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Courtesy James Benning und neugerriemschneider, Berlin

Political Landscapes

Text: Roland Schöny Fotos:

Als einer der bemerkenswertesten Vertreter des Independent Cinema übersetzt der in Kalifornien lebende Filmemacher James Benning seit den 1970er Jahren seine radikal persönliche Vision von Amerika in die Sprache des Films. Hinter der Schönheit von Landschaften, auf der Gegenseite des American Dream tauchen die Abgründe von Ausbeutung und Verbrechen auf. Im Kunsthaus Graz kann man im Rahmen der Ausstellung „Decoding Fear“ in ein Werk der langsamen, bewegten Bilder eintauchen.

Ein langsamer, nur wenig spektakulärer Beginn. Die endlose Landschaft durchschnitten von einem Bahngleis. Am Horizont taucht ein Güterzug auf, der als Endlosband aus aneinandergekoppelten, mit Containern beladenen Waggons rhythmisch über die Geleise donnert. Wenig später wieder ähnliche Geräusche, schleifend, pochend. Kein Aufhören. Ständiges Weiterfahren auf Schienen. Diesmal die Sicht aus der Nähe. Die Bahnschranken sind geschlossen. Einige Autos warten. Dann Wüste. An der Demarkationslinie zwischen Sand und Himmel wieder nur eines: die Eisenbahn. Das Kürzel „RR“ ist nicht nur der Titel von James Bennings suggestivem, 2007 entstandenen Film, in dem fast nichts zu passieren scheint, sondern findet sich als Abkürzung für „Railroad“ auch ganz trivial auf den Hinweisschildern an der Straße. Wie aufgeheizt im Licht der sengenden Sonne brennt es sich allmählich ins Bewusstsein ein. Die Landschaft wird durchmessen „On the Road“, entlang der Fahrten über die Schienen, die mehr und mehr unerbittlich wirken. Mehrere Tonnen schwere, donnernde, quietschende, nun nach und nach monströs erscheinende Schlangen auf Rädern.

Die Bilder hätten am Anfang immer noch die aus zahlreichen Bubenträumen kommende Faszination für das Phänomen Eisenbahn evozieren können. Oder vielleicht hätte so auch ein Roadmovie beginnen können, in dem eine Handvoll Hobos, ein paar Wanderarbeiter also, auf Güterzügen das Land durchqueren. Was geschieht, ist jedoch bereits die Handlung. Es ist der tagtäglich und jede Nacht von Neuem in Gang gesetzte und unentwegt fortgesetzte Prozess der Eroberung der Landschaft durch das bis heute immer noch wichtigste Verkehrsmittel zum Gütertransport in den USA. Begleitet von den monotonen Geräuschen der Rollmonster wird dem Publikum dieser filmischen Bestandsaufnahme zunächst Raum gegeben, seine eigenen Reflexionen dazu zu entwickeln, bis nach beinahe einer Stunde Spielzeit die beschwörende Stimme eines Predigers aus dem Johannes-Evangelium zitiert und mit seinen Worten an den großen Sündenfall durch die Hure Babylon erinnert. Nun hat der Blick auf diese Landschaft, die von Europäern mit ihrer Technologie und Religion kolonisiert wurde, deren Ureinwohner ausgerottet wurden, sich gewendet zu einem Blick auf ein Gebiet der Ausbeutung: Und in der Bibel wird die Hure Babylon außerdem noch interpretiert als Metapher für den Untergang des zivilisierten Rom. In den Bildern kulminieren Aufbruch und Niedergang.

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