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© Amélie Rouyer

Sanfte Kriegsführung

Text: Samir H. Köck Fotos:

Yasmine Hamdan, orientalische Rebellin mit Wohnsitz in Paris, verbindet auf sublime Weise arabische Archaik und sanfte Elektronik. Eine Begegnung in Marrakesch mit Jim Jarmusch führte zu einem Gastauftritt in seinem neuen Film „Only Lovers Left Alive“.

Was denken Sie, ist die Kraft, die Sie kreativ antreibt?
Es ist einfach ein natürlicher Drang, der sich auch durch ungünstige Bedingungen nicht eindämmen ließ. Zu singen ist eine existenzielle Angelegenheit für mich geworden. Ich wuchs in einem total unsicheren Umfeld auf; rundherum waren Tod, Vergewaltigung und Kummer. Dennoch gab es auch Freude. Mein kreativer Drang regte sich lange bevor ich aktiv Musik machte und bevor ich die Dinge meines Alltagslebens in Frage stellen konnte. Musik ist für mich nicht nur eine der Künste, sondern auch eine Möglichkeit für Spiritualität. Mit Hilfe des Singens kann ich mich in eine Traumwelt zurückziehen.

Ist Ihnen Musik imaginäre Heimat?
Ja, auf jeden Fall. Mit der musikalischen Beschäftigung geht auch Hoffnung einher. Jeder Künstler lebt für diese magischen Momente, die alles Alltägliche transzendieren.

Mit Ihrem Duoprojekt Soapkills waren Sie Underground in Beirut, zuletzt arbeiteten Sie mit Madonna-Produzent Mirwais. Welches Konzept hatten Sie mit Ihrem ersten Soloalbum Ya Nass?
Die Arbeit mit Mirwais hat ein großes Bedürfnis nach akustischen Sounds in mir geweckt. Außerdem litt ich ein wenig darunter, dass Mirwais die künstlerische Kontrolle hatte. Ich brachte meine Lyrics und meine Leidenschaft ein, aber letztendlich war ich für das Endprodukt nicht verantwortlich. Bei Ya Nass konnte ich die Klangästhetik selbst bestimmen.

Worum ging es Ihnen in erster Linie?
Die Musik sollte intim klingen. Mein erster Gedanke war es, ein arabisches Folkalbum zu machen. Erst später wollte ich die Lieder mit zarten elektronischen Texturen anreichern. Am Anfang standen fünf Songs, die ich auf der Gitarre komponiert hatte.

Ya Nass wurde von Nouvelle-Vague-Mastermind Marc Collin produziert. Was sind seine Qualitäten?
Marc ist ein Freund von mir. Wir wollten immer schon mal etwas gemeinsam machen. Er arbeitet ja ständig in mehreren Projekten gleichzeitig. Das Schöne bei ihm ist, dass die Atmosphäre sehr locker ist, gleichzeitig aber extrem subtil gearbeitet wird. Er hat keinerlei Scheuklappen und ist in allen Sounds zu Hause. Ich machte ihm vorher klar, dass das Ziel sein muss, mich nicht in die World-Music-Schublade zu stecken. Es sollte Pop sein. Diese Vorgabe stimulierte ihn. Für mich war das harmonische Umfeld wichtig. Marc ließ meinen Wünschen viel Raum.

Wie verlief der kreative Prozess konkret?
Ich kam mit meinen Liedern an und einer exakten Vorstellung ihrer Reihenfolge. Auf einem Album muss es eine ausgeklügelte Dramaturgie geben, um die Emotionen beim Hörer richtig in Wallung zu bringen. Wir ließen uns von den Melodien lenken und nie von strategischen Überlegungen, was denn die Single sein könnte.

Sie wehren sich vehement gegen das Etikette „World Music“. Warum eigentlich?
Diesen Terminus verstehe ich nicht. Ich halte ihn für diskriminierend, eigentlich rassistisch. Nach all den Kämpfen, die ich in Beirut für unsere Musik von Soapkills focht, wo man das Konzept von Undergroundmusik nur schwer verstand, hoffte ich, dass in Frankreich alles klar sein würde. Es war sehr enttäuschend, als mich die französische Musikindustrie in das Format „Arabisch“ pressen wollte.

Das ist wahrscheinlich gar nicht böse gemeint. Es ist einerseits eine Simplifizierung, andererseits dient so ein Klischee als Marketing-Werkzeug ...
Egal. Ich fand es jedenfalls sehr stigmatisierend, hatte das Gefühl, dass man mich in einem Käfig halten wollte. Grenzen, die mir von anderen aufgezwungen werden, halte ich nur schwer aus. Mir wäre es ein Gräuel, wenn meine Musik vorhersehbar wäre. Ich lasse mich nicht auf einen Stil reduzieren. Ich hoffe, dass es mithilfe des Internets gelingt, Vielfalt als etwas Positives zu etablieren.

Einen anderen Terminus, den Sie gar nicht leiden können, ist „Arabischer Frühling“. Woher rührt das?
Es ist mir ein Rätsel, wie so eine brutale Vereinfachung zum Symbol von etwas werden konnte. Es herrscht keine Monokultur in den arabischsprachigen Ländern. Sie unterscheiden sich sehr stark voneinander und die Motive derer, die die jeweilige Gesellschaft verändern wollen, sind ebenfalls höchst heterogen. Wer vom „Arabian Spring“ schreibt, ist auf billige Sensation aus und verharmlost einen Prozess, der noch lange andauern wird. Ich hasse es, wenn diese Dinge saloppes Tischgespräch werden. Wir dürfen nicht vergessen, dass da Menschen sterben.

Wie sehen Sie die Rolle der Frau bei diesen Umbrüchen?
Ohne echtes Engagement von Frauen und der Anerkennung ihrer Rechte kann es keine Revolution geben. An der Gleichstellung der Frau in den arabischen Gesellschaften muss noch viel gearbeitet werden. Frauen sind in all diesen Ländern aktiv, um die Verhältnisse zu ändern. Sie haben es satt, permanent kontrolliert zu werden.

Bekamen Sie eigentlich Probleme, als Sie als junges Mädchen mit ihrer Idee von Undergroundmusik begannen?
Von der Orthodoxie wurde ich berechtigtermaßen als subversive Kraft eingeschätzt. Inhalt und Art meiner Gesänge waren von großer Wut geprägt. Ich war sehr provokativ. Teile der Jugend fuhren total ab auf mich, die Konservativen mieden mich.

Wie waren die Reaktionen innerhalb Ihrer Familie?

Die Frauen in meiner Familie haben den verhängnisvollen Hang, das traditionelle Frauenbild zu perpetuieren, auch wenn sie darunter leiden. Wenn man Alternativen aufzeigt, wie ich es tat, dann wird das nicht mit großer Freude aufgenommen. Von ihnen wurde ein gewisser Druck auf mich ausgeübt, der aber nie so stark war, dass er mich von meiner Musik hätte abhalten können. Abgesehen davon, dass sie mich nicht immer unterstützten, habe ich doch coole Eltern. Sie haben mir viel Freiheit gelassen. Ganz allgemein glaube ich, dass es in allen Gesellschaften Tendenzen gibt, Frauen zu kontrollieren.

Wie würden Sie die gesellschaftliche Lage der Frau in den arabischen Ländern beschreiben?
Sie ist auf jeden Fall ziemlich paradox. Auf der einen Seite nimmt sie eine zentrale Rolle ein, dann gibt es aber auch Strömungen, die ihr die Wichtigkeit absprechen wollen. Die Frau hat Bereiche, in denen sie alleine bestimmt. Man kann also auf keinen Fall davon sprechen, das Frauenhass in arabischen Gesellschaften institutionalisiert ist. Es gibt auch viel Frauenverehrung. Wichtiger aber ist, dass es zahlreiche Kundgebungen und andere Initiativen gibt, um ihren sozialen Stellenwert zu erhöhen.  

Ist der westliche Blick auf die arabischen Gesellschaften also verkürzt?

In der Frauenfrage auf jeden Fall. Die Menschen vergessen viel zu schnell, dass die Verhältnisse in Europa bis Ende der siebziger Jahre auch nicht gerade rosig waren. In Frankreich war Abtreibung verboten. In anderen europäischen Ländern brauchten Ehefrauen die Erlaubnis ihrer Männer, wenn sie arbeiten wollten. Man muss der arabischen Welt auch ein wenig Zeit geben.

Was machte die Musik von Soapkills so subversiv?
Es war wohl die Mischung aus Moderne und Tradition, aus eigenen Texten und überlieferter Lyrik. In den Jahren unseres Exils – ich lebte ja in Kuweit, Griechenland und Abu Dhabi – verlor ich immer einmal den Bezug zu der libanesischen Musiktradition. Das holte ich nach unserer Rückkehr nach Beirut nach. Für die Punkband, in der ich zuerst sang, schrieb ich englische Texte. Irgendwann hörte ich die syrische Sängerin Asmahan. Das war wie eine Erleuchtung für mich. In ihren Liedern hat sie Melancholie und Rebellion auf eine Weise verbunden, die mich total anspricht. Sie war eine rätselhafte Diva, die aufbegehrte und früh starb. Ihre Musik ist modern und scharfkantig. Sie brachte mich auf ein ganz neues musikalisches Gleis.

Waren Sie jemals auf einer Musikschule?
Meine Schule war das Hören von Künstlerinnen wie Asmahan. Sie war meine Obsession. Ich konnte am Tag hundert Mal eine bestimmte Stelle eines Liedes von ihr hören. So hab ich gelernt. Das Konservatorium wäre nichts für mich gewesen. Bis 1932 wurde unsere Musik sowieso nur mündlich überliefert.

Dafür haben Sie in Psychologie einen akademischen Abschluss. Hilft Ihnen der in der Welt der Musik?
Ja, sicher. Je besser man sich selber kennt, desto mehr kann man in der Kunst riskieren. Man pfeift einfach auf die eigenen Zerbrechlichkeiten. Diese Art Kontakt zu seinem Innersten kann man natürlich auch ohne Psychologiestudium haben. Mir jedoch hat es immens dabei geholfen, Fühlung zu meinem Persönlichkeitskern aufzunehmen. Es war auch hilfreich, neugierig auf andere zu werden.

Wann gingen Sie nach Frankreich?
2002 habe ich vorgeschnuppert, ob Paris eine Stadt für mich sein könnte. 2005 ließ ich mich dann dort nieder.

Fühlen Sie sich in Frankreich freier?
Auf jeden Fall. Paris ist größer, sicherer und viel anonymer als Beirut. Das tut mir gut. Im Libanon kenne ich zu viele Menschen. Ich habe ein großes Bedürfnis nach Distanz. Das kann ich in Frankreich ausleben. Zudem schalte ich meinen inneren Zensor leichter in Paris aus als in Beirut. Das gibt mir ein Gefühl der Freiheit.

Hat Sie Ihr Album mit Mirwais nicht auch etwas freier gemacht?
Das ist eine komplizierte Angelegenheit. Es war eine intensive und konfliktgeladene Zeit mit ihm. Was ich zu seinen Gunsten sagen kann, ist, dass er mich aus meiner Komfortzone geholt hat. Wir haben Elektro-Pop, Jazz und arabische Tradition kombiniert, das war ziemlich schwierig.

Könnten Sie diese Schwierigkeiten am Beispiel eines Liedes erhellen?
Im Lied „A-Man“ haben wir die Idee des alten Gershwin-Songs „Let’s Call The Whole Thing Off“ auf die arabische Welt umgelegt. Bei Gershwin hieß es recht unschuldig „You like to-may-toes and I like to-mah-toes“. Das sang ich abwechselnd in libanesischem und palästinesischem Dialekt, was große politische Brisanz bekam. Die Sprengkraft dieses Songs kann nur der ermessen, der weiß, dass es im Libanon Checkpoints gab, wo dich die Kontrollen aufforderten, das Wort „Tomate“ zu sagen und dich dann erschossen, wenn es palästinesisch klang.

Im neuen Jim-Jarmusch-Film Only Lovers Left Alive werden Sie als Sängerin groß gefeatured. Wie kam das?
Es ist eine große Ehre für mich, dass ich in seinem Film ein Lied singen darf, wo er doch gerade bei seinen Soundtracks immer sehr wählerisch ist. Der Kontakt kam zufällig zustande. Ich sang ein paar Songs für Musikerfreunde bei einem Festival in Marrakesch und Jarmusch war auch da. Die Lieder haben einen Nerv in ihm getroffen und er schlug mir vor, in seinem nächsten Film mitzuwirken. Er war immer einer meiner Lieblingsregisseure, um so größer war die Ehre, dass er mich für Only Lovers Left Alive auswählte. Nach diesem Erstkontakt dauerte es aber noch drei Jahre, bis der Traum Wirklichkeit wurde. Das Lied hab ich extra für den Film geschrieben. Aufgenommen haben wir es in einer Bar in Tanger. Ich hatte wirklich Spaß mit dem Publikum.

Haben Sie einen Lieblingsfilm von Jarmusch?
Es ist wohl Stranger Than Paradise.

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