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Endlich alleine

Glen Hansard hat viele Gesichter: Ein Bühnenmagier und Diener seiner Songs, der am Weg zu den Simpsons auch gleich einen Oscar mitnahm. Darum war es Zeit für das erste Solowerk.

Früher

Als ich Glen Hansard das erste Mal traf, stolperte ich über ihn. Er schlief am Boden eines längst verblichenen Plattengeschäfts in der Wiener Innenstadt. Das war vor rund 12 Jahren. Hansard war gerade wieder mit seinem besten Freund Mic Christopher unterwegs, so wie er selbst ein begnadeter Songschreiber. Die beiden rastlosen Vagabunden machten ihre Runden durch die irischen Communities von Tschechien und Österreich, gleichzeitig versuchte Hansard nach vielen harten Erfahrungen mit großen Labels in seiner Heimat Irland seine Band The Frames in Mitteleuropa bekanntzumachen. Das führte zu denkwürdigen Auftritten von Pinkafeld bis Prag und einer Schar treuer Fans, denn kaum eine Band jenseits der Pixies konnte mit der Dynamik explodierender Songs so umgehen wie die Frames an einem halbwegs guten Tag. Songs wie „Revelate“, „Pavement Tune“, „Star Star“ und viele mehr wurden zu Mitsinghymnen einer stetig wachsenden Fangemeinde. In der Mitte der Nullerjahre lernte er in seiner damaligen zweiten Heimat Tschechien Marketa Irglova kennen und lieben. Zusammen schrieben sie Songs (etwa „Falling Slowly“) für ein Album, dass sie „The Swell Season“ betitelten. Das Album wurde zwar in den bekannten Kreisen wohlwollend aufgenommen, aber damit war die Sache auch erledigt. Einige der Songs fanden den Weg auf das bislang letzte Album der Frames „The Cost“, das 2006 erschien.

Einmal

Und dann kam Once. Der Low-Budget-Film erzählt die Liebesgeschichte zwischen einem Dubliner Busker und Staubsaubermechaniker (Hansard) und einer tschechischen Wirtschaftsmigrantin (Irglova) ohne große Gesten und auch ohne großes Happy End, dafür mit grandiosen Zwischentönen und natürlich den Songs der Hauptdarsteller. Gedreht in drei Wochen, mit einem Budget von ungefähr 150.000 Euro, entwickelte sich der Film zum Überraschungshit des Jahres 2008 und schaffte den Sprung von den Arthouse-Kinos in die Megaplexe der westlichen Kinowelt. Der unbestrittene Höhepunkt der Once-Mania war die Verleihung des Oscars für „Falling Slowly“ in der Kategorie Bester Song an Hansard und Irglova. John Travolta überreichte die Statue und sowohl Hansard als auch (etwas verspätet) Irglova hielten glühende Plädoyers für den Glauben an das eigene Schaffen. Für diesen einen Moment hatten die Unabhängigen die Kulturkonzerne besiegt, aber Hansard wusste schon damals ganz genau, dass sich sein Leben und die Wahrnehmung seiner Person ändern würde. In der „Irish Times“ ließ er seine Gefühle Revue passieren: „Ich war zuerst jung und arrogant, dann verlor ich mein Selbstvertrauen und wurde wieder zu einem Typen, der auch seinen besten Freunden gegenüber ‚Full of Shit‘ war. Es ist nicht so, dass mir der Erfolg unangenehm wäre, aber es gibt dieses Unbehagen in mir, dass sich durch diesen einen Moment mein ganzes Leben definiert. Ich gebe jetzt an, aber Bruce Springsteen nahm mich nach der Oscarverleihung zur Seite und meinte ungefähr: ‚Glen, der Typ, der du jetzt 20 Jahre lang warst, ist gerade gestorben. Der dauernd am Existenzminimum lebende Kämpfer, der mit seinen Freuden in den Frames war, ist Vergangenheit. Du musst dir einen neuen Anzug aussuchen und er wird dir am Anfang nicht passen. Du hast jetzt Geld, das du nie hattest, und keiner kann wissen, wie dich Anerkennung und Ruhm ändern werden.‘“

Die Nachwehen

Obwohl Hansard ungefähr wusste, was auf ihn zukommen würde, konnte er nicht alle Klippen umschiffen. Die diversen Touren durch die besten Säle der Welt – von der Carnegie Hall in New York über das Ryman Auditorium in Nashville bis hin zur Royal Albert Hall in London – absolvierte das Duo mit einer Band, die praktisch aus den Frames bestand, souverän und die Herzen neuer Publikumsschichten flogen ihnen zu. Hinter den Kulissen ging allerdings die private Beziehung der beiden in die Brüche. Zu allem Überdruss wurde die Band von einer Dokumentarfilmcrew begleitet, die das Geschenk, bei der Trennung dabei zu sein, dankbar annahm (Die DVD erscheint in diesen Tagen).

Die Magie von Once ließ Hansard, der längst zu neuen Ufern aufbrechen wollte, nicht los. John Carney, der Regisseur und Drehbuchautor (und Bassist der Frames in den frühen Neunzigern), hatte die Idee, den Film in ein Musical zu verwandeln. Hansard versuchte Carney, der die Rechte an dem Stoff innehatte, das Vorhaben auszureden, aber dieser ließ sich nicht beirren. Hansard und Irglova kontrollierten nur die Songs. „Ich war absolut entsetzt, als ich hörte, dass die Rechte für das Musical verkauft wurden“, so Hansard. Enda Walsh und John Tiffany, die Autoren, denen die Adaption übertragen wurde, versprachen immerhin keine große „Song-and-Danceshow“ daraus zu machen. Hansard war gezwungen, gute Miene zum bösen Spiel zu machen: „Die Inszenierung war zurückhaltend und immerhin hat man keine schmalzige Liebesgeschichte daraus gemacht. Für den Broadway ist das Stück sogar eine ambitionierte Sache. Trotzdem ist es schon verrückt, dieses Kapitel so abzuschließen.“
Noch verrückter ist nur der Erfolg des Projekts. „Once“ gewann 2012 nicht weniger als 8 Tony Awards als Beste Show.

Heute

Mit dem Erscheinen seiner ersten Solo-LP „Rhythm and Repose“ im Sommer hat Hansard ein klares Zeichen der Distanzierung von Once, von Swell Season und auch von den Frames gesetzt. Am Cover klebt kein Sticker, der auf „Falling Slowly“ oder vergangene Triumphe hinweist. Ab jetzt geht es um Glen Hansard, seine Songs und die Gegenwart. Ende 2010 war sogar Hansard vom Touren so erschöpft, dass er der Band mitteilte, ein Jahr frei zu nehmen. Er ließ sich in New York nieder, weil er in Dublin viel zu viele Verpflichtungen hatte. „In Dublin, so sehr ich es auch liebe, geht es immer ums Trinken und um soziale Beziehungen. Es gäbe immer Fragen wie: ‚Glen kannst du das und das für mich machen?‘ oder: ‚Glen, kommst du zu diesem Gig?‘ – und es fällt mir sehr schwer, ‚Nein‘ zu sagen. Meine schönsten Erinnerungen an New York sind die Nächte, in denen ich einfach in meinem Apartment war, Gitarre spielte, las und Essen bestellte. Auch da bist du nicht allein. New York ist voller Leute, die zuhause ihr Ding machen. Du kannst aber auch eine Woche versaufen, weil es immer eine Bar gibt, in die man noch gehen kann. Besonders natürlich die irischen Bars – die machen die Tür zu und lassen dich nicht mehr raus.“

Diese zumindest temporäre Sehnsucht nach Ruhe ist etwas Neues im Leben von Hansard. Vor einigen Jahren erzählte er mir, dass er zwar kleine Wohnungen in Dublin und Prag hätte, aber die Einrichtung nur aus Gitarren, CD-Player und Reisetaschen bestünde, weil er ohnehin nie zuhause sei und er es nie mehr als drei Tage an einem Ort aushalte. Wenn die Frames Pause machten und kein Studio gebucht war, reiste er in der Gegend herum und spielte Solo-Gigs, trat mit Freunden auf oder stellte sich einfach auf die Straße und übte seinen erlernten Beruf als Busker wieder aus.

Das Verschwinden der Rastlosigkeit dürfte eine Alterserscheinung sein, die ihm jedenfalls gut steht. Dazu passt auch, dass er seine neue Partnerschaft nicht öffentlich lebt und in Interviews sogar von der Sehnsucht nach einer Familie erzählt. Der lebenslange Vagabund als Familienvater, der seinen Kindern am Abend zum Einschlafen Lieder wie „Star, Star“ vorsingt, ist ein fast zu kitschiges Bild, aber Hansard hat schon alle Ecken der Welt gesehen und wenn er wirklich zu neuen Ufern aufbrechen will, dann ist das eine wahrlich wagemutige Reise. Auch die Songs von „Rhythm and Repose“ deuten in dieser Richtung. Der Lärm und die Ausbrüche früherer Tage weichen der Gewissheit, dass diese Stilmittel jetzt in der Abstellkammer besser aufgehoben sind. „Eigentlich wollte ich nur einen Song aufnehmen, aber ich kam dann mit sieben Songs aus dem Studio in New York. Das passiert oft, wenn du denkst, du hast nur einen Topf am Ofen. Schließlich stellt sich heraus, dass es doch viele sind. Es waren einfach schöne Aufnahmen, ich dachte nicht an ein Album, weil ich noch immer an Swell Season oder die Frames dachte – aber sie fühlten sich nicht so an. Zwei Wochen später nahm ich noch fünf Songs auf und bis auf ein paar Overdubs war es das dann. Ich bin wirklich stolz darauf, dass das mit Leuten funktionierte, die mich und meine Songs nicht kannten. Diese Musiker waren einfach so gut, dass das keine Rolle spielte.“

Das erste Soloalbum ist immer ein Statement, eine Ansage an die Welt: “Das sind meine Songs, ohne Filter, ohne Rücksichten. Das bin ich, nehmt mich verdammt noch mal so wie ich bin!“ Und nach 20 Jahren war es an der Zeit, diese Herausforderung anzunehmen. Die Songs atmen viel (west-) amerikanische Luft, spiegeln so die ausgedehnten Touren, die mit Swell Season und Eddie Vedder in den letzten Jahren am Programm standen und zeigen zeitlose Größe. Songs zu konkreten Anlässen schreiben andere – Hansard interessieren die Gefühle dahinter und diese Kunst treibt ihn zu neuen Höhenflügen. Ob es die Frames wieder geben wird, steht in den Sternen, aber man sollte nicht zuviel Geld darauf wetten: „Ich weiß nicht, was die Frames jetzt sind. Sie sind eine Rockband, in der ich sehr gern spiele, aber ich muss mich wieder inspiriert fühlen, um es zu tun. Hör dir das letzte Album „The Cost“ an. Das ist eine ordentliche Platte, aber mir fehlt die Leidenschaft. Du hast ein Publikum, das die Hände in die Höhe streckt und du wirst die Band, die das Publikum haben will. Sollte es die Frames jemals wieder geben, dann müssen wir vergessen, was die Frames sein sollten und welche Beziehungen wir untereinander hatten – wir müssen einfach spielen.“

Trotzdem

Glen Hansard ist mittlerweile ein Star (seit dem Gastauftritt bei den Simpsons gibt es daran keinen Zweifel) und Stars nimmt man Sätze wie „Ich will neugierig und aufmerksam bleiben“ oft schwer ab. Aber die Wahrheit liegt im Tun und da zeigt Hansard, dass er für die Werte, für die er steht, auch etwas tut: So spielte er etwa mit seinen Freunden Bernhard Schnur und Dominik Nostitz am 21. Juli ein Einladungskonzert zugunsten der Wiener Straßenzeitung „Augustin“. Ohne Presse, ohne Werbung, nur für den Zweck. Der Mann macht auch als Star noch immer sehr viel richtig.

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  • Fotos: Conor Masterson
  • Issue: 19
  • Keywords: Music