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Nostalgie der Gegenwart

Wes Anderson entführt in seinem neuen Film „The Grand Budapest Hotel“ in eine Vergangenheit obsessiver Besetzungen und Verfremdungen, die auf eine imaginäre Zukunft verweist. Zweig meets Lubitsch.

Das Grand Budapest Hotel auf einem Zauberberg in der imaginären osteuropäischen Republik Zubrowka ist passenderweise nur mit einer Zahnradbahn erreichbar. Es liegt hoch über verwunschenen Wäldern, und tief versunken in einer Welt, die es nie gegeben hat. Denn das Grand Budapest Hotel ist eine Erfindung von Wes Anderson, jenem aus Texas stammenden New Yorker Hipster, der in den letzten Jahren von Paris aus seine komplizierten Szenarien der Nostalgie entworfen hat. Die in Andersons Lebensverhältnissen ausnehmbare Bewegung in Richtung Europa vollendet sich hier in einem Versuch, hinter das 20. Jahrhundert zurückzugehen. Zubrowka wird zur Quelle einer Anciennität, die vielleicht sogar gegen Bolschewismus, Faschismus und Konsumismus hätte helfen können. Dazu hätte es nur eines logischen Gedankens bedurft: Die Welt ist nicht unsere Wohnung, sondern unser Hotel. Am besten überlassen wir die Regierung also jener Internationale dienstbarer Geister, die wir in The Grand Budapest Hotel kennenlernen.

In erster Linie bekommen wir es mit einem Concierge und einem Lobby Boy zu tun. Der Concierge heißt M. Gustave (Ralph Fiennes), eine schillernde Figur, der nie die Ideen ausgehen. Das liegt natürlich auch an seinem Beruf. An den Concierge wendet man sich in einem Hotel, wenn man etwas braucht, wofür der Zimmerservice oder die Rezeption nicht zuständig sind. Der Concierge ist zuständig für alles andere, und davon gibt es hier eine Menge. Der Lobby Boy ist neu, er soll von M. Gustave seine Aufgaben erklärt bekommen. Sein Name ist Zero Moustafa, eine brillante Verbindung aus Orientalismus und Zivilisationskritik. Denn im Europa der frühen Moderne, in der Welt der zahllosen Nationalstaaten, auf die Anderson anspielt, ergeben sich auch ganz neue Formen der Nichtzugehörigkeit. Zero ist staatenlos, und damit auch vogelfrei. Er muss Schutz im Personaltrakt suchen, und M. Gustave nimmt ihn auch wirklich unter seine Fittiche.

Der Plot ergibt sich in The Grand Budapest Hotel daraus, dass eine der Stammgäste des Etablissements, die extravagante Madame D. (Tilda Swinton in einer grotesken Maske) das Zeitliche segnet. Sie hinterlässt ein umfängliches Erbteil, und ein umstrittenes Testament, in dem M. Gustave, zu dessen Qualitäten auch Liebesdienste an Personen ungeachtet ihres Geschlechts und Alters zählen, nicht vergessen wurde. Madame D.s Sohn Dmitri (Adrien Brody) hält es zwar ideologisch eher mit radikalen Finsterlingen, die auf eine klassenlose Gesellschaft hinauswollen. Doch diesen Akt der Umverteilung will er nicht hinnehmen. Er schickt seinen Schergen Jopling (großartig: Willem Dafoe) hinter M. Gustave und Zero her, die sich mit dem Gemälde „Junge mit Apfel“ des alten, außerhalb Zubrowkas leider unbekannt gebliebenen Meisters van Hoytl davonmachen. Sie ersetzen das Bild durch ein erotisches Gemälde, das stark an einen Kultmaler aus Krumau erinnert.

In den frühen Jahren des Kinos gab es Komödien aus solchen Fantasieländern wie Zubrowka immer wieder. Ernst Lubitsch oder Erich von Stroheim ließen so manches Abenteuer in Operettenreichen dieser Art spielen, und ihre Arbeiten sind in den Bezugssystemen von The Grand Budapest Hotel ebenso wiederzuerkennen wie die Bücher von Stefan Zweig, auf den Wes Anderson ausdrücklich in den Credits des Films hinweist. Zweigs Autobiografie trägt den markanten Titel „Die Welt von Gestern“, sie beschwört ein altes Europa herauf. Und The Grand Budapest Hotel könnte man in Anspielung darauf auch mit einer Steigerung dieses Titels bedenken: Hier geht es um die Welt von Vorvorgestern. Dies wird auch durch die verschachtelte Rahmenhandlung deutlich: Ein Mädchen an einem Dichterdenkmal, Rückblende auf einen Dichter, der sich an einen Dichter erinnert, dem zu Zeiten, als es in Europa einen Eisernen Vorhang gab, ein alter Concierge eine Geschichte aus dem frühen 20. Jahrhundert erzählte. Dieser alte Mann ist Zero Moustafa, und die historischen Schichtungen in Wes Andersons Film sind die gewaltsamen Systemwechsel des extremen 20. Jahrhunderts.

Sie tauchen allerdings in komischer Entstellung auf, denn die Vergangenheit ist für Wes Anderson niemals eine Angelegenheit korrekter Rekonstruktion, sondern eben Objekt nostalgischer, also obsessiver Besetzung und Verfremdung. Dies wurde zum ersten Mal deutlich in The Royal Tenenbaums, in dem eine an sich nicht außergewöhnliche Familiengeschichte in New York mit mancherlei erzählerischen Finessen gleichsam „verköniglicht“ wurde, also das gleiche zeremonielle Gewicht bekam wie eine echte Herrscherdynastie. Allerdings nicht mehr unter den Bedingungen einer Monarchie, sondern einer populären Kultur, in der es eine Tennisspieleraristokratie gibt und einen Dreistreifenadel (die Trainingsanzüge von Ben Stiller). Schon dieses zeitlose New York durchsetzte Anderson mit Zeichen einer postkolonialen oder postimperialen Ordnung. Royal Tenenbaums Nachfolger als Liebhaber von Ethel ist ein Afroamerikaner namens Henry Sherman (Danny Glover), während der von dannen gegangene Pater familias ein Faktotum namens Pagoda hat, einen Inder, der eindeutig ein Wahlverwandter von Zero Moustafa ist.

Von den weiteren Filmen von Wes Anderson passen manche besser, manche nicht ganz so eindeutig ins Gesamtbild künstlicher Vergangenheiten. The Darjeeling Limited zeigte die Differenz, die weiße, amerikanische Schnösel gegenüber den anderen Kulturen an den Tag legen, am Beispiel einer Zugfahrt durch Indien, die ebenfalls mit Anspielungen auf koloniale Verhältnisse aller Art durchsetzt war. Und sein bisheriges, zweites Meisterwerk Moonrise Kingdom schaffte es, in die Geschichte zweier frühpubertärer Ausreißer eine ganze amerikanische Ursprungsmythologie hineinzupacken, mit Pfadfindern, die auf „Indianer“ treffen, die es ebenso wenig in Wirklichkeit mehr gibt, wie es zu Zubrowka noch eine Entsprechung in der politischen Landschaft der Gegenwart gibt. Da müsste man schon hinter Transnistrien suchen, aber da stößt man leider gleich auf die eurasische Steppe und den prekären postsowjetischen Staat Ukraine.

Die reale Geopolitik ist nicht das, wonach Wes Anderson der Sinn steht. Ihm geht es eben darum, wie sich historische Tatsachen in unser Bewusstsein einschreiben. Sie werden darin zu einem höchst persönlichen, idiosynkratischen Narrativ, das ebenso sehr dazu dient, sich eine persönliche, phantastische Geschichte zuzuschreiben (einen Familienroman des Kinos und der Literatur), wie die eigene, schnöde Geschichte von sich wegzuschreiben und in ein Imaginäres zu überhöhen, das mit Begriffen wie Bastel- oder Puppenstube unzureichend erfasst wird. Wes Anderson mag eine Vorliebe für filigrane Ästhetik haben, für exzentrische Techniken und verschrobene Anspielungen (die Skiverfolgungsjagd in The Grand Budapest Hotel ist ein herrliches Beispiel). Aus vielen Kleinigkeiten setzt sich ein großes Ganzes zusammen: eine große individuelle Mythologie, die auf nicht weniger zielt als auf die Weltgeschichte von A bis Z, von Aleph bis Zahnradbahn.

 

The Grand Budapest Hotel
Tragikomödie, USA 2014 – Regie Wes Anderson
Drehbuch Wes Anderson, Hugo Guinness Kamera Robert D. Yeoman Schnitt Barney Pilling Musik Alexandre Desplat Production Design Adam Stockhausen
Mit Ralph Fiennes, Tony Revolori, Tilda Swinton, Saoirse Ronan, Edward Norton, Tom Wilkinson, Léa Seydoux, Bill Murray, Owen Wilson, Willem Dafoe, Jude Law, Adrien Brody, F. Murray Abraham, Harvey Keitel, Jeff Goldblum, Jason Schwartzman
Verleih Centfox, 99 Minuten
Kinostart 7. März



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