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A Folk Singer with a Cat?

Mit „Inside Llewyn Davis“ ist Joel und Ethan Coen ein stimmiges Period Piece über die New Yorker Folkszene der frühen 1960er-Jahre geglückt. Oscar Isaac verkörpert darin den interessantesten Helden im Werk der Coen-Brüder.

Der neue Geniestreich der Brüder Coen beleuchtet einen rund eine Woche umfassenden Ausschnitt aus der Bohème-Existenz eines nicht mehr ganz jungen Folksängers. Dabei hing das Projekt lange Zeit am seidenen Faden, denn ein Besetzungsproblem schien fast nicht lösbar zu sein: Wie sollte man einen Hauptdarsteller finden, der in der Lage ist, über weite Strecken überzeugendes Live-Repertoire zu präsentieren. Oscar Isaac, der bereits in einigen Bands gespielt hatte, konnte es, und damit ist es nicht zuletzt ihm zu verdanken, dass die neue Regiearbeit der Coens überhaupt realisiert wurde.

Unsteter Bohemien

Während noch der Vorspann läuft, hört man Llewyn Davis bereits singen. Wie sich herausstellt, absolviert er gerade einen seiner unzähligen Auftritte im legendären Gaslight-Club, mit dessen Betreiber er gut bekannt ist. Die prekäre Lebenssituation des Musikers wird in nur wenigen Sequenzen (winziger Club, Freunde im Publikum) umrissen, kurz danach ist auch klar, dass der Mann keinen festen Wohnsitz hat und knapp bei Kasse ist. Immerhin hat er sich eine private Übernachtungsinfrastruktur organisiert, um nicht dem kalten New Yorker Winter zum Opfer zu fallen. Freunde aus der Folkszene lassen ihn auf der Couch schlafen, das distinguierte Ehepaar Gorfein (Mitch Phillips und Robin Bartlett) überlässt ihm auch untertags die Wohnung und versorgt ihn mit Rotwein und feinem Essen. Im Gegenzug wird Davis den intellektuellen Freunden der Gorfeins stolz als authentischer Hipster vorgeführt.

Reise ins Nirgendwo

Beim Verlassen der Wohnung der Gorfeins kommt es auch zum Zwischenfall mit der rotgetigerten Katze, die unter erstaunten Blicken der Außenwelt zu Davis’ unfreiwilliger Gefährtin wird. So gut wie in allen Filmen der Brüder Coen befindet sich der Held auf einer Art Odyssee. Einer Odyssee allerdings, bei der „der Held nirgendwo hingeht“, wie es Ethan Coen ausdrückt. Für O Brother, Where Art Thou (2000) bekam sogar Homer einen Credit als Ko-Autor, wenn die Regisseure auch beteuern, das Epos nie gelesen zu haben. So stolpert Llewyn Davis die meiste Zeit in düsteren Bildern zur Belustigung des Filmpublikums mit der Katze im Arm durch die Landschaft. Schwer zu sagen, ob die Regisseure mit kühlem Kalkül auf die enorme Anziehungskraft von Katzen gesetzt haben, hat sich mittlerweile nämlich eine Art Kätzchenschema etabliert, welches das Kindchenschema in punkto Popularität alt aussehen lässt.

Künstlerische Arroganz

Fast schon eine Freundschaft verbindet Davis mit dem etwas erfolgreicheren Sängerduo Jean (Cary Mulligan) und Jim (Justin Timberlake): deren Couch benützt er gern, doch begegnet er ihnen auf künstlerischer Ebene mit Geringschätzung. Wenn sich über Jim aber die Möglichkeit ergibt, bei einer Aufnahmesession (Justin Timberlake ist als Folkie im beigen Hüttenpullover grandios besetzt) ein paar Dollar zu verdienen, ist er bereitwillig zur Stelle. En passant schwängert er die attraktive Jean, was die Lage auch nicht gerade entspannt. Dieser Konflikt gipfelt in einer Szene, in der die ganz schön ruppige Jean Llewyn Davis zum umgekehrten König Midas krönt: „Alles was du anpackst wird zu Scheiße“. Auf der Club-Bühne präsentiert sich der kompromisslose Sänger als tief emotionaler Softie, auf der Bühne des Lebens ist seine Fähigkeit, stabile Bindungen einzugehen, ziemlich eingeschränkt. Der scheinbar überlegene Standpunkt des begnadeten, aber verkannten Künstlers – Oscar Isaac singt übrigens alle Stücke selbst – verträgt sich eben nicht allzu gut mit dem Bedürfnis nach echten, tiefgehenden Beziehungen.

I see no money in it

Um seinem Glück ein wenig nachzuhelfen, entschließt sich Davis zu einem Trip nach Chicago, um bei einem – von F. Murray Abraham phänomenal trocken gespielten – Musikpromoter und Labelboss vorzuspielen. Schwierig und grotesk gestaltet sich allerdings schon die Fahrt zur Audition. Um Geld zu sparen fährt Davis samt Katze im Auto des exzentrischen Jazzers Roland Turner (John Goodmann, der mit dieser kleinen Rolle eine lange im Gedächtnis bleibende Leistung abliefert) mit, der immerhin über einen maulfaulen Chauffeur (Garret Hedlund) verfügt. Nach dieser mehr als turbulenten Überfahrt endlich angekommen, bekommen seine musikalischen Ambitionen in denkbar knappster Form einen heftigen Dämpfer versetzt. Davis präsentiert dem Musikimpresario herzzerreißend ein Stück von seiner aktuellen Platte die auch „Inside Llewyn Davis“ heißt. Das Feedback nach gefühlten fünf Minuten: „I see no money in it.“ In diesem kurzen Satz kulminiert die gesamte Tragik für den Musiker. Trotz solcher Tiefschläge bleibt ein so genanntes „normales Leben“ mit in die Suburbs ziehen und (geplante) Kinder in die Welt setzen für Davis keine praktikable Alternative. Auf die Frage von Jean, was er in der Zukunft vorhabe, antwortet er: „Meinst du fliegende Autos und Hotels auf dem Mond?“ Diese Antwort zeigt, wie seltsam er allein die Frage nach seinen Zukunftsplänen findet.

Die Außenwelt der Innenwelt

Um ein möglichst genaues Abbild seines Innenlebens zu bekommen, folgt die Kamera dem Helden auf Schritt und Tritt. Es gibt praktisch keine Szene, in der Llewyn Davis nicht vorkommt. Soweit es möglich ist, wird von der Kamera versucht, dem zumeist etwas mürrisch Auftretenden Eindrücke von seiner psychischen Konstitution abzutrotzen. Davis’ Gemütszustand korreliert mit der dunklen Stimmung, die Inside Llewyn Davis bei aller Komik transportiert. So scheint etwa im Verlauf des Films kein einziges mal die Sonne, der Himmel ist in den nicht gerade zahlreichen Außenaufnahmen stets eingetrübt. Diese Kolorierung bezieht sich einerseits natürlich auf den Gemütszustand des Helden, auf der anderen Seite auf die Gegenwart des Jahres 1961. Es war die Zeit einer sich erst langsam formierenden Gegenkultur in New York, in der Bob Dylan und Joni Mitchell gerade entdeckt wurden. Die Nackten von Wooodstock und die Manson-Morde waren zeitlich fast noch genauso weit entfernt wie der pophistorische Sündenfall von Altamont. Der Zweite Weltkrieg war noch nicht lange vorbei und weit entfernt von der History-Dokumentationsindustrie wie wir sie heute kennen, die in ihren Schwarzweißbildern und -filmen den Eindruck erweckt, diese Gräuel lägen mindestens 300 Jahre zurück. 1961 führten die USA Krieg in Vietnam, was in der Bevölkerung zu einer Spaltung zwischen Kriegsbefürwortern und -gegnern führte. In genau dieser Umbruchphase, in der die etablierte Kultur und die Counter Culture noch keine totalen Gegensätze waren, entstand ein heterogenes Milieu, in dem ein ultrapatriotischer Soldat noch im selben Club auftritt wie Hippie-Vorläufer Davis.

Role Model Dave Van Ronk

Das musikhistorische Role Model für Llewyn Davis ist der 2002 verstorbene Dave Van Ronk, ein umtriebiger Blues- und Folksinger der Greenwich-Village-Szene, der einst Joni Mitchell und Bob Dylan förderte. Im Fall von Dylan soll das gute Verhältnis zu Van Ronk spätestens ab dem Zeitpunkt getrübt gewesen sein, als Dylan begann, sich Van Ronks Ideen nachhaltig auszuleihen. Genaueres über das Folk- und Bluesurgestein, das nicht annähernd so erfolgreich wurde wie seine Proteges, kann man in Bob-Dylans „Chronicles“ nachlesen. Zudem ist mit perfektem Timing unlängst „Der König von Greenwich Village“, Van Ronks Autobiografie, bei Heyne Hardcore erstmals in deutscher Übersetzung erschienen. An diese angelehnt ist auch Davis’ Versuch, aus Geldnot (wieder) bei der Handelsmarine anzuheuern. Doch selbst dieses Vorhaben scheitert, weil er sein Soldbuch verloren hat und die fälligen Gebühren nicht bezahlen kann.

Ein blutendes Lächeln

Die letzten Sequenzen des Films, der sich elliptisch bewegt, ohne dass sich die Ellipse ganz schließen würde, sind teilweise dieselben wie die ersten. Zu Beginn verlässt Davis das Gaslight durch die Hintertür und wird von einem Unbekannten verprügelt. Am Schluss beschimpft der sichtlich betrunkene Davis aus dem Publikum eine für seinen Geschmack allzu altmodisch auftretende Sängerin. Es ist schließlich deren Ehemann, der dem Renitenten mit den Worten „Sie wollte doch nur einmal vor Publikum auftreten!“ die Fresse poliert. Kurioserweise ist diese Szene eine von den wenigen, in denen sich Davis – hier blutend am Boden liegend – ein gequältes Lächeln abringen kann. Als er, wieder aufgepäppelt, das Gaslight mit der Gitarre im Arm verlässt, hört man von der Bühne her eine näselnde Stimme, die eindeutig zu dem als Bob Dylan zu Weltruhm gelangten Robert Zimmermann gehört. Bei aller künstlerischer Erfolglosigkeit, die Davis mit unendlich vielen anderen teilt, bewahrt er doch immer die Contenance. Ohne die geringste Wehleidigkeit behält er immer den Bezug zur knallharten Realität im Showbiz, was nicht von allen Möchtegern-Stars behauptet werden kann.


INSIDE LLEWYN DAVIS

Tragikomödie, USA 2013
Regie, Drehbuch Joel Coen, Ethan Coen Kamera Bruno Delbonnel Schnitt Roderick Jaynes Musikberatung T Bone Burnett Production Design Jess Gonchor Kostüm Mary Zophres
Mit Oscar Isaac, Carey Mulligan, Justin Timberlake, John Goodman, Garrett Hedlund, F. Murray Abraham, Stark Sands, Max Casella
Verleih Constantin Film, 104 Minuten
www.insidellewyndavis.de

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