat mich seitdem fasziniert. Schon mit gut 13 Jahren habe ich begonnen, für die Lokalzeitungen zu schreiben. Bis ich als Gymnasiast am Regental-Gymnasium für die Schülerzeitung „Regenwurm“ (das Gymnasium lag am Fluß Regen) tätig wurde, hatte ich schon einige Erfahrung bei Lokalzeitungen hinter mir – ich schrieb über Feuerwehrversammlungen und Feuerwehrfeste, über den Kolpingverein und was sonst so daherkam. In meinem kleinen Städtchen in der Oberpfalz haben das mein Vater und der eine oder andere Onkel auch gemacht – wie das in der bayrischen Provinz so üblich war: Der Lehrer und der Verwaltungsbeamte berichten ein bisschen für die Zeitung.

So habe ich gelernt, wie das geht, und ich fand das prickelnd und spannend, und Geld verdiente man damit auch. So bin ich eingestiegen in den Journalismus. Das hat sich peu à peu ordentlich entwickelt, und als ich dann so in der 12. Klasse war, haben mein jüngerer Bruder und ich jeden Tag Stoff für eine halbe Zeitungsseite produziert. Er hat auf der Schreibmaschine getippt, ich habe ihm diktiert, er hat fotografiert und die Fotos entwickelt. Und wir waren dann auf einmal die einzigen, die für unser kleines Städtchen, damals 6.000 Einwohner, die lokale Berichterstattung gemacht haben. Da war man dann auf einmal gesellschaftlich unglaublich wichtig. Der Feuerwehrkommandant lachte erst einmal hellauf, wenn man da mit 16, 17 Jahren bei seiner Versammlung auftrat und sagte, man sei für die Zeitungen da, die Männer da schauten einen erst einmal ungläubig und ein bisschen mitleidig an. Aber wenn dann doch drei, vier Tage später ein ordentlicher Bericht in der Zeitung stand und die Leute da auch abkonterfeit waren, dann waren die schon beeindruckt. Und so wurde man mit 17 Jahren, noch nicht einmal Abiturient, eine Respektsperson im Ort ... So ging das Ganze bei mir los. 

Dann gab es eine Pause während des Jusstudiums, oder ist das parallel dazu weitergelaufen?

Ich habe diese Art des Lokaljournalismus bis zum Studium weiterbetrieben. Parallel zum Studium habe ich dann eine richtige Journalistenausbildung gemacht, aber nur ganz nebenher. Erst Mal einen ordentlichen Beruf lernen, dachte ich mir – richtige Juristerei. Das war auch gut so. Als jemand, der es gewohnt war, für die Zeile zwischen acht und zwölf Pfennig zu kriegen, konnte ich mir im Übrigen auch nicht so recht vorstellen, dass man vom Journalismus leben kann. Also Jus – es war ein hartes Studium, in dem man mit Learning by Doing, wie ich es vom Schreiben gewohnt war, nicht weiterkommt. Mein Gott, was habe ich in den Lokalzeitungen, weil ich es nicht besser wusste und mir kaum jemand Anleitung gab, für einen Stuss geschrieben – Zeug oft, für das man sich eigentlich genieren muss. Als 17- und 18-Jähriger habe ich Konzert- und Theaterkritiken verfasst, nachdem ich mir vorher in der Bibliothek irgendwelche Konzert- und Theaterführer besorgt hatte, aus denen ich dann mehr oder weniger herausschrieb, was ich selber nicht so richtig verstand. Aber: Allmählich, ganz vage bekam ich ein Gefühl dafür, was guter Journalismus ist. Ich schaute mir genau an, wie „es“ die richtigen Journalisten anpacken, wie etwa einer der dafür zuständigen Lokalredakteure, Wolfgang Houschka vom „Neuen Tag“, seine Texte aufbaute.

Wie sieht es mit journalistischen Vorbildern aus? In der Vorlesung im Rahmen der Theodor-Herzl-Dozentur für Poesie im Journalismus an der Uni Wien erwähnten Sie einen gewissen Herrn Siebenpfeiffer?

Ich habe diesen „gewissen Herrn“ erst so recht kennengelernt, als ich einen Journalistenpreis erhielt, der seinen Namen trägt. Zur Vorbereitung der Dankesrede habe ich mich dann näher mit diesem wackeren Demokraten Philipp Jakob Siebenpfeiffer befasst, geboren im Revolutionsjahr 1789. Er war Jurist und Verwaltungsbeamter, Journalist und Verleger. Weil er dem monarchischen Staat zu demokratisch und zu revolutionär war, wurde er aus dem Staatsdient hinausgeschmissen. Er war der Organisator der ersten Großdemonstration in der deutschen Geschichte, dem Hambacher Fest im Jahre 1832. Und von ihm stammt mein Lieblingssatz über die Pressefreiheit. Als nämlich die staatlichen Zensoren seine Zeitungsdruckpresse versiegelten, klagte er dagegen mit dem Satz: Das Versiegeln von Druckerpressen sei genau so unstatthaft wie das Versiegeln von Backöfen. Daraus ergibt sich nämlich eine ganz zentrale Erkenntnis: Pressefreiheit ist das tägliche Brot der Demokratie.

Nehmen Sie Heinrich Heine, nehmen Sie Kurt Tucholsky, Carl von Ossietzky und Joseph Roth – der ja, bevor er sich aus Enttäuschung über die Gegenwart in die kaiserliche Vergangenheit flüchtete, ein begnadeter politischer Journalist war. Sie alle sind, bei allen Macken und Defiziten, die sie hatten, Vorbilder. Ein wunderbares Vorbild ist der zu Unrecht ziemlich vergessene Wiener Journalist und Wiener Vize-Bürgermeister Max Winter (1870–1937), der der erste wirkliche Großmeister der Sozialreportage war. Vorbilder sind auch die großen Verlegerjournalisten der Bundesrepublik, Rudolf Augstein und Henri Nannen. Warum? Weil sie gewusst haben, dass Pressefreiheit nicht nur die Freiheit ist, viel Geld zu verdienen, sondern eine Freiheit, die für die Demokratie unglaublich wichtig ist. Ein Verleger ist ein anderer Gewerbetreibender als jemand, der Autos, Konservendosen oder Schrauben produziert. Dem Verleger, dem Journalisten, dem Medienmanager steht ein spezielles Grundrecht zur Seite – nicht zum Geldschaufeln, nicht zur bequemeren Berufsausübung, sondern deswegen, weil die Presse, weil die Medien Dienstleister sind für die Demokratie. Aus dem Grundrecht der Pressefreiheit folgern daher auch gewisse Grundpflichten – Mindestqualitätsanforderungen.

Damit kommen wir zur Frage, was guten Journalismus, guten Meinungsjournalismus auszeichnet ...

Neugier. Engagement. Sachkunde, die vor allem. Und Fairness. Dabei sind die Anforderungen an einen Reporter durchaus andere als an einen Kommentator. Der Reporter kann eine gute Reportage schreiben, wenn er sich einige Tage intensiv in eine ihm zuvor fremde Materie hineinbegibt. Er kann zu Goldschürfern nach Alaska fahren und schauen, wie das Goldschürfen geht. Oder er geht in eine Moschee hinein und schaut, was sich da tut, und spricht mit dem Vorbeter und beschreibt, welche Bedeutung diese Moschee für Wien oder München hat. Da begebe ich mich in etwas Fremdes hinein und schildere dann. Das reicht aber nicht, wenn ich Probleme wirklich analysieren, wenn ich einen komplexen Stoff durchdringen, wenn ich ein schwieriges Thema kommentieren und fortlaufend journalistisch betreuen will. Wenn ich politische, gesellschaftliche oder wissenschaftliche Probleme dem Leser übersetzen und darlegen soll, dann muss ich Fachmann sein, nicht jemand, der gerade mal reingeschmeckt hat, auf die Schnelle.

Das heißt: Ein Qualitätsjournalist hat Sach- und Fachkunde und die Fähigkeit, diese so anzuwenden, dass das, was er auf dieser Basis schreibt, für den Leser verständlich wird. Guter, fachkundiger Journalismus ist auch eine Art Balanceakt, der bei einer Zeitung wie der „Süddeutschen Zeitung“ ziemlich deutlich wird. Wir sind ein National Paper und zugleich Lokal- und Regionalzeitung in München und Bayern. Das heißt, die Leserschaft ist sowohl Jürgen Habermas als auch die Standlfrau vom Viktualienmarkt. Beide muss ich bzw. meine Redaktion bedienen können. Einer wie Jürgen Habermas muss sagen, die Stücke seien zwar womöglich in der Darstellung vereinfacht, aber stimmig und voller Anregungen. Gleichzeitig muss die Standlfrau vom Viktualienmarkt sagen können: Das hab ich noch nie zuvor verstanden – aber jetzt hab ich es kapiert. Diesen Balanceakt hinzukriegen, das ist für mich ein Kennzeichen für guten Journalismus.

So wie ich mich auch freue, wenn einer meiner Artikel meiner Großmutter gut gefallen hat ...

Das ist wirklich wichtig. Es ging mir am Anfang als Redakteur und politischer Kommentator oft so, dass ich mir die Frage stellte, für wen ich eigentlich schreibe. Ich hatte ja damals gewechselt von der Justiz zum Journalismus, aus dem Richter und Staatsanwalt Heribert Prantl war der Redakteur Heribert Prantl geworden. Schreibe ich, fragte ich mich, für meine ehemaligen Kollegen, also für Richter und Staatsanwälte, für die juristische Gemeinde?  Muss ich also, um bei denen Eindruck zu machen, den ganzen rechtlichen Formelkram und die Fachausdrücke gebrauchen? Oder schreibe ich für alle und übersetze die Fachausdrücke? Es geht ja auch ohne diese Profi- und Wissenschaftssprache. Wissenschaftssprache ist ja oft eine Sprache, die gelehrt tut und simple Erkenntnisse hinter bombastischem Sprachaufwand versteckt.

Da bedarf es des Journalismus, um den wahren Gehalt herauszuziehen. Wenn jemand eine Buchbesprechung von einem schwierigen philosophischem Werk macht, kann es ja nicht Aufgabe sein, die fünfhundert Seiten nur zu komprimieren und dann zweihundert Zeilen lang mit der schweren Zugänglichkeit des rezensierten Werkes zu wetteifern. Diese zweihundert Zeilen müssen zu einem Schlüssel des Verständnisses werden, der Schlüssel muss den Lesern etwas aufsperren – in diesem Fall eben ein Buch. Meinungsjournalismus heißt: Ich liefere den Lesern einen Schlüssel, mit dem sie Probleme aufsperren können, mit dem sie zu Erkenntnissen gelangen. Oder um ein anderes Bild zu nehmen: Ein Kommentar, ein Leitartikel dient nicht unbedingt dazu, den Leser von etwas zu überzeugen. Der Kommentar soll vor allem zum Gespräch verhelfen, notfalls zum Gespräch des Lesers mit sich selbst. Mir macht es immer eine unendliche Freude, wenn die Leute sagen: Mensch, Prantl, wir lesen uns beim Frühstück immer Ihre Kommentare vor, meine Frau liest mir vor, und dann streiten wir darüber.

Was mir sehr gut gefallen hat, war Ihr Vergleich von Journalisten mit Schauspielern, Ihre Bezeichnung des Journalismus als extrovertiertes Gewerbe...  

 Schauspieler und Journalisten – beide stehen an der Rampe. Die Rampe des Zeitungsjournalisten ist die Zeitung, gedruckt oder online. Jeder kann nachlesen, was ich mache, was ich denke. Die Rolle des Journalisten verändert sich, je besser er im Stoff steht. Wenn der Journalist selbst Fachmann oder Fachfrau ist, dann führt er mit jemanden vom Fach nicht nur ein Abfragegespräch, sondern ein Fachgespräch. Er redet auf Augenhöhe. Er weiß, wovon er schreibt und kann sich deshalb auch als Kommentator ein scharfes Urteil erlauben.

So wie der Schauspieler einmal den Mackie Messer und einmal den Dorfrichter Adam spielt, sind auch die Rollen des Journalisten verschieden: Als Porträtist arbeite ich anders als als Kommentator. Als Porträtist bin ich eher der Maler, der versucht, Züge der Persönlichkeit so gut wie möglich zu erkennen, zu erklären, zu hinterfragen. Als Kommentator setze ich mich intensiver mit den Positionen, die diese Person vertritt, auseinander. Ich schreibe Kommentare nicht ad personam, ich schreibe nicht – jetzt ganz platt gesagt – dass jemand gut oder schlecht aussieht. Das ist kein Thema für einen Kommentar. Der Kommentar setzt sich mit der Sache auseinander. Beim Porträt freilich muss ich erst mal die Oberfläche darstellen, die fast jeder kennt, um dann allmählich tiefer in die Person einzudringen. Insofern bin ich als Reportagen-Schreiber, als Feature-Schreiber, als Nachrichten-Schreiber, als Kommentator, als Leitartikler, als Interviewer jeweils in einer anderen Rolle.  

Wie sieht denn Ihr Schreiballtag aus, welche Rolle spielt das iPad dabei mittlerweile?

Jetzt bin ich seit gut 23 Jahren Journalist, natürlich hat sich in dieser Zeit wahnsinnig viel verändert – die Technik vor allem, die Arbeitsbedingungen, der Zeitdruck. Ich schreibe sehr gerne in der Früh – das hat sich nicht geändert. Ich stehe oft um 5 Uhr auf und nehme mir dann die ersten zwei, drei Stunden Zeit zum Schreiben, weil ich das Gefühl habe, dass ich da am besten funktioniere. Der Tag liegt noch vor einem, es gibt noch keine Konferenzen, das Telefon klingelt noch nicht, ich bin ungestört; man hat noch die große Ruhe. Vor 20 Jahren lagen da am Schreibtisch noch, am Vorabend liebevoll hergerichtet, ein Stapel Blätter und gespitzte Bleistifte. Das hat sich geändert: Da steht ein Computer, da stehen zwei Laptops, ein Drucker, ein iPad. Seit einem Jahr arbeite ich unheimlich gerne mit diesem iPad. Das verändert dann auch die eigenen Mediennutzungs-Gewohnheiten. Ich war als politischer Journalist gewohnt, dass ich, bevor ich zu Bett ging, mir die Fernsehnachrichten ansehe. Jetzt rufe ich zu beliebiger Zeit, ohne an Nachrichtensendezeiten gebunden zu sein, am iPad nochmal geschwind Spiegel online, Tagesschau.de, Süddeutsche.de usw. auf und schaue, ob es was Neues gibt. Jetzt warte ich also nicht mehr auf die letzte oder vorletzte Tagesschau. Ich hole mir die letzte Übersicht, wann immer ich sie brauche. Wenn ich ins Bett gehen will, greife ich zum iPad, blättere durch, und nach drei Minuten ist er wieder ausgeschaltet.

Kommen wir zum Thema Pressefreiheit in Europa ...

... eine Zustandsbeschreibung? Es ist nicht schwer, sich über die kastrierte Pressefreiheit in Italien oder gar in Ungarn zu empören. Fassen wir uns aber lieber selber an der Nase. Pressefreiheit ist ein Recht, das jeden von uns Journalisten in die Pflicht nimmt. Um es ein bisschen pathetisch zu sagen: daraus ergibt sich die Pflicht, das Beste zu leisten. Ich finde es ein wahnsinniges Privileg, als Journalist arbeiten zu können: das, was ich für wichtig halte, einem großen Publikum mitteilen zu können, meinungsprägend zu wirken. Meinungsprägend nicht nur mit Kommentaren, sondern auch mit der Themenauswahl. Diese Freiheit, die wir haben und die uns zur Seite steht, hat auch viel mit einer demokratischen Verpflichtung zu tun. Sie verlangt von uns auch, die Leute politisch sprechfähig zu machen. Der politische Journalismus vermittelt die Information, die wichtig sind, um diskutieren zu können. Das beginnt bei den Nachrichten und geht hin zum Meinungsjournalismus, der die Leute argumentationsstark machen soll.

Ich bin nicht erst dann glücklich, wenn die Leute sagen: Völlig Ihrer Meinung, Prantl, das, was Sie im Leitartikel geschrieben haben, genau das denke ich auch. Die Leute sollen sich auch daran reiben, sollen ihre eigenen Gedanken entwickeln können. Das finde ich wichtig, das gehört zu unserer demokratischen Aufgabe. Der politische Kommentator hat die Aufgabe, den Leuten zum Gespräch zu verhelfen, sie mit Argumenten zu versorgen; er macht ihnen die Relevanz von Themen klar, die sie vielleicht zuvor noch gar nicht als wichtig erkannt hatten. Der gute politische Journalismus speist die Leute nicht mit Firlefanz ab. Eine gute Tageszeitung ist wie ein Lagerfeuer, an dem jeder sitzen kann, das jeden wärmt und gut tut, an dem die Leute zu sinnieren beginnen. Man hat einen gemeinsamen Ort, an dem man sich versammelt – man zerspaltet sich nicht in lauter kleine Sonder- und Fachöffentlichkeiten.

Wenn Sie die österreichische mit der deutschen Zeitungslandschaft vergleichen, was fällt Ihnen da auf?

In Deutschland gibt es ein sehr viel ausgeprägteres Feuilleton-Wesen. Ansonsten würde ich da gar nicht so viele trennende Unterschiede erkennen wollen. Die „Süddeutsche Zeitung“ wird auch in Wien gelesen, ich kriege jedenfalls Leserpost von dort; und ich habe auch lange Zeit in München den „Standard“ gelesen. Sehr große auflagenstarke Zeitungen wie die „Süddeutsche“ oder die „FAZ“ als größte deutsche Zeitungen können sich Dinge leisten, die sich die größten österreichischen Zeitungen wie der „Standard“ oder die „Presse“ nicht leisten können – mehr Korrespondenten, mehr Fachredaktionen mit mehr Spezialisten. Das Spezialistentum kann in sehr großen Zeitungen anders gepflegt werden als in den kleineren. Das ist aber kein Unterschied zwischen Deutschland und Österreich, sondern zwischen großen, mittleren und kleineren Zeitungen.

Wie sieht die Zukunft des Printjournalismus aus, das Verhältnis von Print- und Online-Journalismus?

Der Online-Journalismus ist kein prinzipiell anderer als der Print-Journalismus. Es gibt guten und schlechten Journalismus – in Print und Online. So einfach ist das. Online und Print ergänzen einander im Übrigen in trefflicher Weise. Der Online-Journalismus kann dem Print-Journalismus die Aufgabe abnehmen, die er, der Online-Journalismus, besser kann: Das „be first“, die Schnelligkeit. Online ist schneller, der Online-Journalismus kann als Medium viel schneller reagieren als die gedruckte Zeitung. Die blanke Nachrichtenvermeldung, meinetwegen mit ein bisschen Farbe, das kann die gedruckte Zeitung den Onlinern überlassen. Alles was mehr Tiefgang, also auch mehr Zeit erfordert, alles, was Analyse und Hintergrund heißt, all das wird in noch zunehmendem Maße in der gedruckten Zeitung bzw. in den iPad-Applikationen passieren.

Die Zeitung wird ein Wegweister in den digitalen Fluten sein. Der Online-Journalismus ist auf schnellen Konsum, auf die schnelle Befriedigung des Aktualitätsbedürfnisses ausgerichtet – der Printjournalismus samt seinen Apps dagegen lebt von Analyse, Tiefgang, Hintergrund, Kommentierung, Einordnung. Online und Print: Das sind unterschiedliche Aggregatzustände von Journalismus: der eine meldet schnell, der andere fasst zusammen. Man muss eine gute Form der Kooperation finden, Neudeutsch würde man sagen: Synergien nutzen. Das heißt, man muss miteinander planen, miteinander reden – und getrennt schreiben.

Wie stehen Sie zu der Verdienstmöglichkeit des Micro-Payment?

Nicht mehr lange darüber reden – endlich probieren! Es war ein unglaublicher Fehler, dass klassische Print-Inhalte kostenlos, und oft schon bevor sie gedruckt waren, von den Redaktionen online gestellt wurden. Damit hat sich der Print-Journalismus unendlich geschadet. Wer soll und will denn für Inhalte zahlen, die er auch umsonst kriegt? Man kann nicht für die Zeitung Geld verlangen und die Zeitungsinhalte, die online stehen, umsonst hergeben. So sägt man am eigenen Ast. Die Selbstachtung des Qualitätsjournalismus verlangt, dass Qualitätsjournalismus einen Preis hat. Micro-Payment heißt: Kleinvieh macht auch Mist. Qualitätsjournalismus muss etwas kosten, auch wenn es nur ein paar Knöpfe sind. Ob das ein großes Verdienstmodell wird, weiß ich nicht, aber man muss es jedenfalls mit einer sehr einfachen Technik probieren. Es ist höchste Zeit. Ich bin davon überzeugt: Wenn eine große Zeitung damit anfängt, werden es die anderen Zeitungen nachmachen.

Wie systemrelevant ist Journalismus?

In der großen Finanzkrise hieß es: die Banken sind systemrelevant. Jeder Politiker sagte über jede torkelnde Großbank: Sie ist so groß, sie reißt die Wirtschaft in den Abgrund, wir dürfen sie daher nicht pleite gehen lassen, wir müssen sie mit Staats-, also mit Steuergeldern pampern, wir müssen mit Staats-Bürgschaften stützend zur Seite stehen. Zeitungen, gedruckt und gesendet, sind aber mindestens so systemrelevant wie die Banken. Das System, für das sie relevant sind, heißt Demokratie. Jede Zeitung, die eingeht, versetzt der Demokratie einen Stoß. Das soll jetzt nicht ein Spezial-Loblied auf Zeitungen sein. Systemrelevanz hat nicht nur das Gedruckte, Systemrelevanz hat der Qualitätsjournalismus insgesamt – gedruckt, gesendet, in welchen Formen auch immer. Eine funktionierende Presse, eine funktionierende, möglichst bunte Medienlandschaft ist systemrelevant für die Demokratie.

Haben Sie in der nächsten Zeit auch wieder eine Buchveröffentlichung geplant?

Ich mache gerade ein ziemlich ungewöhnliches Buch, es heißt „Der Weihnachtsleitartikel“. Dort stehen Leitartikel zu Festtagen – Texte, die nicht von Kanzlern, Präsidenten oder Ministern, also nicht vom politischen Alltag handeln, sondern von Gott und der Welt und davon, warum die Welt so ist, wie sie ist. In diesen Leitartikeln geht es um die wirklich großen Fragen: Wann ist der liebe Gott eigentlich lieb? Ärgert er sich, wenn man ihn „Allah“ nennt? Und was hat es mit dem „Zorn Gottes“ auf sich? Das sind normalerweise nicht die Fragen, die ein Leitartikel beantwortet. Normalerweise, wie gesagt, geht es im Leitartikel um den politischen Alltag, um Minister, Gesetze, Skandale. An einigen wenigen Tagen im Jahr ist das anders: an Weihnachten, an Ostern, an den großen Festtagen also. Die Leitartikel in meinem neuen Buch, das im Herbst erscheint, handeln nicht vom politischen Betrieb, sondern von den großen Fragen des Lebens und Sterbens, des Glaubens und Nichtglaubens. Man recherchiert für solche Texte völlig anders als sonst.

Zuletzt, zu Ostern, habe ich mir darüber Gedanken gemacht, was Auferstehung heute bedeutet. Ich habe versucht, den Begriff Auferstehung ins Weltliche zu übersetzen, die arabischen Freiheitsbewegungen darunter zu fassen, weil dort die Menschen sozusagen aufstehen: Es wacht etwas auf, es steht etwas auf. Weihnachten ist wahnsinnig beliebt, weil jeder weiß, wie ein neugeborenes Kind ausschaut und wie possierlich es ist. Unter Auferstehung kann sich kein Mensch richtig was vorstellen. Deshalb dachte ich, du übersetzt jetzt mal den schwierigen, komplexen, religiös-theologischen Begriff der Auferstehung ins aktuelle Weltgeschehen. Das Ergebnis war für mich selber sehr lehrreich. Natürlich schreibe ich an so einem Text länger als an jedem Leitartikel über Merkel oder Sarrazin. Es ist für mich selber ein Akt der Erkenntnis – und die Leserbriefe und die sonstigen Reaktionen sind wahnsinnig schön.

Es schreiben dann Pfarrer und berichten, wie sie von meinem Text zu ihrer eigenen Weihnachts- oder Osterpredigt angeregt wurden. Es schreiben Gesprächskreise aus Altersheimen. Es schreiben Schulklassen. Ich bin gespannt, ob und wie dieser Art von Journalismus nun als Buch ankommt. Also ab September werden wir vom SZ-Verlag aus dieses Buch „Der Weihnachtsleitartikel“ herausbringen. Vielleicht wird es ein Buch, das man sich gerne schenkt.

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