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Mir fehlt der Qualitätskaiser

Der vielseitige Architekturjournalist und Autor Wojciech Czaja lehrt an der Universität für Angewandte Kunst in Wien seine Studierenden "Strategie und Kommunikation". Ein Gespräch über das Schreiben und Sprechen über Architektur und die Großstadt als Lebensraum.

Wojciech Czaja studierte Architektur an der TU Wien und arbeitet heute als freischaffender Architekturjournalist für Tageszeitungen, Fachzeitschriften und Magazine im deutschsprachigen Raum, unter anderem für „Der Standard“. Seit 2011 ist er Gastprofessor an der Universität für angewandte Kunst in Wien und unterrichtet dort „Strategie und Kommunikation“ für Architekten. Er wohnt in einer selbstgeplanten Wohnung ohne Türen, dafür mit freistehender Badewanne aus den zwanziger jahren und einer coolen 95-jährigen Nachbarin. FAQ traf ihn an einem Novembernachmittag im Café Sperl, um über Architekturvermittlung auf Augenhöhe, städtische Maßstäbe, den Architekten als Dirigenten und seine in Planung befindliche Publikation zu sprechen.

Ihre Vorlesung auf der Universität für Angewandte Kunst Wien heißt “Strategie und Kommunikation”. Welche Aspekte sind beim Sprechen über Architektur zu berücksichtigen?

Entstanden ist die Idee, als ich mich eines Tages mit Wolf Prix darüber unterhalten habe, dass einige Architekten und Architektinnen nicht in der Lage sind, leicht verständlich über ihre Projekte zu sprechen und sich entsprechend gut zu verkaufen. Das fällt vor allem im deutschsprachigen Raum auf. Bei manchen Interviews mit Architekten brauche ich ein Fremdwörterbuch oder Lexikon, um dem Gespräch folgen zu können. Ich frage mich dann: Wenn ich mir schon schwer tue, mein Gegenüber zu verstehen, wie geht es dann erst einigen Leserinnen und Lesern, die mit Architektur weniger am Hut haben? Woher kommt es, dass diese Architekten ihr Zielpublikum nicht vor Augen haben? Ist es vielleicht Unsicherheit? Und welche Möglichkeiten gibt es, gar nicht erst in dieses Philosophieren hineinzufallen? Genau das versuche ich, mit meinen Studenten und Studentinnen zu üben.

Kommen wir noch einmal kurz zu den Strategien bei der Kommunikation über Architektur ...

Ich kann erzählen, wie ich mein Schreiben aufbaue. Erstens: keine Fremdwörter, kein Fachvokabular. Und wenn, dann gängige Begriffe oder diese gut erklären. Zweitens: Kein abstraktes Drumherumreden, sondern direkt in die Sache einsteigen. Und drittens: Den Leser, die Leserin bei der Hand nehmen und stets vor Augen haben, dass ich es mit einer interessierten Person zu tun habe, die diesen Text zwar lesen will, aber womöglich nicht fachkundig ist. Ich versuche dann, diese Person auf Augenhöhe durch das Gebäude, durch die Projektgeschichte, durch die Stadt beziehungsweise durch die konkrete Problematik zu begleiten. Es geht mir nicht darum, Lesern meine Fachmeinung aufzubrummen, sondern ihnen anhand unterschiedlicher Argumente und Meinungen von zum Teil unterschiedlichen Personen – auch von Leuten von der Straße – die Möglichkeit zu geben, sich eine eigene Meinung zu bilden. Manche vermissen oft auch mein eigenes Urteil. Eigentlich freut mich das. Dann denke ich mir: Mission gelungen.

Ist das ein Versuch, Objektivität anzustreben beziehungsweise aus einer möglichst neutralen Position heraus zu berichten?

Das ist mein Bemühen. Aber bei manchen Projekten und Themen ist es kaum möglich, objektiv zu sein. Dann muss man einfach Stellung beziehen. Von interessierten, aber nicht fachkundigen Lesern und Leserinnen wird das geschätzt. Von Architekten und Architektinnen manchmal aber gar nicht. Immer wieder kommt es vor, dass ich bei Tageszeitungsjournalismus-Geschichten von Fachleuten sehr schlechtes Feedback bekomme. Manchmal lösen sie sogar einen richtigen Shitstorm aus.

Also verursachte allein die Tatsache, in welchem Medium die Artikel aufscheinen, auch wenn sie vielleicht ähnlich geschrieben sind, sehr unterschiedliches Feedback?

Es gibt genügend Fachzeitschriften, Magazine und Blogs, die in erster Linie für Architekten gemacht sind. Medien hingegen, die einem breiten Publikum zugänglich sind, wie etwa die Architekturseite im Standard oder in der Pressebeilage Spectrum, müssen nicht in erster Linie Architekten bedienen. Hier gilt es, das Potenzial zu nutzen, auch Nichtarchitekten anzusprechen. Ich sehe mich da als eine Art Übersetzer. Aber natürlich macht es mir auch Spaß, richtig technische Artikel und Baustellenberichte für Fachzeitschriften zu schreiben, in denen ich mich dann über Unterzüge, Auskragungen und statische Momente austoben kann.

Ein Ziel der Lehrtätigkeit ist es also, dass die Studierenden beides können?

Das Fachpublikum können die Studierenden meist schon sehr gut ansprechen. Ich bin immer wieder beeindruckt, wie sie sich in ihrer Welt, also vor Studenten und Professoren, präsentieren und verkaufen können. Außerhalb dieser Fachwelt sieht es anders aus. Und daher üben wir in dieser Lehrveranstaltung unterschiedliche Dosierungen von Sprache für ein jeweils unterschiedliches Zielpublikum, zum Beispiel in Form von Rollenspielen. Mögliche Aufgabenstellungen könnten sein: Verkaufe dein Projekt vor einer Schulklasse, der du deinen Job und das Projekt erklärst! Verkaufe dein Projekt vor Investoren, denen du die Mietflächen schmackhaft machen musst! Oder aber verteidige dein Projekt vor wütenden Anrainern, die sauer sind, weil schon wieder mit Baustelle und Lärm zu rechnen ist. Mit maximal zwölf Studierenden geht das gut. Da ist eine direkte Betreuung noch möglich. Im größeren Rahmen wie zum Beispiel auf der TU könnte man das nicht machen.

Was macht Ihrer Meinung nach heutzutage einen guten Architekten aus?

Ein guter Architekt ist jemand, der die Balance zwischen der Dienstleistung und der kulturellen Verantwortung findet.

Wie weit geht Architektur heutzutage? Was muss ein guter Architekt heute können?

Ich fürchte, die Anforderungen an den Beruf werden immer komplexer. Allein in der Bau- und Planungsphase gibt es viele Unterkategorien und Spezialisierungen. Hätte beispielsweise vor zwanzig Jahren bei einem kleinen Projekt irgendjemand Koordination, Mediation und Projektsteuerung eingefordert? Heute ist das ganz normal. Das Bauen wird technisch und juristisch immer schwieriger. Ich habe das Gefühl, dass der Architekt infolgedessen, was der Job von einem abverlangt, immer weniger Entwerfer und immer stärker Dirigent ist, der technische, juristische und bürokratische Elemente in Einklang bringt.

Und wer entwirft dann?

Wenn ich mir so manch städtebaulichen Wettbewerb und den großvolumigen Wohn- und Bürobau in Wien ansehe, habe ich das Gefühl, dass niemand entworfen hat. Da wurden verschiedene Parameter in eine Maske getippt – und heraus kam der größte gemeinsame Nenner von größt bebaubarem Volumen, niedrigsten Baukosten und freundlichst gesinnten Behörden. Vor allem in Wien – denn in Graz, Innsbruck oder auch Vorarlberg ist das anders – fehlt mir ein gewisses Bekenntnis zur Qualität. Was ich mir wünschen würde, ist eine Art Qualitätskaiser, eine übergeordnete Instanz, die sich dafür verantwortlich fühlt und die solche Entwürfe nicht nur mit Zahlen und Funktionalität argumentiert, sondern auch mit einer inhaltlichen Qualität, die über den üblichen Bewilligungssprech hinausgeht.

Der neue WU-Campus wurde vor Kurzem fertiggestellt. Können Sie zu diesem Architektur-Cluster ein kurzes Statement abgeben?

Es wurden im Vorfeld unterschiedliche Standorte überprüft. Einer der Hauptkritikpunkte am jetzigen Standpunkt ist, dass der WU-Campus in Zukunft nicht weiter expandieren kann. Auch die Altersfähigkeit der einzelnen Bauten wird kritisiert. In meinem Artikel jedoch, der im „Standard“ erschienen ist, wollte ich mich bewusst auf das konzentrieren, was sehr wohl funktioniert, denn ein Großprojekt wie dieses, das von Anfang bis Ende mehr oder weniger entwurfskonform realisiert wird, ist keine Selbstverständlichkeit, sondern grenzt in Wien an ein Wunder. Das ist ein architektonisches Highlight. Wenn man sich im Vergleich dazu einige andere Großprojekte ansieht, zum Beispiel Donau City, Monte Laa, Wienerberg, die Lassallestraße oder leider auch das neue Sonnwendviertel am Hauptbahnhof-Areal: Die landen früher oder später alle in so einer Art Durchschnitts-Fleischwolf.

Da wir ja jetzt schon auf einer städtebaulichen Ebene angelangt sind: Uns würde Ihr persönlicher Zugang zum Begriff Urbanität interessieren. Welchem Wandel ist der Begriff ausgesetzt?

Urbanität in Form von städtischer Lebensqualität scheint in den letzten Jahren verschwunden zu sein. Dieses Heterogene, dieses Den-Dingen-Zeit-Geben, diese gewisse Zufalls- und Chaos-Komponente, die jede Stadt zum Wachsen braucht, all das fehlt mir heute. Denn die Bevölkerung nutzt Räume meist eben nicht genau so, wie geplant, sondern ein bisschen anders. Doch diese Flexibilität ist im Städtebau nicht vorgesehen. Und das ist auch der Grund, warum wir heute mit so vielen neuen, unbelebten Stadtvierteln konfrontiert sind. In den letzten Jahren fällt mir vermehrt auf, wie wenig Platz öffentlichen Räumen und Gastronomie- und Konsumflächen in neuen Vierteln gegeben wird. Nur ein Beispiel: In mitteleuropäischen Städten wie Wien hat sich eine gewisse Straßenblockgröße etabliert. In Gründerzeitvierteln haben diese eine Größenordnung von, sagen wir, 60 bis 80 Metern. Das ist ein Maßstab, der Stadt erzeugt, denn das Leben spielt sich an den Straßenecken ab. Das ist der Punkt, wo etwas passiert, wo eine Interaktion zwischen Autofahrer und Fußgänger stattfindet, wo man sich am Wochenende über den Weg läuft, wenn man gerade die Wochenendzeitung aus der Tasche klaut. Doch das Problem ist: Diese bereits längst etablierte Struktur wird bei Neuplanungen nicht eingehalten. Die Bauträger planen meist 200 oder 300 Meter lange Straßenblocks, in denen 200 oder 300 Meter lang nichts passiert...

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