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Und immer dieser Lärm!

Diedrich Diederichsen interessiert sich in seinem Opus Magnum „Über Pop-Musik“ vor allem für das, was an Popmusik nicht Musik ist.

Der als Pop-Papst verehrte und gefürchtete Diedrich Diederichsen war 13 Jahre alt, als er 1971 sein Pop-Initiationsritual erlebte. Der Rockgitarrist Johnny Winter, schreibt er, „sprang auf die Bühne wie ein wildes Pferd“, schrie sich die Seele aus dem Leib und „katapultierte sich in eine heilige Hamburger Nacht“. Wenig später fühlte sich der Gymnasiast von den deutschen Krautrockern Cluster „verarscht“, doch da war es längst um ihn geschehen. Popmusik hatte das Tor zur Welt aufgestoßen und dabei nicht nur das jugendliche Ego mit dem Starkult versöhnt, sondern Renitenz und eben auch: Politik sexy gemacht. Ende der 1970er Jahre wurde Diederichsen erwachsen und die Popmusik wurde es nach Roxy Music Retroglam und dem Reboot nach Punk langsam auch. Im Interview formuliert es der heute 57-Jährige so: „Erst später konnte man sagen: Das machst du falsch oder richtig, wenn du dies oder jenes erreichen willst. Vorher ging das nicht. Da gab es nur Götter, die mit der Gitarre vom Himmel gefallen waren – oder komplette Arschlöcher.“

Diederichsen verwandelte sich bald nach dem Erweckungserlebnis 1971 in einen sogenannten Poplinken, süchtig nach den Versprechungen der populären Sounds, aber auch nach den coolsten Theoriebausteinen aus aller Welt, mit denen er an einer neuen Sprache zwischen Euphorie und hyperkritischer Reflexion bastelte. „Einfach so Rock 'n' Roll spielen? Gerade das ist das Allerschwierigste“, hieß es 1988 in einer typischen Diederichsen-Rezension für „Spex“, das langjährige Zentralorgan der Popintelligenzija.

Die Lage ist nach dem weltweiten Siegeszug der Popkultur, zu der sich inzwischen ehemalige US-Präsidenten ebenso bekennen wie junge Neonazis, nicht einfacher geworden. Die Archive quellen über. Der Westen feiert digital hochfrisierte Retroparties, die Metropolen des Südens liefern neue Inputs für die Dancefloors dieser Welt. Es gibt soviel handwerklich gut produzierte Musikfiles nie zuvor. Das Scheuklappendenken ist weg,  auch queere und postkoloniale Sounds finden Hörer und Communities. Dazu sind an jedem Netzportal kritisch gemeinte Statements gegen die Musikindustrie, Linernotes für Protestsongs und die neueste Widerstandsmode abzuholen.

Dennoch wird man das Gefühl nicht los, die Popmusik habe ihre besten Tage hinter sich. Diederichsen schreibt es komplizierter, aber er sagt es so: „Der Star-Exzess hat sich sozialisiert und im Nacht- und Clubleben überlebt. Das ist heute viel wilder als früher. Der individuelle Exzess von früher ist lächerlich geworden, weil wir heute in einer Welt der Bernie Ecclestones leben. In dieser Welt zeigen nur mehr lächerliche Chefs ihre Penisse her. Selbst die alten Metal-Fantasien von Männern, die auf Schimmeln mit gigantischen Schwertern irgendwelche Horden enthaupten, gibt es nur noch in Computerspielen. Aktuelle Metal-Spielarten neigen eher der raunzigen, wortkargen und schlecht gelaunten Haltung zu, die heute bessere Popmusik ausmacht.“

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Diedrich Diederichsen
Über Pop-Musik
Kiepenheuer&Witsch, Köln 2014
474 Seiten


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