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"Ich tat nichts Böses ..."

Text: Jörg Becker Fotos:

„Soweit ich zurückdenken kann, ist in meinem Leben die Grenze zwischen Phantasie und Wirklichkeit hoffnungslos verwischt gewesen. Ich habe lange gebraucht, um zu erkennen, daß gerade dies der Schlüssel zu meinem Dasein ist.“

(Beginn von Roman Polanskis Autobiografie „Roman“, 1984)

Roman Polanski wurde am 18. August 1933 in Paris als Rajmund Roman Liebling geboren. Drei Jahre darauf zogen seine Eltern mit ihm und seiner Halbschwester wegen des wachsenden Antisemitismus in Frankreich nach Krakau in die Heimatstadt des Vaters, des jüdischstämmigen Malers und Bildhauers Ryszard Liebling. Nach dem deutschen Überfall auf Polen holten die NS-Besatzer die Menschen im Krakauer Ghetto nach Listen ab, anscheinend planmäßig rissen sie die jüdischen Familien auseinander. Es herrschte Zwang zum Tragen von Armbinden mit Davidstern, Polanskis Familie wurde innerhalb des Ghettos mehrfach umquartiert. Durch Stacheldrahtzaun sah der Junge Propagandafilme der Wehrmacht, wurde Zeuge willkürlicher Morde der SS, die er in seiner bereits 1984 erschienenen Autobiografie schildert, traumatische Erlebnisse, deren kindlich klare und unmittelbare Wahrnehmung ihm immer gegenwärtig blieben. Eines Tages holten sie die Schwester. Polanskis Mutter, schwanger im sechsten Monat, wurde nach Auschwitz deportiert und ermordet. Sein Vater überlebte das KZ Mauthausen. Der Junge, getrennt von den Eltern und aus dem Krakauer Ghetto entkommen, überlebte versteckt gegen Bezahlung bei polnischen Kleinbauern, getarnt als katholischer Pole namens Roman Wilk. In einem Interview berichtet Polanski, ein katholischer Priester habe ihn damals bedrängt, seine jüdische Abstammung zuzugeben. Die Erfahrung dieser existenziellen Bedrohung habe ihn zum Atheisten gemacht: „Seit diesem Tag gibt es keinen Glauben mehr für mich.“ („Alle waren tot – ich hatte als Einziger überlebt“, Welt am Sonntag, 9.September 2012)

Im Gespräch mit dem niederländischen Schriftsteller Leon de Winter 2002 in Paris erinnert sich Polanski an seine Jugend im Krakauer Ghetto, darunter die Momente, die für sein Überleben entscheidend waren, kurz bevor die Deutschen das Ghetto liquidierten bzw. die restliche Bevölkerung deportierten: „Um fünf Uhr morgens [es war der 13. März 1943] brachte mein Vater mich zum Stacheldraht. Er schnitt ihn mit einer Zange auf. Ich hatte ihm nicht erzählt, dass ich mich manchmal unversehrt raus- und reingeschlichen hatte, denn das war sehr gefährlich. Ich bin sogar mal rausgeschlüpft, um in einem Laden Briefmarken zu kaufen, denn ich hatte eine Briefmarkensammlung. Unweit vom Haupteingang schnitt mein Vater also den Stacheldraht auf und sagte: Geh. Und so ging ich. Allein. Der kleine Stephan blieb im Ghetto. Sie haben ihn auf dem Schulhof erschossen, mit anderen Kindern zusammen … Sie haben damals alle Kinder getötet.“

Das Gespräch mit de Winter beendete Polanski mit einem Witz: „A Jid ist von einem Felsen gestürzt und hängt nun über einer Schlucht, denn er hat sich gerade noch mit den Finger an einem Felsvorsprung festklammern können. In Todesnot ruft er um Hilfe. Da ertönt eine Stimme: ,Wer ruft da?‘ – ‚Ich, ich, ich‘, ruft der Jid, ‚hilf mir, hol mich hier raus!‘ – ‚Ja, das kann ich‘, sagt die Stimme, ‚aber sag: Glaubst du an mich, hast du Vertrauen zu mir?‘ – ‚Ja‘, ruft der Jid, natürlich, aber … aber: Wer bist du?‘ – ‚Ich bin der Schöpfer von Himmel und Erde, und also auch von dir‘, sagt die Stimme. ‚Vertraust du mir wirklich?‘ – ‚Ja‘, ruft der Jid, ‚ich glaube an dich!‘ – ‚Gut‘, sagt die Stimme, ‚du musst also Folgendes tun: Lass los und falle, und alles wird gut.‘ Der Jid denkt: ‚Oi, loslassen‘, und blickt vorsichtig nach unten, wo er einen scheußlich tiefen Abgrund unter sich sieht. Und er ruft in Richtung der Stimme: ‚Ist da oben nicht noch jemand anders ?‘ “

„Noch immer“, so Polanski in seinen Memoiren, „ ‚funktioniere‘ ich als professioneller Unterhalter. Ich erzähle lustige Geschichten, trage sie wirkungsvoll vor, lache viel und genieße die Gesellschaft von Menschen, die gern lachen; doch im Tiefsten bin ich mir der Hohlheit meines Lachens bewußt.“ („Roman“)

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