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Bits and Pieces that Catch my Eye

Es sind zwei Bücher, die einem Film vorangehen, der am 11. September ins Kino kommen wird: „A Most Wanted Man“, nach dem Geheimdienstroman von John le Carré, annonciert durch einen Band mit Fotografien und handschriftlichen Kommentaren des Regisseurs und Fotografen Anton Corbijn – „dedicated to the greatest: PSH“

Gewidmet Philip Seymour Hoffman, Corbijns Hauptdarsteller, der die Figur Günther Bachmann verkörpert, Leiter der „Spezialeinheit Hintergrund“ im Hamburger Landesamt für Verfassungsschutz. Bachmann, auch mitunter „der Wettermacher“ genannt, wird von seinem Schöpfer, John le Carré, als jemand beschrieben, der „körperliche Ertüchtigung jeglicher Art verabscheute, rauchte, fluchte, Whiskey soff und für nichts Geduld aufbrachte mit Ausnahme der Arbeit“, einer, der von klein auf für Spionage bestimmt gewesen sei. „Der polyglotte Sproß einer rassigen Deutsch-Ukrainerin galt als der einzige Mitarbeiter seines Dienstes, der keine akademische Qualifikation vorweisen konnte außer einem bündigen Rausschmiß aus der Oberschule. Im Alter von dreißig war er bereits zur See gefahren, hatte den Hindukusch durchwandert, in einem kolumbianischen Gefängnis gesessen und einen tausendseitigen unveröffentlichbaren Roman geschrieben.“ Er sei erfolgreicher als jeder andere im „Auftun, Anwerben und Führen von Agenten vor Ort, von jeher der Goldstandard echter Informationsbeschaffung. Mit seinen Mitte vierzig war Bachmann ein struppiger, aufbrausender Terrier von einem Mann. Er war ein Getriebener, charismatisch und mitreißend, ein Workaholic mit einem Lächeln, das Berge versetzen konnte. Wie ein Schauspieler mußte er nur einen Hebel umlegen, und aus Charme und Schmeichelei wurde Drohung. Artigste Komplimente und gröbste Beleidigungen – bei ihm paßten sie in ein und denselben Satz.“ In seinen Ansprachen erscheine er als „vierschrötiger Flaschengeist, der jedes seiner Worte mit einem Fausthieb untermalte.“

Issa, ein junger Moslem, gelangt illegal nach Deutschland und kommt bei einer türkischen Familie unter. Die junge Anwältin Annabel Richter, Tochter einer wohlhabenden Juristenfamilie mit 68er-Vergangenheit, die sich schon früh mit dem Rechtsverständnis des Nazistaates auseinandergesetzt hatte, arbeitet für die Rechtshilfeorganisation „Fluchthafen“, die politische Flüchtlinge darin unterstützt, in der Bundesrepublik einen legalen Aufenthaltsstatus zu erreichen. Der Fall des physisch ausgezehrten und nervlich zerrüttet wirkenden Issa ist außergewöhnlich: russisch sprechend, gibt er sich als Tschetschene aus, demonstriert seine Gläubigkeit wie etwas Vorgenommenes, zeigt dabei kindlich-naive Züge, die im Gegensatz stehen zu seiner mitunter prätentiösen Ausdrucksweise, hysterischen Anflügen von Fanatismus und einem skurrilen, weltfremden Habitus. Sein malträtierter Körper zeigt Folterspuren. Über seine Herkunft erzählt er der engagierten Anwältin eine ungeheuerliche Geschichte: sein Vater, ein russischer Oberst der Roten Armee, habe als brutaler Besatzer in Tschetschenien geherrscht. Nachdem er seine Mutter vergewaltigt hatte, habe er sich in der Folge in sie verliebt und Issa als seinen Bastard-Sohn angenommen. Wegen der Schande sei seine Mutter von ihrer eigenen Familie getötet, er selbst von seinem Vater auf ein russisches Internat gebracht worden, wo er erzogen wurde.

Issas Loyalität gehört dem unterdrückten Volk seiner toten Mutter. So hat ihn der russische Geheimdienst als gefährlichen Islamisten ins Gefängnis gebracht, aus dem Issa über die Türkei und Schweden, zuletzt in einem Container, die Flucht nach Hamburg gelingt. Im Westen, bei einer Privatbank mit ehemaligem Hauptsitz in Wien, soll ein enormes Vermögen seines Vaters deponiert sein, dessen Erbe er ist – schmutziges Geld aus Warlord-Raubzügen womöglich, wohl auch aus geheimdienstlicher Tätigkeit des Vaters für westliche Geheimdienste. Deshalb will der Sohn nichts davon für sich beanspruchen, sondern es islamischen Wohltätigkeitsorganisationen spenden, unter der einen Bedingung, dass man ihm ein medizinisches Studium ermöglicht. Ein muslimischer Wissenschaftler wird als Autorität ins Spiel gebracht, um die Gelder den richtigen Adressaten zukommen zu lassen, doch bleibt eine Unsicherheit über Transaktionen in falsche Kanäle, eine Verwendung zu Terrorzwecken. Nun schaltet sich der nach dem Versagen im Fall des Flugzeugentführers und Terrorpiloten Mohammed Atta unter Druck stehende Hamburger Verfassungsschutz ein, und bald sind auch britische und amerikanische Geheimdienste mit von der Partie, in der Überzeugung, auf den Spuren des Dschihadismus einen Fang gemacht zu haben. Wieweit der Verdacht der Unterstützung terroristischer Handlung tatsächlich gerechtfertigt ist, lässt le Carré offen; die Betroffenen verschwinden nach der Entführung durch die US-Geheimdienste, die aufgrund ihres machtpolitischen Sonderstatus jeden Anspruch auf ein Rechtsverfahren auslöschen. „Ich versuche, meine Figuren nicht moralisch zu bewerten“, so John Le Carré. Eine Frage sei für ihn immer gewesen: Wo liegt die entscheidende Linie zwischen individuellem Gewissen und der Institutionenräson, wo endet die persönliche Loyalität gegenüber Körperschaften? Zweifellos ein moralischer Konflikt.

A Most Wanted Man – Titel der Romanübersetzung ins Deutsche: „Marionetten“ – der durchweg in Hamburg spielt, zeigt die sicherheitspolitische und geheimdienstliche Lage in Deutschland in der Folge des 11. September 2001. In seinem Roman lässt John le Carré einen deutschen Agenten behaupten, Nine-Eleven habe nicht nur in Manhattan einen Ground Zero hinterlassen, sondern auch in Hamburg. Im Geheimdienst herrschte die Meinung vor, dass der Hamburger Verfassungsschutz darin versagt hätte, die Verschwörung rechtzeitig aufzudecken. Hamburg stand in der Folge des Anschlags auf das World Trade Center im Mittelpunkt der Untersuchungen nicht allein der deutschen Verfassungsschützer. Für le Carré bot England die Vorlage für die Gesellschaft, an die er beim Schreiben von „A Most Wanted Man“, seinem 21. Roman, dachte. „Nach der Wiedervereinigung war Ihr Land darum bemüht, sich von Amerika zu distanzieren, aber jetzt habe ich das Gefühl, dass Deutschland wieder auf bestem Wege ist, amerikanische Maßstäbe, amerikanische Auffassungen und die amerikanische Haltung gegenüber dem äußeren Feind zu akzeptieren. Das halte ich für eine große Gefahr, und ich möchte Deutschland davor bewahren, in die gleiche Falle zu gehen, in die uns Blair [der britische Premierminister Tony Blair; Anm.] geführt hat: Die Falle eines übermächtigen Gehorsams gegenüber der amerikanischen Sicht der Dinge. Aber auf dem Basar der Geheimdienste hat Amerika den größten Stand, und wenn man dort nicht gern gesehen ist, erhält man vom amerikanischen Nachrichtendienst keine Informationen. Die Terroranschläge, die in Deutschland geplant wurden, hat letztlich der amerikanische Geheimdienst aufgedeckt, nicht der deutsche. Wenn wir die Paranoia des ‚Krieges gegen den Terror‘ zu ernst nehmen, werden wir zu den Vasallen Amerikas, und das ist meine Sorge bezüglich des heutigen Deutschland. Politiker lieben die Angst, sie schenkt ihnen eine Atmosphäre, in der sie arbeiten können. Angst verleiht ihnen Würde, sie liefert ihnen Ausreden und gibt ihnen Macht über die Bevölkerung. Alledem sollten wir uns widersetzen.“ (FAZ, 14.11.2008) Man überlässt den transatlantischen Kollegen das eigene Terrain.

Der Regisseur als Fotograf bei der Filmarbeit: „The thing is that I put this book together late 2013 but didn’t start the writing till April 2014, a few months after Phil’s untimely passing. I find it extremely hard writing these texts now because of how I look at this wonderful AMWM adventure now that Phil is no longer with us”, so Anton Corbijn, der aber auch eine Konfrontation mit Hoffman nicht unterschlägt, als dieser sich, zum Dreh einer Extraszene gedrängt, unvorbereitet fühlte und sich beklagte, Corbijn zwinge ihn „to do shit work“. Nach einer anschließenden Aussprache vertrug man sich wieder bestens. Tatsächlich hat Corbijns Fotoband in Bezug auf seinen Protagonisten und Ausnahmeschauspieler Memorialcharakter, Hoffman ist auch fotografisch die Hauptfigur an zahllosen Hamburger Originalschauplätzen, im Redlight District des Reeperbahn-Viertels, im Kebab Cafe „Batman“, in der Hafenkneipe „Silbersack“, auf einer Fähre hinter auffliegenden Möwen. Als eine Art primus inter pares ist Hoffman von einem hochkarätigen deutsch-internationalen Darstellerensemble umgeben, zu dem unter anderem Rachel McAdams (als junge Fluchthilfe-Anwältin Annabel) gehört, Martin Wuttke („der Admiral“, Informant aus dem Hafen-Milieu), Willem Dafoe (als sechzigjähriger Privatbankier Thommy Brue, ins Geschehen gezogen durch die Anwältin, die für ihren Mandanten dessen dubioses väterliches Erbe von der Bank verlangt, eine dunkle Einlage, die auch Brue von seinem Vater geerbt hat), Nina Hoss (Bachmanns straffe, hochprofessionelle Agentenkollegin Erna Frey), Robin Wright (als CIA-Agentin Martha Sullivan), Rainer Bock (ein Vorgesetzter Bachmanns), Tamer Yigit (Melik, der junge türkische Boxer), Daniel Brühl (ein Verfassungsschutzagent) und Herbert Grönemeyer (ein Politiker), der wie für The American (2010) den Score besorgte – und schließlich die Entdeckung Corbijns, Grigoriy Dobrygin (in der Rolle des „Most Wanted Man“, des tschetschenischen Flüchtlings Issa Karpow).

„As usual I couldn’t help taking my cameras to the set and taking a few snapshots of the bits and pieces that catch my eye while on set or off set. Film making is an extraordinary complex and intriguing process. This will however be the last book I’m doing whilst making a film. So there’s a kind of trilogy [der vorliegende Band mithin als dritter Teil nach „In Control“, 2007, und „Inside the American, 2010; Anm.] and that’s enough.” So Corbijn im Nachwort. Gegenüber der Romanvorlage hat er die Agentenfigur Bachmann mit einem eigenen, wenn auch rudimentären, privaten und geistigen Kosmos versehen. Zu einem Foto, das Philip Seymour Hoffman vor alten Jazz-Schallplatten an einem Klavier zeigt, schreibt Corbijn: „There are 2 non-scripted ideas in this scene. One in the apartment – I wanted Bachmann to be a fuller individual, not just working at his office till late, go to bars, drink and smoke and sleep at his office at times, but also a person who reads, has interesting records and a home where he lives, contemplates and nourishes himself. The other idea was a musical one. I saw Bachmann’s car as a place from where he sees the world, not quite like Travis Bickle, but still a place he inhabits and where he finds comfort with the same classical piece of music.”

Mit der Kommentierung seiner Fotografien während der Drehzeit im Herbst 2012, On- bzw. Off set und zwischen den Takes, trägt sich der Autor auch handschriftlich authentisch in den Band ein, vereinzelt fügt er Skizzen vom Schauplatz ein und erläutert Szenenideen und zahlreiche „leftovers from deleted scenes“, die wegen Überlänge aus dem Film gefallen sind. Corbijn erklärt seine Vorlieben für bestimmte Lichtverhältnisse, etwa gegen Abend, und die von ihm favorisierte Herbstatmosphäre, und der Reiz, den bestimmte Locations im Hamburger Stadtbild auf den Fotografen ausüben, wird nachvollziehbar: Eine Welt der Kontraste, verblüffender Mischungen, wenn etwa ein Club der Schwulenszene und ein Islamisches Zentrum sich im selben Haus befinden, im alternativen Straßenleben in Fußgängerentfernung vom Hauptbahnhof. Ein Straßenfassadenfoto von einem Drehort enthält eine andere verblüffende Kombination: „You couldn’t dream it up: club EGO is situated between the redlight’bau‘ FREEDOM and the Salvation Army with their sign that reads ‚Jesus lives‘ (Corbijn). Pussy Riot-Plakate an den Streetball-Umzäunungen sind immer noch da, eine Fülle von Graffiti, Ansichten von einem baufälligen Haus im Stadtteil Wilhelmsburg, ein gegebener Drehort, als Wohnung der türkischen Familie, bei der der Flüchtling zunächst unterkommt. Zu sehen sind Orte im Hafen, die der Agent zum Treff mit seinen Informanten wählt. Im Gegensatz dazu das im hanseatischen Stil dunkelrot geziegelte Brahmskontor, Sitz der Privatbank, mit einer das Portal überragenden Skulptur, die es Corbijn angetan hatte. Starke fotografische Bildideen, die zum Teil beim Dreh hinzukamen, nicht im Skript standen und im fertigen Film nicht zu finden sind – hier vermittelt sich ein Eindruck von ihnen: Wenn man Willem Dafoe, ganz der seriöse Bankdirektor, der sich augenblicklich zu der Juristin im Alter seiner eigenen Tochter hingezogen fühlt, vor einem Porträtgemälde von sich aufgenommen sieht, daneben in der Blickflucht seine Ahnengalerie. Corbijn machte Aufnahmen von den Besuchen David Cornwalls alias John le Carrés am Set, zeigt den 81-Jährigen, gleichermaßen Primärquelle und erster Consultant für den Darsteller seiner Agentenfigur, einmal auch als Statist in Szene gesetzt, im intensiven Gespräch mit einem wissbegierigen Philip Seymour Hoffman. Es fehlen nicht die beredten Szenenbilder, die klare Aussagen über die Charaktere treffen, wenn man etwa Hoffman als Bachmann „at his very messy desk“ arbeiten, im Material fast verschwinden sieht, und daneben die Kollegin Erna Frey (Nina Hoss), im größten Kontrast, wohlgeordnet, „organised“ – ein denkbar ungleiches Paar, auch wenn sie einstmals eine Affäre gehabt haben sollen. Zum Foto einer Kamera, die über dem Wasserspiegel schwebt, schreibt Corbijn: „A crane camera hangs over the water to record the stillness and the wave at the start of our film, used as a metaphor for the story. It wasn’t scripted, but I always had this beginning in mind. Of course we shot it on the last day of the film.”

John le Carré, der heute im englischen Cornwall lebt, wird am 19. Oktober 1931 unter dem Namen David John Moore Cornwell in der Hafenstadt Poole im englischen Dorset geboren als zweiter Sohn des Hochstaplers Ronald Poole, dem Le Carré später in dem autobiografischen Roman „A Perfect Spy“ („Ein blendender Spion“, 1986) ein Denkmal setzt. Während der Vater Mitte der dreißiger Jahre wegen Betrugs im Gefängnis sitzt („Mein Vater war ein Betrüger der Sonderklasse…“, Phasen seiner Kindheit beschreibt le Carré heute als „ein Abenteuerleben mit dem Charme des Kriminellen, wie es die Nachbarjungs nicht kannten.“), verlässt die Mutter die Familie, und John le Carré wächst bei seinem Großvater auf. „Ich bin gewissermaßen schon in eine Spionagesituation hineingeboren worden, in der mein Vater vorgab, ein einflussreicher Geschäftsmann zu sein, während er seine Betrügereien durchzog. Mein Bruder und ich unterstützten ihn bei seiner Hochstapelei und deckten seine Lügen. Als es ihm dann irgendwie gelungen war, uns auf eine Privatschule zu schicken, wo wir die Gepflogenheiten der britischen Upper Middle Class erlernen mussten, fühlte ich mich wie im Feindesland. Ich glaube, viele Schriftsteller und Künstler fühlen sich als Fremde, aber in meinem Fall hatte ich gar keine andere Wahl und musste das Geschäft des Beobachtens und der Verstellung allein aus Selbstschutz schon sehr früh erlernen.“ (John le Carré, im Interview mit Thomas David, FAZ, 14.11.2008). 1948 verlässt er die Eliteschule in Sherborne vorzeitig und studiert an der Universität von Bern Germanistik, wird zur Armee eingezogen und Spion für den britischen Geheimdienst. Nach dem Studium in Oxford und einer anschließenden zweijährigen Dozentur in Eton für Deutsch und Französisch arbeitet er von 1959 bis 1964 als britischer Botschaftsangehöriger mit einem Spionageauftrag des Auslandsgeheimdienstes MI6 in Bonn, Hamburg und West-Berlin. Für sein 1961 erschienenes Debüt „Call For The Dead“ („Schatten von gestern“) erfindet er das Pseudonym John le Carré – sein Arbeitgeber erlaubte ihm die Veröffentlichung nur unter der Bedingung, dass es nicht unter seinem Namen erschiene - zwei Jahre darauf wird er unter seinem neuen Autorennamen mit „The Spy Who Came In From The Cold“ („Der Spion, der aus der Kälte kam“) weltberühmt. Le Carré hat das Deutschland des Kalten Krieges erzählerisch ins Bild gesetzt, hat Orte wie die Glienicker Brücke, die Berlin und Potsdam verbindet und auf der einst Geheimdienste ihre Agenten austauschten, zu Sinnbildern einer ganzen politischen Epoche werden lassen, er kennt das Milieu seiner Geschichten aus der Zeit der Konfrontation der Supermächte und ihrer Staatenbündnisse, die bis in die achtziger Jahre hinein sein Werk prägt, das aus Polit-Thrillern und Agentenromanen besteht. Neben der Trilogie um seine Figur des Secret-Service-Manns George Smiley zählen zu seinen großen Erfolgen die in den neunziger Jahren erschienenen Bücher „The Night Manager“ („Der Nachtmanager“) und „The Tailor Of Panama“ („Der Schneider von Panama“). Nach Recherchen vor Ort, in Palästina, im Ostkongo etc. schrieb er unter anderem Romane über die Machenschaften westlicher Pharmakonzerne in Afrika („The Constant Gardener“, deutsch „Der ewige Gärtner“) oder die Gepflogenheiten des internationalen Waffenhandels. Während seiner Recherche für das Buch „A Most Wanted Man“ hat John le Carré Murat Kurnaz interviewt, dem in Deutschland geborenen türkischen Staatsbürger muslimischen Glaubens, der auf die US-Gefängnisinsel Guantanamo verschleppt wurde und dort schuldlos viereinhalb Jahre inhaftiert war. Viele von John le Carrés Büchern wurden für den Film adaptiert, darunter „The Russia House“ („Das Russ-landhaus“) oder „Tinker Tailor Soldier Spy“ („Dame, König, Ass, Spion“). Sein letztes Werk, „A Delicate Truth“ („Empfindliche Wahrheiten“, 2013) zeigt bemerkenswerte Parallelen zum Fall Edward Snowden, nah an der Wirklichkeit handelt er von einem Whistleblower, von Treue und Verrat. Le Carré im SPIEGEL 48/2013: „Es gibt eine Zeit für Treue, es gibt eine Zeit für Verrat.“

Auffällig ist die Nähe des Autors, der nahezu akzentfrei Deutsch spricht, zu Deutschland und seiner Kultur: „Der Motor jedes schriftstellerischen Schaffens hat drei wesentliche Bauteile: Kindheit, Erziehung, Erfahrung. Und auf jedem dieser Bauteile steht: ‚Made in Germany‘. Ich habe Zuflucht gesucht während meiner Zeit auf dem Internat bei der deutschen Literatur, die eine Muse für mich war. Der Bildungsroman blieb zeitlebens mein Modell, die Geschichte des Unschuldigen, der durch eine Mischung aus harten Erfahrungen und Glück seinen Weg in die Welt findet.“

Anton Corbijn, Jahrgang 1955, wird schon mit 19 Jahren freier Fotograf, arbeitet in der Musikszene. Der Regisseur zahlloser Musikvideos (seit 1983) und Art Director von Bands wie Depeche Mode oder U2 dreht 2007 mit Control seinen ersten Spielfilm, der die Geschichte von Ian Curtis, dem Sänger der Band Joy Division, erzählt. The American (2010) mit George Clooney in der Rolle des stoischen Auftragskillers, die meiste Zeit über in einem italienischen Dorf in den Abruzzen situiert, wurde als „Lehrstück in Minimalismus“ (SZ) bezeichnet, ein fotografisch brillanter Film von kunstvollem Suspense, der aus geringstem Einsatz von Backstory, Dialogen und Emotion entsteht. Über Corbijn wird 2012 die Filmdokumentation Anton Corbijn Inside Out produziert.

 

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Anton Corbijn:
Looking at A Most Wanted Man
Mit Photographien und Texten von Anton Corbijn.
München: Schirmer/Mosel 2014, 180 Seiten, 140 Farbtafeln.


John le Carré:
Marionetten (Originaltitel: A Most Wanted Man)
Aus dem Englischen von Sabine Roth und Regina
Rawlinson.
Berlin: Ullstein 2008, 368 Seiten


A Most Wanted Man
Spionage-Thrillerdrama, DE/UK/USA 2014 ~ Regie
Anton Corbijn
Drehbuch Andrew Bovell basierend auf dem Roman von John le Carré
Kamera Benoît Delhomme Schnitt Claire Simpson Musik Herbert Grönemeyer
Production Design Sebastian T. Krawinkel Kostüm Nicole Fischnaller
Mit Philip Seymour Hoffman, Rachel McAdams, Robin Wright, Willem Dafoe, Grigoriy Dobrygin, Nina Hoss, Daniel Brühl, Homayoun Ershadi
Verleih Constantin, 122 Minuten
amostwantedmanmovie.com

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