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Meine Handschrift soll erkennbar sein

Normalerweise zeichnet Verena Hochleitner. Heute spricht sie über ihre Arbeit als Buchillustratorin, über die spannende Beziehung von Bild und Text und über das segensreiche Ereignis einer Auszeichnung.

Sie haben vom BMUKK gerade einen Outstanding Artists Award für Kinder und Jugendliteratur zuerkannt bekommen ...

Ja. Das war für mich eine absolute Überraschung, da man sich für den Preis ja nicht bewerben kann. Es ist natürlich eine tolle Anerkennung. Es ist sehr motivierend, von einer Jury, die sichprofessionell mit dem Thema Kinderbuch auseinandersetzt, bemerkt und ausgewählt zu werden. Das bereitet mir sehr viel Freude …

Wie wichtig sind Preise in Ihrem Metier?

Sehr wichtig, da man vom Illustrieren von Kinder- und Bilderbüchern im Allgemeinen ja nicht leben kann. Aus dieser Richtung gibt es also keine Ermunterung.

Wovon leben Sie dann?

Ich arbeite nach wie vor als Grafikerin. Das ist mein gelernter Beruf, den ich immer noch gerne ausübe. Der Wechsel von der einen zur anderen Disziplin tut ganz gut.

Von der Grafik zur Illustration: Ihr Werdegang …

Ich habe als Kind und Jugendliche gern und viel gezeichnet und schon recht früh Buchillustratorin als Berufsziel angegeben. Zwischenzeitlich hat sich mein Interesse zwar mehrmals verlagert, aber dass ich etwas mit Gestaltung machen möchte, war mir immer klar. Nach der Matura habe ich auf der Angewandten Grafikdesign studiert und zunächst einmal nicht mehr illustriert. Illustration war bei unserem Studium zwar abgedeckt, aber sicher kein Schwerpunkt. Heute – als Buchillustratorin – hilft mir meine Ausbildung aber enorm.

Inwiefern?

Ich gehe an die Konzeption einer Bilderbuchdoppelseite mit meiner Erfahrung und meinem Wissen als Grafikerin heran. Egal, ob ich jetzt ein Bild male oder eine Katalogseite gestalte, ich stelle mir dieselben grundsätzlichen Fragen: Wo gehört was wie groß hin, wie wirkt das und was sage ich dadurch aus. Wie interagiert das Bild mit dem Text, wie viele Elemente brauche ich auf einer Seite, um Spannung zu erreichen und ab wann hab ich womöglich zu viel ausformuliert. Ich schneide alle Elemente aus und schiebe sie auf dem Blatt (oder Computer) herum … wie ich es beim Grafikstudium gelernt habe. Geblieben ist auch das Interesse für Buchgestaltung. Ich begreife das Buch als Objekt und kümmere mich am liebsten um alle Gestaltungsfragen selber. Das betrifft die Typographie, die Papierwahl, Verarbeitung und Bindung. Wobei hier der Spielraum leider relativ klein ist. Viele Verlage haben aus Kostengründen ihre fixen Formate. Experimente sind eher schwierig. Da muss man schon sehr gut argumentieren, warum das anders sein soll als vom Verlag geplant. – Ein färbiger Bindefaden kostet zum Beispiel sofort gleich mehr als ein weißer, wie ich heute erfahren habe. Auch Querformate sind teurer, weil da die Druckmaschinen langsamer fahren müssen – das hängt mit der Laufrichtung des Papiers zusammen …

Wie ist die öffentliche Wahrnehmung von Illustration?

Hm. Ich habe das Gefühl, dass in Rezensionen immer noch in erster Linie auf den Text eingegangen wird. Die Besprechung der Bilder erfolgt meist in einigen wenigen abschließenden Sätzen, à la „mit kongenialen Bildern von ...“ Ich stell mir immer vor, einmal eine Rezension zu verfassen, in der ich detailliert auf die Bilder eingehe und zum Schluss anmerke: Den sehr schönen Text mit vielen lustigen und phantasievollen Worten hat der Autor xy beigesteuert … Aber, es kommt auf das Medium an ... in Wien gibt es ja zwei Institutionen, die sich auf sehr hohem Niveau mit dem Kinder- und Jugendbuch beschäftigen (STUBE + Institut für Kinder- und Jugendbuchliteratur, 1001 Buch) Für mich sind das auf alle Fälle Orte, wo ich sehr viel über das Zusammentreffen von Bild und Text in Bilderbüchern gelernt habe.

Wie schaut die Zusammenarbeit zwischen Autor und Illustrator aus?

Es gibt zwei Möglichkeiten. Man bekommt vom Verlag einen Text angeboten und illustriert diesen. Hier lernt man den Autor oder die Autorin unter Umständen nicht einmal kennen und bespricht alle Belange mit dem Verlag. Oder man arbeitet mit einem Autor zusammen und bietet das Buch – oder zuerst mal das Konzept – gemeinsam einem Verlag an. Ich gehe beide Wege. Wobei ich den zweiten besonders spannend finde. Unter anderem deshalb, weil das Illustrieren eine sehr einsame Tätigkeit ist und ich es schön finde, wenn man ein Projekt gemeinsam entwickelt.

Wie sind Sie nun von der Grafik zur Illustration gekommen?

Meine Karriere als Kinderbuchillustratorin hat mit Niki Glattauer begonnen. Wir haben zusammen eine Zeitung gestaltet, er als Chefredakteur und ich als Grafikerin. Ich habe irgendwann mal erwähnt (eigentlich ständig behauptet), dass ich gerne Kinderbücher illustrieren würde. Und ein paar Monate später hat er mir den Text „Schlaf gut, Susi! schlaf gut, Schlaf“ gegeben und gemeint: Da, illustrier das! Das war der Anfang.

Und wie ging’s weiter?

Niki hat nach einigem hin und her einen Verlag gefunden. Ich hatte aus heutiger Sicht relativ viel Zeit – ein Jahr –, aber es war keine leichte Geburt! Ich habe schnell gemerkt wie schwierig das ist, und wie anmaßend es war, zu glauben, dass ich das aus dem Stand heraus können würde. Ich hab ungefähr siebenmal von Grund auf neu begonnen. Das hat allen Beteiligten viel Kraft gekostet.Mittlerweile machen wir gemeinsam das dritte Buch.

… und es läuft heute besser?

Ganz wichtig ist die Planung des Buches. Das heißt, ein möglichst genaues Storyboard zu erstellen. Ich hab damals einfach angefangen, hab mich viel zu schnell an die Umsetzung gemacht, weil ich immer schon sehen wollte, wie ein fertiges Bild aussehen wird. Bis ich gemerkt habe, dass es ohne Konzept nicht wirklich klappt. Ein guter Plan ist nicht nur in Bezug auf die visuellen Themen, die sich durch ein Buch ziehen sollen, interessant, sondern natürlich auch wegen des Farbkonzeptes und der Dramaturgie.

Wie funktioniert die Illustrationsarbeit?

Es ist sehr aufwändig und man sitzt viele Stunden alleine am Schreibtisch. Zwischendurch treffe ich mich mit dem Autor und dem Verlag, um über das Projekt zu reden. Wenn man mit den anderen die Bilder anschaut – sie also mit fremden Augen betrachtet – wird einem vieles klarer. Ich spüre sofort, ob eine Illustration funktioniert oder nicht. Letzteres ist nicht immer leicht einzugestehen. Aber man spürt es eigentlich ganz genau.

Wollen oder werden Sie auch selber schreiben?

Ja. Ich habe eine starke Affinität zu Text. Ich lese viel und schreibe sehr gerne, hab’ auch Ideen, nur kämpfe ich noch mit der Umsetzung.

Wie wichtig ist die Illustration für ein B(ilderb)uch?

Es heißt ja schon Bilderbuch. Die Bilder spielen also eine große Rolle. Das unterstreiche ich jetzt deshalb, weil wir in einer text-affinen Kultur leben. Wir lernen in der Schule ziemlich gut, wie man einen Text lesen und interpretieren kann. Mit dem Lesen oder besser Schauen von Bildern verhält sich das anders. Das ist eindeutig untergeordnet. Ich bemerke das auch an mir selbst. Auch mir fällt es viel leichter über Texte zu reden. Seit mir das bewusst ist, bemühe ich mich ständig zu reflektieren, was ich so zeichne und was das bedeutet. Vieles macht man ja unbewusst.Aber das besondere am Bilderbuch ist ja, dass hier Bild und Text nicht alleine stehen, sondern in Beziehung treten.

Was macht diese Beziehung aus?

Bild und Text funktionieren unterschiedlich. Das Bild nimmt man zunächst einmal schneller wahr. Es wirkt also unmittelbar und ist sehr präzise, während ich einen Text erst einmal lesen muss. Ein Text entfaltet sich also sukzessive und zeitlich verzögert und lässt vieles völlig offen. Vor allem Kinder, die noch nicht lesen können, sehen sich zuerst das Bild an und bekommen dann den Text dazu vorgelesen ... während sie immer noch das Bild anschauen. Und für interessante Bild-Text-Beziehungen gilt, dass das, was ich im Bild ohnehin sehe, im Text nicht beschrieben werden muss und umgekehrt. Das Bild kann viele zusätzliche Informationen mitliefern und so der Bedeutung eines Textes mehr Subtilität verleihen. – Im Umkehrbeispiel kann es den Text natürlich auch Trivialisieren …

Heißt das, man dichtet bildnerisch etwas dazu?

Es ist ja meine Aufgabe, dass ich als Illustratorin auf den Text reagiere und einen persönlichen Blickwinkel einnehme. Ich schaffe mit meinen Bildern Räume, in denen sich der Text entfalten kann. In dem Buch, an dem ich gerade arbeite („Jakob und das rote Buch“, Text: Franz-Joseph Huainigg, Dom-Verlag), geht es zum Beispiel um ein Pflegekind. Das Kind, Jakob, ist ganz schlecht verortet und Thema dieses Buches, das sich an Pflegekinder und Pflegeeltern richtet, ist Biographiearbeit. Auf diesem Bild (siehe Abbildung) besuchen die Pflegeeltern mit Jakob die Wohnung, in der er als Baby mit seiner leiblichen Mutter gewohnt hat. In der Wohnung wohnt nuneine andere Familie, heißt es im Text. Ich habe entschieden, dass diese andere Familie ein Bär und ein Kind sind. Sie haben keine Möbel, aber ein Seil zum Seiltanzen. An der Wand ist ein Schatten – oder eine noch nicht ganz verblasste Erinnerung? – eines Gitterbettes und eines Mobiles zu sehen. Diese Dinge stehen alle nicht im Text, widersprechen ihm aber auch nicht. Die Schatten an der Wand bedeuten für mich, dass Jakobs Zeit als Baby im Gedächtnis der Wohnung eingeschrieben ist. Der Bär und die Seiltänzerin drücken aus, dass es die unterschiedlichsten, verwirrenden Lebenskonstellationen gibt. Ich will also nicht den zerrütteten Verhältnissen des Pflegekindes eine Bilderbuchfamilie gegenüberstellen, was ja sofort die Behauptung beinhalten würde: Schau, das ist normal, so soll es sein. Ich will lieber sagen: Deine Situation ist nicht leicht, aber es ist deine Situation, wir setzen uns damit auseinander und woanders kann es auch ganz schön komisch sein.

Wie geht man mit Kritik um?

Kritik ist natürlich interessant. Man will ja wahrgenommen und besprochen werden, sonst würde man kein Buch machen. Aber es gibt immer die ganze Bandbreite – von Ablehnung bis Zustimmung – und man muss selbst genau wissen, was man tun möchte und wo die Interessen liegen.

Wie künstlerisch soll/kann/darf eine Illustration sein?

Dazu müsste man zuerst einmal klären, was mit „künstlerisch“ gemeint ist. Das Prädikat „künstlerisch“ oder eben „zu künstlerisch“ dient ja in diesem Zusammenhang oft als Umschreibung für zu schwierig und meint da eigentlich unbrauchbar. Das ist auch das Ambivalente mit den Auszeichnungen. Bücher, die einen Preis erhalten, gelten scheinbar als schwierig. Angeblich sollen sich Buchhändler sogar scheuen, die Preisplaketten an die Bücher anzubringen, weil sie so das Buch schlechter verkaufen können. Das Problematische ist aber nicht das Buch, sondern der Umstand, dass die Käufer der Bücher nicht die Adressaten selber sind. Sprich: Die Eltern kaufen die Bücher. Und warum sie dann bestimmte Sachen nicht kaufen wollen, liegt eher an den eigenen Unsicherheiten mit unkonventionellen Bildern, als an der tatsächlichen Tauglichkeit für Kinder, die ja sehr unvoreingenommene Betrachter sind. Aus meiner Sicht darf die Illustration in stilistischer Hinsicht alles. Was sie allerdings immer leisten muss, ist, mit dem Text in Interaktion zu treten.

Hat sich Ihr Stil seit Ihrem ersten Buch verändert?

Ich versuche eigentlich zu vermeiden, für einen bestimmten Stil zu stehen. Ich möchte an jedes Projekt anders herangehen können. Was mir dabei aber wichtig ist, ist, dass meine Handschrift erkennbar ist.

Die Verdienstmöglichkeiten im Bereich der Buchillustration sind eher begrenzt, gibt es hier Verbesserungspotential, wenn ja, wo?

Leider verdient niemand besonders gut an einem Kinderbuch. Auch nicht die Verlage, die ja auch noch die Herstellung vorfinanzieren. Ohne Verlagsförderung ist es glaub’ ich sehr schwierig. Der Buchhandel jammert auch … Trotzdem kommen mir 10% für die Urheber (jeweils 5% des Netto-Ladenpreises für Illustrator und Autor) nicht besonders viel vor. Fast alle Illustratoren, die ich kenne, haben ein zweites Standbein oder irgendein anderes Zusatzeinkommen. Ohne zu wissen, wer das wie lösen könnte, empfinde ich es als Missstand, dass man dem Beruf als Kinderbuchillustratorin nur nachgehen kann, wenn man sich das selbst querfinanziert. Immerhin haben doch Kinderbüchereine ziemlich große Bedeutung in der Entwicklung von Kindern. Sie sind ein wesentliches Instrument, wie Kinder etwas über die Welt erfahren. Daraus resultiert doch eine ziemliche Verantwortung. Und die Frage, welche Werte und Normen man – im negativen Fall unreflektiert – schafft oder festschreibt, kann doch sicher nicht nebensächlich sein.

Nach welchen Kriterien wählen Sie Projekte aus?

Neue Projekte entstehen aus Kontakten. Sobald man veröffentlicht hat, lernt man auf Messen und Veranstaltungen Verleger, Autoren und Kollegen kennen und aus diesen Kontakten entstehen neue Dinge. Gegenwärtig arbeite ich an einem Buch für den Dom-Verlag. Inge Cevela, die Verlegerin, hat mir das Projekt angeboten, nachdem ich ihr meine Arbeit vorgestellt habe. Ein weiteres Projekt wird auf Initiative und in Kooperation mit der Illustratorin Renate Habinger passieren. Es wird ein Buch ohne Text. Darauf freue ich mich schon sehr. Hier hat sich bereits ein Schweizer Verlag interessiert gezeigt. Ein drittes Projekt mit Niki Glattauer hab ich auch gerade begonnen. Ein illustriertes Buch für Erwachsene, das in einem Sachbuch-verlag erscheinen wird.

 

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