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Von Licht und anderen Spektren

Text: Adrian Flux, Michael-Franz Woels Fotos: Peter Rigaud

Der oberösterreichische Designer Andreas Thaler, Gewinner des europäischen Designpreises der XVI Designbiennale in Belgien, arbeitet oft einerseits mit Transparenz und Lichtbrechung, andererseits mit der Bewegung der Betrachter und deren Perzeptionen.

Ein Objekt der physikalischen Welt wird visuell wahrgenommen, indem es strahlt. Je nach Perspektive ändert sich das Erscheinungsbild eines Objekts, weil es sich selbst in anderer Aspektivität projizieren kann. Verbindet der Beobachter gedanklich die einzelnen Ansichten, ergibt sich ein dreidimensionales Objekt. Im Falle eines Tisches entsteht dann zum Beispiel der Eindruck von Stabilität, er scheint dazu geeignet, Dinge zu tragen. So wirken der „Glowing Arrow“ und die Zwillingstische „Transparenty“ nicht nur für sich selbst als Objekte raumgestaltend, sondern schaffen ein dynamisches Raumgefühl, indem sie den Raum als Spiegelung aufnehmen und gleichzeitig seine Spiegelungen in den Raum werfen.

Was hat dich zum Design gebracht, was waren deine Beweggründe, dich mit dieser angewandten künstlerischen Disziplin zu beschäftigen?

Die interdisziplinären Erfahrungen innerhalb der Meisterklasse ließen sich am besten mit dem Thema Design zusammenführen.

Stimmt es, dass dir die besten Ideen beim Duschen einfallen?

Ja, weil hier das planende Denken ausgeschaltet ist und die gesammelten Überlegungen plötzlich ganz wie von selbst zu neuen Ideen, einem neuen Ganzen werden.

Du versuchst Szenarien zu erschaffen, die durch den Betrachter moduliert werden. Kannst du auf diese Gestaltungsphilosophie etwas näher eingehen?

Betrachtungswinkel, Licht, Einbindung in die Umgebung verändern Gestalt und Wirkung aller dreidimensionalen Objekte. Diese Faktoren werden letztlich gesteuert durch den Betrachter, sind sein aktiver Beitrag zur Erfahrung des Objektes. Diese Interaktivität lässt sich durch Design steigern – etwa beim Glowing Arrow Table, dessen Transparenz und Bedampfung ein unbegrenztes Farbenspiel erzeugen.

Steht beim Designprozess eher das Praktische (das Hantieren mit Werkstoffen, das Anfertigen der Objekte mit den eigenen Händen) oder das Künstlerische (die Idee, das Formkonzept) im Vordergrund?

Nach einer längeren Schaffensperiode mit technischer Unterstützung, also überwiegend Entwurfsarbeit auf dem Bildschirm, gehe ich momentan wieder stärker zu haptischen Praktiken zurück.

Du warst in der Meisterklasse für Produkt- und Objektgestaltung bei Prof. Helmuth Gsöllpointner und Prof. Kristian Fenzl. Welche anderen Personen haben dich maßgebend beeinflusst? Hast du Vorbilder? War Pop-Art ein starker Einfluss?

Am stärksten hat mich Kristian Fenzl beeinflusst, zu dem ich bis heute einen freundschaftlichen Kontakt habe. Helmuth Gsöllpointner hat mit seinen Aktivitäten als ehemaliger Rektor der Kunstuni Linz sehr viele international renommierte Künstler nach Linz geholt: Raymond Loewy, den Vater der Coca Cola-Flasche und viele Künstler der Bauhaus-Gruppe wie Herbert Bayer und der Memphis Gruppe wie Ettore Sottsass. Ich bewunderte auch sehr die Arbeiten von Ron Arad, Verner Panton, Mies van der Rohe und Marc Newson. Der Einfluss der Pop-Art wird eher auf einer intuitiven Ebene wirksam.

Deine Formensprache beschreibst du als changierend zwischen Funktion und Skulptur. Wo befinden sich deiner Meinung nach die Schnittstellen? Was kann man sich unter dieser Verbindung vorstellen?

Dabei geht es darum, einerseits die volle Funktionalität – beispielsweise eines Sitzmöbels – zu erreichen und andererseits eine irrationale, organische Formensprache zu verwirklichen.

Deine Arbeiten zeichnen sich oft durch geometrische Reduktion aus. Wie wichtig ist der Aspekt der Schlichtheit, Einfachheit, Klarheit bei deinen Entwürfen?

Sehr wichtig, da eine gute Idee letztlich immer ein einfach und schnell begreifbares Erscheinungsbild hat, auch wenn harte Arbeit dahintersteckt. In einer Welt der zunehmenden Komplexität wird diese Sehnsucht nach Einfachheit zunehmen.

Du arbeitest ja in den unterschiedlichsten Maßstabsebenen: du gestaltest Brillen, entwirfst aber genauso komplette Raumkonzepte. Wie unterscheiden sich da deine Herangehensweisen bei unterschiedlich skalierten Projekten?

Immer ist der Mensch das Maß aller Dinge. Diesen Aspekt versuche ich nicht aus den Augen zu verlieren.

Deine bevorzugten Materialien sind lasergeschnittenes Metall, beschichtetes Polyurethan und Plexiglas. Welche Rolle spielen organische Ausgangsmaterialien?

Keine sehr große, da die anderen Materialien ein weitaus größeres Spektrum an Möglichkeiten eröffnen.

Bilden Licht und Transparenz einen Gegenpart zur artifiziellen Härte und Kälte der verwendeten Materialien (Beispiel Glowing Arrow)?

Das könnte man so formulieren, vor allem bezüglich des warmen Teils des Spektrums.

Kannst du uns kurz über die Zusammenarbeit mit Zaha Hadid und Patrik Schumacher im Rahmen von Latent Utopias und Projekt #1 erzählen?

Wir haben uns gegenseitig wunderbar ergänzt. Latent Utopias gehörte zu den erfolgreichsten Ausstellungen seit Bestehen des Steirischen Herbsts. Aus der Kooperation mit Zaha und Patrik ist in Folge der Tisch Project #1 entstanden, der unter anderem bei der Mailänder Möbelmesse zu sehen war.

Wie gehst du an den Begriff Raum heran, welche Raumkonzepte verfolgst du?

Raum ist für mich Atmosphäre. Diese Atmosphäre versuche ich einzufangen und weiter zu entwickeln oder zu schaffen – dabei sollen möglichst alle Sinne mit den Themen Sound, Licht oder Haptik angeregt werden.

Was war die Herausforderung bei der Zusammenarbeit mit den Design Hotels?

Das Grazer Kunst und Designhotel Augartenhotel mit seiner umfangreichen internationalen Kunstsammlung war zweifellos die größte Herausforderung: Es galt, in diesem prominenten Umfeld zu bestehen und aus einem grundsätzlich banalen Objekt, einem Ablagesystem im Zimmer ein alltagstaugliches, aber spannendes Pendant zur Kunst zu schaffen.
Im Spitzhotel Linz kam zu einer ähnlichen Aufgabe der Entwurf eines organischen Sitzobjekts für das Foyer dazu.

Dein letztes Ausstellungsprogramm 2011 in Linz hatte den Titel Austrian Design Avantgarde. Wann begann deine Kuratorentätigkeit? Was war der Auslöser für deine Entscheidung, Ausstellungen zu Kuratieren?

Bei einer Ausstellung geht es um das interdisziplinäre Gesamtkunstwerk, das Zusammenführen herausragender Persönlichkeiten, aber auch hochtalentierter Studenten. Es entsteht so nicht nur eine Art Event, sondern ein sehr anregender Austausch aller beteiligten Akteure mit einer Reihe von Folgeprojekten.

Neben deiner Tätigkeit als freier Designer und Ausstellungskurator bist du auch Leiter des Kompetenzzentrum DesignTransferCenter. Kannst du uns einen kleinen Einblick in die Arbeit dieses Institutes für den Wissenstransfer zwischen Designern, Universitäten und Unternehmen geben?

Die Idee war, den Wissenstransfer von Studenten zur Wirtschaft zu fördern. Damals waren 60% der Designabsolventen in anderen Berufen tätig. Wir wollten zeigen, welche Einsatzmöglichkeiten es für Design auch bei kleinen und mittleren Betrieben gibt und generell einen ganzheitlichen Designbegriff transportieren. Auch hier waren wir sehr vielseitig besetzt, mit dem Soziologen Bernhard Ulrich, dem Medienkünstler Kurt A. Pirk und dem bildenden Künstler Thomas Redl.

Welche Rolle spielt Musik für dich und deine Arbeiten? Wie siehst du die Verbindung zwischen Musik und architektonischer Gestaltung?

Ein Raum ganz ohne Sound existiert in der Natur grundsätzlich nicht. Der Mensch ist also in seiner Entwicklungsgeschichte immer schon von Geräuschen umgeben gewesen, jedes räumliche Umfeld hat seinen Klang.

Auf deiner Homepage zitierst du Satchel Paige, ein Paradebeispiel für Resilienz, also die innere Widerstandskraft gegen äußere Unannehmlichkeiten. Trotz herausragender sportlicher Leistungen lebte dieser Baseball-Spieler aufgrund rassistischer Diskriminierungen stets an der Armutsgrenze. Wie siehst du die aktuelle Lage im künstlerisch-kreativen Bereich im Hinblick auf prekäres Arbeiten im Kreativsektor?

Noch immer ist es für die meisten Künstler schwierig, von ihrer Arbeit finanziell leben zu können, viele müssen sich mit Nebenjobs über Wasser halten, vor allem, wenn sie nicht über das kommunikative Geschick verfügen, gute Geschäftskontakte aufzubauen. Arnulf Rainer hat gesagt, dass Kunst auch die Kunst des Verkaufens beinhaltet.

Wie stehst du zu Wettbewerbsausschreibungen?

Die gibt es natürlich auch im Designbereich, allerdings oft mit unverhältnismäßigen Einreichgebühren verbunden – und dazu mit schlechten Chancen und unqualifizierten Jurys. Aktuell bin ich aber gemeinsam mit einer internationalen Künstlergruppe an einem Kooperationsprojekt für die ARS Electronica beteiligt.

Reist du gern?

Kommt darauf an, wohin! Grundsätzlich ja.

Welche Schwerpunkte hast du 2012?

Die ARS „symphonica robotica“, eine geplante interaktive multimediale Performance von Industrie-Robotern in Kombination mit Sound, Licht, Architektur, Kunst und Design, Teilnahmen an Ausstellungen in Deutschland, England und in den USA.

Was bedeutet für dich Erfolg?

Wie Hermann Nitsch so treffend gesagt hat: Der Moment, indem ich mir meine eigenen Arbeiten nicht mehr leisten kann.

Oder, … „wenn man unter Denkmalschutz gestellt wird!“ (AT lacht!) Vielen Dank!


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