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Portrat eines Posamentierers

Altes Wissen neu aufgelegt: Lion Fink ist Posamentierer und Lampenschirmerzeuger. Der nicht alltägliche Lebensweg des Betriebswirts zeigt, dass traditionsreiches Handwerk nachgefragt ist. Angeboten wird keine Massenware, sondern Unikate nach individuellen Kundenwünschen – was will man mehr? 

Heute finden sich nur mehr wenige Schilder in Wien, auf denen das Handwerk eines Posamentierers verzeichnet ist – und kaum jemand weiß noch, was dieser Begriff bedeutet. Ein Posamentierer fertigt etwa Kordeln, Bänder, Quasten, Borten (Posamenten), welche in der Dekoration von Polstermöbeln, Vorhängen oder Lampenschirmen Verwendung finden. Lion Fink ist Posamentierer und Lampenschirmmacher und fertigt in seinem Geschäft Lampenschirme nach individuellen Vorstellungen. Er produziert nach Kundenwünschen Einzelstücke der unterschiedlichsten Stile, Details oder Materialien: „Viele kommen mit alten geerbten Lampenschirmen, bei denen das Bespannmaterial zerrissen ist. Manche haben Fotos dabei, auf denen die Schirme im Originalzustand zu sehen sind und fragen dann: ,Wo hat man das früher gekauft? In welchem Kaufhaus?‘ Die Kunden sind überrascht, wenn sie hören, dass das Einzelanfertigungen vom Lampenschirmmacher waren.“

Fink ist heute sein eigener Herr in Werkstätte und Geschäft in der Operngasse 36. Geplant war das nicht. Nach dem Realgymnasium folgte der Wechsel in die HTL, Maschinenbau. Die jungen Jahre des mittlerweile 39-Jährigen verliefen ebenfalls anders als die seiner Mitschüler, da er aufgrund einer Erbkrankheit körperlich beeinträchtigt war. Vier Operationen schufen Abhilfe. Nach der Matura begann Fink das Studium der BWL in Wien. Ein Sommersemester verbrachte er selbstfinanziert an der renommierten UCLA (University of California, Los Angeles). Neben dem Studium dort zu arbeiten war wegen des großen Leistungsdrucks nicht möglich: „Das war Vollzeit – von Beginn an gab es Prüfungen. Es war auch schwierig mitzukommen, aber nicht wegen der Fachbegriffe, sondern weil Hollywood ganz in der Nähe war und der Professor seine Beispiele anhand von Filmszenen erläutert hat, gepaart mit Sprichwörtern. Und das zu verstehen war nicht immer einfach. Sprichwörter sind in einer anderen Sprache ganz anders ...“, erzählt Fink. Sein Studium schloss er mit der Magisterarbeit über „Kriterien zur Messbarmachung der Leistung von Investmentfonds“ ab. Nach Beendigung des Studiums zog es den Betriebswirt ins Ausland, die akademische Karriere wurde mit dem Eintritt in den elterlichen Betrieb der Lampenschirmerzeugung ad acta gelegt. Geplant war die Übernahme des Geschäftes nicht, wie er sagt, aber mitgeholfen hat er im elterlichen Betrieb schon im jungendlichen Alter. Seit mehr als 20 Jahren ist er mit der Fertigung von Lampenschirmen und allem, was dazugehört, beschäftigt. Die Herstellung der Schirme dauert unterschiedlich lange, denn manche sind sehr aufwendig zu nähen oder zu plissieren. Das Familienunternehmen mit Standort Operngasse existiert seit den 1980er-Jahren. Früher, erzählt er, war es das Geschäft der alten Damen. Schon morgens vor der Öffnung hätten die älteren Herrschaften vor der Tür gestanden. Während die erste Dame gleich von den Eltern bedient und beraten wurde, hätten die anderen getratscht und auf ihre Lamperl gewartet. So sei das damals gewesen. Zu Beginn hat der noch junge Lampenmacher „hinten“ für den Kunden gearbeitet, aber nicht mit dem Kunden. Die Damen und Herren wollten mit den Eltern verhandeln, bei ihm habe es etwas gedauert, bis man seine Kompetenz im Verkauf akzeptiert hat. Es war schwer Fuß zu fassen, merkt Fink an, heute sei das kein Problem mehr. Auch gäbe es nur mehr wenige Lampenschirmerzeuger.

Das Kerngeschäft bilden die Lampenschirme, daneben werden auch Reparaturen vorgenommen. Der Unterschied seiner Produkte zu Designerlampen(schirmen) liegt in der Einzigartigkeit, denn auch Designerlampen werden in Serie produziert. Wenngleich der Kunde in der Operngasse gefordert ist, denn oft reicht die alleinige Idee nicht aus – der Klient muss mitarbeiten. So funktioniert‘s: Man braucht eine Idee, eine Zeichnung, ein Foto oder auch eine alte Lampe ... Es folgt die Qual der Wahl, denn die Möglichkeiten der Herstellung beinhalten viele unterschiedliche Halterungen, Stoffe, Macharten et cetera. Fink fertigt alles selber. Zuerst werden die Drahtrahmen gebogen, dann wird lackiert und getrocknet, bezogen, plissiert und ausgeliefert. Jede Lampe hat ihren eigenen Schirm, jede Lampe ist anders. Unterschiedlich sind auch die Kunden: „Jeder hat ein Problem – das war die erste Vorlesung auf der Uni – der Kunde will keine Bohrmaschine, sondern ein Loch in der Wand. Umgelegt auf mich: Der Kunde hat einen Schirm und der ist kaputt – der Kunde hat ein Problem und ich löse es. Auch beim Materialeinkauf: Der Kunde will ein gewöhnliches Braun, weil das zum braunen Sofabezug im seinem Wohnzimmer passt. Manchmal ist es egal, ob man sich was Tolles überlegt hat, ob die Stoffe gut, schön sind, Qualität haben … Nein: es muss ein brauner sein, der nix besonderes kann oder ist – aber genau der Stoff passt perfekt.“ Abzuschätzen, was der Kunde will, sei schwierig. Findet man bei ihm nicht den richtigen Stoff, schickt Fink seine Kundschaft selber einkaufen. Das Geschäft bietet zwar auch fertige Schirme an und hat einiges an Produkten auf Lager, aber bei der Fülle an Möglichkeiten sind die Chancen, dass Proportion, Farbe oder Größe stimmig sind, eher gering. Die Kundenwünsche sind ebenso wie die Klientel bunt gemischt: Viele wollen eine spezielle Anfertigung, andere wiederum die teure Designerlampe, die kaputt gegangen ist, repariert haben. Manche Originalschirme können zwar nachgekauft werden, eine Reparatur in der Lampenschirmerzeugung ist jedoch günstiger. „Ich bin froh, dass die Großen die Preise hochhalten, damit für das Handwerk noch Spielraum bleibt. Ich arbeite auch nicht nur nach Kundenwünschen, sondern fertige auch nach eigenen Entwürfen Lampen, Stehsäulen … Fertigen kann man alles. Man muss nur wissen, wo man hin will.“

Der Lampenschirmmacher erzählt, dass er mittlerweile fast allein in der Erzeugung sei, was Unikate betrifft. Viele andere hätten sich auf Serienfertigung spezialisiert. Die Lampenschirmerzeugungsei eine Ein-Mann-AG. An Serienfertigung denke er nicht, im Gegenteil: „Hier im Geschäft mache ich Stoffkabel, das ist altes Wissen neu aufgelegt. Die sind schön, bunt und gefallen. Ich bin der einzige der diese Kabel erzeugt. Die großen Firmen machen Produkte für Kunden, die diese kaufen müssen, ich mache Produkte für die Kunden, die sie haben wollen! Die Masse muss bedient werden, aber sie kann nicht individuell bedient werden, das ist klar.“

Eine normale Arbeitswoche kennt der Posamentierer nicht: Fertigung, Kundenbetreuung, Auslieferung, Einkauf von Material, Anfragen beantworten, Kostenvoranschläge, Rahmen fertigen stünden am Programm. Das sei – wie er vorrechnet – eine Arbeit für rund fünf Leute. Auf die Frage, warum er sich nicht jemanden zu seiner Unterstützung anstelle, erzählt er, dass er das immer wieder probiert habe. Ohne Erfolg. Jemanden über mehrere Monate lang in die Geheimnisse der Lampenschirmfertigung einzuweihen sei zeit- und arbeitsintensiv. Das enttäuschende Fazit des letzten personellen Experiments habe gelautet: „Und das soll ich ab jetzt jeden Tag acht Stunden lang machen?“ Als kleiner Betrieb kann man sich so einen Aufwand nicht leisten, lautet das Fazit.

Laut Fink hätten die Lampenschirme eine Art Kopierschutz. Auch wenn manche Klienten glauben, sie wüssten wie man die Schirme fertige … aber ohne das Wissen um die Technik sei es sehr schwer, ihn zu kopieren, ist er sich sicher. Der Aufwand lohnt nicht. „Vor kurzem haben Touristen gefragt, was die Chinesen-Lampen kosten: 150 €. Das war ihnen zu teuer, sie meinten, sie seien eh auf Weltreise und würden noch nach China kommen. Sie würden die Lampen dann dort kaufen. Ich glaube kaum, dass ihnen das gelungen ist.“

Mittlerweile gibt es eine simple Auslagengestaltung in seinem Geschäft. Die Komposition ist dabei denkbar einfach: Die selbstgefertigten bunten Kabel sind zu einem Haufen aufgetürmt, die Chinesen-Lampen stehen dicht an dicht im nächsten Fenster … bisher habe es dem viel beschäftigten Posamentierer dafür einfach an Zeit gefehlt. In Bezug auf verkaufsfördernde Maßnahmen heißt es: „Meine Werbung sind die Schirme und Lampen, die der Kunde im Sackerl mit nachhause nimmt.“ Die Lampen und Schirme in den Wohnungen sind seine Werbeflächen. Will man Arbeiten von Lion Fink – abseits von Geschäft oder Privatwohnungen – ansehen, lässt sich das bei exzellentem Kaffee und Wiener Mehlspeisen bewerkstelligen. Denn viele Lampenschirme im Café und Hotel Sacher kommen aus seiner Werkstätte. Wirklich überraschend aber ist ein weiterer Kunde, denn wer kann schon von sich sagen, dass IKEA bei einem einkauft … maßgefertigte Produkte sind eben überall gefragt.

In seinem Geschäft gibt es für jeden genau das, was er möchte. Alles kann nach individuellen Wünschen und Vorstellungen zusammengestellt werden – das gäbe es nur mehr bei wenigen Sachen, so der Lampenschirmmacher. Die Preise sind moderat. Ein paar Mal hat Fink einer Kundschaft vorgerechnet, was die Investition auf die Lebensdauer eines Lampenschirms umgerechnet kostet. Manchem Interessenten habe er das Angebot gemacht, den gewünschten Lampenschirm zu leasen: Bei einem Preis von 150 € geleast auf zehn Jahre hätte die monatliche Rate nur ca. 1,25 € betragen. Bei einem groß angelegten Schirme-Leasing hätte sich das durchaus für ihn rentieren können. Das Interesse der Kunden war gering … und das Angebot von seiner Seite nicht ganz ernst gemeint. Ernst ist es ihm mit dem Wunsch, besondere Schirme zu machen. Er fertige zwar bereits ausschließlich Einzelstücke, eine besondere Freudesei es, Ausgefallenes herzustellen, wie zum Beispiel das sehr komplizierte englische Plissee. Ein kunstvoller blauer Schirm in englischem Plissee stand für einige Zeit völlig unbemerkt in der Auslage. Es habe lange gedauert, bis sich ein Käufer für das extravagante Stück gefunden habe. Moden ändern sich. „Hautschirme waren einst ein Wiener Spezifikum und wurden speziell zur Hochzeit von Sankt Marx hier gefertigt. Gemacht sind diese Lampenschirme aus gegerbten Rinderblasen. Das war einmal ein nobles Material.“ Die Nachfrage hierfür ist (mittlerweile) gering.

Die Idee, den Betrieb zu vergrößern, habe Fink wieder verworfen. Er sei zur Ruhe gekommen, im Gegensatz zu den explodierenden Preisen der Produkte in den Katalogen, wie er erklärt. Günstige Produkte laufen aus und werden von teureren ersetzt. „Wir haben keinen Fortschritt, siehe Glühbirne: Ein Fortschritt wäre es, wenn es statt der Glühbirne etwas geben würde, was besser ist und billiger. Aber das ist nicht so.“ Ob Fortschritt oder nicht: Es ist schön zu sehen, dass sich gutes traditionelles Handwerk lohnt, dass die Nachfrage groß ist und die Arbeit des Lampenschirmmachers und Posamentierers geschätzt wird. Und spannend, erzählt Fink, bleibe es auch nach über zwanzig Jahren im Gewerbe: „Ich kann nur voll fahren und alles investieren. Wischiwaschi geht bei mir nicht – und es wird immer mehr. Wenn es immer mehr wird, entstehen Reduzierungen und Optimierungen in der Technik … Die immer gleichen Handgriffe ändern sich plötzlich, wenn man draufkommt, dass es auch anders geht. Das macht die Erfahrung!“


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