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Reanimation

Das Berliner Label Schmidttakahashi ist ein Modelabel, das Mode anders macht, aber trotzdem lässig aussieht. Eine Wiederbelebung.

Was sie machen, passt in keine Schublade. Das fällt aber auf den ersten Blick gar nicht so auf. Eugenie Schmidt und Mariko Takahashi, die eine geboren in Tadschikistan, die andere in Japan, machen nämlich Mode – und das in Berlin, wo die weiblichen Modeduos geradezu aus dem Boden zu schießen scheinen. Eugenie Schmidt und Mariko Takahashis Mode funktioniert allerdings etwas anders als die der meisten Labels. Und glücklicherweise haben die beiden Absolventinnen der Kunsthochschule Weißensee schon zum Ende ihres Studiums hin gemerkt, dass sie gut zusammenarbeiten können. Die eine studierte Modedesign, die andere Textil- und Flächendesign, nach ihrer gemeinsamen Diplomkollektion „Reanimation – Wiederbelebungsmaßnahmen“ wurde die „New York Times“ auf die Idee von Schmidt und Takahashi aufmerksam. „Das war für uns ein Grund, sofort weiter zu machen“. 2009 setzten die beiden Designerinnen ihre Nachnamen zusammen und gründeten ihr Label. Ein Label, das vor allem mit bereits vorhandenen Ressourcen arbeitet, denn Schmidttakahashi arbeiten seit ihrem Diplom mit Altkleidern. Im Sommer 2010 erhielten sie den Sonderpreis des Berliner Senats für Green Fashion. Und das, ohne sich explizit als ökologisch arbeitendes Label zu verstehen. Schmidttakahashi machen einfach das, wonach ihnen der Sinn steht. „Der Begriff Nachhaltigkeit ist heute in aller Munde, das war uns zu Beginn noch gar nicht so bewusst.“ Ihre Idee ist kein am Reißbrett entworfener Marketinggag, der auf die Green Fashion-Bewegung aufspringt, sondern entwickelte sich ganz einfach aus persönlichen Bedürfnissen: „Jahrelang konnte ich nichts weggeben“, erklärt Eugenie Schmidt. Da die eigene Kleidersammlung aber natürlich nicht ausreicht, um ein Label mit Rohmaterial zu befüttern, stellen die beiden an strategisch günstig gelegenen Orten – wie zu Beginn an der Kunsthochschule

Weißensee oder bei einer Modeboutique – ihre Container auf und sammeln gebrauchte Kleidungsstücke.„Ganz am Anfang, als wir auf der Uni einen Container aufgestellt haben, war das besonders spannend, weil da der Student neben dem Professor oder der Sekretärin Kleidungsstücke abgegeben hat. Wir haben allein dort 700 abgerockte T-Shirts und Jeans, Blazer, Röcke, aber auch Designerstücke gesammelt.“ Die wurden dann gereinigt, nach Farben und Materialien geordnet und fein säuberlich archiviert. Die Archivierung des Arbeitsmaterials bedeutet für die Designerinnen auch heute noch eine Menge unsichtbare Arbeit, die vom Fotografieren bis zu den Materialangaben, die online eingegeben werden, reicht. Das übernimmt vor allem Mariko Takahashi, die „ganz gerne programmiert“, wie Schmidt erzählt.

Die Aufgabenteilung der beiden Frauen? Produktion und Schnitt übernimmt großteils Eugenie Schmidt, handwerkliche Besonderheiten wie Makramee und Strick und eben die Archivierung sind überwiegend Mariko Takahashis Aufgaben – „wobei wir uns schon immer absprechen“, schiebt Schmidt hinterher. Zudem habe man über die Jahre hinweg die einzelnen Arbeitsschritte optimiert und automatisiert: „Die Aufnahmen von den Kleidern machen wir nur viermal im Jahr.“

Die Auswahlkriterien von Schmidttakahashi? „Wir nehmen alles außer Unterwäsche und Socken. Das können durchaus Stücke sein, die wertlos geworden sind und die man nicht mehr mag. Wenn man nicht mehr weiß, wohin damit, kann man die Sachen statt in anderen Altkleidercontainern einfach bei uns abgeben.“ Die Spender wiederum erhalten bei der Abgabe der Kleidungsstücke eine ID-Nummer und können so wie bei einem aufgegebenem Paket nachverfolgen, was aus ihrem T-Shirt oder ihrer Jacke geworden ist. Die Geschichten hinter den Kleidungsstücken und ihre Gebrauchsspuren, die interessieren die beiden Designerinnen bereits seit ihrem gemeinsamen Studium. Deshalb kann man sie nun zu einigen Stücken auch online nachlesen, eine Unterscheidung zwischen hochwertigen Designerstücken und billiger Massenware machen die beiden aber nicht. Viel relevanter: Die Beziehung der ehemaligen Besitzer zu den abgegebenen Kleidungsstücken. Über eine auf den ersten Blick unscheinbare graue Wollhose heißt es zum Beispiel: „Den hektischen Büroalltag hat mir dieses Outfit einige Jahre in Shanghai erleichtert. Maßgeschneidert von Meister Wang.“ Woraus sich die Schmidttakahashi-Stücke zusammensetzen, ist so auf ihrer Website genau nachvollziehbar. Die Bestandteile eines frühen Stückes der beiden, ein Daunentrench, wird genau aufgeschlüsselt: Ganze vier Kleidungsstücke durften in diesem Fall dran glauben. Eine sportlicher grüner Steppmantel, ein beigefarbener Trenchcoat, ein dunkelblauer Rollkragenpullover und ein blaues Wollsakko sind so zu einem ziemlich außergewöhnlichen Designerstück zusammengeschmolzen.

Irgendwie ist dieser Daunentrench auch ein typisches Stück für Schmidttakahashi, denn für besondere Materialkombinationen haben die beiden eine Schwäche. Und wenn man sich die Stücke genau ansieht, verwundert es auch nicht, dass die beiden in der Vergangenheit praktische Erfahrungen beim Label Bless, das für Kleinserien aus ungewöhnlichen Kleidungsstücken bekannt ist, gesammelt haben. Zwar verweigern sich Schmidttakahashi auf den ersten Blick nicht dem Modus saisonaler Präsentationen, die Kollektionen bestehen allerdings aus aufwendigen Unikaten – und das macht die Sache kompliziert. Um gleichzeitig dem ökonomisch unabdingbaren Wunsch nach Reproduktionen nachzukommen, ist so mittlerweile eine weitere Kollektion hinzugekommen: die Duplikatserie. Die besteht aus besonders beliebten Stücken, die leichter nachzuproduzieren sind. Zum Beispiel aus ineinandergesetzten Baumwoll-Shirts oder Blusen, die mit angesetzten Plissees zu besonderen Stücken werden. Von Secondhandware können Eugenie Schmidt und Mariko Takahashi nicht so ganz ihre Finger lassen. „Als Passe oder Kragen kommen in die Stücke aus neuen Stoffen alte Stücke mit hinein, um klarzumachen, dass das Stück auch zu unserer großen Familie gehört“, meint Schmidt. Keine Frage: Hinter Schmidttakahashi stecken zwei echte Überzeugungstäterinnen.

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