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Tracks

Text: Fotos: Magdalena Blaszczuk

Elf Musikbegeisterte haben auf den Spuren der Musikgeschichte in ihren Kleiderschränken gegraben und Band-Shirts zutage gefördert, die ganz persönliche Erinnerungen aufleben lassen. 

Don’t shilly shally

Als 1988 Edwyn Collins, der Holden Caulfield des Postpunk, nach einem kleinen Hit („Rip It Up and Start Again“) sechs Jahre zuvor, plötzlich ganz ohne Label da stand, einfach outgesorced wurde, weil seine Art des jauchzenden Eklektiker-Pops so demodé geworden war, sah es etwas trüb für ihn aus, kurzzeitig, wohin sollte er sich wenden, aber er war jedermanns Freund, woran sollte ein Weiterkommen hapern?
Als 1988 der autistische Musicbox-Charismatiker Werner Geier, für den ich jeden Mittwoch im U4 „das Licht machte“, den Auftrag der Wiener Festwochen bekam, ein Musikprogramm namens BIG BEAT zusammenzustellen, hatte er eine schön unpassende Liste undogmatisch passend gemacht, da stand beispielsweise Erasure neben Leather Nun, und da traf sich, dass ich den damaligen Leiter der Festwochen kannte, er fragte mich, ob ich irgendeinen Wunsch hätte, ich sagte nichts, sondern kaufte ihm eine Zigarre, ich wusste, er rauchte dieses Zeug, entfernte die Banderole und ersetzte sie durch eine auf die ich „Edwyn Collins“ im Coca-Cola Schriftzug schrieb. Edwyn hatte zu dieser Zeit eine Single auf einem Minilabel aus Köln, das sich seiner erbarmte, es hieß WERK-Records, die Single hieß „Don’t Shilly Shally“ (Hör auf rumzueiern), und Edwyn, aktuell nur mit einer vollkommen unbekannten Single im Gepäck, spielte dann tatsächlich, Tränen flossen vor Glück, ein Aufblasdelphin flog auf die Bühne, wie ein Cowboyhut (meiner), er setzte ihn auf, ich schmiss noch meine Fransenlederjacke hinterher, sie landete auf Hut und Sänger und verstellte den Blick auf sein Gesicht wie ein Vorhang, ich freute mich wie ein Heilbutt.
Später in der Blue Box, wo man so hinging, nach allem eigentlich, auch nach Sex und Beerdigungen, kam dann später noch Edwyn samt Entourage, sehr derangiert, aber sowas von gar nicht mehr demodé, er schenkte mir seinen Springkamm und ein T-Shirt, auf ihm das Cover seiner Single.
Ein paar Jahre später kam sein Welthit („A Girl Like You“) und sein Gehirnschlag. Das Auf und Ab liegt mitunter so nahe, aber dazwischen gibt es manchmal kleine Idyllen mit Zigarren, Kämmen und Hemden.

Tex Rubinowitz, Zeichner und Schriftsteller

 

Hören mit Schmerzen

Nach meiner Teenager-Sozialisierung mit den Kinks, den Doors und Psychedelic war ein frühes Konzert der Einstürzenden Neubauten wohl das wichtigste Erlebnis meiner musikalischen Prägung. 1981. Ich war DJ im Tiffany. Nach der Sperrstunde im Teenie-Schuppen ging ich meist ins U4. Von den Neubauten hatte ich im Musikexpress gelesen. Das Konzert? Zuerst hat ein Nerd live Geräusche mit Kurzwellenradios gemacht, dann hat N. U. Unruh einen Expander aufgespannt und die Schwingungsgeräusche elektronisch verstärkt, und FM Einheit hat wild auf einen Amboss hingeschlagen. Blixa Bargeld, damals schwer untergewichtig, hat gebrüllt: „Hör mit Schmerzen“. Als ich ein paar Wochen danach, bekleidet mit dem gekauften Neubauten-T-Shirt, an der U4-Bar gesessen bin, hat mich Gerd Pasemann angesprochen. Er war Gitarrist bei Foyer des Arts. Und Ethnologe. Er hat mich gefragt, ob ich denn wisse, dass das Männchen auf dem Shirt das Fruchtbarkeitssymbol der Dogon, einem indigenen Stamm in Zentralafrika, sei. Wusste ich nicht. Bis heute ist mir der Zusammenhang unklar. Aber eines weiß ich: Die Welt war damals für mich eine andere geworden.

Klaus Totzler, Ressortleiter Musik / ORF TV und Festivalveranstalter BLUE BIRD u. a. 

 

Wähle deinen König

Die amerikanische Hardcore-Band Poison Idea hat Anfang der 1990er-Jahre ein Konzert im Wiener WUK gegeben. Außer einem Spargeltarzan am Bass und dem Schlagzeuger waren alle erschreckend dickleibig. Der vollbärtige und in einem würdelosen Hippie-Wohnzelt steckende Gitarrist war so fett, dass er sich bei jedem zweiten Song niedersetzen musste, weil es sonst sein Kreislauf oder seine Kniescheiben nicht gepackt hätten. Nach dem Konzert war die Band im alten Flex in Meidling. Der Sänger und der Gitarrist haben dort an der Bar eine Kiste Bier in einer halben Stunde gezwickt. Es war alles unfassbar würdelos und offensiv ungustiös. Hardcore-Punk ist mir zwar zu weiten Teilen immer hinten vorbeigegangen, aber damals habe ich verstanden, worum es bei dieser Musik außer juvenilen Männlichkeitsritualen und Machbarkeitsstudien auch ging. Diese Leute wollten mit ihrer bloßen Existenz provozieren. Eine Platte von Poison Idea habe ich nie besessen, die Musik war einfach zu schrecklich. Das T-Shirt habe ich mir später einmal im Plattengeschäft Rave Up gekauft und oft getragen. Ich mag die Farbe Rot. Ich mag Elvis. Gegen Jesus habe ich auch nichts – außer seinen Verwaltungsapparat. Starke Farbe, starke Markennamen. Dazu „Poison Idea“ und der Spruch „Pick your King“. Mehr kann man von Revolte im Jugendzimmer nicht verlangen. Heute ziehe ich es nicht mehr an. Ab einem gewissen Alter sieht man in Band-T-Shirts immer aus wie der Comics-Verkäufer in The Simpsons.

Christian Schachinger, Kulturredakteur der Tageszeitung Der Standard

 

Stoffplakat und Rosenkranz

Dieses T-Shirt verdanke ich P., meinem Lieblingsbegleiter bei Konzerten. Und Tocotronic. Die haben vor zwei Jahren im Burg-theater gespielt, ich hab P. eine Karte geschenkt und er hat sich mit diesem T-Shirt bedankt. Es ist aus dem Jahr 1992, aus „Henry’s Dream“-Zeiten. Nick Cave ist unangefochten mein Lieblingsmusiker. Unter anderem weil er Humor hat, das beweist er ja auch hier als Karikatur-Zeichner. Ich hab noch eine Bad Seeds-Teetasse und zwei Nick Cave-Geschirrtücher. Ich habe auch mal kurz (aber mit Dexter-hafter Verbissenheit) überlegt, wie ich bei einem Konzert ein Stoffplakat (das mitm Cover wo Cave’s nackte Ehefrau drauf ist) entwenden könnte. Dann hätt ich einen Vorhang für die Küche gehabt, aber ich hätt sehr viel Rosenkranz danach beten müssen und P. hätte nie wieder bei einem Konzert mit mir getanzt. Und das darf nicht sein!

Susi Ondrusova, FM4 Musikredaktion

 

People get ready!

Curtis Mayfields große Kunst, süßes Gotteslob und harsche Sozialkritik in Funk-, Soul- und Disco-Szenarien zu verbinden, zählte schon sehr früh zu den Highlights meiner damals noch überschaubaren Plattensammlung. 1987 kam er vermeintlich zum ersten Mal nach Wien. Es war ein eindrucksvolles Doppelkonzert in der Arena mit Gil Scott-Heron, einem anderen unvergleichlichen Black Music Hero. „Little Child, Running Wild“, „Billy Jack“, „People Get Ready“, „Move On Up“ – Hits und Raritäten wurden da mit sehr viel Hitzen gespielt. Ein Jahr später kam der Mayfield ein letztes Mal nach Wien. 1990 traf ihn ein Teil einer herabstürzenden Lichttraverse im Genick. Der große Humanist des Soul war von da an vom Hals abwärts gelähmt. 1996 nahm er ein letztes Album vom Krankenbett aus auf. Man mußte ihn kopfüber stürzen, damit seine Stimme das notwendige Volumen hatte. „New World Order“ wurde ein ergreifendes Manifest ungebrochener Zuversicht in menschliche Handlungen. 1999 starb Mayfield an den Folgen von Diabetes. Gemeinsam mit Werner Geier gestaltete ich damals, tief ergriffen, eine Mayfield-Gedenkstunde auf FM4. Das ganz große Erstaunen kam im Vorjahr. Beim Kramen in Schubladen entdeckte ich ein Ticket von 1981. Launisches Gedächtnis: Ich hatte Mayfield schon 1981 in der Kurhalle Oberlaa gesehen und absolut keine Erinnerung daran ... unerklärlich!

Samir H. Köck, freier Journalist und DJ

 

Countryboy

Der Veranstaltungskalender im Days Inn von San Antonio sagte, dass Jerry Jeff Walker heute in der Nähe auftreten sollte. Also wieder rein ins Auto und ab in die Hügel bis zu einem Cowboyhangout erster Güte. Hinter dem riesigen Bretterverschlag, der sich Bar nannte, stand eine Betonbühne und bei Anbruch der Dämmerung begann Jerry Jeff mit Lloyd Maines an der Pedal Steel seine Hits von „Mr. Bojangles“ bis „Luckenbach, Texas“ zu spielen. Das Shirt ist mehr als einfach, aber die Erinnerung an einen perfekten Abend. Und es gab auch besseres Bier als Miller Lite.

Günther „Bus“ Schweiger, Musikjournalist

 

Bad Brains

Posthof Linz 1989. Ich 14, Straight Edge und Musik-Junkie. Endlich auch T-Shirts in meiner Größe! Gab es bislang nie bei lebensverändernden Gigs von Fugazi, No Means No oder Rollins Band. Schlappe 100 Schilling das Stück. Gleich zwei gekauft vom Taschengeld – danke Frieda-Oma! Das andere mit dem Blitz, der ins Kapitol einschlägt, ist längst verloren. War das Cover des Roir-Tapes, von dem bei diesem intensiven Konzert viel gespielt wurde. Sänger H.R. startet mit Rückwärts-Salto und die Band legt mit „Banned In DC“ und „Re-Ignition“ los. 25 Jahre und 2500 Bands später nichts Vergleichbares gesehen oder gehört. Rock for Light!

David Mochida Krispel, Musikjournalist, Koordinator im Chelsea

 

Benzingeld

Das T-Shirt war 2000, Giant Sand in der Szene Wien. Also in der „alten“ Szene, ohne Wodkawerbungen hinter der Bar, ohne unsägliche Bandcontests und ohne Regen im Damenhäusl. Unvergesslich das Gesuder eines langhaarigen, bierbäuchigen Schwermetallers bei Trans Am beim Gravity Festival 2007: Die Bars waren dort ja mit all den Leuchtreklamen auf Ordination aufgehellt, gesehen hat er mich also, aber bedient nicht. Dreimal hab ich weiße Spritzer erbettelt, Gläser angedeutet und nett mit Geld geklimpert. Hat ihn nicht interessiert, er musste mit einem Silberketterl-Schnauzbart über die „Drecksmusik“ jammern. Ja ich hatte dann auch ein Trans Am T-Shirt. Ich musste T-Shirts kaufen, weil mein Freund immer die CDs gekauft hat, und das kam nicht so gut, wenn ich das auch gemacht hab. Beziehungsdiskussionen vorm Merch, wer will das schon. Es hat sich herausgestellt, daß ich so aber nie Sommergewand besorgen muss, und jetzt ist das ein Shoppingkonzept: War Band und Konzert gut – T-Shirt und CD. Das bringt denen Benzingeld, und mir stimmungspassende Statements. Zu schwierigen Meetings im Dayjob immer No Means No, an sonnigen Tagen aktuell DŸSE und nachts immer gut: die Zähne von Swans. Logo geht man nicht im T-Shirt der Band zum Konzert. Absolutes NoGo. Maximal LabelkollegInnen, bestenfalls befreundete Artists oder Genre-Komplizen. Auf diesem hier hat Howe Gelb übrigens unterschrieben. Wobei das völlig irrelevant ist. Relevant ist, daß es neue Konzerte gibt, neue Bands und Veranstalter, die irrwitzig risikofreudig buchen. Sweet Cobra zum Beispiel. Haben zu Pfingsten im rhiz gespielt, vor zwanzig Zahlenden. Großartiger Post-Hardcore aus Chicago. Großartige Platten. Großartiges T-Shirt.

Alice Gruber, musikliebende Teilzeitautorin

 

40 Jahre on Tour

The Stranglers waren mein erstes Punkkonzert überhaupt, im Roundhouse, London, Juli 1977. Dementsprechend beeindruckt war ich von diesem Ereignis. Sie spielten damals Nummer für Nummer ihr erstes Album, das ich mir auch gleich gekauft habe. Seither bin ich treuer Stranglers-Fan, bis heute. Das bedeutet, dass ich sie seither immer wieder gesehen habe, sowohl in Wien, als auch in London. Das letzte Mal 2013, wieder im Roundhouse. Die Band feierte bei dieser Tour ihr 40-jähriges Jubiläum. Drei der vier Gründungsmitglieder sind noch immer dabei (das T-Shirt habe ich später bei einem anderen Konzert gekauft).

Othmar Bajlicz, Chelsea: Owner und Geschäftsführer

 

Es Gibt kan Gott

Der 70-jährige Meister der Fäkalreime und bekennende Kommunist, immer auf Seite der sozial Schwachen und Ausgestoßenen, hat mich schon als Jugendlicher schwer beeindruckt. Etwa mit Liedern gegen Beamtenwillkür. Glühende Refrains sind beispielsweise „Das ganze Rathaus steht in Flammen, unser Oasch is in Gefoa“ oder „Leckt’s mi aum Oasch“ aus der „Ballade von ana hoatn Wochn“. Hunderte schrien euphorisch mit, als Sigi Maron 2009 damit sein glorioses Comeback-Konzert mit den Rocksteady Allstars am Volksstimmefest der KPÖ beendete. Auf der Doppel-CD „Es gibt kan Gott“ vertont Maron auf berührende Weise das Schicksal Asylsuchender, die im Mittelmeer zu Tode kommen. Feinfühlig ist auch „Triabes koides Wossa“, das schönste mir bekannte Anti-AKW-Lied vom Album „05 vor 12“ (1981), eingespielt mit Musikern von Freund Kevin Coyne.

Alfred Pranzl, Mitbegründer und Herausgeber von SKUG – Journal für Musik

 

The good son

Nick Cave war im Wiener CA-Zelt 1990 und 1992. Ich auch. Vor dem Konzert (1992) habe ich das T-Shirt an einem Konzertbesucher gesehen und war von der schönen, einfachen, ausgewaschenen Schrift begeistert. Der junge Mann, der das T-Shirt zwei Jahre zuvor gekauft hatte, bot an, es mir zu schenken. Ich hatte einen Rollpulli an, den ich im nächstgelegenen Gebüsch mit dem anderen tauschen musste. Seines war verschwitzt, meines frisch gewaschen, seines XL, meines S. Er sah lächerlich aus, ich auch. Aber ohne konnte er nicht nach Hause gehen. Damals dachte ich: kein guter Tausch. Ich musste in dem nassen Fetzerl das ganze Konzert aushalten. Im Zelt war es eng und es war laut. Der Cave and The Bad Seeds waren göttlich. „Henry’s Dream“ war gerade erschienen, davor eben „The Good Son“ und ich habe – abgesehen von den Sparks –, nur noch seine Musik gehört. Apropos: Von den Sparks besitze ich kein T-Shirt – Nachteil, wenn man zu jung ist. Das T-Shirt, das ich gerne hätte, ist aus den siebziger Jahren und kostet mittlerweile 2000 US-Dollar. Da mache ich nicht mit, auch wenn die Sparks zu jenen Bands gehören, die sich für ihr Cover-Artwork in der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts einen Platz verdient haben. Mein Nick-Cave-T-Shirt habe ich seither nie wieder angezogen. Es wurde gewaschen und in den Kasten gelegt. Mein Liebster hat es entdeckt und zu seinem Eigentum gemacht. So wechseln die Besitzer. So soll es sein.

Magdalena Błaszczuk, Fotografin

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