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Rauschen in 3D

Peter Weibel im Interview

Peter Weibel, das Hotel Morphila Orchester steht demnächst wieder auf der Bühne und zwar im Rahmen eines umfangreichen multimedialen Projekts. Es geht um einen utopischen Entwurf zur künstlerischen und sozialen Funktion des Konzertes. Noch dazu steht das Thema Rauschen – als „Noise‘‘ in der Rockmusik – im Fokus. Was ist für das Donaufestival geplant?

In der Hauptsache sind Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des ZKM-Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe einbezogen; aus dem Tonbereich. Wir zeigen, welche Klänge im digitalen Zeitalter möglich sind. Die erste Regel heißt: Im digitalen Zeitalter kann jeder Gegenstand und jedes Geräusch jeden Ton erzeugen, entweder über einen Computer oder einen Sampler oder auch ein iPhone, wo dann eben bestimmte Klänge, bestimmte Gitarren-Riffs aus der Rockmusik oder was auch immer gespeichert sind.
In der analogen Musikwelt, sei es Gitarre, sei es Klavier, war immer das Instrument die Ausgabestelle für Klang. Heute ist es der Computer. Ich werde zeigen, dass – egal, welchen Gegenstand ich zu Hand nehme – ich völlig neuartige Geräusche hervorbringen kann. Dabei möchte ich mich konzentrieren auf das Rauschen, weil man selbst im elektronischen Zeitalter nicht genau weiß, dass das Signal schlechthin das Rauschen ist.

Natürlich meinen Sie weniger, „das Rauschen‘‘ des Wassers, sondern sprechen jenen Sound an, der im Englischen, von der Rockmusik und der Avantgarde am Computer oder Synthesizer als „Noise‘‘ bezeichnet wird.

Man hat vorher, also vor den Lautsprechern und Synthesizern, ja gar kein Rauschen erzeugen können. Vorher hat das Klavier Klaviermusik und haben die Gitarren Gitarrenklänge gemacht, aber Rauschen ist die eigentliche Erfindung unserer Gegenwart. Da möchte ich ansetzen und dieses Phänomen künstlerisch akquirieren, aber auch mit 3D-Effekten aufladen. Bei unserem Auftritt in Krems wird das Phänomen des Rauschens visualisiert und strömt durch den ganzen Saal. Besucher werden 3D-Brillen haben, werden das Rauschen visuell erleben, es werden Buchstaben und Ziffern durch den Raum fliegen, aber auch symmetrische Körper und alle anderen möglichen Formen, die wir erzeugen. Man ist gewissermaßen in einer Satellitenbahn und fliegt durch den Kosmos des Rauschens, die ganzen Rauschpartikel fliegen um einen herum.

Der visuelle Teil scheint neu zu sein, historisch befinden wir uns in einer Phase, in der 3D-Effekte in die Bildende Kunst transformiert werden. Doch, was Sie zum Thema ‚‘Rauschen‘‘ erklären, wirkt doch ein wenig aus dem Bereich der Neuen Elektronischen Musik, die per Laptop Ende der 1990er Jahre en vogue war. Was ist denn jetzt das Neue?

Wir gehen von dieser Erfahrung der 1990er Jahre aus. Wir versuchen sie aber weiterzutreiben und setzen sie performativ auf der Ebene von 3D fort. Etwa, wenn ich ein Buch aufschlage und die Seiten umblättere. Dabei sitze ich auf der Bühne. Auf akustischer Ebene hört man dann das Rauschen des Umblätterns der Seiten. Es kann sozusagen das Buch den Sound strukturieren. In Wirklichkeit ist es der Computer. Das Umschlagen von Buchseiten kann ich strukturieren, als würde ich auf Klaviertasten schlagen. Dann versuche ich aus dem Rauschen heraus einen Rhythmus zu erzeugen. Das heißt ich stehe auf der Bühne und bewege die Seiten des Buches. Dieser Akt wird gewissermaßen veredelt und verwandelt in Sequenzen des Rauschens durch Rhythmen, die wir schon vorher am Computer schreiben.

Damit schlagen Sie offenbar eine Brücke zwischen zwei Formen des Speichers, zwischen dem klassischen Buch und der Festplatte des Computers. Was da ausführlicher Erklärungen bedarf, geht offenbar über in ein vielleicht sogar ziemlich ekstatisches multimediales Konzert mit Visuals in 3D-Technolgie.

Wir werden ein Konzert spielen mit, sagen wir mal, fünf Musikern des Hotel Morphila Orchesters, die haben dann eventuell gar keine Instrumente in der Hand, sondern Bücher; und im Raum steht sozusagen der Sound. Und das nächste ist: Man kann jetzt das hörbare Rauschen übersetzen in Bit-Ströme, als in 0- und 1-Algorithmen. Diese Ströme kann ich visuell transformieren in Zahl oder Ziffer, und das ist ein Alphabet. Daraus entstehen Texte. Durch die Art, wie ich auf der Bühne diese Buchseiten umdrehe und blättere, entsteht eine Kette von Buchstaben, die effektiv auf der Leinwand und letztlich als 3D-Projektion im Raum echte Texte auslöst.

Somit taucht das Publikum in einen Sound-Bild-Rausch. Zumindest Ihrer Beschreibung zufolge.

Also ich mache auf der Bühne scheinbar Rauschen, den akustischen Teil, aber ich kann das Rauschen übersetzen durch Binärcode. Dann entstehen Sätze, und diese Sätze fliegen als Buchstaben durch die Luft.

Das wirkt, als würde das Hotel Morphila Orchester eine zeitliche Klammer von den Gründungstagen bis heute zeichnen. Die Band kommt aus dem Rock, war New Wave, ist dann in diverse performative Kontexte übergegangen, die von Pop weit entfernt sind.

Ich selber werde noch ein bisschen mit Rockgitarre spielen, aber das ist das einzige Rockmoment. Was noch wichtig ist, als performative Erscheinung: Das Publikum wird selbst eingeblendet. Per iPhone oder Handy kann das Publikum selbst an der Sound- und Geräuscharchitektur teilhaben.

Was hat sich verändert im Bereich der Rock- und Popmusik, seit das Hotel Morphila Orchester 1978 als Band gegründet wurde?

Das Aufkommen von Soundart-Künstlerinnen und -Künstlern wie beispielsweise Carsten Nicolai, der sowohl im Ausstellungskontext präsent ist als Raster-Noton, aber auch – gemeinsam mit Olaf Bender – im Club-Zusammenhang elektronische Musik macht. Eine andere Richtung wäre durch den Sound- und Videokünstler Rio¯ji Ikeda angedeutet. Ich sehe hier eine neue Generation, die man vielleicht Musik- und Foto- oder Soundkünstler nennen kann. Da sind wir klarerweise mit den Vorstellungen der achtzigerer Jahre weit hinten. Was wir versuchen, ist, die Erfahrungen aus der Rockmusik zu übertragen in das gegenwärtige Zeitalter von elektronischer Noise-Musik. Was wir beim Donaufestival machen, ist gewissermaßen ein Anschlussversuch.

Würden Sie sagen, das ist die Pop-Performance auf einer Meta-Ebene reflektiert?

Ich würde sagen, das ist die Idee. Mit der Erfahrung, die wir haben als Künstler, die in vielen Bereichen gezeigt haben, dass sie sehr fortgeschritten sind.

Kurz zu Popmusik: Ist vieles in diesem Bereich nicht anachronistisch geworden? Pop auf der Bühne?

Meiner Auffassung nach wird Pop auf der Bühne in Krems gar nicht vorkommen. Abgesehen von ein paar Minuten, wird sich niemand aus dem Publikum im Geringsten an Pop erinnern nach diesem Konzert. Weil Pop eben anachronistisch ist.

War das Hotel Morphila Orchester, als es 1978 gegründet wurde, mehr Performanceprojekt oder wirklich eine Musikgruppe?

Es war ursprünglich ein Performanceprojekt, aber dann hat sich der musikalische Teil verselbstständigt. Deswegen hat es nach einiger Zeit auch aufgehört, weil wir den musikalischen Teil nicht weiterentwickeln konnten. Jetzt ist es der Versuch, mit den aktuellen technischen Mitteln die ich über das ZKM und seine Mitarbeiternnen und Mitarbeiter habe, noch einmal an das Performative des Gründungsakts anschließen.

Der Text wird offenbar auch aufgelöst.

Ja, aber die Ebene des Textes ist trotzdem wichtig. Auch hier gibt es Vorläufer in der avancierten Konzeptkunst, wie Cerith Wyn Evan. Er hat gezeigt, wie etwa aus Morsezeichen ein Text werden kann. So wird bei uns ein philosophischer Text in Morsezeichen, sprich in Punkte übertragen, und die werden umgewandelt in kurze oder lange Einschaltzeiten von Beleuchtungskörpern. Ein ganzer Saal leuchtet dann, ein Kristallluster leuchtet auf, aber das ganze Leuchten wird gesteuert von der Sprache. Diese Übergänge verschiedenster Codes, Sprachcodes, Lichtcodes, Morsecodes, Binärcodes, entsprechen dem heutigen Stand in der avanciertesten bildenden Kunst, den versuche ich rückzuübertragen in die Noisemusik.

Aber warum sind Sie dann als Körper, als Performer auf der Bühne? Ist das überhaupt noch notwendig?

Ich habe einige Erfindungen im Bereich von Apps mit Handys gemacht, und die möchte ich selber demonstrieren. Ich verwende das Handy auf ganz neue Weise als Klangkörper. Das möchte ich an mir selber, am eigenen Körper und den Körpern der Mitspieler demonstrieren.

Eine Frage noch zum Politischen ...

Stop! Sie haben vollkommen recht, man muss was zum Körper sagen: Den eigenen Körper gibt’s in der Kunst als eine Art Klangkörper. Man kennt das Wort Klangkörper, aber man hat nie daran gedacht, dass dies der eigene Körper sein kann, bis etwa Laurie Anderson den Leuten beigebracht hat, dass selbst der eigene Körper Resonanzkörper sein kann.

Eine allgemeine Frage noch zum Politischen von Pop, aber auch Punk, New Wave und elektronischer Musik. Insbesondere der Begriff Pop hatte ursprünglich etwas Emanzipatorisches. Auch die elektronische Musik hatte Anfang der 1990er Jahre den Charakter eines Statements auf der Bühne. Wie sehen Sie aktuell eigentlich die Musik, die allgemein unter Pop oder Indie-Pop subsummiert wird?

Meiner Auffassung nach gibt es keinen einzigen politischen Aspekt mehr. Es ist im Grunde ein Teil der großen Betäubungsindustrie. Letztlich denkt man an Ibiza, an diese endlosen Partys und die Leute, die Djs, die sind mittlerweile eine neue global agierende Aristokratie. Eine riesige Industrie zur Betäubung des Publikums, zur Verblödung des Publikums, also nicht einmal Unterhaltungsindustrie, sondern wirklich große, repressive Betäubungsindustrie. Den Versuch, den wir unternehmen in Krems, ist ein Gegenbild dazu, würde ich sagen.


The Origin of Noise - The Noise of the Origin. Ein 3D-Rausch-Konzert.
Koproduktion von Donaufestival und ZKM | Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe
Mitwirkende: Peter Weibel und Ludger Brümmer, Götz Dipper, Manfred Hauffen, Bernd Linterman, Nikolaus Völzow, Manuel Weber und Hotel Morphila
Orchester: Paul Braunsteiner, Franz Dorfner, Didi Kern, Loys Egg


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