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Der Champion hat das Wort

„Je näher man ein Wort ansieht, desto ferner sieht es zurück“, hat Karl Kraus vor gut hundert Jahren über die Aura von Wörtern vermerkt. Jemand, der auch der Aura von Wörtern in seinem ganz eigenen Stil nachspürt ist der Autor und Musiker Austrofred. Dieser gratuliert FAQ zur 25. Ausgabe und steht fünfundzwanzig Mal Rede und Antwort.

Hat ein Autor so etwas wie einen Lieblingsbuchstaben?

Man hat auf jeden Fall Neigungen. Ich kann mir zum Beispiel nicht vorstellen, dass jemand besonders auf das fade E steht. Oder auf das N. Diese Wald- und Wiesen-Buchstaben. Nachdem mein neues Buch Hard on! in Istanbul spielt, ist mir beim Schreiben das Ü sehr ans Herz gewachsen.

Gute Autoren sind ja oft dem Exzess (vor allem alkoholischer Natur) nicht abgeneigt. Wie widersteht der Austrofred diversen Versuchungen?

Ich bin kein Suchtmensch sondern ein Gemütlichkeitsmensch, das heißt, ich trinke zwar schon ab und zu ein paar Biere täglich, aber ich trinke das anders, nämlich mit Genuss. Ein bisschen ein Alkohol gehört einfach zum Leben dazu. Ich meine sogar einmal gelesen zu haben, dass man auch leichter krank wird, wenn man gar keinen Alkohol trinkt, weil das desinfiziert ja auch. Ich habe aber auch das Glück, dass ich extrem viel vertrage: Nach der Premiere von meinem Stückl Learning English with Austrofred bin ich vom Rabenhof mit dem Auto heimgefahren und dann hat mich die Kieberei Höhe Naschmarkt hineingewachelt. Ob ich etwas getrunken habe? Ich habe gesagt, nein, aber sie lassen mich trotzdem blasen. Da ist mir natürlich gleich ordentlich der Reis gegangen, weil in Wirklichkeit habe ich ja vor der Show zwei Halbe getrunken, während der Show drei Dosen Guinness und nachher noch zwei Halbe und eine halbe Flasche Sekt. Aber was soll ich sagen: Der Alkometer oder Alkofant oder wie das Gerätl heißt hat nur 0,1 Promille angezeigt! Das ist schon eine super Leistung von meinem Körper.

Kann oder darf man „nüchtern“ überhaupt schreiben?

Also, in der kreativen Phase darf man ruhig öfter einen Dampf haben, das schadet nicht, aber wenn ich überarbeite – und das Überarbeiten ist 95 Prozent der Arbeit – dann muss ich schon halbwegs einen klaren Kopf haben, da bin ich dann auf jeden Fall nüchtern.

Die lustigste Schnurre, in die ein Buch involviert war?

Das hat wieder mit der Kieberei zu tun: Und zwar bin ich da in ein Planquadrat gekommen und die Polizistin, eine an sich eher scharfe (also vom Ton her scharf, bodymäßig kann ich das nicht beurteilen, wegen der Uniform), zeigt auf ein Buch von mir, am Beifahrersitz, und sagt, „Sind das Sie da auf dem Cover?“ und ich sage, „Ja“, und sie sagt: „In echt schauen Sie aber zwanzig Jahre jünger aus.“ Diese Schnurre ist zwar nicht lustig in dem Sinn, aber sie zeigt, wie gut ich mich gehalten habe, deswegen erzähle ich sie trotzdem sehr gerne.

Die traurigste autobiografische Anekdote ein Buch betreffend?

Ich habe, wie ich so um die zwanzig war, sehr intensiv Tagebuch geführt. Das war eine äußerst spannende Zeit, sehr prägend: Liebe, Bundesheer, die Überlegung, dass ich vielleicht ein Theologiestudium anfange. Dieses Tagebuch ist leider verschollen, da ist mir echt leid drum, weil das wäre heute ein wertvolles Dokument für meinen Vorlass.

Wieviele Bücher liest der Austrofred pro Monat und wo liest er diese?

Ich schätze, ich lese so fünf bis zehn Bücher im Monat. Als Rockmusiker hat man ja immer viel Zeit zwischendurch, im Zug, nach dem Soundcheck, Backstage, da geht schon was weiter.

Austrofred und das Wienerische ...

Taugt mir total. Das Oberösterreichische ist ja nicht sooo weit weg davon, aber das Wienerische hat halt noch ein zusätzlich höfisches Element, höflich auf der einen Seite, auf der anderen Seite aber doch so, dass man merkt, wo das Zentrum der Welt ist.

Austrofred und das Oberösterreichische ...

Es gibt im Oberösterreichischen so einen Laut, ein Grundsingen, das, glaube ich, irgendwo zwischen Gaumen und Nase produziert wird. Wenn mich jemand fragen täte, was für mich Heimat ist, dann täte ich sagen, dieser Laut. Eigentlich fragt das eh dauernd wer – zur Zeit ist das für Journalisten anscheinend eine wichtige Frage – aber diese Antwort ist mir erst jetzt gerade eingefallen. Muss ich mir merken.

Austrofred und das Hochdeutsche ...

Schriftlich fließend, mündlich passabel.

Gibt es so etwas wie ein Hochösterreichisch?

Ich täte sagen, nein. Weil Hochdeutsch ist ja schon ein Mittelwert der deutschen Sprachformen, quasi eine Norm, auf die man sich einigt, und wegen den paar Sonderregelungen, die als „österr.“ im Duden stehen, muss man noch nicht gleich von einem Hochösterreichisch reden, höchsten von mir aus von einem „Hochdeutsch österreichischer Prägung“. Weil sonst müsste man auch von einem „Hochhessisch“ reden oder von einem „Hochvorarlbergerisch“ und da brauch ich aber keine Norm mehr, wenn jede Abweichung wieder eine eigene Norm ist. Man könnte das auch „ORF-Deutsch“ nennen – so wie man ja auch vom „BBC-Englisch“ redet. Aber wahrscheinlich ist das auch nicht so gut, weil der Begriff ORF hat mittlerweile ein bisschen ein ungutes Odeur.

Hochkultursprache und Dialekt, wo sieht der Austrofred da Synergie-Effekte?

Da verstehe ich die Frage nicht, von dem her lautet die Antwort: Ich sehe sie nicht.

Wo wurde die Stimme des Champions geschult?

Vom Leben! Wobei ich mir natürlich viel vom Freddie Mercury abgeschaut habe, in den hohen Lagen auch einiges vom Jon Anderson von Yes. Sprachverständlichkeit habe ich beim Udo Jürgens gelernt, Mikrofontechnik vom Peter Alexander – ein ganz großer Meister auf diesem Gebiet. In puncto Timing der Moderationen habe ich viele Tricks vom Paul Löwinger übernommen.

Wenn der Austrofred das Musikerdasein zu Beginn seiner Karriere mit der jetzigen Situation vergleicht, was sind die augenfälligsten Veränderungen die österreichische „Szene“ betreffend?

Mir kommt es heute ein bissl bunter vor. Jeder kann machen, was er will und findet sich sein Umfeld. Das hängt sicher auch mit dem Internet zusammen und mit der allgemeinen Spezialisierung, die dort passiert. Weil natürlich gibt es Musiken, die gerade mehr wahrgenommen werden als andere, aber es ist nicht mehr so, das irgendetwas „gar nicht geht“. Das war nicht immer so: Ende der Neunziger hast du in Wien als Arschloch gegolten, wenn du Gitarre gespielt hast!

Wie verliefen die ersten Schritte zum Musiker, der nun die Tonleiter der Medienpräsenz fit und funky hinaufhüpft?

Angefangen habe ich als Keyboarder bei den Crazy Diamonds, einer Unterhaltungsband in Oberösterreich, Bezirk Steyr-Land. Wir haben viele Hochzeiten gespielt, Feuerwehrfestln, alles, bis nach Perg hinauf. Hang On Sloopy, It Never Rains In Southern California, diese Schiene. Aber auch Deep Purple, Styx. Eine gute Schule. Aber à la longue wollte ich dann doch etwas mit einem gewissen Niveau machen, und so ist dann der Austrofred in der heutigen Form entstanden.

Wie wichtig sind die Fans, für welches Zielpublikum schreibt der Austrofred?

Ja, die Fans sind natürlich das A und O, ohne die wäre ich nicht das, was ich heute bin. Wobei ja meine Mutter wahrscheinlich froh wäre, wenn ich etwas anderes wäre, etwas Solideres, eh klar. Meine Leser stelle ich mir als leidlich intelligente Gemütsmenschen vor, die gerne eine Gaudi haben. Gestern war ich in einem Wirthaus Mittagessen, da habe ich gehört, wie drei Stammgäste, so richtige Schmähführer, sich ausgemalt haben, wie sie die Kellnerin schocken können – dann haben sie einen Salat bestellt. Die Kellnerin war dann auch wirklich ganz perplex und hat sie gefragt, ob sie leicht einen Schlaganfall gehabt haben. Ich glaube, so circa ist der typische Austrofred-Fan. Dazu kommen freilich noch die zahlreichen Damen, für die ich mehr eine sexuelle Projektionsfläche bin, weil die gibt es auch, Gott sei Dank!. Plus die Studenten natürlich. Germanistik und Europäische Ethnologie. In erster Linie musst du aber für dich selber schreiben, weil du musst das machen, was dir selber taugt. Vielleicht mache ich deswegen auch so wenig Fernsehen, weil eigentlich täte mir das ja total liegen, vom Typ und vom Talent her, aber ich habe halt keine Liebe dazu. Unterbewusst merkt man so etwas. Ich habe als Jugendlicher immer meine Siebziger-Rockplatten gehorcht und gelesen, meine Heiligtümer waren Platten und Bücher, und von dem her wollte ich auch immer Platten machen und Bücher schreiben und genau das tue ich. Fernsehen hat mich nie so interessiert. Tausend Leute am Set, die an dir herumtupfen, einer gescheiter als der andere, und dann musst du wieder irgendeinen Schas aufsagen, als Moderator. Ich werde oft gefragt, ob ich irgendwelche Veranstaltungen moderiere und hin und wieder tue ich das auch, wenn es etwas Interessantes ist und wenn der Knödel stimmt, aber eigentlich finde ich den Beruf des Moderators ziemlich schundig.

Wie und wo kann man das Schreiben am besten erlernen?

In der Schule?

Schreiben Musiker anders als unmusikalische Menschen?

Definitiv. Rhythmus ist das Zauberwort. Wobei volkstümliche Musiker, ist mir aufgefallen, sehr holpertatschig schreiben, krampert, unrund. Da gibt es sicher auch einen Zusammenhang. Die Autobiografie vom Karl Moik wiederum, die ich kürzlich gelesen habe, hat einen recht guten Style. Daran merkt man, dass der Moik eigentlich vom Swing kommt.

Welche Autoren und Musiker finden der Austrofred inspirierend?

Über meine musikalischen Vorbilder habe ich schon oft geredet, das liegt auf der Hand. Sie sehen mir ja sogar teilweise ähnlich. Schriftstellerisch bin ich sehr breit aufgestellt und lese viel, wo die Leute sicher sagen, „Öha, der Austrofred“. Heuer habe ich zum Beispiel alle Romane von der Jane Austen gelesen. Weil ich bin ja schon ein romantischer Typ, und das ist gut geschrieben.

Liest der Austofred Lifestyle-Magazine?

Außer dem FAQ? Eigentlich nur, wenn ich selber drin vorkomme.

Ist die Figur des Austrofred vor allem eine urbane Erscheinung? Der Begriff der Urbanität taucht ja bereits in der Antike bei Autoren wie Cicero oder Quintilian auf und bedeutet da so viel wie die menschliche Eigenschaft eines weltgewandten, gebildeten Verhaltens einschließlich der Fähigkeit zur gewitzten Formulierung.

Mhm, mhm … ja, ich denke, da finde ich mich schon drin wieder.

Liest der Austrofred regelmäßig sein Horoskop?

Ja, hin und wieder schreibe ich sogar mein eigenes Horoskop, weil ich kenne mich ja sehr gut aus in der Richtung. Ich bin übrigens Krebs, Aszendent Waage.

Beeinflusst es das Schreiben in irgendeiner Art und Weise?

Ein bisschen, ja. Letztens war zum Beispiel ein stark rückläufiger Merkur, und in einer solchen Phase geht bekannterweise kreativ nicht so viel weiter, da schaue ich dann, dass ich mehr Bürotätigkeiten mache. Oder ich tu ein bisschen vorschlafen.

Würden sich der Austrofred als Edelfeder bezeichnen?

Ja!

Was zeichnet eine Edelfeder generell aus?

Hm, nachdem ich die letzte Frage so deutlich beantwortet habe, müsste ich das jetzt eigentlich wissen, gell? Ich würde sagen: Gehobener Stil, gehobenes Zeilenho-norar.

„Man muss um der Regeln Willen die Regeln brechen“, um am Ende ein Zitat heraufzubemühen. Welche Regeln bricht die Kunstfigur Austrofred regelmäßig?

Als Künstlerfigur, wie Sie ganz richtig sagen, muss man immer frisch bleiben. Weil es heißt zwar immer, am gescheitesten wäre, dass man immer dasselbe macht, dann ist man erkennbar. Aber ich denke mir, ich selber bin ich eh sowieso, da kann man sich schon immer was Neues überlegen, und ich glaube, ich habe noch ein paar ganz gute Ideen. Nicht nur für Bücher, auch für Filme, Getränke – Stichwort: Fred Bull –, Ski-Designs.


Austrofred: "
Hard on!"
Czernin Verlag, 2013
152 Seiten
www.austrofred.at


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