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Esther Stocker „Freedom“, 2012, Black cotton strings on wall and floor © Foto: Di Paolo, Courtesy Oredaria, Rome

Gegenwartskunst im Ost-West-Schnittfeld

Text: Roland Schöny Fotos: press

Mit enormem Tempo avancierte Wien zu einem der wichtigsten Brennpunkte für Gegenwartskunst in Europa. Im Zuge dieses Aufwärtstrends soll jetzt die Kunstmesse VIENNAFAIR The New Contemporary gezielt als Label für ein junges Publikum aufgebaut werden.

Nicht einmal 15 Jahre ist es her, seit das Museumsquartier eröffnet hat. Es beschleunigte den enormen Transformationsprozess Wiens von der Musikstadt zur Kunstmetropole. Gesteigert wird diese Dynamik mit der jüngst erfolgten Inbetriebnahme des renovierten 21er Hauses und neuerdings der Bespielung des Atelier im Augarten mit dem konzentrierten Programm von Thyssen-Bornemisza Art Contemporary. Zunehmend neue Knotenpunkte für Zeitgenössisches entstehen. Mittlerweile unvorstellbar, dass sich die für Wien so charakteristischen Galerienviertel erst an der Schwelle zum 21. Jahrhundert formierten. Längst erreichen deren Eröffnungen einen Mobilisierungsgrad mit Festivalcharakter. Kaum woanders kommt es zu einer derartigen Durchmischung der Szenen. Nicht zu vergessen die jährliche Art Week oder die Ausstellungsserie curated by, die mit Unterstützung von departure, der Kreativagentur der Stadt, über die Bühne geht. Die wievielte Generation von Künstler und Künstlerinnen von Wien aus gerade noch oben strebt, lässt sich kaum noch sagen, nachdem der Aktionismus etabliert ist, Valie Export von einem Projekt zum nächsten tourt und Franz West Superstar auf der Biennale Venedig 2011 für sein Lebenswerk ausgezeichnet worden ist. Keine Frage, dass Künstler wie Johanna Kandl, Peter Kogler, Elke Krystufek, Maria Hahnenkamp oder Muntean und Rosenblum in internationalen Ausstellungsprojekten und Sammlungen vertreten sind; ebenso Werke von Brigitte Kowanz, Dorit Margreiter, Markus Schinwald, Matthias Poledna oder Constantin Luser. Sämtliche Listen ließen sich endlos fortschreiben.

Transfer zwischen Ost und West

Als logische Konsequenz folgt der forcierte Ausbau der Kunstmesse VIENNAFAIR zum internationalen Sammler-Hot Spot. Dass Wien, in dem die intellektuelle Moderne ihren Ausgangspunkt hatte, auch heute seine kulturelle Identitätaus der Lage zwischen Ost und West bezieht, spielt eine bedeutende Rolle für den USP der Messe. Seit 2005 von der Erste Bank als Hauptsponsor unterstützt, setzt sie mit Galerien aus Polen, Rumänien, Slowenien, Ungarn oder der Tschechischen Republik einen international einzigartigen Fokus. Oft spiegelt sich in der jungen Kunst die gegenwärtige gesellschaftliche Situation. Mitunter mit ironischen Momenten; wie bei der aus Petersburg stammenden Künstlerin Polina Kanis, Jahrgang 1985. Mit ihrem Video „Eggs“ wurde sie 2010 mit dem Kandinsky Prize der ArtChronika Foundation ausgezeichnet. Darin bezieht sie sich auf ein russisches Märchen, in dem sie auf einer Terasse mit Blick auf Moskau in ihrem Rock auf sie zugeworfene Eier einfängt. Spannung und Gewalt im Hintergrund bleiben subtil angedeutet. „Mittlerweile sei es an der Zeit, sogar über die Gebiete Ost- und Südosteuropas als Terrain der postkommunistischen Staaten hinauszudenken“, konstatiert Messekuratorin Vita Zaman. „Es ist klar, dass die künstlerische Produktion Russlands genauso einbezogen sein muss, wie jene der neuen Szenen in Indien etwa. Wo von Osten die Rede ist, gehört Istanbul dazu und im Übrigen sollte man auch berücksichtigen, was gerade aus dem arabischen Raum kommt.“ Galerien und Präsentationen aus diesen Ländern nach Wien zu bringen sei eines ihrer Ziele.

Erstmals geben heuer die 1976 in Litauen geborene Kunstmarktspezialistin Vita Zaman, die zunächst in London, dann in der New Yorker Pace Gallery in Chelsea tätig war, und die aus Kasachstan kommende Christa Steinbrecher die Perspektive der VIENNAFAIR vor. Steinbrecher, Jahrgang 1983, leitet die renommierte Sputnik Art Foundation, war künstlerische Leiterin der Art Moscow und Ko-Kuratorin der Ausstellung „Unconditional Love“ auf der 53. Venedig-Biennale 2009. In solchen Biograf en manifestiert sich ein neues Verständnis von Internationalität durch den Blick von außen. Noch mehr gilt dies für den in New York und Wien ansässigen russischen Investment-Banker und Kunstmarkt-Experten Sergey Skaterschikov, dessen Firma Skate’s LLC auf Kunstinvestment ausgerichtet ist. Wie ein Paukenschlag kam es, als er im Jänner des Jahres die Übernahme der VIENNAFAIR vom bisherigen Veranstalter, der Reed Messe Ges.m.H., bekanntgab. Es klingt unsentimental und fast nach Broker-Jargon, wenn Skaterschikov von der Notwendigkeit spricht, die Märkte der westlichen Hemisphäre mit den aufstrebenden Ökonomien des Ostens zu verschränken, erstellt Skate’s LLC doch einen „art-stocks index“ und für Kunden gerechte „art reports“ auf der Basis von Datensätzen über Verkäufe, Gewinne und Bewertungen einzelner Künstler und Regionen.

Hype ohne Ende

Damit zieht er einen Strich unter alle möglichen Romantizismen vom beschaulichen oder gar verträumten Künstlerdasein. Warum auch die Tatsachen unter den Tisch kehren? Im Musikbusiness gilt genauso, dass ständig geprobt werden muss, dass Releases her müssen, und das Tour-Leben ganz schön anstrengend sein kann. „Wo es um Erfolg geht, müssen Künstler viel produzieren“, stellt Skaterschikov fest. „Künstler brauchen ein Distributionssystem, viele Händler, viele Sammler an verschiedenen Orten.“ Wie im Aktienmarkt sei deshalb die Schaffung von Streubesitz essentiell, wobei immer noch die Rede von Qualität und von ernsthaften Positionen ist, die letztlich von Institutionen, Sammlern und diskursiven opinion leadern unterstützt werden müssen. Wie lange dies im Fall bestimmter radikaler, kritischer oder extrem innovativer Positionen dauern kann, sollte trotzdem nicht vergessen werden. Immerhin wurden die heutigen Stars des Wiener Aktionismus verfolgt, und dem zu Lebzeiten hungernden van Gogh half es wenig, dass seine Werke in den 1980er-Jahren Rekordpreise erzielten. Aber warum nicht neue Sammler-kreise, mehr Geld, mehr interessante Initiativen und ein internationaleres Publikum an eine strahlende Messe mit noch schärferen Konturen heranführen? Letztlich stärken solche Initiativen die kulturelle Auseinandersetzung.

Dass der Hype um die Kunst nicht abreißt, wird gerne mit Spitzenverkäufen argumentiert. Zum Beispiel Stunden nach Eröffnung der vergangenen Art Basel, neben der Londoner Frieze das role model für Messeerfolg schlechthin. Diesmal war es die Meldung vom Verkauf eines Gerhard Richter-Gemäldes aus dem Jahr 1968 durch die schon genannte Pace Gallery mit Sitz in New York und Niederlassungen London und Peking. Auf dem Preisschild für das abstrakte Werk „A.B. Courbet“ waren schlichte 25 Millionen Dollar notiert. Angesichts der aus den Fugen geratenen Finanzmärkte suggeriert der Glamour des Kunstmarktes also weiterhin Sicherheit.

Kunst ein Leitmedium unserer Zeit

Selbst wenn so der Eindruck vom Boom prolongiert wird, gerät aus dem Blickfeld, dass Kunstwerke – auch in wesentlich erschwinglicheren Preiskategorien – als Sammlungsobjekte noch aus ganz anderen Gründen der-art attraktiv sind. Bildende Kunst ist nämlich längst zu einem zentralen Leitmedium unserer Zeit geworden.

Während die Kommunikationstools der Online-Gesellschaft den Alltag zunehmend dominieren, gilt Kunst mehr denn je als einer der interessantesten Umschlagplätze für die unterschiedlichsten visuellen Konzepte, in denen aktuelle gesellschaftliche und ökonomische Umbrüche verhandelt werden. Hier wird Globalisierung, hier wird der Transfer kultureller Narrative reflektiert. Es ergeben sich Einstiegsmöglichkeiten in relevante Diskurse. Kunst hat längst die Rolle einer populären Bildkultur eingenommen, in der theoretische Themen bearbeitet werden, ebenso aber mit Existentiellem, mit Persönlichem in verschiedenen Prozessen ästhetischer Formalisierung konfrontiert wird; Rückbindungen an Pop, die Filmkultur oder Kulturgeschichte generell mitgedacht. Während die Kunst der Gegenwart im postmedialen Zeitalter angekommen ist, befinden wir uns im postelitären Zeitalter, was ihr Publikum und was die Lust am Sammeln betrifft.

Ähnliches gilt für die künstlerische Produktion selbst. Natürlich bleibt die Bedeutung der Akademien bestehen, aber durch Internet, durch Zugang zu Webcam-Aufnahmen und Bilddatenbanken entstanden innerhalb weniger Jahre neue Wissenszusammenhänge mit enormen Auswirkungen auf die jungen Szenen. Schon im Vorfeld der diesjährigen VIENAFAIR dokumentierte dies die Wiener Galerie Krinzinger mit dem Projekt „Edge of Arabia“. Der mittlerweile in London lebenden Künstler Ahmed Matar aus Saudi Arabien, der ikonographisch mit Röntgen-Bildern arbeitet, ist jetzt auf der VIENNAFAIR vertreten. Weiters widmet die Galerie der serbischen Performancekünstlerin Marina Abramovic´ einen Schwerpunkt.

Grenzüberschreitende Konzepte

„Ein typisches Phänomen“, kommentiert Messekuratorin Vita Zaman. „Angesichts der Emerging Markets und der aufstrebenden Szenen im mittleren Osten, in Südosteuropa oder Istanbul müssen wir vielleicht sogar überlegen, ob demnächst nicht Städte wie New York oder Berlin an den Rand rücken, was unser Verständnis von Kunst heute betrifft.“ Dennoch sind auf der VIENNAFAIR durchaus zahlreiche Galerien aus Berlin präsent; einige sogar erstmals. Aber es lässt sich auch ein Anstieg der Teilnahmen aus Moskau beobachten. Aus den Schwerpunktregionen vertreten sind Galerien aus Budapest, Prag, Tallin, Warschau, Krakau, Ljubljana oder Istanbul sowie Dubai. Dennoch muss immer noch vorausgesetzt werden, dass in zahlreichen Staaten überhaupt kein ausgeprägter Kunstmarkt existiert, und somit keine Strukturen für Galerien bestehen, welche die lokale Kunstproduktion fördern könnten. Darauf reagiert das Projekt „Vienna Quintet“ das die spezielle soziale, ökonomische und kulturelle Situation in den Umbruchstaaten berücksichtigt, und in Kooperation mit einem relevanten Kuratorenteam in einem eigens dafür geschaffenen Ausstellungsbereich Kunstschaffende aus Aserbaidschan, Georgien, Weißrussland, Kazachstan und der Ukraine vorstellt.

Gefragt ist Innovation im Sinne translokaler Aufbrüche und sind ebenso neue Denkweisen und grenzüberschreitende Konzepte. Dies gilt insbesondere für die heimische Kunstproduktion. Die Galerie Thoman bringt Arbeiten von Thomas Feuerstein, der einen poetischen Kosmos zwischen Kunst und Wissenschaft generiert. Seine Objekte erzeugen atmosphärische Überlagerungen von Wohnraum, Büro und Laboratorium. Sie bieten aber auch mehrere Funktionen. Feuersteins Lampen aus dem Zyklus CANDY LAMP ermöglichen die Photosynthese von Plankton und sind zugleich Bioreaktor und Zimmerpflanze.

Geradezu revolutionär wirkt ein von der Bregenzer Galerie Lisi Hämmerle in Kooperation mit Lehrenden und Künstlern der Abteilung Digitale Kunst der Universität für Angewandte Kunst Wien gezeigtes Projekt, das auf Initiative von deren Leiterin, der Künstlerin Ruth Schnell entwickelt wurde. Im Feld algorithmischen Gestaltens erschließt es durch experimentelle Prozesse mit der 3D-Print Technologie vollkommen neue Wege der Kunstproduktion. Es eröffnet der Medienkunst die Möglichkeit, ästhetische Vorstellungen, die bis dato lediglich am Bildschirm visualisiert werden konnten, dreidimensional gegenständlich zu realisieren. Im Rahmen von „Dschinni i a bottle – Materialisation und Medialität“ wurde Immaterielles in haptisch greifbare Objekte übersetzt.

Aktives finanzielles Engagement

Den Standort Wien im Rahmen eines Dreijahresplans bis 2014 zum Big Ticket für internationales sammlungsfreudiges Kunstpublikum auszubauen, sieht Vita Zaman als enorme Chance: „Es ist möglich, ein neues Klientel aufzubauen. Außerdem bietet sich hier in idealer Weise ein immenses Angebot an zeitgenössischer Kultur vor dem typischen traditionellen Hintergrund.“ Besser ließe sich ein Kurztrip mit inkludiertem Kunstkauf nicht bewerben. Wo von Geld die Rede ist, bedeutet Entwicklung im Sinne von Development zu guter Letzt sichtbarte monetäre Investition. So wurde das bisher aufgewendete Budget für die VIENNAFAIR in der Höhe von 1,2 Millionen Euro verdoppelt. Zur realen Stärkung der VIENNAFAIR als Plattform der Investition in zeitgenössische Kunst rief Sergey Skaterschikov Art Vectors Investment Partnership ins Leben. In den kommenden fünf Jahren stehen diesem jeweils eine Million Euro für Kunstankäufe direkt auf der Messe zur Verfügung. Die Auswahl für dieses neue Programm trifft eine von Edelbert Köb, dem ehemaligen Direktor des MUMOK, zusammengestellte internationale Ankaufsjury. Ihr gehört der in Moskau ansässige Kunstmanager und Kurator Joseph Backstein an, der bereits 1991 das Institute of Contemporary Art mit einem höchst avancierten Bildungsprogramm gründete. Das russische „ArtChronika magazine“ apostrophiert Backstein als einflussreichste Figur der russischen Kunstszene. Weitere Mitglieder dieses Beirats sind – neben dem Berliner Kurator Rainald Schuhmacher – Levent Çalıkoglu, der Chefkurator des Istanbul Museum of Modern Art und Nicolaus Schaffhausen, künstlerischer Leiter der Kunsthalle Wien. Konzeptuell konzentrieren sich die Stakeholder von Art Vectors Investment Partnership auf die Weiterentwicklung der österreichischen Szene und der hier wirkenden Galerien. Schließlich schafft erst deren Engagement die Basis für die vitale Szene hier.

Neben nun noch signifikanterer inhaltlichen Konturierung gibt sich die Kunstmesse auf einer Bruttofläche von rund 13.000 m2 durch eine dezentrale, innovative Architektur des Büros BWM deutlich übersichtlicher als bisher: im Gegensatz zur hermetischen Kojenburg des Vorjahres diesmal eine Eingangssituation als Zone der Öffnung. Ihren Eventcharakter erweitert die VIENNAFAIR in Richtung Festival; also auch mit Sound zwischen Elektronik und Pop anlässlich der Vernissage direkt vor Ort. Endlich findet auch die wichtigste Nebensache Berücksichtigung: die akustischen Verhältnisse insgesamt. An solchen temporär hochgezogenen Locations kann falsche Schallentwicklung nämlich ganz schön lästig sein. Deshalb der eigene Programmpunkt „Vienna Sonic“. Musiker und Musikerinnen sowie sound artists entwickeln im Rahmenprogramm eine prozessuale akustische Gestaltung bestimmter Zonen wie etwa der VIP Lounge, die täglich adjustiert und weiterentwickelt wird. Die übergreifende akustische Identität für Radiospots oder Website erzeugt ein exklusiv produzierter Track des Duos Tosca, aus dem Rupert Huber Sound-Passagen und Einzelklänge extrahiert. Es geht darum, ein magnetisierendes Feld zu generieren. Schließlich soll das Label VIENNAFAIR The New Contemporary auch gezielt für junges Publikum aufgebaut werden, das einen wesentlich spontaneren als den früher bildungsbürgerlichen Zugang zur Kunst hat; als Location also, wo es auch Spaß macht, Kunst zum Mitnahmepreis zu entdecken. Tolles lässt sich in allen Preissegmenten finden. Und cool ist es allemal, eigene Werke daheim zu haben. Besonders seit Schallplatten und Bücher als Files ins digitale Zwischendeck verbannt wurden.

VIENNAFAIR The New Contemporary
20. bis 23. September 2012
Messe Wien, Halle A
Messeplatz 1,
1020 Wien
U2 Station Messe-Prater


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