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Um die Ecke denken

Illustration, Kunst, Architektur, Grafikdesign & Co: Die Gestalten Verlag bietet all das und mehr. Robert Klanten, Gründer, Verleger und Herausgeber in Personalunion, erzählt vom Büchermachen und darüber, warum er lieber ein Tattoo-Buch statt Kochbücher publiziert.

Das Verlegersein passiert einem – zugegeben: wenigen von uns – und die Wege dorthin sind verschlungen. So hat auch Robert Klanten mit etwas anderem begonnen. Das Industrial-Design-Studium entwickelte sich nicht ganz so erfüllend wie angenommen, sodass er sich gegen dieses Berufsbild entschied. Eine Abhängigkeit von den großen Herstellerfirmen erschien wenig verlockend. Seine Lebensgestaltung sah anders aus: „Ich war an vielen Dingen interessiert und bin kulturell sehr umtriebig gewesen – habe für Zeitungen und Magazine geschrieben, für Agenturen gearbeitet“, erzählt er. In jener Zeit verfasste er auch Musiktexte und trat mit Band auf.

Die erste Publikation Klantens war der Katalog zu einer von ihm mitorganisierten Möbelprototypenshow für die Frankfurter Messe. Bald darauf, inzwischen in Berlin ansässig, stellte sich die Frage: Was tun mit den vorhandenen Kontakten und Ideen? Den Überlegungen folgte ein Plan und Klanten berichtet kurz und knapp im Stakkato-Stil, dass er ein Buch gemacht habe, das gut funktionierte. Es folgten die Unternehmens- und Verlagsgründung. Et voilà. So einfach, so unaufgeregt die verbale Darstellung, so interessant der erste richtige (Buch)Wurf des angehenden Verlegers, denn mit „Technoart. Localizer“ gelang ein überraschender Erfolg. „Wir hatten es als Subkultur- und Szene-Projekt gesehen und geplant, von einer Szene für eine Szene. Letzten Endes war das vollkommen falsch, denn die waren wenig interessiert und haben ihr Geld lieber für Diskotheken, T-Shirts und Platten ausgegeben. Neugierig geworden sind Werbeagenturen und Leute, die sich für solche Kulturen interessieren, da gab es gutes Feedback. Es kam zum Beispiel ein Bote von Nike und hat Bücher abgeholt ... Das hat uns bestärkt und gezeigt, dass hier eine Lücke existiert.“ Das erste Buch war nicht nur programmbestimmend, sondern gilt auch als Initialzündung für die weitere Produktion. Denn hätte dieser Titel nicht funktioniert, hätte man nicht weiter publiziert, so Klanten. Das Programm von Die Gestalten Verlag (um es hier einmal richtig zu schreiben) bedient mehrere Genres wie Kunst, Architektur, Design, Illustration, Graphikdesign, Fotografie, Typografie etc. Bei genauerer Betrachtung wird schnell klar: Produkte für die breite Masse gibt es nicht. 2002 wurde im Verlag das weltweit kleinste Buch hergestellt. Der in Ziegenleder gebundene Titel ist etwa so groß wie ein Streichholzkopf (!) und im Internet um 2288,88 Euro verfügbar. Gestalten ist ein Verlag der Nische: „Wir haben keinen Mainstream, wir haben keine Bücher über Leute, die im Fernsehen kochen. Das ist nicht unser Bier. Auch wenn wir in den jeweiligen Ländern nur kleine Mengen absetzen: Wenn man zusammenzählt, was wir in 100 Ländern – von Australien über Österreich, Slowenien oder sonst wo – verkaufen, summiert sich das. Es ist ein sehr fragmentiertes Geschäft. Das hört bei uns nicht an der Landesgrenze auf.“ Mittlerweile umfasst die Verlagsproduktion rund 400 Titel. Und: alles ist möglich, sogar Kochbücher, wenngleich dem Kochbuch-Hype auf einer anderen Ebene begegnet wird. Mit „A Delicious Life“ (März 2013) werden neue Food Entrepeneurs in Szene gesetzt, deren teils sehr schräge Ideen und Umsetzungen vorgestellt. Das Thema Food sei hochspannend, erzählt Klanten, das klassische Kochbuch mit Rezepten interessiere ihn aber nicht.

Robert Klanten ist nicht nur Verleger, sondern auch immer wieder als Herausgeber tätig. Gestalten produziert die wichtigsten Bücher im Berliner Stammhaus selbst. Es wird vor Ort konzipiert, geschrieben, gelayoutet und gestaltet, auch Pre-Press, Bildlizenzen und Ähnliches werden intern abgedeckt. „Wir machen diese Titel so wie andere Leute Magazine machen“, erzählt er und fügt hinzu: „Andere Verlage kriegen oft den Auftrag von extern und tragen das Geld zum Drucker und holen die Bücher dort ab. Uns interessiert das nicht, wir arbeiten anders.“ Im Verlagsteam hat jeder der Mitarbeiter seine Spezialgebiete, gemeinsam werden die Themen entwickelt und zusammengestellt. Klantens Spezialgebiet ist unter anderem Themenfindung und Konzeption. Beginnend bei der Basisrecherche, für den Bereich wichtige Personen finden und dann wird der Ball an einen Kollegen weitergespielt. Auf die – eher rhetorische – Frage, ob das nicht ein ungewöhnliches Verlegerprofil sei, gibt er schmunzelnd zur Antwort: „Ja, mag sein …“ Es könnte gar der Eindruck entstehen, dass er ausschließlich Dinge mache, die er gern tue. Klanten winkt ab, denn immerhin müsse er auch mit Steuerberatern reden oder kaufmännische Dinge abhandeln.

Der Ablauf der Buchproduktionen wurde mittels „Hand to Type“ nachgefragt. Laut Klanten habe sich dieser Titel jedoch als eher atypisch erwiesen. Das vorhin beschriebene Vorgehen klappte inklusive der Suche nach Ansätzen und Aufbereitung. Auch der notwendige Spezialist war rasch gefunden, nur dachte Jan Middendorp seit längerem selbst darüber nach, zum Thema ein Buch zu machen. Lange Gespräche, in denen die Vorstellungen von Autor und Verlag aufeinander abgestimmt wurden, folgten: „... dann hat Middendorp die Idee weitergeführt. Er hat die Texte und die Leute organisiert. Wir haben die Struktur festgelegt, die Zeichnungen und Bilder ausgewählt und so weiter. Sprich: Schlussendlich das Ding zum Buch gemacht.“ Ein untypisches Beispiel, das auf seine Art zeigt, wie man bei Gestalten arbeitet – eben undogmatisch. Man geht aufeinander zu und im Idealfall kommt ein Buch dabei raus.

Kunst, Design, Architektur und verwandte Themen sind meist hochpreisig. Die Preise für das avisierte Publikum erschwinglich zu halten, ist eines der Ziele. Buchpreise sowie das Kauf- und Nutzerverhalten sind in Bewegung, sodass Klanten eine künftige Verteuerung der Bücher nicht ausschließen kann. Eine Verschiebung der Mediennutzung ist erkennbar, heißt es: „Bücher versuchen mit anderen Medien zu konkurrieren, teils in Bereichen, wo sie nicht sonderlich stark sind. Das hat einen enormen Einfluss auf die Verlage. Darum sollte man versuchen, Bücher nur mehr so funktionieren zu lassen, dass sie auch über einen längeren Zeitraum Freude bereiten.“ Während einst für die Planung einer Reise intensiv Reiseführer und Bücher genutzt wurden, kommt nun ersatzweise das Internet für die Recherche zur Anwendung. Bücher übernehmen die Abstand nehmende und zeitlich verschobene Informationsvermittlung. Heutzutage werden die Beschreibungen und Angaben zu einer Unterkunft im „Irgendwo“ schnell obsolet.

    Unabhängigkeit ist wichtig, jedoch kein Paradigma. So überrascht auch die Abkehr von dem ansonsten im Kunstbuchbereich üblichen Lizenzverfahren kaum. Jährlich wird auf der Frankfurter Buchmesse um Lizenzen guter ausländischer Titel gefeilscht, um diese für den heimischen Markt produzieren zu dürfen. Lange Vorlaufzeit inklusive. Bei Gestalten wird das anders gehandhabt. Denn bei temporären Büchern funktioniert dieses System nicht. Die Verlagsarbeit besteht u.a. darin, „alles, was durch das klassische Verlagssystem nicht zusammen ist, zusammenbringen“. Anders als andere Verlage wird bei Klanten und Co nur wenig auf Deutsch publiziert: „Letztens haben wir drei Titel ganz bewusst für den deutschen Markt produziert. Ansonsten machen wir alles auf Englisch. Es war auch überraschend, dass, wenn wir Titel verlegt haben, die in beiden Sprachen erschienen sind, beide etwa gleiche Absatzzahlen hatten. Gerade in unserem Bereich sind die Leute ganz froh, wenn englische Bücher angeboten werden. So bestand oft wenig Notwendigkeit, eine Übersetzung vorzunehmen.“ Dementsprechend gab es zuerst einen japanischen, englischen sowie amerikanischen Vertrieb, der deutsche kam als letzter. Der Name Gestalten ist etabliert, inklusive (englischsprachigem) Wikipedia-Eintrag. Reine Freude wird hierzu nicht verzeichnet: Es geht nach wie vor darum, die Erwartungshaltung zu brechen, denn ansonsten sei man halt der Grafikdesign-Verlag … Das wolle man so nicht.

Ein steter Wandel wird vollzogen. Branche wie Buchkäufer verändern sich – das ist keine Neuigkeit mehr. Bei Gestalten hat man dieser Thematik längst Rechnung getragen. In Berlin Mitte, nahe der Museumsinsel, wurde im Frühling 2011 auf 350 Quadratmetern der „Gestalten Space“ eröffnet. Neben den Büchern werden Ausstellungen, Vorträge und Diskussionen zu aktuellen Themen, von und mit internationalen Gästen und Workshops angeboten. Der Flagshipstore sei laut Klanten nicht als Verkaufsraum angelegt, das Ziel sei vielmehr, die Kunden besser kennen zu lernen. Spannend ist das Feedback der (potenziellen) Buchkäufer, die Interaktion mit den Kunden, was sie tun, mögen und woran sie arbeiten. Viele Konsumenten kennen die Verlage, deren Bücher sie erwerben nicht (und noch weniger beim Namen). Dazu passend zitiert Klanten einen Branchenkollegen und Freund: „Der Verleger Thomas Neurath von ,Thames and Hudson‘ hat zu mir gesagt: ,Robert, Menschen kaufen keine Verlage, Menschen kaufen Bücher. Die wissen oft gar nicht, ob das Buch von dir oder von mir ist. Da hat er auch zum großen Teil recht, aber ich denke, dass es als Verlag wichtig ist, ein gewisses Profil zu haben – eine Identität. Der Space hat uns geholfen zu sehen, was die Leute mögen, umgekehrt wiederum verstehen die Kunden nun besser, was wir gut finden, was wir eigentlich machen. Mit unseren Autoren und Künstlern Ausstellungen zu machen, das ist toll. Das wollen wir auch in Zukunft vorantreiben!“

Eine Orientierung an anderen Verlagen gibt es nicht. Klanten ist indes vom Gegenteil überzeugt und führt als Beispiel den TASCHEN Verlag an, der wundersamerweise immer wieder mal Themen aufgreife, die man bei Gestalten bereits erfolgreich umgesetzt habe. „Die machen dann in ein zwei Jahren einen Klopper draus und versuchen das Thema damit zu erschlagen, ob bei Illustration, Logo oder Informationsgrafik … die Liste ist ziemlich lang. Aber die würden kein Deichkind-Buch machen, das lohnt sich nicht. Wir hingegen versuchen flink und flexibel zu sein und setzen dort an, wo wir einen inhaltlichen Vorsprung haben!“ Denn Büchermachen sei, so Klanten mit Blick auf das eigene Programm, auch immer eine Frage der Akzeptanz, der Subkultur und des Wissensvorsprungs. Die Liste der Titel bringt Interessantes zutage wie „Designing Newspaper“ von Francesco Franchi (August 2013). Der junge Autor, eine Koryphäe auf seinem Gebiet, wurde bereits mehrfach für Workshops im Space gebucht. Der Andrang war enorm. Klanten bezeichnet Franchis Buch als einen absoluten Spezialtitel. Daneben gibt es noch viel anderes: So war im Bereich der Illustration ein gewisses Comeback zu bemerken, so Klanten. Das interessierte Publikum samt aktiver Szene hat man mit einigen Publikationen wie „Illustrators Unlimited“ begleitet. Untertitel: „The Essence of Contemporary Illustration.“ Nomen est omen, stellt der Band eine Reihe bekannter wie unbekannter Illustratoren aus aller Welt vor. Illustrationstechniken werden anhand von Arbeiten aus Zeitungen, Werbung, Büchern oder anderen Medien gezeigt.

Realisiert wird all das mit einem fixen Redaktions- bzw. Verlagsteam samt freien, projektbezogenen Mitarbeitern. „Wir versuchen bei den Kreativen eine Fluktuation zu haben ... Es ist nicht gut, wenn man ein Buch nach dem anderen macht, von morgens bis abends. Man soll Lust drauf haben. Die dürfen gern mal in einem anderen Job arbeiten, weil dann kommen meist gute Sachen dabei raus.“ Neue Leute bedeuten neue Ideen und Ansätze. Frisch bleiben ist die Devise … und ein bisschen um die Ecke denken! So wie bei „Forever. The New Tattoo“, 2012 erschienen. Zur Herangehensweise: Man orientierte sich am bereits Vorhandenen und entschied – so wird es nicht gemacht! Ist ein gutes Thema gefunden, heißt das noch nicht, dass auch ein Buch daraus wird. Wenn die Thematik bereits „overpublished“ ist, wird die Idee fallengelassen. Nicht so bei Tattoo, denn hier wurde der Boom, der sich von Underground in Richtung Mainstream verschoben hat, zum Thema erhoben. Klanten hat zwar, wie er sagt, keine Lieblingsprojekte, aber das Tattoo-Buch fand und findet er toll! Er selbst sei nicht tätowiert, im Gegensatz zu Floyd E. Schulze, Mitarbeiter sowie Ko-Herausgeber, der „von oben bis unten vollgemalt“ sei ... Der Tattoo-Titel hat sich über mehrere Jahre entwickelt: „Plötzlich haben Leute, die ich als Illustratoren kannte – mit gutem, sehr anspruchsvollen illustrativen Stil – ihr Profil in den Tätowierbereich verlegt. Das Ergebnis war ein Kampf der Kulturen: Traditionalisten gegen Erneuerer. Irgendwann war der Streit beigelegt. Die Neuen haben gelernt, handwerklich gut zu tätowieren und den Alten Tribut gezollt. Und die Alten bekamen frische Ideen geliefert.“ Auch inhaltlich entwickelte sich der Titel zu einem spannenden Projekt, da die Tätowierer alle sehr eloquent waren. Überraschenderweise, gibt Klanten zu und erklärt dies so: „Der Tätowierer muss den Kunden überzeugen. Immerhin ist es eine Entscheidung fürs Leben. Insofern sind sprachliche Qualitäten notwendig, um überzeugen zu können.“

Über persönliche Lieblingsprojekte will der Verleger nicht sprechen. Büchermachen sei ohnehin eine Herzensangelegenheit. Lieblingsprojekte werden von Klanten eher abgegeben, da er befürchtet, eine zu persönliche Tonalität hineinzubringen. Immerhin wolle er Bücher verlegen, die für andere interessant sind, merkt er an. Dennoch: „Ich glaube, es ist bei Verlegern so, dass es ein Stück weit dazugehört, sich an der breiten Masse zu orientieren, aber ich versuche natürlich, die Bücher zu machen, die ich selber gerne sehen würde – und die ich verkaufen kann. Es gibt ein paar Titel, die ich total gerne verlegen würde, nur weiß ich genau: Das Geld kann ich gleich aus dem Fenster schmeißen!“ Welche Bücher das sein könnten, blieb ungesagt. Auf die Herausforderungen in seiner Branche angesprochen, ergibt sich eine kurze Nachdenkpause, die Klanten so beendet: „Wenn ich nur mehr ins Büro fahre, um mein Geld zu verdienen, dann werde ich den Laden verkaufen. Ich fühle mich bei jedem einzelnen Buch herausgefordert, jedes einzelne muss mich interessieren, und wenn mir irgendwann dafür der Enthusiasmus abhanden kommt, höre ich auf. Denn ohne all das werden die Bücher weder für mich noch für andere funktionieren!“ Nach dem eine Stunde dauernden Gespräch mit Robert Klanten kann eines als sicher angenommen werden: Enthusiasmus ist ausreichend vorhanden!

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  • Fotos: Die Gestalten Verlag
  • Issue: 21
  • Keywords: Books