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Das Spiel und die Stadt

Jede Stadt ist zugleich auch immer Spielstätte. Welche Formen diese urbanen Spiele annehmen können, geht die Ausstellung „Spiele der Stadt“ im Wien Museum ab Ende Oktober nach.

Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Ein Sprichwort, das auch heute noch Gültigkeit hat. Als gedankliches Vorspiel sei an dieser Stelle unter Heraufbeschwörung bereits verblichener Spielgefährten wie Cage, Wittgenstein, Huizinga, Schiller, Benjamin, Freud, Platon, Kant und Gadamer Spieltheoretisches quer durch die Jahrhunderte zitiert. Der Jubilar John Cage bringt das, was im Kontext von Kunst und Ästhetik häufig auf dem Spiel steht, in der Kritik an Arnold Schönbergs Zwölftonmusik zum Ausdruck: „The twelve-tone system has no zero in it. There is not enough of nothing in it.“ Spiele in der Kunst exponieren ihr eigenes Spielsein und problematisieren zugleich ihre Möglichkeitsbedingungen, ihre Grenzen und Abgründe. Es sind Spiele, die außer sich geraten können. Spiele, in denen Künstler als Spielverderber gegen Regeln verstoßen, ihre eigenen Spielregeln zugleich auf- und ausstellen oder diese einfach aussetzen lassen: „Man kann sagen, der Begriff Spiel ist ein Begriff mit verschwommenen Rändern“, befand Ludwig Wittgenstein. Nicht als Medium ansprechbar, gehören Spiele vielmehr der Sphäre der Praxis an.

Spielen kann demnach vielerlei bedeuten: Es gibt teleologische Spiele, die auf Gewinn und Erfolg ausgerichtet sind, agonale Spiele wie Wettkämpfe. Ratespiele, die Wissen testen, fiktionale Spiele oder das Spiel als Ersatzbefriedigung bei Sigmund Freud. Es gibt symbolische Rituale und Kinderspiele, Theater und Schauspiel und urbane Wortspielereien. Aber auch die Natur spielt mit unserer Wahrnehmung in Form von auflesbaren ludi naturae, wie dem Spiel von Licht und Schatten auf Wasseroberflächen. Ludus, ludere im Lateinischen, play und game im Englischen sowie Spiel im Deutschen beziehen ihre etymologischen Wurzeln gleichermaßen aus den Bewegungen der Musik und des Tanzes, sowie aus der Unterhaltung in allen Konnotationen der Teilnahme und Kommunikation. Damit ist die Differenz zwischen zwei grundlegenden Funktionen des Spiels angesprochen: der Vollzug und die Gemeinschaft, die Teilnahme.

Vom Ursprung der Kultur im Spiel berichtet das zeitkritische und kulturdiagnostische Werk von Johann Huizinga: „Homo Ludens“. Im Jahre 1938 versucht er dem Bild des vernünftigen Machers (homo sapiens, homo faber) das Bild des homo ludens entgegenzusetzen: „Spiel ist eine freiwillige Handlung oder Beschäftigung, die innerhalb gewisser festgesetzter Grenzen von Zeit und Raum freiwillig angenommen, aber unbedingt mit bindenden Regeln verrichtet wird, ihr Ziel in sich selber hat und begleitet wird von einem Gefühl der Spannung und Freude und einem Bewusstsein des Andersseins als das gewöhnliche Leben.“

Nicht nur Friedrich Schillers, sondern auch Freuds Spielbegriff wollte Ordnung in bestehendes Chaos bringen. Wenn Freud das Spiel als einen Akt einer fiktiven Ersatzhandlung interpretierte, in der peinigende Erlebnisse auf einer sekundären Ebene noch einmal theatral wiederholt werden, um Unverdautes durch den Akt seiner mimetischen Wiederholung nachträglich zu sublimieren, dann kommt das Phänomen Spiel immer nur als Akt der Kompensation ins Blickfeld. Ein Spiel fungiert als eine zweitbeste Lösung. Es ist ein schwacher Ersatz für ein Eigentliches und Ursprüngliches, das es immer nur ersatzweise befriedigen kann. Ganz im Sinne der ontotheologischen Interpretation des Spiels bleibt die ursprüngliche Ausrichtung des Begehrens bei Freud ein Ziel, dem es ständig nachzujagen gilt, – auch, oder gerade dann, wenn es aktuell nicht befriedigt werden kann. Die Kunst der Verführung im erotischen Spiel stellt in einer solchen metaphysischen Auffassung des Spiels immer nur einen Umweg dar, um das eigentliche Ziel jeder Erotik zu erreichen: den Nullpunkt absoluter Befriedigung, der immer auch ein Ende, einen Todpunkt des Spiels bedeutet.

Die Idee eines exzessiven Spielverständnisses findet sich bei Platon, wenn dieser annimmt, dass alle Lebewesen, die jung sind, einen Hang zum Springen haben, zum Hopsen und Tänzeln. Ein unökonomischer Hüpfer, der eigentlich Zeit, Kraft und Energie kostet – ökonomisch gesehen also sinnlos, unlogisch und überflüssig ist – verdeutlicht, dass ein Überfluss an Leben zur Äußerung drängt. „Die Bewegung, die Spiel ist, hat kein Ziel, in dem sie endet, sondern erneuert sich in beständiger Wiederholung“ erkannte Gadamer 1960 in „Wahrheit und Methode“ und führt weiter aus: „Alles Spielen ist ein Gespieltwerden. Der Reiz des Spiels, die Faszination, die es ausübt, besteht eben darin, dass das Spiel über den Spielenden Herr wird.“

Das Spiel ist zunächst Ereignung und gehorcht als Praxis in erster Linie der Logik der Widerfahrung. Das bedeutet wiederum, dass nicht die Bestimmungen der Freiheit oder Autonomie obsiegen, wie sie noch für die Spielbegriffe Immanuel Kants und Friedrich Schiller leitend waren, sondern eine Serie von Negativitäten, wie sie in den Attributen der Ungerichtetheit, des Nichtintentionalen oder der Unentscheidbarkeit zum Ausdruck kommen. Neben der Struktur, die die Möglichkeiten der Praxis einschränkt, ist gleichermaßen das Spielfeld, der Raum wesentlich, der die Orte definiert.

Das ist natürlich auch den Philosophen aufgefallen, denn die Kennzeichnung findet sich ebenfalls bei Wittgenstein und Gadamer: „Der Spielraum, in dem das Spiel sich abspielt, wird gleichsam durch das Spiel von innen her ausgemessen und begrenzt sich weit mehr durch die Ordnung, die die Spielbewegung bestimmt, als durch die Grenzen des freien Raumes.“ Das Leben in der Stadt erscheint innerhalb eines universalen Zusammenhangs von Regel und Zufall, von Repertoires und Filtern, von Strukturen und Ereignissen, somit als zeitlich entfaltetes Spielen eines Spiels.

Ein Kind lernt spielerisch die Grenzen des eigenen Körpers kennen, lernt durch ständige Wiederholungen, die Geschicklichkeit wird gefördert, sowie Oberflächensensibilität, Tiefensensibilität, Gleichgewicht, Koordination und Reaktion und auch Interaktion mit anderen Kindern. Bei Walter Benjamin findet sich in seinen Studien zum Kinderspiel folgender Gedanke: „Jedwede tiefste Erfahrung will unersättlich, will bis ans Ende aller Dinge Wiederholung und Wiederkehr, Wiederherstellung einer Ursituation, von der sie den Ausgang nahm. Nicht ein So-tun-als-ob, ein Immer wieder-tun, das ist das Wesen des Spiels.“

Jede Frage nach Spiel konstatiert notwendigerweise auch dessen Grenzen. Wer von Spiel spricht, muss auch wissen wo dasselbe aufhört. Dieses System von Inklusion und Exklusion unterliegt einem historischen Wandel: Spiele haben zu verschiedenen Zeiten ihre je eigentümlichen Ausschlüsse, Invisibilisierungen oder Ressentiments hervorgebracht und elaboriert.

Es scheint weiters einen Zusammenhang zwischen politischen, sozialen oder technologischen Krisen- oder Umbruchsituationen und dem Entstehen von Spieltheorie zu geben. Doch was vermag Spieltheorie eigentlich in diesem Zusammenhängen zu lösen oder zu klären? Denn sie ist ja nicht nur Diagnose einer Problemlage, sondern zugleich auch ein Vorschlag zu deren Bewältigung: Spiele sind ja nicht das Jenseits problematischer Verhältnisse, sondern vor allem ihr produktives Verwaltungszentrum.

Spiele der Stadt – Glück, Gewinn und Zeitvertreib
25.10.2012 bis 02.04.2013 im Wien Museum, Karlsplatz 8, 1040 Wien


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