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Design mit grosser Mission

Helsinki ist World Design Capital 2012. Aus diesem Anlass betrachtet FAQ gemeinsam mit WDC-Direktor Pekka Timonen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einer Metropole, die Einfluss und Bedeutung von Design wie kaum eine zweite verstanden hat.

Finnisches Design hat längst die Welt erobert – und in den meisten Fällen merken wir das nicht einmal (mehr). Nun wurde die junge Hauptstadt Helsinki – sie feiert in diesem Jahr ihr 200jähriges Jubiläum – von der International Council of Societies of Industrial Design, kurz ICSID, zum World Design Capital 2012 erkoren, gibt sich allerdings nicht mit einer Bestandsaufnahme und Rückschau auf eine glorreiche Design-Vergangenheit zufrieden. Die ungefähr 300 verschiedenen Veranstaltungen des Designhauptstadtjahres unter dem Motto „Offenes Helsinki – Design in das Leben integrieren“ bezeugen Zukunftsorientierung und Dynamik der Finnen. Eigenschaften, die sie in den kommenden Jahrzehnten noch verstärkt unter Beweis stellen werden, denn wenige europäische Metropolen sind in einem derart starken Übergang und Aufschwung begriffen, wie Helsinki: Die 1,2 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner des Großraums Helsinki werden bis 2030 auf 1,6 Millionen anwachsen.

Der Großraum beinhaltet neben Helsinki das nur eine Fahrradfahrt entfernte Espoo, Sitz von Nokia und dem Haupt-Campus der Aalto Universität, Vantaa, 15 km entfernt, wo sich neben dem Flughafen auch das Heureka Science Centre befindet, Lahti mit einer der prestigeträchtigsten Designschulen Finnlands, und Kauniainen, einer 8.600 Einwohner Gemeinde mit schmucken 100 Jahre alten Villen. Um die rapiden Veränderungen zu bewältigen, sind mehr als zehn städtebauliche Großprojekte in Planung bzw. Bau begriffen. Neben dem Ausbau der öffentlichen Verkehrs-wege betrifft dies vor allem neuen Wohnraum nach ökologischen Maßstäben. Mehr als 100.000 Wohnungen sollen in den kommenden Jahrzehnten entstehen. Es brauche dafür Unmengen an Design, so Pekka Timonen, Direktor des World Design Capital, im Gespräch. Auch die Politik habe verstanden, dass Design eine Schlüsselrolle innehat, die finnische Gesellschaft zu verbessern, für Wohlergehen und Wettbewerbsfähigkeit zu sorgen und so werden an hochrangiger Stelle Strategien sowie ein Design-Entwicklungsplan für die kommenden Jahre entworfen.

Im Zeichen des Wandels

Aber Helsinki wächst nicht bloß; innerhalb von nur 20 Jahren hat sich seine Position und damit einhergehend auch Mentalität grundlegend gewandelt, betont Timonen. „Die Welt hat sich gedreht und Helsinki ist vom äußeren Rand der bekannten Geographie direkt ins Zentrum gerückt.“ Heute befindet es sich inmitten der dynamischen baltischen Region, ist nur drei Stunden Zugreise von St. Petersburg entfernt und Zwischenstation am kürzesten Weg in den asiatischen Raum.

Im Selbstverständnis und -bewusstsein der Finnen scheint der Sprung ins Zentrum vollzogen. Diese 20 Jahre haben Helsinki zu einer entspannteren und bunteren Stadt mit ausgeprägtem Nachtleben und Gastronomiekultur gemacht. Die Generation der mit Nokia und den damit einhergehenden Veränderungen in der Kommunikation Aufgewachsenen entfernt sich unwiederbringlich von jenen Finnen, die nicht nur in den Filmen Aki Kaurismäkis durch eine gewisse Wortkargheit und Introversion auffielen.

Neben einer spannenden Gegenwart blickt man in Finnland auf eine Vergangenheit zurück, die eine reiche Design-Tradition, samt großer Namen wie Tapio Wirkkala oder Kaj Franck, besitzt, ansonsten jedoch mit einer denkbar schlechten Ausgangslage bedacht war. Erst unter schwedischer, bis 1917 unter russischer Herrschaft, war Finnland vor allem durch den Mangel an natürlichen Ressourcen bis in die 60er und 70er Jahre des 20. Jahrhunderts von Armut geprägt. Unter diesen Vorzeichen ist es erstaunlich, dass die erste Ausbildungsstätte für Design bereits im 19. Jahrhundert gegründet wurde und das Land mit dem seit 1875 bestehenden Design Forum Finland die zweitälteste Werbeorganisation für Design weltweit beheimatet. Trotzdem wurde im 19. Jahrhundert häufig betont, Finnland stünde, was die Errungenschaften intellektuellen Lebens angeht, im Vergleich zu den sogenannten großen Kulturnationen weit hinten – besonders was Architektur und angewandte Künste betrifft. Noch in den frühen 1890ern wurde gemutmaßt, Finnen hätten kein Verständnis für Form. Im ersten Überblickswerk zu finnischer Kunst schreibt der Kunsthistoriker Eliel Aspelin im Vorwort: „Hier, wo über den Großteil des Jahres die Düsternis und Dunkelheit des Winters vorherrschen, und die Luft selbst während des kurzen Sommers selten klar und durchlässig ist, kann sich das Auge nicht in dem Maß daran gewöhnen, Formen von Objekten zu betrachten, wie das im Süden der Fall ist.“ Demgemäß hätten sich die zur Melancholie neigenden Finnen mehr auf innere Vorgänge als auf Oberflächen konzentriert und eher der Poesie und Musik zugewandt. Trotzdem wird finnische Architektur zur Jahrhundertwende mit einer lokalen Variante der Art Nouveau erstmals bekannt. Der internationale Siegeszug freilich beginnt Ende der 1920er Jahre und ist, neben anderen, vor allem mit den Namen Alvar und Aino Aalto verbunden. Pekka Timonen geht soweit, zu sagen, Finnland baue seine nationale Identität auf Architektur und Design, da es keine goldene Ära der Geschichte, keine reiche und große Vergangenheit gibt, auf die man sich stützen könnte. Und somit ist jene gestalterische Tradition auch keine der Paläste und Aristokratie sondern eine Suche nach hochgradig ästhetischen Lösungen für das alltägliche Leben, das durch beschränkte Ressourcen gekennzeichnet ist.

Die mitschwingende soziale Komponente ist besonders bei Alvar Aalto und seiner Frau Aino stark ausgeprägt. „Gestalterische Kunstgriffe können manchmal eine überraschende Wirkung erzielen. Im Zeitalter der Elektrizität darf Lichtdesign aber nicht auf einem solchen Dilettantismus fußen. Stattdessen müssen wir unsere gedankliche Arbeit auf die mit diesen Problemen verbundenen Erfordernisse ausweiten. Zusätzlich zu den technischen und grundsätzlichen psychologischen Eigenschaften müssen wir das Wohl eines jeden Einzelnen mit kühlem Kopf  berücksichtigen (...).“ so Aalto.

Lederhosen einer Eskimofrau

Das Paar war Anhänger der 1929 vom Bauhaus propagierten Idee der schlichten, den Raum optimal nutzenden „Volkswohnung“, im Gegensatz zur ersten Generation der Funktionalisten entwickelten sie jedoch eine um freie organische Kurven erweiterte Formensprache. Während das Bauhaus in Dessau 1933 nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten seine Pforten schloss, gelang den Aaltos im selben Jahr mit dem von ihnen geplanten und eingerichteten Tuberkulose-Sanatorium in Paimio der Durchbruch in Europa. Die Winkel der Rückenlehnen der in Folge auch Paimio genannten Sitzmöbel aus gebogenem Birkenfurnier waren perfekt darauf abgestimmt, lange Ruhephasen und leichtes Atmen zu ermöglichen. 1935 gründete das Paar mit anderen ARTEK als Vertriebsgesellschaft für finnische Möbel und löste damit nicht nur große Nachfrage aus sondern auch seine finanziellen Probleme.

Die weitgehend größte Bekanntheit genießt Alvar Aalto heute jedoch als Designer einer Ikone der Moderne, die man wohl als finnisches Maskottchen bezeichnen kann: die Aalto- oder Savoy-Vase. Der zunehmende Bedarf an Konsumgütern in der wirtschaftlichen Wachstumsphase der Zwischenkriegsjahre sowie die Aufhebung des allgemeinen Alkoholverbots 1932 beförderten die finnische Glasproduktion und ließen Erzeuger wie Iittala und Karhula in regelmäßigen Abständen Wettbewerbe unter den Designern veranstalten. Einer Ausschreibung im Jahr 1936 folgt Aalto mit dem Entwurf „Eskimoerindens skinnbuxa“ (Lederhosen einer Eskimofrau). Die Vasen, Schalen und Tabletts mit kurviger Grundrisslinie und asymmetrischer Grundform werden erstmals 1937 im auch von ihm gestalteten Finnland-Pavillon auf der Pariser Weltausstellung der Öffentlichkeit präsentiert und sind für die damalige Glaskunst revolutionär.

Finne zu sein, erklärt Pekka Timonen, bedeute, sich mit bestimmten Dingen zu assoziieren: der Aalto-Vase, der gleichsam berühmten Schere mit dem orangenen Griff von Fiskars (heute eine der ältesten Firmen der westlichen Welt und Erfinder der ersten Schere mit Plastikgriff), mit Gläsern und Geschirr von Iittala oder Arabia und bunten Heimtextilien von Marimekko. Zwischen 80 und 90 Prozent der Bevölkerung besitzen mehrere Produkte dieser Hersteller, ist sich Timonen sicher.

Ein „brutal optimistisches“ Vorhaben

Von dieser Basis ausgehend soll, um die Design-Idee 2012 zu erweitern und voranzutreiben, einerseits das Bewusstsein auch für unauffälliges uns umgebendes Design gelenkt werden, wie mit den „Font Walks“, bei denen Grafikdesigner Geschichte und Bedeutung verschiedener Schriftarten im Stadtbild erläutern.

Weiters haben sich die Organisatoren die Aufgabe gestellt, die Lust an der Partizipation und am Verstehen von Funktion und Einsatzmöglichkeiten von Design zu fördern. Wie mit Hilfe von Design ein Erlebnis erzeugt und Kommunikation ermöglicht bzw. verbessert werden kann, zeigt beispielsweise das bereits sehr erfolgreiche ferngesteuerte Café Kauko. Unter www.youdesign.fi lassen sich Licht, Musik als auch die Höhe der Tische und Stühle in Echtzeit verändern und Nachrichten an die Gäste verschicken.

Cirka die Hälfte der Programmpunkte des WDC besteht aus Diskussionen, oder erkundet und wendet Design in verschiedenen Bereichen von Wirtschaft über Sozialver-sicherung bis zum Schulsystem an. Nachdem verstanden wurde, welche Rolle Design spielt, müssen schließlich dahinführendes Handeln und Strategien verbessert werden, erläutert Timonen seine Mission. Ein Projekt mit diesem Ansatz ist „Low2No“, in dem Wissen und Erfahrung für den Bau von Co2-neutralem Wohn- und Arbeitsraum weitergegeben, aber auch klimafreundliche Methoden und Nutzung des Raumes diskutiert werden. Timonens Definition einer Designhauptstadt – ein Ort zu sein, der Design für seine kulturelle, soziale und wirtschaftliche Entwicklung nutzt und ein globales Beispiel dafür darstellt – erfüllt Helsinki erfolgreich. Über das umfangreiche Programm, von den verschiedenen Veranstaltungen im äußerst empfehlenswerten Design District Helsinkis bis zu einer öffentlichen Kultur-Sauna, informieren Homepage und ein umfangreich wie schön gestaltetes App.

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