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Lieber eine Made sein

Mit "Narrow" legt die mindestens außergewöhnliche, auch international Aufsehen erregende Anja Plaschg dieser Tage ihre neueste Veröffentlichung vor. Darin verarbeitet sie künstlerisch den plötzlichen Tod ihres Vaters, nicht zuletzt deshalb ist es ein berührendes Tondokument geworden.

Es ist Anfang Februar und klirrend kalt. In der Wiener Arena präsentiert Anja Plaschg, bekannter unter dem Signet Soap&Skin, ihre aktuelle Produktion. Die Erwartungshaltung ist groß, wenn sich auch die unglaubliche Aufregung aus der Zeit vor bzw. um die Veröffentlichung ihres Albumdebüts „Lovetune For Vacuum“ (2009) inzwischen gelegt hat. Entgegen aller Gewohnheit bleibt die Bar auf Wunsch der Künstlerin geschlossen. Erstaunlich jugendliches Publikum, aus dem nur an manchen Stellen der eine oder andere graue Panther heraussticht, wartet ungeduldig auf den Beginn. Für vermutlich gar nicht so wenige sind Shows (wenn dieser profane Begriff gestattet ist) von Soap&Skin wesentlich mehr als nur ein Popkonzert. Nicht nur wegen des in Weihrauchmanier eingesetzten Nebels erhalten Liveauftritte der inzwischen 21-jährigen Steirerin immer auch etwas von einem Gottesdienst (deutlicher wurde das noch bei einem Konzert in der Pfarrkirche Gnas, das Plaschg anlässlich des ersten Todestages des Vaters spielte). Entgegen ihren Anfängen sitzt sie heute nicht mehr solo mit Laptopunterstützung am Klavier. Ein Ensemble aus gezählten 14 Musikern (inklusive Chor) bevölkert die Bühne um die komplexen Kompositionen von „Narrow“ organisch umsetzen zu können. Die Musiker agieren dabei streng von Plaschg dirigiert, wie das ja auch bei James Brown oder Frank Zappa, um nur die bekanntesten zu nennen, der Fall war. Querköpfige Improvisation ist in diesem Kontext also sicher nicht gefragt. Soap&Skin unternimmt an diesem Abend jedenfalls so manchen Ausflug in Richtung zentral postiertes Bühnenmikrofon das viel mehr Freiheit für Interaktion mit dem Ensemble und körperlichen Ausdruck ermöglicht.

Die Schubladen

Exkurs: Womit wir schon wieder bei der Frage der Schubladisierung angekommen wären, entspricht doch diese Aufführungspraxis im Allgemeinen eher der so genannten E-Musik. Soap&Skin selbst sieht sich und ihre Musik hingegen klar im Pop angesiedelt, aber es ist müßig über die Grenzen von Pop zu sinnieren, sind diese doch fast für jeden anders gezogen. Zwei Popfans – drei Meinungen, könnte man da in Anlehnung an einen alten Juristenwitz sagen. Für unzählige, im weitesten Sinne Popmusiker – vor allem Bereich Electronica, Experimental und Improvisation – hat die althergebrachte E und U-Trennung höchstens noch eine gewisse Sinnhaftigkeit was die Vermarktung betrifft. In den meisten Fällen bezieht sich die Kategorisierung auf den Rezeptionskontext und so gut wie gar nicht auf die konkrete Materialästhetik. Exkurs Ende.

Der Tod des Autors

Angesichts der Intensität der Darbietung denkt sicher kaum jemand im Auditorium Besuchern über die Foucault’sche These vom „Tod des Autors“ nach, die (nicht nur) „Radiopapst“ Fritz Ostermayer im Begleittext zu „Narrow“ thematisiert. Ich unterstelle den Besuchern sogar, dass (wenigstens während des Konzertbesuchs) ihnen in erklecklicher Anzahl Foucault und die schon lange nicht mehr mögliche Authentizität als Theoriequargel gewaltig am Arsch vorbeigehen, und Slavoj Zizek war vor Ort auch nicht auszumachen. Selbst wenn es den Autor nur noch als Zombie geben sollte, ist dieser im Fall von Soap&Skin noch so quitschlebendig, dass er imstande ist nicht wenige emotional durchzurütteln. Oder Soap&Skin ist im Nachstellen von Affekten – soweit das nicht ein Anachronismus ist – eben mit allen Feuerwassern gewaschen? Schließlich geht es für das „Publikum des Spektakels“ (Guy Debord) immer auch um Identifikation und Outsourcing, um bewusst diesen schrecklichen Begriff zu verwenden, von Leiden. Und dafür bietet die Teilzeit-Schauspielerin (2011 im Film Stillleben von Sebastian Meise und 2008 im Stück „Nico.Sphinx aus Eis“) Plaschg jede Menge Projektionsfläche. In ihrer standhaften Weigerung das Selbst zugunsten eines distanzierteren Zugangs aufzugeben liegt auch - neben ihrem unbestrittenen Können als Musikerin, Komponistin und Texterin - das Geheimnis ihres Erfolgs. Die so offen ausgestellte Verletzlichkeit ist also notwendige Voraussetzung für die künstlerische Arbeit von Anja Plaschg und wird so paradoxerweise zu ihrer Stärke.

30 Minuten „Narrow“

Mit rund 30 Minuten Laufzeit ist das aktuelle Werk von Soap&Skin zeitlich knapp bemessen. Es ist aber total egal ob man jetzt vom neuen Album, einer EP oder was auch immer spricht, für Plaschg ist das Albumformat in Zeiten einer notwendigen, radikalen Neuorientierung des Tonträgermarktes (oder eben nicht mehr TonTRÄGER) sowieso nicht mehr zeitgemäß. Der Arbeit an „Narrow“ ging ein familiäres Unglück, das die inhaltliche Ausrichtung stark prägen sollte, voraus: aus heiterem Himmel verstarb Plaschgs Vater und die sensible Künstlerin fiel daraufhin in ein tiefes Loch. Ein dreiviertel Jahr lang war sie nicht imstande an neuem Material zu arbeiten, schließlich begab sie sich in ärztliche Behandlung. Erst nach einmonatigem Rückzug in ein kleines italienisches Dorf gelang es ihr wieder nach und nach ein den Umständen entsprechendes, halbwegs normales Leben zu führen und vor allem wieder an ihrer Musik zu arbeiten. Die Katharsis, oder zumindest eine künstlerische Bewältigung bzw. Linderung des enormen Leidens durch den Verlust eines geliebten Menschen gelang mit dem Stück „Vater“ an dem sie fast ein Jahr gearbeitet hat. Es ist zugleich Einstieg (und das zentrale Stück) in den Songzyklus, der auf Soap&Skins eigenem Label SOLFO erscheint. Zum ersten Mal in deutscher Sprache getextet ist „Vater“ ein Stück Unmittelbarkeitslyrik am Sarg des Verstorbenen. Mit den Anfangszeilen „Haltet alle Uhren an, hindert den Hund daran, den Sarg anzubellen“ paraphrasiert sie W.H. Audens „Funeral Blues“ zu Klavierbegleitung. „Ich trinke auf Dich Dutzende Flaschen Wein, und will doch viel lieber eine Made sein“, singt die große Tragödin in getragener Kunstliedmelodie. Ihre eindringliche Stimme ist raffiniert zum Teil mehrfach übereinandergelegt, was immer wieder erstaunliche Wirkung erzielt. Nach einer kurzen Überleitung am Klavier kommt es zum Finale furioso: eine manisch-trunkene Kapelle mit Flügelhorn spielt zu schwerem Beat, Plaschgs wegbrechende Stimme schwingt sich in ungeahnte Höhen auf, und schneller als erwartet: ein einsamer, tiefer Ton am Klavier – und aus. Fünfeinhalb Minuten dauert dieses unfassbare Lamento und man fragt sich, was kann da noch kommen? Dieser Grad an Selbstentäußerung wird im Laufe von „Narrow“ auch nicht mehr erreicht und das ist gut so. Man muss nicht hypersensibel sein um sich nach dem Anhören von „Vater“ wie ein Voyeur zu fühlen. Böse Zungen mögen gar von einem Terror der Intimität sprechen.

„Voyage Voyage“, den Desireless-Hit aus den Tiefen der 1980er-Jahre hat Plaschg für den Film Stillleben (s.o.) adaptiert und ihm eine gänzlich neue, spooky Färbung verpasst. Anhand dieser Coverversion kann man auch, besonders im Refrain, hören über welche Palette an Nuancen im Ausdruck Soap&Skin auch als Sängerin verfügt. Ihre Gesangsstimme klingt sogar noch kräftiger als zurzeit von „Lovetune For Vacuum“. Es muss nicht immer die distanzierte Nico für Vergleiche herhalten, auch wenn sich die große Unglückliche, spätestens nach der Impersonation von Plaschg am Theater, als Referenz aufdrängt. Aktuell wäre vielleicht Cat Power die interessantere Referenzkünstlerin, oder sogar Stina Nordenstam, wenn’s schon nicht ohne geht. Aus Platzgründen ist es unmöglich auf die allesamt bemerkenswerten Stücke von „Narrow“ einzugehen. Höhepunkte sind noch „Wonder“ mit dem zurückhaltenden Chor, „Lost“ mit dem eingebetteten „Sehnsuchtswalzer“ (Franz Schubert), und das industriell brachiale „Deathmental“. Also fast die gesamte Platte, die wieder im Alleingang von Soap&Skin aufgenommen, produziert etc. wurde.

Kulinarisches Wagnis

Mit dem ausgefuchsten Herrn Zotter hat Soap&Skin übrigens eine eigene Schokoladenmarke ausgeknobelt. Fair-trade und Bio ist klar, die Rezeptur klingt zumindest gewagt: Schwarzkümmel, weißer Mohn, weißer Weihrauch, Gelee aus dichtem Rotwein, altrosa Rübencanache mit Schweineblut. Blaue Kornblumen legen sich zu schwarzem Sesam auf die Decke einer dunklen Schokolade, hergestellt in der Tradition der Indianer. Neben dem Sich-einlassen auf die Musik von Soap&Skin, erfordert sogar der Genuss der Promoschoko etwas Mut.

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