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Die grosse Gleichzeitigkeit

Text: Bert Rebhandl Fotos: Polyfilm

Jim Jarmusch findet in der Mythologie der Vampire ein Elixier gegen die immer junge Popkultur.

Für den neuen Film von Jim Jarmusch schadet es nicht, wenn man ein bisschen Latein kann. Das hat zum einen damit zu tun, dass Tropenhölzer mit ihren taxonomischen Originalnamen bezeichnet werden: Dalbergia retusa bezeichnet ein besonders begehrtes Hartholz, aus dem hier ein Projektil gefertigt wird. Zum anderen reicht die Erzählung von zwei Vampiren, die sich so weit wie möglich aus der jeweiligen Gegenwart heraushalten wollen, mindestens bis in jene Epoche zurück, die man den Ausgang des lateinischen Mittelalters nennt. Damals verfertigte Christopher Marlowe, der wilde Zeitgenosse William Shakespeares, seine Stücke; dass er nicht nur mit diesen, sondern selbst beinahe unsterblich wurde, ist eine der vielen trockenen Pointen von Only Lovers Left Alive. Nur Liebende werden am Leben gelassen – der Titel lässt auf eine beunruhigende Weise offen, wer hier wen verschont.

Die beiden zentralen Namen in diesem an Anspielungen reichen Film reichen allerdings noch weit hinter das Lateinische zurück: Adam und Eve verweisen auf die allerersten Menschen und legen zugleich eine bedeutsame Spur. Denn wenn man Jarmusch beim Wort nimmt, dann haben Adam und Eva das Paradies vielleicht nie verlassen. Es sieht nur ein wenig anders aus, als wir es uns gemeinhin vorstellen. Es hat den Vorteil der Zeitlosigkeit, aber den Nachteil der Sonnenferne. Das Paradies findet nachts oder hinter verschlossenen Vorhängen statt, in verwinkelten Räumlichkeiten, wie man sie im Orient findet oder in von Gott und dem Geld verlassenen Quartieren einer amerikanischen Konkursstadt wie Detroit. Adam (Tom Hiddleston) lebt in Detroit, Eve (Tilda Swinton) im marokkanischen Tanger. Die beiden sind ein verschworenes Paar, das sich diese Fernbeziehung leisten kann, weil die Zeit definitiv auf ihrer Seite ist. Das heißt: solange sie immer rechtzeitig den gewissen Cocktail aus roten und weißen Blutkörperchen trinken, der von den Zähnen so schön langsam ins Mundinnere abperlt – eine Szene, die Jarmusch als höheren Orgasmus erscheinen lässt, als kleinen Untod, bei dem die Vampire selig nach hinten kippen. Sie haben der Ewigkeit wieder ein kleines Schnippchen geschlagen.

Dass Tilda Swinton für so eine Rolle ideal ist, war im Grunde schon seit zwanzig Jahren klar. Aber erst jetzt hat ihr Gesicht diese besondere, kosmetisch oder gar schönheitschirurgisch absolut unerreichbare ewige Jugendlichkeit erreicht, die Jarmusch dann noch einmal extra betont, wenn er in einer Szene tiefe Hinfälligkeitsfalten hineinmalen lässt. Swinton ist eine wunderbare Eva, und Tanger ist ein perfekter Rückzugsort für sie. Fast noch besser aber ist Adam besetzt und konzipiert. Tom Hiddleston, bekannt geworden als Loki in der Marvel-Mythologie, spielt ein gar nicht sonderlich verhülltes, idealisiertes Alter Ego von Jim Jarmusch selbst, der seine Position im Weltkino ja immer stärker mit seiner popkulturellen Gesamtkompetenz in Zusammenhang bringt. Die Figur des Adam ist dafür ein exzellentes Beispiel: ein zurückgezogen lebender Musiker, der sich von einem Laufburschen namens Ian (Anton Yelchin) kostbare Gitarren und andere analoge Instrumente ins Haus liefern lässt, mit denen er dann exquisite Feedbackkaskaden baut, die er um kein Geld der Welt aufnehmen oder gar – weiche, Satan! – der Musikindustrie übergeben würde.

Als er nebenbei erwähnt, dass er Eddie Cochrane (1938-1960) live gesehen hat, verrät Adam sich beinahe. Doch er kann die Irrititation mit einer naheliegenden Erklärung ausräumen: „Auf YouTube.“

Der Name des größten Videoportals steht als Chiffre für jene große Gleichzeitigkeit, von der die digitale Popkultur geprägt ist. Only Lovers Left Alive ist dazu als ein ironischer Gegenmythos angelegt, als eine auf unendlicher Kennerschaft beruhende Überzeitlichkeit, die allerdings leicht zur Verschmocktheit werden könnte. Man muss sich dabei nur an den Killer „The Lone Man“ in Jarmuschs The Limits of Control erinnern, um zu sehen, dass dieser elegante Postmodernismus auch schnell einmal in einer Posenmoderne endet. In Only Lovers Left Alive gewährleisten die beiden charismatischen Darsteller, dass die nicht immer subtile Ironie von Jarmusch gut in einer dann doch einigermaßen seriös entfalteten Mythologie grundgelegt ist. Diese wird hier in ihren traditionellen Elementen unverbrüchlich hochgehalten: Nach Sonnenaufgang kein Ausgang, und zu den Tagmenschen nur den nötigsten Kontakt. Vampire bilden eine Geheimgesellschaft, das macht einen wichtigen Teil ihrer Faszination aus. Jarmusch amüsiert sich hier mehrfach darüber, etwa in einer Szene, in der Adam mit einem Stethoskop aus dem Jahr 1968 in der Brusttasche ein Krankenhaus betritt, in dem er einen Lieferanten kennt. Um die Tarnung „perfekt“ zu machen, gibt Adam sich auch einen neuen Namen. Es ist einer, der auf eine der ältesten Geschichten von der Überwindung der Beschränkungen menschlicher Existenz verweist. Der dafür nötige Pakt mit dem Teufel ist in Only Lovers Left Alive nur noch Motiv für eine Anspielung; es braucht keine Ursprungsmythologie.

Die Vampire sind unverbrüchlicher Bestandteil der gegenwärtigen populären Kultur, und darin liegt das eigentlich ironische Moment von Only Lovers Left Alive. Denn Jim Jarmusch, der doch eben noch jung war, der in den achtziger Jahren die Szene betrat, als Punk gerade in viele neue Wellen zerbrach, ist ein wenig unversehens zu einem „elder statesman“ geworden, zu einem Mann, der Qualitätssignale in die flache Welt der digitalen Kultur aussendet: gebildete Anspielungen, edles Vinyl, dazu der exklusivste Saft, der sich denken lässt. Alles in Only Lovers Left Alive atmet Distinktion, am meisten schließlich die Passage, in der Mia Wasikowska auftaucht, die australische Schauspielerin, die eine Generation jünger ist als Tilda Swinton, und die hier so richtig den Betrieb stört. Die jüngere Schwester von Eve trägt den Namen Ava – leider hat Jarmusch die Chance vertan, eine weitere weibliche Nebenfigur zu erfinden, die dann den Namen Ovo hätte tragen können, ein „Ei“, aus dem nichts Gutes schlüpfen kann – vertritt hier auch die, man kann es nicht anders sagen, heutige Jugend. Und die kommt nicht gut weg. Ava ist hektisch, vergnügungssüchtig, und sie trinkt zu viel. Die vielen Definitionen von Cool, die Jarmusch in seinem Schaffen schon gegeben hat, prallen an Ava ab, dabei hat sie zwei perfekte Vorbilder vor Augen: Adam und Eve stehen für eine Zeitgenossenschaft, die auf distanzierte Teilnahme heruntergekühlt ist, auf die Leidenschaft eines Sammlers, oder gar auf die dämmernde Distanz des Opiumrauschs, der klassischen Aussteigehilfe des Orients, die inzwischen durch die süßeren Schwaden von Weed ersetzt wurden. Es ist eine Distanz, die auf alten Codes, wie die des Samurais „Ghost Dog“, den Forest Whitaker 1999 spielte, basiert. Schon damals tauchte das Motiv am Horizont auf, das sich nun in Only Lovers Left Alive erfüllt: der Orient (in diesem geographisch offenen, kulturhistorisch aufgeladenen Sinn) als ultimativer Ort des Aussteigens. Arabisch wird das neue Latein für Leute, die YouTube verachten.

 

ONLY LOVERS LEFT ALIVE
Romanze, USA/GB/DE/FR 2013
Regie, Drehbuch
Jim Jarmusch Kamera Yorick Le Saux Schnitt Affonso Gonçalves Musik Jozef van Wissem Production Design Marco Bittner Rosser Kostüm Bina Daigeler
Mit Tom Hiddleston, Tilda Swinton, Mia Wasikowska, John Hurt, Anton Yelchin, Jeffrey Wright, Slimane Dazi
Verleih Polyfilm, 122 Minuten
Kinostart 26. Dezember

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