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Nur keine Mode bitte!

In der Epoche der Art Nouveau hatten sie ihr erstes Date. Sie spielten miteinander, inspirierten sich gegenseitig, hatten Schmetterlinge im Bauch und Campbell-Suppendosen auf den Kleidchen. Sie liebten und sie schlugen sich, bis der Markt die junge Romanze korrumpierte. Unterschiedliche Interessen verfolgten sie schon länger und so war die Trennung für Jahrzehnte besiegelt. Doch eine Amour Fou wie die von Kunst und Mode ist nie beendet und ihre Produktivität durch gesammelte Erfahrungen und Therapiestunden groß wie nie.

Während die Kunsthalle seit Oktober mit einer Schau von Werken der Modefotografie aus der Sammlung F. C Gundlach der Vanitas huldigt, wurde im selben Haus vor kurzem mit der Ausstellung „No Fashion, Please!“ eine vielstimmige Diskussion zum Verhältnis von Kunst und Mode eröffnet. Spannende Positionen von arrivierten Künstlerinnen und Künstlern sowie einiger New-comer hinterfragen Produktionsbedingungen und Methoden der Modefotografie, setzen sich mit vermeintlichen Schönheitsnormen und -idealen auseinander und verhandeln genderbezogene, religiöse und semiotische Themenkomplexe.

Eine der exaltiertesten und extravagantesten Figuren der Londoner Kunst-, Mode- und Clubszene war der gebürtige Australier Leigh Bowery (1961-1994). „Ich war begeistert von der Idee, dass man sich herausputzt und dass Kleider Leute machen. Also begann auch ich damit. Zuerst ganz bescheiden, aber dann immer mehr. Es geriet völlig außer Kontrolle. Ich bevorzugte immer Sachen, die entweder so lächerlich oder so übergroß oder so unmöglich waren, dass sie keinen Trend setzten. Mir ging es um mehr als bloß drei Monate Modebegeisterung oder so etwas. Ich wollte, dass Sie das Kleidungsstück oder das Objekt wirklich betrachten und über es nachdenken.“ Von der Bewegung des New Romanticism nach London gelockt, machte er als Modeschöpfer Furore, war finanziell allerdings erfolglos und nutzte seine Kreationen in Folge für seine Performances in einer Mischung aus Kitsch, Fetisch, Provokation, kunsthistorischen Referenzpunkten und schonungsloser Darstellung des eigenen Körpers, die Designer wie Vivienne Westwood, Alexander McQueen und John Galliano sowie Musiker wie Boy George und Antony (& the Johnsons) inspirierte.

Auch der Fotograf Jeff Bark bearbeitet – besonders in seiner Serie „Flesh Rainbow“ – die Tradition der modernen Darstellung von Körpern kritisch und konstruiert traum- ähnliche, absurde Aufnahmen; entrückte Stillleben voll hintergründigem Humor, die schöner als die Wirklichkeit erscheinen und dabei aber in keiner Form nachbearbeitet wurden. „Flesh Rainbow ist mein Versuch, Menschen so abzubilden, wie es in der Mode und der Fotografie nicht vorkommt oder geschätzt wird. Ich konzentrierte mich auf das Durchschnittliche, das Prosaische, das Verdrängte. Körper werden schutzlos und verletzlich dargestellt, aber nicht, um sie zu sexualisieren oder auszubeuten, sondern um sowohl das Modell als auch das Publikum aufzurütteln. Sie sollen die Schönheit dessen sehen, was sie sonst abstößt.“

Zugehörigkeiten durch Codes der Kleidung in Bezug auf Geschlecht und Religion werden bei Sophia Wallace und Lea Golda Holterman thematisiert. Holterman untersucht in ihrer Serie „Orthodox Eros“ Möglichkeiten, den alten Mythos des jüdisch orthodoxen Mannes zu untergraben und einen neuen, zeitgemäßen zu schaffen. Entrückt, in referenzlosen Räumen werden junge Männer in religiös kontextualisierten Kleidungsstücken wie den Gebetsriemen, der Kippa oder dem Tallit porträtiert und vermitteln das Bild einer sanften, unschuldigen Erotik und stellen Körper und Seele in einen fortwährenden Dialog zwischen profaner und sakraler Sinnlichkeit.

Bruce Weber, Izima Kaoru und Viviane Sassen spielen mit Srategien und Ästhetik der Modeindustrie oder setzen gar Akte der gänzlichen Verweigerung. Weber und Izima haben Kampagnen und Editorials für viele große Namen geschossen. Während es Weber immer wieder zu seinen Wurzeln, der Streetphotography, zurückzieht, erschafft Izima für seine Protagonistinnen in der Serie „Landscapes with a Corpse“ die Visualisierung und Ästhetisierung ihres perfekten Todes. Er inszeniert wie, wo und in welcher Kleidung seine Modelle gerne sterben würden: „Doch wenn ich dann ihre Geschichten höre, fällt mir auf, dass sie gar nicht über den Tod sprechen! Sie erzählen mir stattdessen, wie sie leben wollen! Ich verstehe. Der ideale Tod ist das ideale Leben.“


No Fashion, please! – Fotografie zwischen Gender und Lifestyle
10. November 2011 bis 22. Jänner 2012,
KUNSTHALLE Wien

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