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New love

Das Internet leistet beste Dienste als Kupplerin. Bereits jede dritte Beziehung wird in den virtuellen Weiten des Datenhighways angebahnt; von Screen zu Screen mit wundgeschriebenen Fingerkuppen. Doch nicht allein wegen der Marter an der Tastatur lässt der Umgang miteinander in der Anonymität des Netzes eine Verrohung für die Zukunft vorausahnen.

Erfolg bei der Partnersuche hängt natürlich auch im Web von einem selbst ab. Genauso wie draußen im real greifbaren Leben, bleibt für das virtuelle Kennenlernen der erste Eindruck entscheidend. Schnell ist man aussortiert. Über Nacht schon veraltet das Interesse am fernen Gegenüber, während schnell wieder neue Profile im Warenkorb landen. Ein Muster wie beim Online-Shopping. „Man stellt sich aus und wird selbst genauso als Ware wahrgenommen. Man steht in der Auslage,“ sagt Manfred Zentner vom Institut für Jugendkulturforschung in Wien. Die Generation von 15 bis etwa 24 Jahren nutzt Singlebörsen allerdings noch kaum, bis dahin zumindest sei das jugendliche Selbstverständnis vorhanden, dass man auch „ohne Hilfe“ einen Partner finde, so Zentner. Die Bedeutung der Gestaltung des Netzauftritts bei den Erwachsenen betont auch Birgit Maurer, Psychologin und Gründerin der ersten Liebeskummer-Praxis in Österreich. Die Online-Profile vergleicht sie mit beruflichen Lebensläufen, anhand deren Schnittmenge man sich beim potenziellen Partner bewirbt. Demgemäß laufen Treffen ähnlich einem Bewerbungsgespräch ab. Den wenigsten der schillernden Selbstdarsteller im Netz gelingt es schließlich, echtes Interesse für das Gegenüber aufzubringen. Schon nach der ersten Zusammenkunft in der Wirklichkeit landen die meisten User desillusioniert und enttäuscht auf dem Boden der Tatsachen. Nach immerhin geschätzten 500 Dates mit Frauen seines Begehrens ist Hans immer nochnervös auf der Suche nach der Richtigen. Die Möglichkeit für ein Treffen scheitere oft an Banalitäten, oder, anders formuliert, an den konkreten Vorstellungen der Beteiligten: „Wenn man weiße Socken anhat, fällt man schon durch.“ Das äußere Erscheinungsbild ist wichtiger denn je. Selektiert wird nach dem Ausschlussprinzip. Kaum noch nach Attraktivität. Bereits nach geringen Verfehlungen wird einem die Möglichkeit entzogen, durch irgendwelche guten Eigenschaften zu punkten. Deshalb bieten manche Portale Tipps und Know how zum Kennenlernen via Outlook an. Der erste Eindruck hat scheinbar nur wenig mit Rechtschreibung zu tun: „Du hast nun deinen Favoriten für eine Partnerschaft aus der Füllle der Partnerbörse ausgewählt und möchstest Ihn bzw. Sie ennenlernen - mit email…“ oder „Und wie antworte ich, wenn mir Post von einem Singel zugestellt wird!? Die obigen Tricks sind einfach anzuwenden – außderdem ...“

Die permanente Präsenz des www verleitet zum schnellen Konsum. Das Netz ist nicht nur Paradies für einsame Herzen, sondern auch für Jäger und Sammler. „Das Suchtpotenzial ist hoch, der Jagd- und Spieltrieb wird aktiviert. Viele sind auf der Suche nach immer besser, immer mehr … vielleicht hat die nächste Frau ja Doppel-D. Wenn Analsex nicht im Programm ist, fällt man durch, wird uninteressant. Und: Quantität geht vor Qualität!“, ergänzt die Psychologin. Sie zieht die offensichtliche Parallele zwischen Online-Partnersuche und Fast-Food-Konsumation. Alles High-Speed. Noch dazu wird unentwegt ausgeteilt. Unverhohlene Kommentare wie „such dir woanders deine kinderproduzierende Mutterkuh“ lassen auf bittere Erfahrungen schließen. Dennoch bleibt der Wunsch nach dem Optimum omnipräsent. Auf dem Prüfstand werden mögliche Beziehungspartner unentwegt abgescannt.

Dass die Vor- und Nachteile der Partnersuche nur einen Mouse-Click voneinander entfernt liegen, konstatieren immer mehr User. Ernst gemeinte Partnersuche im Internet macht nämlich nur Sinn, wenn die Nutzer (halbwegs) ehrliche Angaben zur eigenen Person transportieren. Eigentümliche Überraschungen beim realen Kennenlernen sind absolut keine Seltenheit. Männer beschönigen ihr Alter, Frauen ihr Gewicht. „Es sind Schummelbörsen“, sagt Hans, dessen Profil-Alter mit 45 Jahren um einige Jährchen von der Realität abweicht. Er (v)erklärt diese Lüge mit seinem Kinderwunsch, dementsprechend sollte die potenzielle Partnerin nicht älter als 35 sein. Macht sich diese allerdings jünger, dann kennt er kein Pardon: Immerhin wolle er Kinder und das funktioniere eben nur mit einer Frau im richtigen Alter.

Selbst wenn es endlos dauert, bis solche Zahlenspiele endlich zum gewünschten Ergebnis führen, lassen sich dennoch handfeste Erfolge verbuchen. Erfolgreich sind nämlich neben den Betreibern von Online-Börsen all jene Geschäftszweige, die ihre sekundären Dienste auf dem Weg ins dauerhafte Glück feilbieten: Dating-Coaching, Flirttraining, Beziehungs-Schulungen, Camps usw. Bis dato noch kaum beeindruckt von der Finanzmarkt-Krise, feiert die Liebes-Industrie als florierendes Wirtschaftssegment mit einer Vielzahl gewinnträchtiger Geldquellen nämlich weiterhin Hochkonjunktur. So gehört zum Beispiel eine der größten Online-Partneragenturen zur Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck.

Das Geschäft mit der Liebe boomt und gestaltet sich dank zahlloser Nutzer als sehr lohnenswert. Nicht umsonst sind manche der Netzwerke mit Beratungen verbunden, die mit Angeboten wie „Ex-zurück“ locken. Die Realität wird zusehends von einer virtuellen abgelöst. Das Internet bietet sich an als Tummelplatz, wo fehlende Kommunikationsfähigkeit via Copy-and-Paste ersetzt werden – dies verspricht eine im Handel erhältliche DVD. Da bleibt kein Platz mehr für Überraschungen oder Spontanität. Auf der einen Seite werden die Illusionen und Sehnsüchte der Nutzer mit verlockenden und erfolgsversprechenden Angeboten im Netz geschickt genutzt, während auf der anderen Seite die Nutzer untereinander ein oft unschönes Spiel treiben. Es ist eine gewisse Verrohung und Verwahrlosung der User im Umgang mit den Wünschen und Hoffnungen des Gegenübers erkennbar. Jeder instrumentalisiert jeden. „Was innerhalb der Plattformen passiert, verantworten die Menschen. Man muss sich Zeit nehmen, um mit jemandem in Beziehung zu treten. Was daraus entstehen kann, hängt von einem selber ab. Ich rate niemandem ab! Man muss nur genau schauen und überlegen, was man preisgeben will“, rät Birgit Maurer. Es gibt auch begeisterte Nutzer wie Eva, die eine deutliche Empfehlung fürs Onlinedating ausspricht.

Die Plattformen und Dating-Portale bieten nur die Rahmenbedingungen für die Partnersuche. Auf die Frage, ob die Zunahme der Nutzung von Onlinebörsen einen Rückgang der kommunikativen Fähigkeiten im Alltag bewirken, sagt Robert Pfaller, Philosoph und Professor an der Universität für angewandte Kunst: „Der Philosoph Alain Badiou hat in seinem neuen Buch „Lob der Liebe“ die Internet-Partnersuche ganz anders gedeutet: nicht als Verfall kommunikativer Fähigkeiten oder Verrohung, sondern vielmehr als zunehmendes Sicherheitsbedürfnis, als Scheu vor dem Risiko der Liebe. Das erscheint auch mir als die entscheidende Fehlentwicklung: Wir werden vor allem immer feiger und fürchten immer mehr, überrascht oder verletzt zu werden. Anstatt uns zu freuen, etwas erleben zu können.“ Die Nutzung der breiten Internetöffentlichkeit könnte demgemäß als versteckter Rückzug gut getarnt sein.

Bei Michael funktioniert sexuelle Anziehung anders: Er ist ein „Amelo“ und fühlt sich zu Menschen mit Handicap hingezogen. Sein Fetisch sind Narben, Amputationen und die Geschichte dahinter (Amelotatismus = Deformationsfetischismus). Für Amelos ist es nicht leicht, Partner zu finden, wenngleich es natürlich auch hierfür eine Online-Community gibt. „Das Problem ist, dass sich hinter den Profilen der Frauen oftmals Männer verstecken. Männer, die zuhause eine Familie haben. Dementsprechend sind die Frauen in diesen Foren schon oft enttäuscht worden. Manche der Typen tauchen zum ersten Date gleich mit einer Kamera auf …“ Die Erfahrungen – bei seiner ernsthaften Suche – beschränken sich trotz fünfjährigem Dabeisein auf nur zwei reale Treffen. Wobei das eine Mal wohl nicht ganz zählt, da er sich mit einer Gleichgesinnten, einer Ameline, dem weiblichen Pendant, getroffen hat, wie er erklärt. Seine sexuelle Vorliebe beschreibt er als eine „faule Art von Sadismus“.

Nur einen Mausklick entfernt: Kontaktanzeigen-Marktplätze zur eigenverantwortlichen Suche oder psychologisch basierte Partnervermittlungen, die mit ausgewerteten Fragebögen und den sogenannten Matchingpoints arbeiten. Daneben erotische Kontakte, schneller Sex ohne Verpflichtung, Apps und Co. Zu guter Letzt gibt es noch die Nischen-Portale zum Beispiel für Alleinerziehende, Homosexuelle, Gläubige, Fetisch, BDSM, 50 Plus, Partnertausch und so weiter. Für Suchende mit Hundefimmel gibt es die Hundeflirtbörse, Liebhaber rundlicher Formen finden einander auf rubensfan. Ein Klassiker der Beziehungskonstellation stellt die Seite Reif-trifft-Jung dar, das Pendant dazu sind die Zuckerburschen. Die Frage nach dem „Warum“ wird unterschiedlich beantwortet: Langeweile, Lust auf etwas Neues, Zeitnot, Ablenkung, Angst vor dem Alleinsein … Die Konsumgesellschaft lässt sich auf die offenen Heiratsmärkte ausdehnen. So mancher Nutzer lebt bei seiner Online-Partnersuche eine Art Wegwerfmentalität, es wird zwar konsumiert, aber gleich hinterher entsorgt. Man will nur das Beste für sich – das gilt auch bei der Partnerwahl. Die Ansprüche sind hoch, die Kompromissbereitschaft oft gering. Die Identität eines „Viel-Vöglers“, unterwegs auf gratis Onlinebörsen, konnte nicht festgestellt werden, da die Damen nichts mehr mit ihm zu tun haben wollten. Darüber hinaus ändere er dauernd seinen Nick, hieß es. Er mache nach jedem neuen Date Eintragungen in eine Excelliste: Aussehen, Geruch, Mimik, Gestik, Atmosphäre etc. An einem Abend mit vier Treffen mit jeweils unterschiedlichen Personen kann man leicht den Überblick verlieren. Was dahinter steckt? Ein grobes Aufmerksamkeitsdefizit? Der Wunsch nach einem Auftritt bei „Wetten, dass...?“ Eintrag ins Guinessbuch der Rekorde? Ein Gespräch hätte wohl Antworten gebracht. Hinsichtlich der Person würde auch hier – wie bei allen Befragten – ein falscher Vorname Anwendung finden oder „Name der Redaktion bekannt“. Ein bisschen wie im Zeugenschutzprogramm, Kronzeugenregelung.

Ihren Jagdtrieb stellen manche Mitglieder der Pick-Up-Community unter Beweis. Diese männerdominierte Community bedient sich verschiedenster Techniken um eine Frau zu verführen wie NLP, Hypnose, Suggestion oder Bewusstseinskontrolle. Ein Pick-Up-Artist, kurz PUA, geht „normal“ auf die Pirsch, ohne „Netz“. Probleme und jüngste Eroberungen werden virtuell geshared. Nicht alles in den Foren ist frei zugänglich versteht sich. Die Nachfrage nach Anti-Weichei-Kursen und Flirt-Coachings ist groß. Maurer bemerkt trocken: „Die Profiteure sind die Seminaranbieter. Der Wettbewerb unter den Männern ist groß, klein hingegen das Interesse an der Frau als Mensch. Sie ist mehr als Ware und Objekt.“ Gegründet wurde die Pick-Up-Szene als Hilfestellung für schüchterne Männer, um deren Selbstvertrauen zu stärken. An sich kein schlechter Plan. In den Foren heißt es, dass ein lockerer und selbstsicherer Umgang mit Frauen dem Mann ein Attraktivitätsplus bringt. Outfit und Auftreten sind wichtig. Humor nicht zu vergessen. Die richtigen Signale senden, eine flüchtige Berührung zum richtigen Zeitpunkt. Den genauen Ablauf zeigen zahlreiche Videos via Schritt-für-Schritt-Anleitungen – damit nicht eine Abzweigung auf dem Weg ins Bett der „tollen Frau“ verpasst wird. Das Alphatier wird dem bedürftigen Mann in diversen Trainings angelernt. Bei den Preisen stehen zumindest die Haare garantiert zu Berge. Die Heroen dieser Szenen erinnern ein wenig an die Filmfigur des Frank Mackey in Magnolia, dargestellt von Tom Cruise. Das schnelle Auto und die dicke Hose sind dem Highspeed-Internet gewichen. Viele sitzen lieber vorm PC als an der Bar – aber das gilt wohl für beide Geschlechter.

Das Internet als Heilsbringer in allen Lebenslagen und -fragen. Partnersuche im Netz hat zwar unterschiedliche Gründe, aber ein gemeinsames – erhofftes – Ergebnis: einen neuen Partner. Die Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit, das Bedürfnis nach Sex sind allgegenwärtig. Die Verlagerung dieser Wünsche in den virtuellen Raum einerseits und das Hilfesuchen bei Professionisten andererseits lässt aufhorchen. In Anbetracht der zweidimensionalen Profilfotos scheint die „Liebe auf den ersten Blick“ im Internet die entscheidende dritte Dimension zu verlieren. Die Psychoanalyse macht für die plötzlich auftretende Anziehung die Lebensgeschichte der beiden verantwortlich. Bedarf der Begriff Romantik einer neuen Definition? Pfaller ergänzt: „... in einer schönen Geschichte von Giacomo Casanova verliebt sich der französische König in ein Mädchen, dessen Porträt man ihm gezeigt hat. Das Mädchen erwidert seine Liebe. Sie sagt, sie hätte sich ebenfalls in sein Bild verliebt gehabt. Der König ist erstaunt. Sie sagt: „Ich habe es doch auf jeder Münze gesehen. Romantik setzt eigentlich voraus, dass die Liebe sich durch einen sehr flüchtigen Kontakt, einen ersten Blick, entzündet. Das kann auch der Blick auf einen Bildschirm sein. Die Ent-Romantisierung setzt allerdings dort ein, wo man Garantien haben möchte.“

In den Matching-Points verstecken sich die eigene Lebensgeschichte und Wünsche an den Partner. Man kann festlegen, wie groß der zukünftige Lebensmensch sein soll, die politischen Ansichten sowie Hobbies und Interessen gleichschalten. Beim realen Kennenlernen könnte noch etwas anderes wichtig werden: der richtige Riecher. Die Nase wird vom Hormonspezialist Johannes Huber als besonders bedeutsam für die Partnerfindung bezeichnet: „Sie versteht tausende Düfte zu differenzieren! Interessanterweise ist die genetische Codierung dieser Eindrücke korrelierend mit unserem Immunsystem.“ Biochemisch und nicht minder unromantisch heißt das soviel wie: Unser Immunsystem sucht sich die Person aus, die hinsichtlich eines Fortpflanzungserfolges am besten passt.

Den ultimativen Partnertest beschreibt Thomas Glavinic in einem seiner Bücher: Den Lebensmenschen erkenne man am guten Duft hinter den Ohren, lässt er die Roman-Oma behaupten. Der Protagonist muss beim Testen der eigenen Freundin erkennen, dass der Geruch von ranziger Rindsuppe hinterm Ohrwaschel keine große gemeinsame Zukunft in Aussicht stellt. Aus eigener Erfahrung kann berichtet werden, dass der Versuch, die Nase durch das Internet zu ersetzen, nicht funktionierte. Die mehrere Monate dauernde Mitgliedschaft bei einer kostenpflichtigen Online-Singlebörse brachte nette Bekanntschaften, nicht mehr. Das erste Treffen mit einem Mann mit besten Matches verlief wie folgt: Der Märchenprinz aus dem Netz, laut Profil ein klassisch-schöner Mann, dezente Kleidung und Kurzhaarfrisur, erschien en nature als Frosch – ein schreiend-vielfarbiges Hemd samt Haarpracht, die einem Afro gleichkam, machte die Enttäuschung perfekt. Öko statt Klassik. Der Tipp, ein aktuelles Foto einzustellen, wurde beherzigt. Noch vor Ablauf der bereits bezahlten Monate wurde der Account aufgrund der Nutzlosigkeit gelöscht. Der reale Prinz fand sich wenig später nach durchzechter Nacht am Würstelstand beim Verzehr einer Käsekrainer.

Die Trends am Markt: Es gibt die preisintensiven Qualitätsanbieter, mit zahlungsfreudigen Mitgliedern meist über 30 und die kostenlosen bis kostengünstigen Flirtportale. Die Nutzer sind jünger, die Suche funktioniert über das Smartphone sowie eine ortsbezogene Echtzeitsuche für schnelle Treffen. Mr. oder Miss Perfect scheinen nur einen Tastendruck entfernt. Nicht umsonst stehen Titel wie „Shades of Grey“, mit ihrer Schwarzweiß-Malerei der Protagonisten, hoch im Kurs, denn Grau sind nur Mr. Greys Augen in diesen Büchern, alle(s) andere(n) ist schön, erfolgreich, sexy. Die „innere Göttin“ der naiven, intelligenten und natürlich wunderschönen Ana Steele weiß: Sie kann nicht auf ihren Meister verzichten.

Frei nach Matthäus, Kapitel 7, gilt: Wer suchet, der findet. Jeremia 29. Letzteres ist nicht das Pseudonym eines Suchenden in einem Chatroom (die Zahl 69 war schon vergeben), sondern gehört zur Bibelstelle. Annas ewiges Singledasein verlangte nach Veränderung. Die kostenlose Plattform für christliche Singles, die ihr Leben gerne mit Gleichgesinnten verbringen wollen, zeitigte nicht den gewünschten Erfolg. Der Aufnahmetest, bei dem einige Fragen zum christlichen Glauben beantwortet werden mussten, stellte keine große Herausforderung dar. Schwierig hingegen gestaltete sich der Kontakt zu anderen, da die Plattform offenbar nur von wenigen Auserwählten genutzt wurde – ganze drei Jahre lang herrschte tote Hose im Postfach. Als endlich ein potenzieller Kandidat gefunden war, stellte sich dieser bei näherer Begutachtung als Anhänger eines radikalen Priesters heraus, der für die liberal eingestellte Frau nicht im Bereich des Erträglichen predigte. Nach mehreren Jahren Suche in unterschiedlichen Foren hat sie den Richtigen gefunden, wenngleich „nicht auf normalem Weg“, wie sie anmerkt!

Singlebörsen boomen zwar noch (für 2012 ist ein Zuwachs von ein paar Prozent prognostiziert), aber ob sich nicht doch eine Veränderung hinsichtlich der zukünftigen Kontaktaufnahme anbahnt, wird sich zeigen. Mit Hilfe GPS-basierter Dating-Dienste ist anderes möglich. Ein Smartphone mit der richtigen App reicht aus, um zu erfahren, wie nahe man einem möglichen Sexdate ist. Die Gay-Community ist hier den Heteros um Längen voraus. Der weltweit größte Mobile-Dating-Dienst ist die App Grindr, in Amerika keine Neuheit mehr. Das Logo, schwarze Kombination von Totenkopf und Maske auf gelb-orangem Grund, macht deutlich: Hier geht es nicht um Romantik. Alex hat, noch zu Singlezeiten, wie er betont, die App viel genutzt. „Bei der heute gängigen Zeitnot ist so eine App praktisch, der Zeit entsprechend. Schwule sind was Sex angeht auch offensiver, sie verstecken nichts“, sagt Alex, der selbst homosexuell ist. Er glaubt auch nicht, dass es in Heterokreisen anders zugehe als in der Gay-Community, der Trieb sei ja der gleiche. Die Anbahnung via App erklärt er so: Via Foto und Profil wird erstinformiert, Vorlieben nachgefragt, ein paar Scherze lockern die Stimmung und dann hänge es zeitlich von der räumlichen Entfernung der Person ab. Alles in allem, Sex inklusive, dauere es manchmal nur eine halbe Stunde. Der Vergleich mit einer Konsumation bei McDonalds fällt auch in diesem Zusammenhang: Man stellt sich das Menü selbst zusammen. Alex ist überzeugt, dass die Nutzung der Apps steigen und irgendwann nicht mehr aus der Kommunikation wegzudenken sein wird. Für diese These spricht der Zusammenbruch der Grindr-App kurz nach Einzug der ersten größeren Gruppe von Sportlern im Olympia-Dorf, London 2012. Der gesteigerten Nachfrage war man nicht gewachsen. 

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