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Der vierte Mann

Martin Bergmann, Gernot Bohmann und Harald Gründl führen seit 1995 das international erfolgreiche Designbüro EOOS. In den Büroräumlichkeiten in der Zelinkagasse in Wien arbeiteten zuvor Helmut Lang und danach die Architekten Coop Himmelb(l)au. Der Designtheoretiker und Designer Harald Gründl erzählt im Gespräch von einem mysteriösen vierten Mann im Team …

Haben Sie auch schon während des Studiums an der Universität für Angewandte Kunst in Wien gemeinsam Projekte gemacht? Warum haben Sie sich entschieden, danach zu dritt ein Büro zu gründen?

Wir haben schon auch während des Studiums probiert, gemeinsam zu arbeiten, was allerdings nicht besonders von Erfolg gekrönt war. Das Studio haben wir aber trotzdem nach dem Studium gegründet, nicht weil es so erfolgreich war, sondern weil wir uns gedacht haben, das wird sicher noch. Viele Leute fragen sich, wie das gehen soll, zu dritt ein Büro zu führen. Aber ich glaube, es geht besser als zu zweit. Zu dritt hat man nie so eine Patt-Situation, es bleibt eine entscheidungsfähige Struktur.

Wie schaut die Arbeitsaufteilung untereinander aus?

Poetisch gesehen sind EOOS ja vier Mann. Bei unseren Unternehmungen soll ganz allgemein gesprochen etwas entstehen, was einer alleine, man zu zweit oder zu dritt eben nicht erreichen kann. Und die Rollen verteilen sich jedesmal neu. Was sich als sehr kontinuierlich herausgestellt hat, ist die Arbeit am Möbeldesign. Das haben wir seit Beginn der Bürogründung gemacht. Wir hatten dann auch sehr große Jobs im Bereich der Shop-Gestaltung. Jetzt haben wir den Fokus durch freiwerdende Ressourcen eher auf die Design-Forschung gelegt. Shop-Gestaltung haben wir zehn Jahre lang gemacht. Das machen wir nicht mehr aktiv, schließen es aber auch nicht kategorisch aus.

Ganz am Beginn der Bürogründung von EOOS stand ja gleich die Zusammenarbeit mit Walter Knoll, einem der international führenden Möbelfabrikanten.

Ja, das war eine glückliche Fügung. Wir hatten noch nicht allzuviel gemacht und Walter Knoll war gerade dabei, die Firma umzubauen. Wir haben dann gemeinsam ein Sofa gemacht und die Zusammenarbeit hat gut funktioniert. Seither gibt es eine intensive Arbeitsbeziehung. Wir haben von Anfang an unsere Projekte aus einem Diskurs mit der Industrie heraus entwickelt.

Gibt es spezielle Musik, die Sie beim Arbeiten an Projekten hören? Wie sehen Ihre Musikhörgewohnheiten privat aus?

Um mich zu konzentrieren, brauche ich eher Ruhe als Musik. Privat höre ich gerne Alte Musik, Barock. Aber nichts zu Überorchestiertes ...

Das griechische Wort Poiesis kann man mit dem Wort Erschaffung übersetzen. Sie haben den Begriff der „Poetischen Analyse“ entwickelt. Können Sie diese Methode etwas näher erklären?

Um gemeinsam zu arbeiten, benötigt es ein gemeinsames Ziel und ein gemeinsam genutztes Werkzeug. Wir haben das Poetische Analyse genannt. Das Trickreiche daran ist, dass da das Zusammenfügende, die Poiesis mit der Analyse, also dem Auseinandernehmen, eine groteske Kopplung eingeht. Die Poetische Analyse als Recherche-Werkzeug besteht aus drei Suchfeldern: das sind zum einen intuitive Bilder. Dann beschäftigen wir uns intensiv mit kulturgeschichtlichen Mythen und als drittem Suchfeld mit gewissen Ritualen, die als grundlegende Überlebensstrategien des Menschen entwickelt wurden. Gegen die Angst der Zeitlosigkeit gibt es die Rituale der Zeit, gegen das Alleinsein gibt es die Vergesellschaftungsrituale. Umgangssprachlich wird der Begriff Ritual für sich wiederholende Tätigkeiten verwendet. Im Sinne des Begriffs ist es ein bedeutungsvolles Handeln, das einen größeren Kreis an Teilnehmerinnen und Teilnehmern braucht. Rituale dienen aber nicht nur dazu, Gemeinschaften zu stabilisieren, sie trennen auch. Auf der einen Seite sind sie Brücken, auf der anderen Seite Mauern. Das sind ja auch Aufgaben von Design: Brücken und Mauern zu bauen. Es gibt Projekte bei EOOS, wo das Ritual sehr offensiv in den Blickpunkt des Entwurfs gestellt wird. Dann gibt es natürlich auch Gegenstände, wo wir das nicht tun. Es ist ja nicht jeder Gegenstand ein ritueller. Im Bereich der Reinigung, wo man schnell im Kontext von Reinigungsriten entwirft, ist es naheliegender, über solche Dinge nachzudenken, als zum Beispiel beim Entwurf eines Sofas.

Der Begriff der Nachhaltigkeit ist mittlerweile allgegenwärtig. Welche Rolle spielt er für Sie als Entwerfer?

Es ist relativ klar, dass wir so leben sollten, dass nachfolgende Generationen auch noch eine Lebensgrundlage haben. Der Begriff kommt ja ursprünglich aus der Forstwirtschaft, er ist eigentlich ziemlich klar definiert. Wir leben nur nicht danach – uns hält die Bequemlichkeit davon ab. Wir fürchten uns womöglich vor einem Komfortverlust. Unser Komfort hier basiert sehr stark auf einer nicht besonders schlauen Nutzung von Ressourcen, die natürlich Auswirkungen auf die Umwelt hat. Vielleicht fehlt uns auch die Phantasie, zu erkennen, wie so ein weltverträglicher Lebensstil aussehen könnte. Da kommt dann die Design-Disziplin ins Spiel, um die Menschen für neue Szenarien zu begeistern. Design hat – im Moment – noch eine sehr starke Bindung zur Industrie. Aus dieser sehr engen Abhängigkeitsbeziehung ergeben sich dann Argumentations-Dilemmata. Aber auch dazu gäbe es natürlich Alternativen. Seit den sechziger Jahren gibt es Bedenken an unserem Tun, das allgemeine Bewusstsein zur Problematik ist heute höher. Es gibt mehr wissenschaftliche Nachweise über die Auswirkungen auf die Umwelt. Es gibt Modelle, die die Begrenztheit der Ressourcen gut beschreiben. Ergonomische Faktoren sowie die symbolischen Funktionen waren im Design seit Beginn der Menschheit ein Thema. Seit den siebziger Jahren kommt der Ecodesign-Aspekt hinzu, die Materialität wird kritisch hinterfragt. Die sozialen Aspekte und Auswirkungen von Design sind nun ein gegenwärtiges Forschungsgebiet. Ich denke, dass es wichtig ist, dass Designerinnen und Designer verstehen müssen, dass man über das Produkt hinaus sozial bedingte Effekte erzeugt. Transparenz für den Endnutzer bezüglich dieser Effekte, deren Komplexität dann durch ein entsprechendes Label manchmal gut abgebildet ist, ist ein ganz wichtiger neuer Wert, den wir sehr energisch einfordern. Und man sollte weniger die „fairen“ Produkte kennzeichnen, sondern vielmehr die „unfairen“. Es müssen neue gesellschaftliche Lebensentwürfe geschaffen werden. Die Gestaltung von Lebensstilen ist bestimmt ein neues Kernthema, bei dem Design eine wichtige Rolle spielt.

Können Sie mit dem Begriff der Suffizienz im Sinne eines maßvollen Handelns etwas anfangen?

Dieser Begriff wird sehr stark ideologisiert. Die Frage danach, was man wirklich braucht, ist eine sehr poetische. Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir Anerkennung dafür bekommen, dass wir immer mehr „brauchen als wir eigentlich brauchen“. Es gibt den vielzitierten Spruch des Designers Victor Papanek über die Werbebranche, die Menschen davon überzeugt, „dass sie Dinge kaufen müssen, die sie nicht brauchen, um Geld, das sie nicht haben, damit sie andere beeindrucken, denen das egal ist“. Wir sind auch gewohnt, unseren Komfort durch nicht sehr effiziente Systeme aufrecht zu erhalten. Wahre Kosten werden nicht verrechnet. Es werden mit Trinkwasser Fäkalien zur Kläranlage transportiert. Das mutet auch ohne einschlägige Kenntnisse zum Umweltingenieurwesen seltsam an. Leider sind oft Mechanismen in unserer Gesellschaft am Werk, die Innovation verhindern. Wir haben ein Projekt, das im Entwicklungshilfe-Kontext spielt. Dabei versuchen wir, infrastrukturelle Dummheiten nicht dort auch noch zu wiederholen. Aus einer prekären Mangelsituation neue Gestaltungsmöglichkeiten zu entwicklen, das könnte für uns zu einer neuen Benchmark werden. Oder das Beispiel Müllverbrennungsanlage: Das ist ja auch ein aufgelegter Wahnsinn! Dass man dort Materialien verbrennt, die zum Teil aus nicht erneuerbaren Ressourcen bestehen – das ist nicht mal eine gute Übergangssituation. Da sollte uns schon rasch etwas Besseres einfallen. Im Grunde ist die gesamte Lebenszyklusgestaltung eines Produktes von Bedeutung. Wir schauen uns ja meistens nur einen sehr kleinen Ausschnitt so eines Produktlebens an. Es ist manchmal schwieriger, das Recycling-Szenario für ein Produkt zu gestalten als das Produkt selber.

Wie ist der Stand der Forschung beim Entwurf des Algenhauses PLANT2?

Wir beschäftigen uns seit 2008 mit Algen-Projekten. Was uns daran so fasziniert, ist, dass die Welt, so wie wir sie jetzt vorfinden, ursprünglich aus der Wechselwirkungen von Algen mit der Atmosphäre entstanden ist. Wir verdanken ihnen unseren Atem. Wenn sie uns jetzt an diesem kritischen Punkt in der geoklimatischen Geschichte wieder helfen, unser Überleben zu sichern, ist das eine interessante und schöne Fortsetzung dieser Geschichte. Wir suchen dabei natürlich den Kontakt zu Wissenschaftern. PLANT1 wurde von einem Algenforscher der Universität Wien betreut. Wir haben jetzt eine Firma gefunden, wo wir den Eindruck haben, forschungstechnisch wieder einen Schritt weiterzukommen, PLANT4 ist somit in Planung. Das Spannende an der künstlerischen Arbeit mit Algen ist auch, dass sie ein Eigenleben haben, nicht wie Maschinen ein- und ausgeschalten werden können. Wir werden an diesen Future Products sicher noch eine Weile weiterforschen.

Welche weiteren Gestaltungsschwerpunkte wird es bei EOOS geben?

Unser Küchenwerkschrank b2 für Bulthaup ist auch aus einer Art Laborsituation heraus entstanden. Der Kontext der Küche wurde mit Hilfe der Poetischen Analyse kulturgeschichtlich betrachtet, um dann dieses Modulsystem zu designen. In letzter Zeit steht technologiegetriebenes Forschen für uns im Vordergrund. Das „Reinvent the Toilet“-Projekt für die Bill & Melinda Gates Foundation haben wir gemeinsam mit der Eawag, einem Forschungsinstitut der ETH Zürich, entwickelt. Nachdem wir anfangs viele Shop-Design Aufträge hatten, war die Suche nach neuen Kontexten – und nicht neuen Firmen – für uns wichtig.

Sie sind auch Founder und Chairman des IDRV (Institute of Design Research Vienna). Können Sie etwas über dieses Non-Profit-Projekt erzählen?

Hier im EOOS Büro arbeitet seit 2008 auch das außeruniversitäre Forschungsinstitut IDRV gemeinnützig. Es gibt seit 2010 eine vom IDRV iniitierte Diskussionsveranstaltungs-Reihe namens Circle. Die bisherigen fünf Themen lauteten: „How does one make a classic“, „Design science – and what makes it tick?“, „Sustainable Design. Strategies for social change“, „Revolution. What now?“ und „The Aesthetics of Sustainable Design“. Unsere Open Education Bildungsinstitution ist auch auf der Apple Lernplattform iTunes U zu finden.

Können Sie zum Schluss das Rätsel auflösen, wer der vierte Mann bei EOOS ist?

Der vierte Mann ist der italienische Futurist Fortunato Depero – der Designer des kleinen Campari-Soda-Fläschchens. Er ist für uns eine metaphorische Figur, die für einen widerspenstigen Designansatz steht.


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