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"Reflecting Fashion“: Christo Weddingdress 1967 © Christo

So viel los wie nie zuvor!

Text: Brigitte Auer Fotos:

Zwischen 14. Juni und 16. September veranstaltet das Museums- Quartier unter dem Titel „Summer of Fashion“ ein einzigartiges und vielfältiges Programm zwischen den Polen Mode und Kunst. FAQ sprach mit Dr. Christian Strasser, Geschäftsführer des Museums- Quartier, und bietet einen kleine Auswahl des zu Erwartenden.

Heuer ist so viel los im MuseumsQuar- tier wie noch nie zuvor.“, freut sich Dr. Christian Strasser, Geschäfts- führer des Wiener MuseumsQuartier. Ein – nach dem umfangreichen Programm anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Kulturareals im letzten Jahr – überraschender und vor allem erfreulicher Ausblick auf die kommenden Monate. Und eine Premiere: Erstmals präsentieren ein Großteil der kulturellen Einrichtungen im MQ eine Veranstaltungsreihe zu einem gemeinsamen thematischen Nenner – dem der Mode. Dieses Thema, so Strasser, eigne sich besonders für eine interdisziplinäre Zusammenarbeit: „Man kann so viele unterschiedliche Aspekte bei einem Modeschwerpunkt einbringen, was auch die Vielfalt des MuseumsQuartier reflektiert.“ Die zahlreichen Ausstellungen, Modeschauen, Performances, Work- shops, Diskussionen und sonstigen Veranstaltungen versprechen einen regen Austausch zwischen Mode und Kunst, zwischen Designerinnen und Designern, Kunstschaffenden und dem Publikum sowie nicht zuletzt zwischen den kulturellen Einrichtungen inner- und außerhalb der Mauern der ehemaligen Hofstallungen. Strassers Zwischenbilanz: „Wir sind vom Nebeneinander zu einem Miteinander gekommen. Das MuseumsQuartier ist eine tolle Institution, das ist keine Frage. Aber wenn es uns nun noch gelingt, gemeinsame Aktionen und Schwerpunkte zu setzen, machen wir es sicherlich für alle noch interessanter. Für mich ist das ein Quantensprung.“ Außerdem sei es ihm ein Anliegen, das riesige Potenzial des heimischen Mode- und Designbereichs stärker ins Scheinwerferlicht zu rücken. Um sicherzustellen, eine möglichst breite Schar an Interessierten zu erreichen, finden alle Modeschauen im Haupthof bei freiem Eintritt statt. Der vom Architekturbüro PPAG entworfene Laufsteg ist dabei als dauerhafte Installation angelegt: „Uns war wichtig, ein Zeichen zu setzen, ein optisches Signal dafür, dass heuer alles ein bisschen anders ist. Der Catwalk wird aber auch praktisch sein. Man kann sich genausogut darauf setzen, legen und ihn benutzen wie die Enzos.“, erklärt Strasser.

MODE GESTERN UND HEUTE 

Am Eröffnungswochenende zeigen Absolventinnen und Absolventen des Kollegs für Mode- Design- Textil der Herbstsrtaße ihre Kreationen, am 4. August geht es in Kooperation mit dem Naturhistorischen Museum „Auf dem Laufsteg in die Vergangenheit“ und vier Tage später bittet Mario Soldo zur „History of Fashion“-Show samt Fashion Mob (Details zum öffentlichen Casting werden noch bekanntgegeben). Haute Couture und Tanz verspricht Designerin Susanne Bisovsky mit der Präsentation ihrer „Everlasting Collection“ am 5. September und Combinat und MQ Point laden am 22. August zur Show ihrer Herbst/Winter-Kollektionen. Maria Oberfrank, Gründerin des Shops und Showrooms Combinat, Designerin des Labels pitour und Mitorganisatorin der MQ Vienna Fashion Week war es auch, die mit ihrer Idee den Summer of Fashion initiiert hat.

Es war eine bewusste Entscheidung, so Strasser, den öffentlichen Raum stärker in den Mittelpunkt zu rücken: „Wir haben eine Vision: Wenn wir in den Innenhöfen leichter genießbares Kultur- und Kunstprogramm bieten, dann glaube ich, dass wir damit noch mehr interessiertes Publikum anlocken können und mancher dazu angeregt wird, sich das mumok oder LEOPOLD MUSEUM anzusehen, Ausstellungen zu besuchen oder auch ins Tanz- quartier zu gehen.“

Zwei Ausstellungshighlights zum Verhältnis von Mo- de und Kunst beziehungsweise Technologie werden bereits am ersten Wochenende des Summer of Fashion eröffnet. Mit „Reflecting Fashion. Kunst und Mode seit der Moderne“ spannt das mumok einen Bogen über zahlreiche Positionen und Strömungen zwischen 1910 und 1990. Die Bedeutung der Klei- dung für den künstlerischen Selbstausdruck belegen die Künstler- und Reformkleider von Gustav Klimt, Emilie Flöge und Kolo Moser; für die Futuristen um Alexander Rodtschenko und Vavara Stepanova war sie wichtiges Mittel und „Sprache der Avantgarde“.

Max Ernst deklarierte sogar "Fiat modes - pereat ars"(Mode soll leben – Kunst soll untergehen) und die Liste ikonischer Namen, die sich mit verschiedenen Aspekten der Mode – architektonischen, aktionisti- schen, weiblicher und künstlerischer Selbstbestim- mung – beschäftigten und dies noch tun nimmt kein Ende: Salvador Dalí, Man Ray, Cindy Sherman, Niki de Saint Phalle, Christo, Valie Export, Andy Warhol, Joseph Beuys, Martin Kippenberger ... Die Bedeutung von Kooperationen zwischen Design- und Kunstschaffenden schließlich bezeugen Elfie Semotan und Helmut Lang sowie Erwin Wurms Arbeiten für Hermés.

HAUTE TECH COUTURE

Interaktionen ganz anderer Natur zeigt während- dessen das quartier21 mit „Technosensual. where fashion meets technology". Elektronische Textilien, tragbare Technologien und mit Sensoren durch- wirkte, intelligente Kleidungsstücke reagieren auf ihre Umwelt und kommunizieren mit ihr – mitun- ter sehr humorvoll, wie „Intimacy 2.0“ von Studio Roosegaarde demonstriert: Das Material des Klei- dungsstücks – elektrisch leitende Folien – nimmt Interaktionen mit einem Gegenüber wahr und wird mal mehr, mal weniger transparent. Bart Hess, De- signer, der auch für Lady Gaga als Stylist gearbeitet hat und Artist-in-Residence des quartier21 zeigt sein durch das Publikum steuer- und veränderbares Video „Mutants“ und seine Performance „Liqui- fied“, in der er mithilfe von Schleim und angelegt an den in der Bildbearbeitung verwendeten Ver- flüssigungsfilter das Erscheinungsbild des Körpers verändert. Die Mikro-Symposien „Project Science Fashion“ mit der Akademie der bildenden Künste und „Digitale Kunst, Untragbar“ mit der Universität für angewandte Kunst begleiten das Programm. Eine weitere Möglichkeit, selber aktiv und Teil einer Modeausstellung zu werden, bietet am 16. Juni die Photoautomaten-Party. Die entstandenen Fotostreifen werden zuerst in einer Ausstellung und schließlich als T-Shirt-Kollektion präsentiert. Interaktives für Kinder und Jugendliche bieten Workshops zu verschiedenen Schwerpunkten im ZOOM Kinder- museum und dem Theater DSCHUNGEL.

MUST-SEES UND MUST-HAVES

Und weil neben dem Sehen das Habenwollen eine ebenso bedeutende Rolle spielt, initiiert Stylekingdom.com am 21. Juli einen Modebloggerflohmarkt. Noch mehr Nachhaltigkeit gibt es auf der Biorama Fair Fair (13.–15. Juli) mit Eco-Fashion, Design und natürlichen Lebensmitteln, und Gutes (für Schönes) tun lässt sich im von Tiberius inszenierten Foto Charity Projekt. Wien als Modestadt ist ein immer noch sehr junges Konzept und sich zu profilieren braucht Zeit. „Steter Tropfen höhlt den Stein“, ist Strasser überzeugt. „Man darf sich nicht erwarten, plötzlich Paris zu werden, aber wir haben schon Potenzial.“ Ein wichtiges Anliegen in der Projektplanung war es ihm, nicht nur die schöne Welt der Mode zu zeigen. Programmpunkte, die sich kritisch mit der Thematik auseinandersetzen, sind neben zahlreichen Performances nationaler und internationaler Künstlerinnen und Künstler die Diskussionsrunden in Kooperation mit DerStandard/Rondo, in denen es um das kritische Potenzial von Mode (6. September) sowie um die Frage geht, ob die Mode einen Ort braucht (20. Juni). Auf keinen Fall versäumen sollten Interessierte die Führungen durch das ansonsten nicht öffentlich zugängliche Modedepot des Wien Museums mit der Leiterin der Sammlung, Regina Karner (aufgrund der geringen Platzanzahl werden alle Karten verlost) als auch den Besuch von Modeblog-Pionierin Diane Pernet (A Shaded View of Fashion) am 6. Juli zur Eröffnung des Festivals frame[o]ut – digital summer screenings 2012, für das sie einige Abende kuratiert hat. Strassers Ziel für das MuseumsQuartier ist es, Kunst und Kultur neben den Restaurants, den Shops, der „unglaublich ange- nehmen Urlaubsatmosphäre“ noch stärker spürbar zu machen und ergänzt: „Daher arbeiten wir daran, auch zukünftig Schwerpunkte zu setzen – wenn auch vielleicht nicht jedes Jahr. Wenn es uns gelingt, durch gemeinsame Ideen die Stadt noch stärker zu beleben, dann ist das fantastisch. Und wenn uns daneben noch gelingt, noch stärker einen Fokus auf heimisches Potenzial von Mode und Design zu bringen, dann ist es ganz, ganz wunderbar.“


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