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Der Mensch als wandelndes Körperarchiv

Das ImPulsTanz Festival geht dieses Jahr zum 30. Mal im sommerlichen Wien über die Bühne. Für das FAQ Magazin gab es eine Diskussionsrunde mit Nicole Berndt-Caccivio, Rio Rutzinger und Doris Uhlich, drei Protagonisten aus der zeitgenössischen Tanzszene, die uns über den Umgang mit Alter im Tanz informierten. Michael Turinsky ergänzt diesen Schwerpunkt aus dem Blickwinkel eines Menschen, der mit anderen körperlichen Einschränkungen als denen des Alters im täglichen Leben und seiner Arbeit umzugehen weiß.

Das Festival ImPulsTanz wird heuer 30, hat also schon ein gewisses Alter erreicht. Anlass für uns, Fragen zum Thema Altern und Tanz zu stellen. Inwiefern spielen Alter und der persönliche Reifungsprozess eine Rolle beim Choreografieren? Braucht es ein gewisses Alter und die dazugehörende Lebenserfahrung, um ein guter Choreograf sein zu können?

Rutzinger: Im zeitgenössischen Tanz ist alles sehr individuell. Nicht wie beim klassischen Ballett, wo Tänzerinnen und Tänzer mit 38 Jahren in Pension gehen müssen und gar nicht mehr weiter in einem offiziellen Ensemble tanzen dürfen. Die Primaballerina Marcia Haydée wollte nach dreißig Jahren weiterhin mit ihrem Körper arbeiten und hat die Form des Yoga Ballet entwickelt. Wim Vandekeybus hatte im Alter von 22 Jahren bereits weltweiten Erfolg als Choreograf des Stückes „What the body does not remember”, ebenso Anne Teresa De Keersmaeker.

Uhlich: Das Thema Alter in Verbindung mit mehr Erfahrung zu bringen, halte ich für ein Klischee. In einem künstlerischen Prozess geht es vor allem um Intensität. Da kann der erste Wurf eines Choreografen der spannendste sein. In einer künstlerischen Karriere finde ich zwei Punkte spannend: den Start und dann den Wendepunkt nach ein paar Stücken, wo man dann wieder unerfahren sein möchte. Meine Balletttrilogie „Spitze”, „Rising Swan” und „Come Back” ist abgeschlossen. Ich fühle mich jetzt wieder ein bisschen wie eine Anfängerin. Ich genieße diesen Moment sehr. So kommt man immer wieder zu einem Punkt, wo mit Routinen gebrochen wird.

Ist es leichter, mit älteren Personen zu arbeiten, wenn man selber schon älter ist?

Berndt-Caccivio: Das Thema Älterwerden beschäftigt mich natürlich, ich bin heuer 50 geworden. Meine Haare nicht mehr zu färben und dieses Grau zu akzeptieren, war ein großer Schritt. Als jüngerer Mensch verarbeitest du in einem Stück andere Thematiken.

Uhlich: Mich hat die Fragilität und Robustheit des älteren Körpers sehr interessiert. Wenn ein 88-jähriger Mann konzentriert vor mir zu Boden geht und wieder aufsteht, hat mich das sehr beeindruckt und mir wieder gezeigt, was Tanz alles sein kann. Ich habe durch diese Arbeiten auch keine Angst mehr, alt zu werden. Ich verstehe den Menschen als wandelndes Körperarchiv. Man ist ein Spurensammler, und diese Spuren wieder beweglich zu machen, das finde ich spannend. In meiner Arbeit mit älteren Menschen steht kein tanztherapeutischer Aspekt im Zentrum, es ist die künstlerische Körperebene wie z.B. bei den pensionierten Balletttänzerinnen und -tänzern in „Come Back”. Meine Erfahrung bei den Ruhestandstanz-Workshops mit Amateuren war die Begeisterung der Leute, dass es kein „Schonprogramm“ gab: Ich bremste sie nicht, sondern sie konnten bestimmen, wann sie aufhören. Sie wollten nicht, dass ich auf sie aufpasse, sondern dass sie auf sich selber aufpassen können.

Berndt-Caccivio: Das Älterwerden sollte als Ressource und nicht als Defizit verstanden werden. Ich arbeite zum Beispiel mit Technomusik und das kommt bei den älteren Teilnehmerinnen und Teilnehmer gut an, da sie dafür aufgeschlossen sind. Aber nicht nur das Bewegen und Tanzen ist gesundheitsfördernd, sondern auch das sich gemeinsam einen Raum teilen oder sich überwunden zu haben, überhaupt hinzugehen. Viele ältere Menschen sind ja alleine und ziehen sich zurück.

Rutzinger: Wir haben anfangs auch Kritik für die Einführung der Golden Age Kategorie einstecken müssen, da sich die Menschen dadurch altgemacht fühlten.

Im Bewusstsein vieler Menschen ist Tanz ein Sinnbild von Agilität, Fitness und Jugendlichkeit. In den meisten MTV-Clips beispielsweise sind die Tänzerinnen und Tänzer jung, schön, dynamisch und unheimlich fit. Kann die Arbeit mit Körpern, die diesen Klischees vergleichsweise wenig entsprechen, eine Öffnung des Tanzbegriffes im Bewusstsein der Allgemeinheit unterstützen?

Uhlich: Ja. Es gibt auch in Wellen gewisse Moden und Trends, mit Laien oder nicht-konformen Körpern zu arbeiten.

Momentan werden viele Projekte mit Randgruppen der Gesellschaft initiiert. Ich finde es auch ein bisschen gefährlich und heikel, wenn diese Projekte sofort den Stempel „politisches Theater“ bekommen. Man hat immer Verantwortung, wenn man ein Stück iniziert und muss genau herausfinden, was einem an der Biografie und am Körperlichen eines Menschen interessiert. Ich finde rein dokumentarisches Theater, eine 1:1-Verpflanzung des Alltags auf die Bühne, uninteressant. Ist das dann Überredungskunst-Theater?

Berndt-Caccivio: Im zeitgenössischen Tanz mit älteren Menschen zu arbeiten ist ja nicht neu. Das gab es schon in England in den 1970er und 1980er Jahren in den Community-Projects. Es gibt jetzt diese Aufmerksamkeit, weil bekannte Choreografen gerade so arbeiten. In Zürich gibt es das Tanztheater Dritter Frühling seit 1998 und dieses tourt weltweit. Wir sind allerdings auch in einer Zeit, in der sich die alten Menschen selber neu definieren. Die heute 60-Jährigen wollen etwas anderes als noch zum Beispiel die Generation vor ihnen.

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