article_521_01_karlstoecker_kariann_580x396.png

Glamour for glamour

Glam war eine Haltung der lustvollen Selbstinszenierung, die der introspektiven Authentizitätsfindung der zu Ende gegangenen Hippie-Ära einen glitzernden Spiegel vorschob. Die Wanderausstellung „GLAM! The Performance of Style“ ist eine Produktion der Tate Liverpool, war bis Ende September in der Schirnkunsthalle Frankfurt und ist ab Mitte Oktober im Lentos Kunstmuseum Linz zu besichtigen.

Authentizität wird aktuell umfangreich diskutiert. Das Spektrum relevanter Felder reicht dabei von Politik, Religion, Werbung, Tourismus, Lebensmittel, Pornografie bis hin zu bildender Kunst, Theater, Film, Literatur und eben auch Musik. Befinden wir uns im Age of Authenticity?

Die Suche nach Authentizität scheint ein zentrales Bedürfnis unserer Zeit zum Ausdruck zu bringen. Ist das gestiegene Verlangen nach Echtem, Natürlichem, Unmittelbarem, Glaubwürdigem ein Verweis auf tief greifende gesellschaftliche, ökonomische und technologische Veränderungsprozesse?

Es gilt als authentisch, innere Überzeugungen und äußeres Handeln in Übereinstimmung zu bringen. Diesen Anspruch richten Hörerschaften seit mindestens Mitte der 1960er- Jahre auch an Rock- und Popmusiker, wobei das von den britischen Art Schools vermittelte Künstlerbild damals noch stark romantisierte Züge trug. Als Vorbilder dienten beispielsweise die Beat Poets des Vorgängerjahrzehnts oder Dichter des 18. und 19. Jahrhunderts wie Baudelaire, Rimbaud, Keats oder Blake: Unangepasste Individuen mit besonderer Persönlichskonstruktion, die ihren eigenen Überzeugungen folgend ein Leben weitgehend unabhängig von gesellschaftlichen Autoritäten führten. Sie verweigerten die Erfüllung von Rollenerwartungen, die durch Anpassungen an Verhaltenskonven-tionen oder die Umsetzung von traditionell bestimmten Lebensentwürfen determiniert war.

Verbreitet sind solche Ideale seitdem in allen Spielarten der widerständischen, populären Musik. Als besonders authentisch gilt demnach, wer so viele Entscheidungen und Produktionsschritte wie möglich selbst verantwortet.

Mit dem Ideal der persönlichen Authentizität verbunden, aber anders motiviert, ist der Anspruch, dass Musiker den Werten ihres Publikums und ihrer Fans und Förderer, insbesondere der lokalen oder sozialen Subkultur, aus der sie hervorgegangen sind, treu bleiben. Sie sollen sich auch im Falle von Erfolg und gesellschaftlichem Aufstieg mit dieser Subkultur identifizieren. Die persönliche Authentizität, das Verfolgen der eigenen Werte und die soziokulturelle Authentizität, die Übereinstimmung mit teilkulturellen Werten des Publikums und des Umfeldes lassen sich aber nicht immer aufrechterhalten.

Ebenfalls romantischen Ursprungs ist der Anspruch an emotionale Authentizität. Musik, die emotional bewegt, sollte doch ihren Ursprung im persönlichen Leben der Musik haben. Musik wird dabei mehr oder weniger bewusst als kulturelles Medium verstanden, das der Kommunikation wichtiger Lebenserfahrungen dient. Musikschaffende nutzen mithilfe ihrer handwerklichen Authentizität Musik, um eigene emotionale Erfahrungen zu denen anderer in Beziehung zu setzen, um zu imaginieren, wie es sich anfühlt, in bestimmten Situationen zu sein, um mit ihren Gefühlen nicht allein zu sein.

Ist der emotionale Ausdruck autobiografisch verwurzelt? Anders als von Schauspielern glaubt und fordert man doch von Pop- und Rockmusikern kaum, dass sie sich für verschiedene Songs in verschiedene Rollen versetzen, sondern dass sich der emotionale Ausdruck ihrer Songs aus ihrem eigenen Gefühlsleben speist, diese also tatsächlich Facetten der Persönlichkeit zum Ausdruck bringen. Entsprechend wird in vielen Stilbereichen erwartet, dass Interpreten ihre Songs selbst schreiben. Es herrscht bei einem nicht geringen Teil des Publikums weiterhin die romantische Vorstellung vor, dass Emotionen geeigneter seien, etwas Wahres über menschliche Verhältnisse zur Welt zu vermitteln. Echte Wahrheit gibt es nur im Gefühltem: Durch Gestik, Mimik und eben Musik zum Ausdruck gebrachte Emotionen gelten dabei nach wie vor als unmittelbarer, unverfälschter, also authentischer Ausdruck des Selbst.

Doch seit den 1970er-Jahren gibt es auch eine glamouröse Gegenoffensive: das Bestreben, eine so offensichtlich inszenierte Bühnenshow zu bieten, dass niemand auch nur auf die Idee kommen könnte, hier sei etwas Privates, Unverstelltes über die Musiker zu erfahren. Glitzernde Oberflächen, liiert mit Aspekten der Travestie, deren Innenwelten unmöglich zu betreten scheinen.

Diese Tradition reicht von David Bowies theatraler Ziggy Stardust-Tournee über die Roxy Music-Auftritte von Bryan Ferry & Co, die 1972 mit exaltierten Kostümen, ironischer Bühnenshow sowie herausgestellter Künstlichkeit die Rock-Authentizität ihrer Zeit in Frage stellten. Sie alle haben den Inszenierungscharakter ihrer Glam-Rock Konzerte deutlich herausgestellt und sich damit zugleich der konventionellen Inszenierung von Authentizität verweigert.

Der Verzauberungskünstler Marc Bolan verwandelte sein hippieskes, introspektives Psychedelic-Folk-Monster Tyrannusaurus Rex in ein mädchenherzenbrechendes Ungetüm, das auf den eingängigen Namen T. Rex hörte und mehrer Nummer-eins-Hits in den britischen Charts landete. Lou Reed, der mit der Truppe The Velvet Underground schon in den 1960ern ein lokales Publikum in der versilberten Factory im Rahmen der glamourösen Bühnenshows Exploding Plastic Inevitable von Warhol begeisterte, wurde Anfang der Siebziger Jahre von David Bowie zu einem Walk On The Wild Side eingeladen. Bowie, der selbstironisch zurückblickend davon erzählt, dass er oftmals optisch mit den Velourstapeten der Hotelzimmer verschmolz, sobald er sich für die Show umgezogen hatte, produzierte das Reeds Album mit dem bezeichnenden Namen Transformer. Glitter und Stardust lagen in der Luft und gaben auch formidable Nachnamen für weitere Protagonisten dieser Zeit der Pose ab.

Doch was offenbart ein Blick hinter die Kulissen? Welche Rolle spielten Frauen abseits kreischender Fan-Kohorten in der männerdominierten Glam Rock Welt? Es steht außer Frage, dass June Bolan und Angela Bowie entscheidende Erneuerungen der Erscheinungsbilder ihrer Ehemänner erwirkten. Sie waren eine Kombination aus Muse, Managerin und Stylistin. Obwohl das androgyne und transsexuelle Äußere der Glam-Rock-Stars unterschiedliche kulturelle Einflüsse hatte –Bowie entdeckte seine Liebe zum japanischen Kabuki-Theater – war es doch meist die Kreation einzelner Frauen. Chelita Secunda, die Frau von Marc Bolans Manager Tony Secunda, ging mit diesem Frauenkleidung für T. Rex Shows shoppen. Sie oder June Bolan war es auch 1971, die ihm Glitter auf die Wangen streute, bevor er die Glam Rock launchende Performance bei Top of the Pops ablieferte. Angela Bowie, die damalige Frau von David Bowie, zeigte diesem die Schwulen-Klub-Szene von London und kreiierte so seinen androgynen Look. Johnny Thunders, der Leadgitarrist der New York Dolls wurde von seiner Freundin Janis Cafasso geschminkt und in Frauenkleidung verpackt. Die flamboyanten Kostüme von Brian Eno, der für Roxy Music ursprünglich am Synthesizer werkte, wurden von der Bildhauerin Carol McNicoll entworfen, mit der er zu dieser Zeit zusammenwohnte. Auch der kurze Flirt des Texaners Edgar Winter mit diesem Glam-Image beruhte angeblich auf dem Wunsch seiner Frau, die diesen mit Make-up und Glitzer-Zeug auf der Bühne sehen wollte.

Eine der wenigen weiblichen Glam-Rockerinnen im Rampenlicht, die in ihrer persönlichen, sozio-kulturellen, handwerklichen und emotionalen Authentizität ihren Mann stand war die mit einem gutbürgerlichen Arbeitsethos und schwarzem Leder-Catsuit ausgestattete Suzie Quatro. Es waren somit kalkulierte Evokationen, die die Musiker zum Glänzen und Strahlen brachten und den menschlichen Okularzentrismus befriedigten.

Zurück ins Age of Authenticity: Seit der Erfindung von realitätsnahen audiovisuellen Aufzeichnungs- und Übertragungsmedien, insbesondere aber seit der flächendeckenden Verbreitung des Internets erscheint unser Weltverhältnis von zunehmender Medialisierung und Virtualisierung geprägt. Eine Reaktion auf diese Entwicklung ist der Wunsch nach handwerklicher und emotionaler Authentizität von Identifikationsfiguren. Er wächst mit der Seltenheit, mit der unmittelbare Erfahrungen und Begegnungen heute überhaupt noch gemacht werden können. Bezeichnend ist, dass ausgerechnet Fernsehen und Internet als Symbole dieser Entwicklung uns gegenwärtig die größte Authenzität versprechen: Das Live-dabei-Sein, das Besonders-nah-dran-Sein, den voyeuristischen Blick hinter die Kulissen. Muss Authentisches nun wieder mit großem Aufwand á la Glam Rock, mit clamour for glamour, also Geschrei nach Glanz, medial inszeniert werden, um überhaupt wahrgenommen zu werden?

GLAM! The Performance of Style
LENTOS Kunstmuseum Linz

www.lentos.at

Tags: